Insolvenz wird salonfähig

Bankrott Immer mehr Privatpersonen sind zahlungsunfähig und melden Privatinsolvenz an. Sie reden öffentlich über ihre Pleite und pochen auf das Recht der zweiten Chance.
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Irgendwann ist die persönliche Talsohle erreicht. Verzweiflung macht sich breit. Die Haushaltskasse ist leer und der Monat hat noch sechszehn Tage. Ersparnisse und Rücklagen sind längst aufgebraucht, so sie denn vorhanden waren. Die Raten für das Auto und den Bankkredit ist man in den letzten Monaten schuldig geblieben. Freunde und Familienangehörige können mit Bargeld oder Lebensmittel nicht mehr aushelfen. Der Stromanbieter droht den Strom abzustellen und die Bank mahnt zum letzten Mal die Rückzahlung des Überziehungskredits an. War die wirtschaftliche Lage bislang existenzbedrohend, so ist jetzt der wirtschaftliche Bankrott eingetreten.

Überschuldung tritt ein, wenn das eigene Einkommen über eine längere Zeit nicht ausreicht, um die Lebenshaltungskosten sowie fällige Raten und Rechnungen zu bezahlen. Wenn die monatlichen Ausgaben also dauerhaft die Einnahmen übersteigen. „Schätzungsweise 7,3 Millionen Bundesbürger sind überschuldet oder weisen zumindest nachhaltige Zahlungsstörungen auf“, schätzt 2007 das Bundesministerium der Justiz. Die Aufstockungspraxis, wie sie durch Hartz IV vorgenommen wird verschleiert und verschönt die Zahl der Haushalte, die sich in diesem prekären Zustand befinden.

Hinter den nackten Zahlen der Statistiken verbergen sich Einzelschicksale. Geschichten von Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen vor dem finanziellen Ruin stehen. Geschichten in denen anonym im Verborgenen gelitten wird oder die, die medienwirksam vermarktet, von den Medien gespiegelt werden.

Autoren der Dokusoaps im Privaten Fernsehen haben das Thema des längeren schon für sich entdeckt. Sie vermarkten Gescheiterten aus „schwierigen“, „asozialen Verhältnissen“ und zeigen verschuldete Haushalte als asoziale Randgruppe der Gesellschaft.

Printmedien, wie „Der Spiegel“ beleuchtet die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der zunehmenden Pleitewelle. „Die Zeit“ spürt durch ausführliche Portraits den emotionalen und psychischen Auswirkungen der betroffenen Personen nach. Die „Bild der Frau“ setzt auf Trost und Ermutigung mit ihren Insolvenz-Einzel-Schicksal-Geschichten.

Einem breiteren Publikum bekannte Personen scheuen nicht den Weg an die Öffentlichkeit. Die Schauspielerin Katy Karrenbauer und die Einzelunternehmerin Anne Koark, beide verbraucherinsolvent, outen sich in Talkshows und vermarkten ihr Schicksal, indem sie jede ein Buch veröffentlichen.

Arbeitslosigkeit, informiert das Statistische Bundesamt Deutschland (Destatis), ist im Jahr 2008 der häufigste Auslöser für eine Überschuldung bei Privatpersonen. Mit 28 Prozent liegt dieser Anteil etwa gleich hoch wie 2007 (29%). Andere unvorhersehbare, schicksalhaft Ereignisse wie Trennung, Scheidung sowie Tod des Partners oder der Partnerin (14%), Erkrankung, Sucht oder Unfall (10%) führen ebenfalls zu kritischen finanziellen Situationen.

Die leichte Verfügbarkeit von Krediten bringt viele Haushalte dazu, über ihre Verhältnisse zu leben. Arm scheinen muss heute keiner mehr. „Auf Pump leben“ ist längst gesellschaftsfähig und ein lukratives Geschäftsmodell für eine ganze Branche.

Die globale Marktwirtschaft verstärkt das weltweit veränderte Konsumverhalten. Durch die billigen Produktionskosten in den Drittweltländern werfen beispielsweise weltweit agierende Handelsketten Kleidung weit unter ihrem im Inland üblichen Herstellungswert, en masse auf den Markt. Modetrends wechseln so rasant, jeder ist aufgefordert sich zu beteiligen. Wer nicht mitmacht hat verloren, wird dem suggeriert, der sich darauf einlässt.

