Arbeitsplatzmangel vs. mangelnde Arbeitsmoral

Logikkarussell In der Diskussion über Arbeitslosigkeit und Arbeitslosengeld II verwirren sich Ursache und Wirkung. Gespielt wird die psycho-individuelle Karte, 'mangelnde Arbeitsmoral'
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Woran denken Sie zuerst, wenn die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg ihre Arbeitslosenstatistik veröffentlicht? An den Mangel an Arbeitsplätzen und das weite Feld von Markt, Wirtschaft und Politik oder den einzelnen Bürger? Sind Sie der Überzeugung der Einzelne jedenfalls könne seine Situation leichter korrigieren oder generell Arbeitslosigkeit vermeiden?

Die Politik, die idealerweise die Balance zwischen Bürger und gesellschaftlichen Strukturen verantwortet beschwört angesichts stagnierender Arbeitslosenzahlen gebetsmühlenartig ‚Bildung sei der Schlüssel zum Erfolg‘.

Den einzelnen Bürger fest im Blick orientiert sie sich an der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die Chance eine bestimmte soziale Position oder Rolle einnehmen zu können und dafür Lohn und Status zu erwerben, bemesse sich an strukturellen Ausgangsbedingungen, wie Bildung, Geschlecht und sozialem Umfeld.

Der Schlachtruf lautet ‚Chancengerechtigkeit am Start‘ , ‚Durchlässigkeit‘ und ‚faire Aufstiegschancen für alle‘ . Ach ja, und ‚keiner bleibe zurück‘ . Bleibt wider dieser Erwartung doch einer auf der Strecke liegt die Vermutung von ‚mangelnde Arbeitsmoral‘ nahe, oder?

Erfolg, im Sinne eines Geldwertes ist kein Wesensmerkmal von Bildung und so viel oder so wenig ableitbar, wie die Handlungskompetenz von Wissen. Mag der eine oder andere Schüler durchaus frühzeitig die Kopplung von Anstrengung an Ertrag erleben und erhält einen Obolus für gute Leistungsnoten, ist diese Belohnung doch immer gekoppelt an ausreichende wirtschaftliche Ressourcen und den guten Willen der Eltern.

Logischerweise entpuppt sich die gebräuchliche Kausalkette, eigene Bildungsanstrengung gleich (gesellschaftliche) Belohnung, als Simplifizierung und das Bildungsversprechen als zweifelhafte Beteuerung. Vielleicht ist diese schlussfolgernde Erwartung ohnehin nur den Erfahrungen der frühen Industrialisierung und der Wirtschaftswunderjahren nach dem 2. Weltkrieg geschuldet.

Arbeitsplatzmangel und ‚mangelnde Arbeitsmoral‘ sind zwei Seiten derselben Medaille. Lebten wir in einer Gesellschaft in der ausreichend Arbeitsplätze auf allen finanziellen und fachlichen Stufen vorhanden wären und sozialer Aufstieg als Versprechen einlösbar erschiene würde weder das eine, noch das andere zum Thema erhoben.

Mit der Technologisierung und Globalisierung hat sich der Arbeitsmarkt erweitert. Für die meisten Bewerber jedoch vervielfacht sich das Wettbewerbsverhältnis. Um der wachsenden Flut an Bewerbungen Herr zu werden, eine der Nebenwirkungen einer sich mobil gebenden Welt-Gesellschaft wird nicht zuletzt Software eingesetzt. Mit Rastertechnik werden Vitas und Anschreiben nach Schlüsselworten durchsucht. Nicht wenige die durch Kompetenz am Arbeitsplatz punkten könnten, sind damit zur persönlichen Präsentation gar nicht erst eingeladen. Ausgesiebt im virtuellen Nirwana binär veranschlagter Eignungsprofile.

Bevor ‚networking‘ zum Schlüsselbegriff des modernen Karrieristen wurde war offensichtlich, dass eine Prise Vitamin B (Beziehungen mit Einfluss, Seilschaften) durchaus Wirkung erzeugende Vorteile mit sich bringt. Der aktive Aufbau eines Beziehungsgeflechts dahingegen verweist auf eine Leistung des Akteur und suggeriert, dass mit genügend Eigeninitiative und Technologieverständnis gewünschte Weichenstellungen und Zugangschancen selbst herzustellen und vorzunehmen seien.

Optimierungswahn allenthalben

Längst haben sich Vermittlungsebenen als Schnittstellendienstleister zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen etabliert. Agenturen und Beratungsangebote boomen, mal staatlich organisiert, häufig als Ein-Personenbetrieb privatwirtschaftlich ausgerichtet. Letztere meist doch am staatlichen Tropf hängend, in der einen oder anderen Form. In der Regel agieren sie im Job- und Bewerberkarussell ohne eigenen Zugriff auf offene Stellen oder Auswahlverfahren.

Die ‚Vermarktung potentieller Arbeitskraft‘ bleibt auf ein Teil des Bedingungsverhältnisses, der Person des potentiellen Arbeitnehmers, beschränkt.

