kmv
17.05.2013 | 15:22 4

„Ich will leben“

Risikovermeidung Als für sie selbst überzeugend bejaht Angelina Jolie die vorsorgliche Brustdrüsenentfernung.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied kmv

Wird auf Risikowahrnehmung oder Angst als Grund für die eigene Handelsweise verwiesen, bleibt dem nichts entgegenzusetzen. Wer Angst hat heutzutage, hat recht.

Deshalb ist es müßig über Angelina Jolie, ihre Entscheidung und ihre Beweggründe für die Mastektomie zu urteilen. Sie unterzog sich mit Gründen dieser Operation. Diese macht sie ebenso, wie den Eingriff und den medizinischen Kontext zielgerichtet publik. Die Zustimmungsfähigkeit ihrer (Erfahrungs)Wertung kann sie voraussetzen, Gesundheit und Familie sind hohe Güter in unserer Gesellschaft.

Die mediale Inszenierung gelingt und ist einwandfrei. All said and done. Dem Augenschein nach ist alles (fast) wie vorher. Angelina Jolie's Aussehen scheint unverändert. Künstliche Brüste sind schon lange Teil des medialen gesellschaftlichen Lebens. Unser aller Wahrnehmung ist daran gewöhnt. Die perfekte Silhouette.

Und doch wird mir, bei allem Respekt und Verständnis für Jolies persönliche Entscheidung, unser gesellschaftliches Leben ein Stück unheimlicher: Ein Mensch hat Angst vor Risiken, die ihm von ‚der Medizin‘ - zu Recht oder Unrecht - zugedacht sind. Seine Angst wird zur Realität und er denkt 'das ist meine Sache'. Er reagiert in einem Bereich in dem er glaubt sich kontrollieren zu können … und ... der ihm, nicht zuletzt auch finanziell offen steht.

Anlässlich des Berliner Theatertreffens sah ich wieder die Bilder, der von mir vermissten, Susanne Lothar in ihrer Darstellung der Lulu. Hängende Brüste, zart, verletzlich der Körper. Sie erinnern mich an die Fotostrecke mit dem Model, ich habe den Namen vergessen, die sivh vor Jahren mit einer Brust und einer riesigen Narbe dem Kamerablick zuwandte. Sie hatte sich gegen die Wiederherstellung der verlorenen Brust entschieden. Bilder die im Kopf bleiben. Auch dies, Abbildungen von Frauen in der Beherrschung von Risiken, angstfrei oder mit viel zu wenig Angst vor sich selbst.

Risikowahrnehmung, Befürchtungen und Besorgnisse werden individuell empfunden. Gleichermaßen sind sie Vehikel indirekter gesellschaftlicher Kommunikation über Werte. Worüber herrscht (noch) Konsens? Was ist uns wichtig?

Akute Lebensgefahr ist, was die Wertrelevanz betrifft nicht zu toppen. Da gilt hierzulande übereinstimmend (noch) ‚Koste es was es wolle‘.

Die Werturteile zu Leben erhaltende Maßnahmen sind um einiges labiler. Sie speisen sich aus medizinischen Fortschrittsglauben und subsumieren sich als Option unter Eventualitäten mit Begrifflichkeiten wie ‚Kostenübernahme‘ oder ‚Leistungspflicht‘. Wobei die Abwägung der gesetzten Gegenüberstellung von Risiko und Kontrolle durchaus variabel gehandhabt wird.

Insofern diskutieren wir, wenn wir über Jolie‘s Präventions-Entscheidung reden letztendlich den Wandel von gesellschaftlichen Werten oder Präferenzen: Die Machbarkeit, Steuerung und Käuflichkeit von Körper, Gesundheit und Lebenserwartung.

Zu Risiken und Nebenwirkungen ... oder gedulden sich und warten auf die Langzeitwirkung.

überarbeitet

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Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (4)

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Ehemaliger Nutzer 17.05.2013 | 16:48

{„Insofern reden wir ... über Veränderungen von gesellschaftlichen Werten oder Präferenzen, was die Machbarkeit und Käuflichkeit von Körper, Gesundheit und den Wert des Lebens an sich betrifft.“}

Machbarkeit: im Rahmen von Tauschmärkten

Käuflichkeit: Luxus einer privilegierten Minderheit

Gesundheit: in der materialistischen Definition einer auf Profit ausgerichteten Medizinwirtschaft

Wert des Lebens: in der Fokussierung auf körperlichen Besitz - den Sinn des Lebens verdrängend

„Euer Körper wird euch die Wahrheit zeigen. Denn: Die Wahrheit ist, was im Augenblick so ist - und das ist etwas, das jeder Körper weiß. Deshalb hört auf das, was er euch sagt. Er wird euch sagen, was wahr ist. Achtet auf das, was er euch zeigt, hört auf das, was er euch sagt.“

Neale Donald Walsch

Columbus 17.05.2013 | 17:24

Schade eigentlich, dass Blogger es wie die Dümmeren im Journalismus und den Medien machen.

These 1: Jolie treffe auf allgemeine Zustimmung, ist schon falsch, wie Sie selbst und mittlerweile ein Rattenschwanz an hämischen Kolumnen in allen möglichen Zeitungen, es doch belegen.