Einer der Gründe weshalb es für den Einzelnen schwierig sein kann, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen, um aus der, wie auch immer verursachter, Schuldenfalle herauszukommen.

Jede Bankrotterklärung ist die ganz eigene Geschichte einer Einzelperson. Persönliche Verletzungen und seelischen Nöte haben sie alle. Wie ein Finanziell-in-Not-Geratener seine Lage bewerte, hänge von seiner psychischen Verfassung ab, geben Sozialpsychologen zu bedenken. Auch dem jeweiligen sozialen Umfeld komme dabei eine tragende Rolle zu.

Manch ein Schuldner sehe die Insolvenz als „Absturz in die Armut“ und fürchte, damit dauerhaft vom sozialen Leben ausgeschlossen zu sein. Andere Bankrotteure finden die Aussicht auf ein Leben am Rande einer konsum- und statusausgerichteten Gesellschaft wenig verlockend. Noch ist es die Minderheit, die über den Schock, die schwere existenzielle und emotionale Krise spricht, die sie als finanziell Gescheiterte empfinden. Zu groß ist die Scham.

„Schämen“, so die Journalisten Carolin Ehmke, „könne sich nur, wer ein Gefühl für eine Normverletzung empfinde, schämen könne sich nur, wer sich identifiziert, schämen könne sich nur, wer sich mitverantwortlich fühlt für etwas Schamloses, Demütigendes, Verletzendes, Entblößendes“. Scham als Ausdruck einer subjektiven, stark der gesellschaftlicher Definition unterliegender Wertvorstellung.

Gewachsene Armut galt historisch nicht als Schande. Sie war und ist Schicksal. Eine Pleite trifft nur Leute, die nicht mit Geld umgehen können, so lautet immer noch die weitverbreitete Meinung. Es gilt die Norm, nicht über die eigenen Verhältnisse zu leben. Besonders in der sogenannten Mitte der Gesellschaft gelten Geldsorgen als peinlich. Finanzielles Scheitern erst recht. Dem fremden Absturz könnte der eigene folgen.

Wann ist ein Glas Wasser halbvoll oder halbleer? Was in dem Groß-Unternehmer und Firmenpatriarch Adolf Merckle im Januar 2009 vorging, ist nicht bekannt. Er wählt nach dem Zusammenbruch seines Firmenimperiums den Freitod.

Nicht wenige, über die der Pleitegeier kreist schauen erst mal weg, legen ihre Post mit Rechnungen; Mahnungen und Vollstreckungsbescheiden ungeöffnet zur Seite. Sie werden irgendwann den Besuch des Gerichtsvollziehers oder eine Zwangsvollstreckung hinnehmen müssen. Wer vorher die Kraft hat Bilanz zu ziehen und sich der Verantwortung stellt, zieht die Notbremse.

Schulden mit Ende

Erst langsam tritt in das öffentliche Bewusstsein ein, dass auch Privatpersonen, wenn sie pleite sind, ein „amtlich bestätigtes Schuldenbereinigungsverfahren“ (Insolvenzverfahren) einleiten können. Die einzige Chance um Schulden loszuwerden, wenn ausreichend bezahlte Arbeit zum knappen Gut wird. Und Moral oder Zuverdienst als Möglichkeit ausfallen einen Schuldenberg gar nicht erst aufzuhäufen bzw. ihn wieder loszuwerden.

1.160 Schuldnerberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände und Sozialämter helfen in Deutschland kostenlos bei wirtschaftlichen Notsituationen. Es sind zu wenige.

Eher selten gibt es sofort einen Termin. Aber bei Härtefällen, wie der drohende Verlust der Wohnung oder einer Zwangsvollstreckung ist es möglich - mit einer gewissen Hartnäckigkeit - sofortige Hilfestellung zu erhalten.

Der Schuldenberater verschafft sich als erstes, einen Überblick über die finanzielle Lage. Er prüft, ob die Forderungen der Gläubiger rechtens und bereits alle gesetzlichen Sozialleistungen, wie Wohn- und Erziehungsgeld ausgeschöpft sind. Nicht alle haben vorgearbeitet, Rechnungen, Mahnungen und Forderungen abgeheftet in einem Ordner mitgebracht sowie eine Aufstellung der Schulden und der Gläubiger vorgenommen.