Wenn nicht der Steuerzahler bezahlt, finanzieren wir selbst den Bewerbungstrainer, das Coaching, den Job-Hunter und erwarten einen Tip, den lukrativen Auftrag, die perfekte Bewerbungsmappe, das unwiderstehliche Kandidatenphoto. Wir sind im Optimierungswahn, lassen uns psychologisieren und hoffend, in ein Wenn/Dann Schema pressen.

Lebensläufe werden ‚marktgerecht‘ geplant und erhalten ein Layout. Kompetenzen umfassen neben schulischer Ausbildung, ausgeübtem Ehrenamt, diversen kostenlos verrichteten Praktika, Auslandsaufenthalte und absolvierten Rhetorik-Seminaren mindestens die verhandlungssichere Beherrschung zweier Fremdsprachen.

Der Widersinn, schon im Anschreiben mit Alleinstellungsmerkmalen zu punkten, gleichzeitig biographisch in den Abschlüssen vergleichbar zu sein, springt den Wenigsten ins Auge. Bei diesem immensen handwerklichen und kostspieligen Aufwand geht der Blick für das Grundproblem, zu wenig Arbeitsplätze für zu viele Bewerber, verloren.

Der Wettbewerb und die Konkurrenzlagen verschärfen sich in allen gesellschaftlichen Bereichen. Trotz gelebter sozialer Beziehungen und der Teilnahme an wie auch immer gearteten Netzwerken, ist das Überschreiten von Schwellen, sei es von einer Schulstufe in die andere, beruflicher Änderungen oder neuerdings bezahlbarer Wohnraum in zentraler Lage auch ‚gebildet ‘ nicht zu bewältigen. Die Organisation außerplanmäßiger Zugangschancen kostet dieser Tagen eine Menge Zeit, Nerven und vor allem Geld.

Money makes the world go round

Es ist ein modernes Menschenrecht über Geld zu verfügen. Arbeit und Geld sind ein Werkzeug und Mittel zum Zweck des Lebens weltweit. Schon eine ganze Weile leben wir nicht mehr in einer bäuerlichen Gesellschaft, sozusagen ‚von der Hand in den Mund‘.

Geld global verfügt über andere Attribute als ein regionaler oder nationaler Haushalt. Während die Wirtschaft, der eigenen Dynamik des globalen Wettbewerbs unterliegend, Arbeitsplätze und ihre Bereitstellung unter rein finanztechnischen Aspekten beurteilt, ist soziale Absicherung mit oder ohne Erwerbstätigkeit (oder politisch: die Grundsicherung) ein Bestandteil und Bürgerrecht moderner Staaten.

Der psychologische Mechanismus, die eigene Ohnmacht zu kaschieren und vermeintliche Schuldige anzuprangern ist Allgemeingut. Das macht nicht nur die Politik, die sich buchstäblich die Zähne ausbeißt an der Frage, wie und ob die dominierende gesellschaftliche Kraft Wirtschaft zu regulieren und in die Pflicht zu nehmen ist. Es ist das Grundübel unserer Zeit im Zweifel in psychologischen statt in soziologischen und politischen Begriffskategorien zu denken.

Die öffentliche Zurschaustellung von ‚mangelnder Arbeitsmoral‘ (ihr Anteil wird mit weniger als 10% veranschlagt) ist deshalb so unvergleichlich populär, da er mit den Unsicherheiten der Zeit spielt.

Die Befürchtung selbst irgendwann zu den Betroffenen zu gehören lässt sich für den Einzelnen so besser in Schach halten. Hilflosigkeit entsteht auf allen Seiten, wenn erarbeitete Kompetenz nicht anerkannt und honoriert wird.

Ein (gesellschaftliches) Versprechen für bare Münze zu nehmen um dann zu erleben, dass es nicht eingelöst wird, beschämt. Diejenigen, die es als Handlungsgrundlage nutzen und nicht zum Zug kommen und diejenigen in der Gesellschaft die ihn vorführen, indem sie behaupten die arbeitslosen Mitbürger begingen eine Normverletzung.

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Es wäre wünschenswert und durchaus politisch, wenn jeder Einzelne dem ‚mangelnde Arbeitsmoral‘ unterstellt wird sich nach der ersten Betroffenheit nicht jammernd in Allgemeinplätze flüchtet, sondern die Kraft findet die Beweiskraft umzukehren.

Nehmen Sie einen Berufstitel wörtlich. Fordern Sie Ihre/Ihren ‚Jobvermittler(in)‘ auf, den Arbeitgeber, dessen Ausschreibung sie interessiert anzurufen, sozusagen als ‚persönlicher Türöffner‘ zu einem Vorstellungsgespräch.

Zeigen Sie sich streitbar und üben sie den Umkehrschluß. Erwidern Sie all denjenigen, die sich über Ihre Arbeitslosigkeit mokieren, Sie mögen Ihnen ein entsprechendes Arbeitsangebot vorlegen und sich wieder melden, wenn Sie dieses nachweislich gegen die Wand gefahren haben.

1st published meta-ebene.de

Mit Dank an Calvani, die mich durch ihren Kommentar zu meinem vorigen Beitrag bestärkt hat an diesem Themenkomplex weiterzuarbeiten.

10:54 22.11.2013
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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