Ich steh auf den Schultern meiner Mutter

Sozialisation Erfahrungswerte, Lebensgeschichten und Kindheitsmuster
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Meine Mutter war kein politischer Mensch. Selbst der Bund deutscher Mädel musste ohne sie auskommen, da es ihr nie gefiel vereinnahmt zu werden.

Im Leben vor ihren Kindern stieg sie auf Berge. In den 30er Jahren, als junge Frau, kurz vor Kriegsausbruch auf den Mont Blanc. Nach einem Vortragsabend spricht sie einen damals bekannten Bergsteiger an. Einige Monate später wird er die Tour mit ihr klettern.

Am Berg sind Männer und Frauen gleich. Die Kletterer müssen vertrauen und zutrauen von ihr/ihm abgesichert zu werden. Die zwei wissen, im Konfliktfall kann es beiden das Leben kosten.

Nimmt man von diesem Selbstbewusstsein nicht ein ganzes Stück mit hinüber ins das Alltagsleben? würde ich sie heute gerne fragen. Doch sie ist tot. Als sie lebt hatte ich diese Frage noch nicht.

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Aufgewachsen ist meine Mutter als Protestantin in einer Universitäts- und Beamtenstadt mit überwiegend katholischen Einwohnern. Ihr Vater war Oberzugführer bei der Reichbahn und viel unterwegs. Ihre bei der Geburt gestorbene Mutter, ihre Stiefmutter und ihre Tanten waren alles Frauen die Berufe ausübten. Ungewöhnlich in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhundert.

Tänzerin wäre sie gerne geworden, sagt sie später einmal, es wird eine Lehre im Einzelhandel. Das Lehrlingsgeld steht ihr zur freien Verfügung, Ihre Freizeit verbringt sie, die ausgezeichnete Sportlerin, im Freundeskreis ihres Bruders.

Nach der Lehre zieht es sie ans Meer, und so geht sie für einige Zeit nach Leer in Ostfriesland. Danach der Berge wegen nach Landeck in Tirol. Dort, der Mont Blanc liegt schon hinter ihr, begegnet sie meinem Vater, einen Gebirgsjäger bei der Wehrmacht.

Mein Vater ist als ältester Sohn einer kinderreichen schwäbischen Arbeiterfamilie aufgewachsen, gilt als künstlerisch begabt. Sofort nach seiner Buchbinderlehre wird er eingezogen und verbringt lange Jahre in der soldatischen Männerwelt.

Viel weiß ich nicht über seine Jugend. Ich gehe davon aus, dass er geprägt ist durch die gängigen Bildern der klassischen Mann/Frau Rollenverteilung.

Auf zahlreichen Fotos betrachte ich zwei Anfang-Zwanziger im Kreise von Gleichaltrigen oder Gleichgesinnter, unbeschwert trotz der (Vor)Kriegszeit. Bis heute ist mir schleierhaft, was diese beiden zusammenführte.

Unzählige Selbstbehauptungen

Wie auch in der heutigen Zeit ändert sich die Mann/Frau Beziehung drastisch, wenn Kinder ins Spiel kommen. Ein Haushalt will organisiert sein und ‚Familie‘ soll gelebt werden.

Diese Familie, drei Kinder sind schon geboren verschlägt es in eine Ortschaft unweit der Kreisstadt aus der mein Vater stammt. Vor meiner Zeit geht sie geht mit ihren Kindern ins öffentliche Freibad mitten in der Woche, worüber die Einheimischen den Kopf schütteln. Die beiden Töchter nimmt sie in Schutz und beharrt auf deren Ausbildungschancen.

Für einige einheimischen Mädchen und junge Frauen wird Sie eine Art Rollenvorbild, was bei uns, die wir die Kehrseite des Lebens mit gleicher Berechtigung sehen, durchaus auf gemischte Gefühle stößt.

Szenen (m)einer Kindheit zu Beginn der sechziger Jahre: als ich, die Jüngste fünf Jahre bin, geht sie wieder arbeiten, Er war nach Aussagen der älteren Schwestern dagegen. Sie ging trotzdem. Er sagte, dass Sie ihr Gehalt ihm (der sich seine Gehalt grundsätzlich in bar auszahlen ließ und bis zuletzt dem Bank- und Kreditwesen misstraute) zur Verwaltung übergeben solle. Sie verneint und verweist auf ihr neu eröffnetes Girokonto.

Während ich es gemütlich finde mit den Männern alleine zuhause zu sein initiiert Sie abends Tanz- und Gynastikgruppen für andere Frauen.

Unzählige Selbstbehauptungen, die Kraft gekostet haben müssen, lange bevor der Namen Alice Schwarzer und die Frauenbewegung aktiv wurden.

Irgendwann geht sie zurück in ihre Geburtsstadt und nimmt mich mit. Als wären die 25 (oder so) jährige Ehe und die fünf Kinder nur ein weiteres Intermezzo in ihrem Leben, das noch mal genau solange währen wird.

Rückblickend auf den Teenager der ich damals war, bin ich viel zu früh aus dem Nest gefallen. Und, es hatte mir in seiner Ausprägung dort sehr gefallen.

Als erwachsene Frau, sehe ich ihren Schnitt als (er)mutigen(den) Schritt einer Mittfünfzigerin an, die genug hat vom Leben auf dem Land, als Mutter und Kinderversorgungsorganisatorin. Ich hatte meine Pflicht getan, kommentiert, sie.

