„Ich will leben“

Risikovermeidung Als für sie selbst überzeugend bejaht Angelina Jolie die vorsorgliche Brustdrüsenentfernung.
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Wird auf Risikowahrnehmung oder Angst als Grund für die eigene Handelsweise verwiesen, bleibt dem nichts entgegenzusetzen. Wer Angst hat heutzutage, hat recht.

Deshalb ist es müßig über Angelina Jolie, ihre Entscheidung und ihre Beweggründe für die Mastektomie zu urteilen. Sie unterzog sich mit Gründen dieser Operation. Diese macht sie ebenso, wie den Eingriff und den medizinischen Kontext zielgerichtet publik. Die Zustimmungsfähigkeit ihrer (Erfahrungs)Wertung kann sie voraussetzen, Gesundheit und Familie sind hohe Güter in unserer Gesellschaft.

Die mediale Inszenierung gelingt und ist einwandfrei. All said and done. Dem Augenschein nach ist alles (fast) wie vorher. Angelina Jolie's Aussehen scheint unverändert. Künstliche Brüste sind schon lange Teil des medialen gesellschaftlichen Lebens. Unser aller Wahrnehmung ist daran gewöhnt. Die perfekte Silhouette.

Und doch wird mir, bei allem Respekt und Verständnis für Jolies persönliche Entscheidung, unser gesellschaftliches Leben ein Stück unheimlicher: Ein Mensch hat Angst vor Risiken, die ihm von ‚der Medizin‘ - zu Recht oder Unrecht - zugedacht sind. Seine Angst wird zur Realität und er denkt 'das ist meine Sache'. Er reagiert in einem Bereich in dem er glaubt sich kontrollieren zu können … und ... der ihm, nicht zuletzt auch finanziell offen steht.

Anlässlich des Berliner Theatertreffens sah ich wieder die Bilder, der von mir vermissten, Susanne Lothar in ihrer Darstellung der Lulu. Hängende Brüste, zart, verletzlich der Körper. Sie erinnern mich an die Fotostrecke mit dem Model, ich habe den Namen vergessen, die sivh vor Jahren mit einer Brust und einer riesigen Narbe dem Kamerablick zuwandte. Sie hatte sich gegen die Wiederherstellung der verlorenen Brust entschieden. Bilder die im Kopf bleiben. Auch dies, Abbildungen von Frauen in der Beherrschung von Risiken, angstfrei oder mit viel zu wenig Angst vor sich selbst.

Risikowahrnehmung, Befürchtungen und Besorgnisse werden individuell empfunden. Gleichermaßen sind sie Vehikel indirekter gesellschaftlicher Kommunikation über Werte. Worüber herrscht (noch) Konsens? Was ist uns wichtig?

Akute Lebensgefahr ist, was die Wertrelevanz betrifft nicht zu toppen. Da gilt hierzulande übereinstimmend (noch) ‚Koste es was es wolle‘.

Die Werturteile zu Leben erhaltende Maßnahmen sind um einiges labiler. Sie speisen sich aus medizinischen Fortschrittsglauben und subsumieren sich als Option unter Eventualitäten mit Begrifflichkeiten wie ‚Kostenübernahme‘ oder ‚Leistungspflicht‘. Wobei die Abwägung der gesetzten Gegenüberstellung von Risiko und Kontrolle durchaus variabel gehandhabt wird.

Insofern diskutieren wir, wenn wir über Jolie‘s Präventions-Entscheidung reden letztendlich den Wandel von gesellschaftlichen Werten oder Präferenzen: Die Machbarkeit, Steuerung und Käuflichkeit von Körper, Gesundheit und Lebenserwartung.

Zu Risiken und Nebenwirkungen ... oder gedulden sich und warten auf die Langzeitwirkung.

überarbeitet

1st published meta-ebene.de

15:22 17.05.2013
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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