These2: Jolie mache ihren Fall öffentlich, um allgemein und möglichst alle Frauen, zur medizinischen Intervention und Körperveränderung zu treiben. - Der Vorwurf müsste sich aber in Wahrheit an die nun in allen Gazetten schreibenden, besonders kritischen Kritiker richten, die nämlich gar nicht auf das Spezielle des Themas Brustkrebsgene eingehen wollen, sondern gleich das ganz Allgemeine, ihr Thema, aufmachen um die Zeilen zu füllen, mit seltsamer Kulturkritik.

"Insofern reden wir, wenn wir über Jolie‘s Entscheidung diskutieren über Veränderungen von gesellschaftlichen Werten oder Präferenzen, was die Machbarkeit und Käuflichkeit von Körper, Gesundheit und dem Wert des Lebens an sich betrifft. " - Für solche sterilsierten Ansichten sollte man Sie, lieber KMV, dringlich einmal auf eine mediale Couch legen und kräftig durchanalysieren.

These 3:

Die Beispiel- und Vergleichsbildung ist eine hohe Kunst und es wird leicht seicht und schal, wenn man Unvergleichbares, besonders Personen, miteinander in Kontrast setzt und zu werten beginnt. - Es ist völliger Kappes und völlig am Thema vorbei, hier solche Vergleiche aufzumachen.

"Anders als die Bilder der, von mir vermissten, nackten Susanne Lothar in ihrer Darstellung der Lulu, die anlässlich des Berliner Theatertreffens in den Medien wieder Beachtung fanden. Hängende Brüste, zart, verletzlich der Körper. Oder vor ein paar Jahren, die Fotos des Models mit nur einer Brust und der riesigen Narbe."

Ich bin mir ziemlich sicher, die Lothar würde Ihnen einen kräftigen Tritt verpassen und ich erlaube mir auch, einmal nachzufragen in welchem Zusammenhang denn das Zeigen und Vorstellen von Leid, anderer Körperlichkeit und Verletzlichkeit mit einer Wertung stehen kann? - Die Fotos von Riesennarben, von verletzlichen und verletzten Körpern, die haben doch überhaupt nichts mit Jolies Entschluss und dieser Öffentlichkeit zu tun.

Einziger Grund, warum Sie das gegeneinander setzen, ist, daran eine oberflächliche und sehr eigene Wochenendgesellschaftskritik aufzumachen. Werden Sie katholisch, erinnern Sie an Georg Büchners Typhustod und sein Genie und betonen sie Jolies "Aufmerksamkeitskarriere" und sie dürfen demnächst an Stelle von Matussek im "Spiegel"-SPON kolumnieren.

Tut mir leid, aber ich finde das saublöd.

Christoph Leusch

kmv 18.05.2013 | 11:16

Herr Leusch,

wo beginnen, wo aufhören - wenn der Transfer von Überlegungen zu einer ganz eigenen Qualität führt?

Nur soviel:

'Zustimmung' und Ablehnung (!) eines Sachverhalt erfolgt, da im gesellschaftlichen Bewusstsein Brustkrebs als Themenkomplex, Wert besteht.

Das heißt, wenn Jolie auf der 'Opinion'seite unter 'My medical choice' schreibt, oder, wie wir in den Staaten sagen, 'shares her personal experience' ist offensichtlich, dass nicht nur Jolie, sondern Sie und ich und jeder einzeln(e) Leser(in) dazu eingeladen ist, in seinem Meinungsbildungsprozess zu diesem Thema unterschiedliche (inklusive der latenten) Werturteile, als für sich überzeugend abzulehnen oder zu bejahen.

'Verständigung' in der Sache selbst
, kann, wie in jeder gesellschaftliche Debatte, auch heißen 'that we agree to disagree'.

In diesem Sinne,

Danke für das Einlassen und Schönes Wochenende.


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Ehemaliger Nutzer 20.05.2013 | 19:18

Mal ungeachtet dessen, dass Jolie immer mit irgendwas in den Schlagzeilen ist, aus welcher Motivation auch immer, und auch ohne Spekulationen nachzugeben, dass sie eigentlich andere Gründe hatte.... egal.

Mal gefragt: was hat sich nach der Mastektomie eigentlich für sie geändert? Vorher scheint ziemlich sicher gewesen zu sein, dass sie irgendwann an Brustkrebs erkranken und - wenn nicht rechtzeitig erkannt - vielleicht auch dran sterben wird. Nach der Mastektomie hat sie - zynisch ausgedrückt - wieder "freie Auswahl" zwischen all den anderen üblichen Todesursachen als da insbesondere sind: Krebs an jedem anderen Organ und/oder Herz-Kreislauf. Altersschwäche ist eher sleten und nach einem Blick in Altenheime evtl. auch nicht nur erstrebenswert? Soviel jedenfalls ist sicher: der Tod ist für jeden 100 % wahrscheinlich. Wann und woran wird sie also wahrscheinlich sterben - sie weiß es jetzt weniger genau als vorher, das ist alles.

Klingt böse, ist aber Realität.