Manche Schuldner leisten Ratenzahlungen mit Kleinstbeträgen von €10 und 20 €uro ab. Schuldenberater raten dazu diese Zahlungen sofort einzustellen, damit das Geld frei ist für die anfallenden Lebenshaltungskosten.

Der Berater wird mit den verschiedenen Gläubigern zu verhandeln, um eine außergerichtliche Schuldenregulierung zu erreichen. Wenn auch nur ein Gläubiger sich nicht auf einen realistischen Rückzahlungsplan für die Schulden einlässt ist eine außergerichtliche Einigung gescheitert.

Amtlich beglaubigte Insolvenz, das Insolvenzverfahren kann nur als Einzelperson beantragt werden. Ist beispielsweise ein Mann der Alleinverdiener einer Familie, wurden alle Verbindlichkeiten auf seinen Namen getätigt, ist die Ehefrau selbst schuldenfrei und hat auch nicht für einen Bankkredit gebürgt hat, so ist der Ehemann der alleinige Schuldner.

Hätte die Ehefrau, was leider allzu häufig Praxis ist, für einen Kredit gebürgt und wäre Mitschuldnerin, müsste auch sie einen Insolvenzantrag stellen. Separat.

Ist die Zahlungsunfähigkeit gegenüber dem Amtsgericht kundgetan, alle Vermögensverhältnisse und die Interessen der Gläubiger in dem amtlichen Verfahren nochmals geprüft und geklärt, ist ein Schuldner nicht mehr allein auf das Wohlwollen der Gläubiger angewiesen.

Mit Hilfe des Insolvenzgerichtes kann er sich gegen deren Widerstand von seinen Schulden befreien. Die Gerichtskosten für die Privatinsolvenz werden auf Antrag gestundet. Sie müssen erst dann bezahlt werden, wenn alle Altschulden erlassen sind.

Das Gericht stellt Schuldner einen Insolvenzverwalter zur Seite, der über den Zeitraum von sechs Jahren, der sogenannten Wohlverhaltensphase, die Interessen der Gläubiger vertritt und ausschließlich dem Gericht Rechenschaft schuldig ist. Die „Insolvenzler“ (Personen in amtlich festgestellter Insolvenz) müssen ab dann beweisen, dass sie mit ihren Einkünften auskommen können. Sie dürfen keine neuen Schulden machen.

Selbst wenn nachweislich die Einkünfte unter dem festgesetzten pfändbaren Betrag liegen und Insolvenzler über keine pfändbaren mehr Gegenstände verfügen, sind sie von nun an verpflichtet jeden Monat eine Aufstellung ihrer Einnahmen dem Insolvenzverwalter vorzulegen. Außerdem müssen sie sich ernsthaft um Arbeit jeglicher Art bemühen und dies dem Insolvenzverwalter nachweisen.

Arbeitet ein Insolvenzler wieder und verfügt über ein regelmäßiges Arbeitseinkommen ist gesetzlich genau vorgegeben wie viel ihm und gegebenfalls der Familie davon monatlich zum Leben verbleibt.

Die absolute Pfändungsfreigrenze, die vorgibt, was ein Einzelner von seinem Lohn für den eigenen Lebensunterhalt behalten darf, liegt derzeit bei 985,15 Euro monatlich. Für eine Ehefrau erhöht sich dieser Betrag um 370,76 Euro und für zwei Kinder um je 206,56. Kindergeld ist nicht pfändbar und wird deshalb, wie alle anderen Sozialleistungen auch nicht angerechnet.

Alles was ein Insolvenzler mehr verdient, seien es Zulagen, Spesen oder Weihnachtsgeld geht an den Insolvenzverwalter. Der befriedigt damit die eigenen Ansprüche bzw. verteilt den Betrag unter den Gläubigern.

Von 1999 (als das neue Insolvenzrecht in Kraft trat) bis August 2009 haben 566.00 Privatpersonen in Deutschland einen Insolvenzantrag gestellt. 2010 melden die Amtsgerichte gut 108 798 Verbraucherinsolvenzen.

Neben den nicht steuerbare externe Ursachen, wie Arbeitslosigkeit, gesundheitliche Probleme oder mangelnde Zahlungsmoral von unterhaltspflichtigen Vätern lassen sich für den rasanten Anstieg der angemeldeten Insolvenzen oft „betriebsinterne Managementfehler“, wie die falsche Einschätzung der eigenen Kaufkraft, vielleicht eine zu große Investition, ausmachen. Und manchmal ist es auch einfach nur persönliches Pech.