Der Beziehung zu ihrem Mann, meinem Vater, der so wie er lebt zufrieden ist, gibt die räumliche Trennung eine andere Wertigkeit. Schon als Kind, mache ich die Erfahrung, dass die beiden etwas teilten zu dem meine Geschwister und ich keinen Zugang haben. Ich hätte sie gerne beobachtet auf ihren Morgenwanderungen von denen sie gelöst zurückkommen und eine Zusammengehörigkeit ausstrahlen, die ich im Alltag so nicht wahrnehme.

Ihr Auszug kommt für meinen Vater überraschend, die vielen kleinen Warnzeichen hat/kann/will er nicht wahrnehmen. Er, Ende Fünfzig, leidet und tut mir ausgesprochen leid. Als ich das Verhalten meiner Mutter ihm gegenüber verurteile verweist er mich in meine Schranken. Kurz angebunden erklärt er, dass dies eine Sache sei zwischen ihm und meiner Mutter. Er ist nicht das Opfer, als das ich ihn damals sehen wollte.

Ihr Band wird erst durch seinen Tod zerschnitten. Weißt du, sagt sie später einmal der x (mein Vater) hat mir immer gefallen, auch körperlich. Allerdings ihr Leben in der Stadt, das wollte sie auch.

Blicke ich auf meine Familie, setzt sie sich zusammen aus einer Gruppe unterschiedlicher Charaktere. Kinder, Geschwister mit Vater und Mutter, die auch als Eltern auftraten. Ausspielen gegeneinander ließen sie sich nie. Ein Verbund und viele Interessenverbände, zusammengewürfelt und zusammengewachsen. Irgendwie.

Am kleinen Unterschied zweifle ich nicht

Es gab eine klare Aufgabenverteilung, die sich nach dem Alter oder der freien Zeit richtet, nicht nach dem Geschlecht. Doch wenn man so will, gekocht hat ausschließlich meine Mutter, eine begnadete Köchin. Abgeschaut hat sie von der Stiefmutter, die vor ihrer Ehe in einem Frankfurter Hotel als Köchin arbeitet.

Zum Leidwesen ihres Mannes serviert sie das Fleisch auf Platten, jeder solle sich nach Belieben bedienen können.

Brüder oder Männer sind unter diesen Umständen ebenbürtig. Gemeinsam und jeder für sich erleben wir elterliche Ungerechtigkeiten, die Leiden des ersten Liebeskummers, die Unsicherheit, wenn der Körper die Geschlechtsteile ausbildet.

Ich genieße die Aufmerksamkeit, als ich am Abendbrottisch meinen großen Bruder ‚verpetze‘ den ich knutschend am Bach entdeckt hatte. Erlebe wie meine Mutter ruft, nicht doch die x, sehe meinen Vater grinsen und bekomme später (vom Bruder natürlich) eine geknallt.

Ich spiele meinen Status als Jüngste aus und jammere, ich sei zu klein um meinen Teil der Hausarbeit zu verrichten. Soundso oft komme ich durch damit, die Brüder vertreten Ihre Interessen, wenn die Eltern nicht da sind. Es entspricht meinem Gerechtigkeitsempfinden.

Am 'kleinen Unterschied' zweifle ich nie, weiß aber nicht so genau woran er sich bemisst. Ein ‚running gag‘ in unserer Familie ist, dass der eine Bruder einmal völlig entsetzt zu meiner Mutter gelaufen kam und schrie sie solle schnell kommen ‚es sei weg‘, ‚es sei weg‘. Er hatte genau hingeschaut, als ich auf dem Topf saß und das fehlende Glied bemerkt.

Peinlich, wenn ich mich im Ort bewege, empfinde ich die wiederkehrende Frage, ob ich ein Junge oder ein Mädchen sei. Heute denke ich es lag weniger an den kurzen Haaren, als an meinem selbstverständlichen Auftreten, das die Mütter anderer Mädchen veranlasst mich zu belehren oder aufzuklären ich sei kein ‚richtiges Mädchen‘. Die Missbilligung dieser Erwachsenen ist für mich nicht greifbar. Ich geniere mich und zeige mich entsprechend gehemmt und verschämt.

Diskriminierungen der unterschiedlichsten Art sind Bestandteil dieses Lebens. Sie klingen aus den Berichten und Erzählungen der Erwachsenen. Sie sind Thema in den Unmengen von Geschichten, die jeder von uns sich aus den Bücherregalen zieht.

Ich heule mit dem Flüchtlingsmädchen, das misshandelt auf dem Hof der Verwandten erst nach abenteuerlichen Wanderungen bei einem ehemaligen französischen Zwangsarbeiter in der Camargue zur Ruhe kommt. Ich lese über die Hexenverfolgung im Mittelalter und die grauenvoller und ausgeklügelte Tötungsarten mit denen Frauen ermordet wurden.

Meine Brüder erzählen über das Grauen, denen Männer körperlich, psychisch, sexuell, in russischem Kriegsgefangenenlager ausgesetzt waren.

Lächerlich dagegen klingt mein Lamento über ‚Ungerechtigkeit‘, das ich anstimme, wenn mein Vater mich, als Jüngste, zum Zigarettenholen schickt. Das Leben sei nicht fair, meint er nur.

Erst später begreife ich den Wert, wenn ich als Kind meinen Gefühlen eine Stimme geben kann und mir die eigene Wahrnehmung gelassen wird.

In der Erinnerung an meine Kindheit sehe ich uns abends in lebhafter Unterhaltung verstrickt am Tisch sitzen. Oder jeder in einer Ecke, in Bücher vertieft. Wandernd draußen.

Im Ort waren die Familien anders. Einer hatte das Sagen, das Fleisch war eingeteilt und auch das erlebte ich als Ordnung. Getauscht hätte ich nicht.

1st published meta-ebene.de

02:11 02.02.2013
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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