"Facts are sacred, comments are free"

Gesinnungsjournaille SPIEGEL ONLINE Autor Roland Nelles bewegt sich über Allgemeinplätze nicht hinaus, wenn Protagonisten austauschbar sind ohne, dass der Zusammenhang verloren geht.
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Offener Brief an den Ressortleiter Politik und Leiter des Berliner Büros bei SPIEGEL ONLINE.

Sehr geehrter Herr Nelles,

gerade habe ich Ihren Kommentar zu Angela Merkel gelesen und wundere mich. Wieder so ein Praktikanten Statement, dachte ich und musste mich durch einen Klick auf Ihren Namen belehren lassen, dass sie Mitglied der Spiegel Chefredaktion sind.

Aber der Reihe nach: eine Staatsfrau ist also etwas, das „sehr ernst, sachlich, pragmatisch“ ist. Und sie trachtet danach "wohlige Gefühle zu vermitteln". Potzdonnerblitz!

Danke auch für den Einblick in Merkels Gefühlswelt. Das Lachen Ihrer Kollegen über M’s hohe Arbeitsbelastung teile ich, denn wir wissen ja beide vorstellen kann man sich immer nur das, was man von sich selbst kennt: Journalisten sind faul, saufen viel und verfügen über die Deutungshoheit.

Sind Sie eigentlich schon einmal auf die Idee gekommen, dass Ihr Arbeitsleben durchaus Parallelen mit dem der Kanzlerin aufweist? Ich habe mir erlaubt einige winzige Veränderungen anzubringen:

„Diese abgeschottete Welt ist mehr und mehr auch die Welt der Hauptstadtjournalisten: Ihre Sender und Redaktionen machen natürlich stets alles richtig, das ist die Lesart. Wenn etwas nicht so läuft in ihrem Zuständigkeitsbereich, dann werden dafür eben die Umstände verantwortlich gemacht - oder das Internet als solches. Die Euro-Krise? Ist eben leider ein riesiges Projekt, das sich nicht in eine informierende Darstellungsformer pressen lässt. Die Energiewende? Ist auch ein riesiges Projekt, klar geht auch hier die Informationsberichterstattung nicht so schnell. Die Altersarmut? Packen wir an, aber bitte Geduld.“

„Dabei ist die Wahrheit eine andere: Jenseits der meinungsäußernde Darstellungsformen hat die Presse die Arbeit weitestgehend eingestellt. Etliche ihrer Vertreter beschränken ihre Tätigkeit weitestgehend auf das das Abkupfern von anderen Meinungsäußerungen. Die Energiewende wird viel zu langsam in Angriff genommen, Wirtschaftsministerium und Umweltministerium leisten sich haarsträubende Kompetenzgerangel. Es gibt keinerlei Idee, was zu tun ist, wenn auch hierzulande die Wirtschaft in den Sog der Euro-Krise gerät. Die lautstark versprochene Aufklärung der NSU-Morde wird von Merkels Behördenapparat mit verschleppt. Und, und, und.“

„Hochmut kommt vor dem Fall, lautet ein schönes altes Sprichwort, und es lässt sich auch gut auf den Journalismus übertragen. (…) Aber es wird der Moment kommen, in dem die Leser/Abonnementen fragen: Für welche Idee, für welchen Informationswert sollen wir die Zeitung eigentlich lesen; sprich: kaufen?

Ich weiß, wir sprechen weder ernsthaft noch lästernd über die Arbeit der Kanzlerin. Tiefgründige oder polemische Mutmaßungen über ihre Person und Amtsführung nehmen wir auch nicht vor. Sie haben nur einen Kommentar geschrieben. Gereizt hat er mich. Inhaltlich kommen wir nicht weiter. Nö, ich habe die Grundlage - Sie wissen schon, die substantielle - nicht gefunden. Sie bräuchte es halt zum trefflichen Streiten.

Mit freundlichem Gruß

1st published meta-ebene.de

14:46 18.09.2012
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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