Betroffene Freiberufler trifft es unter Umständen doppelt schwer. Wie die Rechtsanwältin, mit eigener Kanzlei und zu vielen zahlungsunwilligen oder zahlungsunfähigen Klienten. Sie steht nicht nur vor dem wirtschaftlichen sondern auch vor dem beruflichen Aus. Ihr wird mit dem Insolvenzbeschluss die rechtsanwaltliche Zulassung entzogen. Gleich dem Zahnarzt seine Approbation nur behält, wenn er innerhalb sechs Monate eine Anstellung als Zahnarzt findet. Andernfalls muss er das Staatsexamen erneut ablegen.

Rückblickend stellen viele Insolvenzler fest, sei für sie der Schritt zum gerichtlichen Insolvenzverfahren eine Befreiung und Erleichterung gewesen. Weshalb sie solange gewartet hätten tätig zu werden, den Weg der amtlichen Insolvenz zu gehen, sei ihnen aus heutiger Sicht schleierhaft. Empfehlenswert sei der regelmäßige Besuch einer Selbsthilfegruppe um Ihresgleichen zu treffen, denen sie sich nicht erklären müssen, die wissen von welchen Ängsten und Belastungen im Alltag sie sprächen.

Neben tröstenden Worten hätten sie viele konkrete und alltagstaugliche Tipps, erhalten, beispielsweise ob sie sich gefallen lassen müssen, dass ihr Insolvenzverwalter alle ihre Post öffnet (müssen sie nicht) oder der Frage, ob sie ihm die Heizkostenrückzahlung melden müssen (Ja). Auch seien sie unsicher gewesen, was die möglichen Vertragsverlängerungen ihrer Handys betrifft oder ob sie, wenn der Verkäufer es ihnen anbietet eine Ratenzahlung vornehmen dürften (Ja).

Die Erfahrung nicht der Einzige mit finanziellen Problemen zu sein sei wichtig für ein neues Lebensgefühl. Nichts Ehrenrühriges seien Schulden oder eine wirtschaftliche Notlage. Habe man das erst einmal begriffen und die Verantwortung dafür übernommen, lebe es sich eigentlich ganz normal.

Das Recht der zweiten Chance

Selbstbewusst bezeichnet sich, 2010 in der Polit-Talkshow "Hart aber fair" von und mit Frank Plasberg, Jürgen Schneider als „der einzige Praktiker, der das gemacht hat, wovon hier alle reden“. Eingeladen zu dem Thema „Gier und die vermeintlichen oder tatsächlichen Auswüchse der Marktwirtschaft“ wird Schneider in der Sendung als „Pleitier“, vorgestellt.

Persönlich gehe es ihm nach der Pleite und der wegen Finanzbetrugs verbüßter Haftstrafe wieder gut, vor allem, da er als Bauberater heute sehr gefragt sei.

Der ehemalige „Baulöwe“ hat in den neunziger Jahren mit Immobilien die größte MilliardenPleite in der deutschen Nachkriegszeit mit verursacht. Zahlreiche mittelständische Bau- und Handwerksbetriebe blieben damals auf ihren Rechnungen sitzen und kämpften jahrelang um das eigene Überleben. Kündigungswellen und Personalstop wurde ausgelöst, was wiederum Folgen für die Angestellten und Arbeiter nach sich zog.

In knappen Worten erzählt Schneider die Geschichte seiner Immobilienspekulationen. Einen Film, der einen Handwerksbetrieb zeigt, der durch Schneiders Projekte fast in den Ruin getrieben wurde, kommentiert er achselzuckend: „Schicksal. Das ist eben Marktwirtschaft“.

Atilla von Unruh, seit sechs Jahren in der Verbraucherinsolvenz hat beschlossen, kein Schicksal, vor allem kein Einzelschicksal mehr zu sein. 2007 gründet er in Köln einen Gesprächskreis die inzwischen in mehreren Städten vertretene Selbsthilfegruppe „Anonyme Insolvenzler“ für bankrotte Firmeninhaber und Privatpersonen.

Der 48 Jährige hat die „Anonymen Insolvenzler“ ins Leben gerufen – nach dem Vorbild der „Anonymen Alkoholiker“, der 1935 in den Vereinigten Staaten von Amerika gegründeten Sucht-Selbsthilfeorganisation. Als seine Familie und seine Freunde, inzwischen selbst erschöpft von dem Insolvenz-Thema, ihm nach Monaten nicht mehr bei seinen Problemen zuhören können, macht er sich auf die Suche nach Gleichgesinnten.

„Die Leute sollen erfahren, so Von Unruh, der den eigenen Insolvenzbeschluss, als traumatisch und lebensbedrohend empfunden und unter dem Gefühl des Versagens, des Gesichtsverlustes und der Schande gelitten habe: Ich bin nicht allein.“

Der ehemalige Teilhaber einer Eventmarketingagentur nutzt die Insolvenz als Möglichkeit des Neubeginns, indem er sie pragmatisch zu seinem Projekt macht. Mit der Gründung des „Bundesverband Menschen in Insolvenz und neue Chancen e.V. (BV INSO)“ positionieren er und seine Mitstreiter sich gegenwärtig in den Medien und im Internet als die Ansprechpartner für alle Belange der Insolvenz.

Auch Fridolin Mannuß, Initiator einer bundesweiten Schutzgemeinschaft für den Mittelstand, hat sich für den Schritt in die Öffentlichkeit entschlossen. Er kämpft für eine „Kultur der zweiten Chance“ weil er das Ganze als „Gerechtigkeitsproblem“ ansieht. Seine mittelständische Firma sei durch die weltweite Finanzkrise in eine Schieflage geraten. Als nicht mehr kreditwürdig habe ihn seine Hausbank eingestuft, so dass ihm nichts anderes übrig geblieben sei als Konkurs anzumelden. Stimme die Bank seinem Vergleichsangebot im Rahmen der Firmeninsolvenz nicht zu, drohe ihm die Privatinsolvenz.

Mit ihrem öffentlichen Reden über ihren wirtschaftlichen Misserfolg brechen von Unruh, Mannuß und andere Insolvenzler bewusst ein Tabu. Sie beenden in voller Absicht ihren Rückzug in den mehr oder weniger kleinen privaten Kreis. Ihre Gedanken kreisen nicht mehr nur um die eigene Person, das eigene Schicksal.

Ihrer selbst sicher möchten sich mit dem, was ihnen passiert ist, in der Öffentlichkeit wiederfinden. Die Schieflage in die sie geraten sind nicht als Einzelfall sondern als soziales Problem verorten. Gesellschaftlichen Ursachen zu thematisieren und öffentlichkeitswirksame Aufmerksamkeit zu wecken als Kommunikationsziel und politische Strategie.

Gesprächskreise, Selbsthilfegruppen und Vereinsgründungen geben den „Insolvenzlern“ einerseits Forum und emotionalen Halt. Andererseits sind sie als Beginn von Lobbyarbeit nicht zu unterschätzen. Sie ermöglichen Insolvenzlern den öffentlichen Auftritt, die Chance zur politischen Intervention.

Mit der Organisation von Interessenverbänden bringen sich Insolvenzler in Stellung, um politisch Einfluss zu nehmen. Es ist nicht verwunderlich, dass der BV INSO unter anderen Veränderungen im deutschen und europäischen Insolvenzrecht fordert. Kürzer solle die Wohlverhaltensphase werden.

Inwieweit der Vergleich mit Frankreich und England, wo Insolvenzverfahren in 8 bis 12 Monate respektive 18 Monate dauert, lohnend ist bleibt abzuwarten, da die dortigen Insolvenzverfahren einer anderen Struktur als in Deutschland unterliegen. Mit der steigenden Zahl der Insolvenzanträge wird aber auch die Politik wieder in Zugzwang kommen.

Was wiegt schwerer, die Macht der Verhältnisse oder die Verantwortung für das eigene Potential? Eine moralische Beurteilung jedenfalls, die Norm, das soziale Stigma der eigenen Schuld an der Insolvenz, dem finanziellen Absturz, steht auf dem Prüfstand.

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Insolvenzrecht – raus aus den roten Zahlen

Einzelzwangsvollstreckung und zeitgemäße Restschuldbefreiung sind keine Errungenschaften der Neuzeit: Schon die altorientalische Rechtsordnung, § 117 des ‚Codex Hamurabi“ der Babylonischen Gesetzessammlung aus dem 18. Jh. v. Chr., allerdings in patriarchalischen Strukturen verhaftend, wies diese aus. „Wenn ein Mann seine Schuldverpflichtung erfasst hat und deshalb seine Frau, seinen Sohn und seine Tochter für Geld verkauft oder in Schuldknechthaft gegeben hat, so werden diese drei Jahre lang im Haus ihres Käufers oder ihrer Schuldherren arbeiten. Im vierten Jahr wird die Freilassung bewirkt werden. Reicht das Ergebnis der Arbeit nicht aus, um die Schulden vollständig abzutragen, wird die Restschuld erlassen.“

Gültiges Recht Der BRD: In sechs Jahren schuldenfrei

Die alte Konkurs- und Vergleichsordnung, die bis 31. Dezember 1998 in Deutschland galt, bot Schuldnern kaum eine Chance auf einen wirtschaftlichen Neuanfang zu Lebzeiten.

30 Jahre lang war es Gläubigern möglich eine Zwangsvollstreckung zu erwirken.

Noch immer steht an erster Stelle die bestmögliche Gläubigerbefriedigung, so der Hinweis aus dem Bundesjustizministerium. Daneben ermöglicht das geltende Insolvenzrecht jedoch jedem, der trotz redlichen Bemühens „auf dem Markt“ scheitert, durch das Insolvenzverfahren einen Neustart.

Die Restschuldbefreiung stellt eine Hilfe für unverschuldet in Not geratene Personen dar, sie soll kein "Freibrief" für ungehemmtes Schulden machen und das Abwälzen finanzieller Risiken auf die Gläubiger sein. Daher ist eine Restschuldbefreiung zu versagen, wenn der Schuldner sie innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren vor Antragstellung schon einmal erlangt hat (vgl § 290 Abs. 1 Nr. 3 InsO).

Restschuldbefreiungs-verfahren

Die Verbraucher- oder Privatinsolvenz( für Privatpersonen) wird unterschieden von der Regelinsolvenz .

Beim Regelinsolvenzverfahren (für Unternehmer, Gewerbetreibende, Selbstständige) kann die Schuldenregulierung durch einen Insolvenzplan erreicht werden, der die Befriedigung der Gläubiger regelt. Scheitert dieser Plan steht auch diesen Personen nach Aufhebung des Insolvenzverfahrens wie den Verbrauchern das Restschuldbefreiungsverfahren offen.

1.Stufe: außergerichtliche Schuldenbereinigung (Schuldnerberatungsstellen der Freien Wohlfahrtsverbände) bieten Ihre Hilfe für die Schuldner kostenfrei an.) Der Schuldner und die Gläubiger verhandeln über einen außergerichtlichen Vergleich. Er kommt nur zustande, wenn alle Gläubiger einverstanden sind.

2.Stufe: gerichtlicher Schuldenbereinigungsplan

a.gerichtliche Einigung (Ist eine gütliche Einigung möglich?)

b.Verbraucher-Insolvenzverfahren (Die Zustimmung aller Gläubiger ist nicht mehr notwendig)

3.Wohlverhaltensphase mit in Aussicht gestellter Restschuldbefreiung. Während einer sechs jährigen Periode des Wohlverhaltens muss der Schuldner alle Einkünfte die über der gesetzlichen Pfändungsgrenze liegen an einen vom Gericht bestellten Insolvenzverwalter abführen.

Dieser Treuhänder vertritt die Interessen der Gläubiger und überwacht, ob der Schuldner alles in seiner Kraft stehende tut um die Gläubiger abzufinden.

Nach Ablauf der sechs Jahre erlässt das zuständige Amtsgericht die bisherigen Schulden.

Voll geschäftsfähig ist der ehemalige Schuldner jedoch noch nicht. Sein Eintrag in das privatwirtschaftliche Kontrollorgan, die sogenannte Schufa (Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung) bleibt noch mindestens drei Jahre bestehen und ist während dieser Zeit nur in Sonderfällen auf komplizierte gerichtliche Art und Weise auszulöschen. Danach steht dem wirtschaftlichen Neubeginn ohne Altlasten aber nichts mehr im Wege.

Schuldnerberatungsstellen:

• Tel. 01801/907050 Telefonhotline des Bundeministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Mo-Do 7-18:00 (Anrufe aus dem Festnetz 4,6 c)

www.meine-schulden.de/beratungsstellen_in_ihrer_naehe" target="_blank">Adressdatenbanken im Internet zur Suche nach Postleitzahl

Weiterführende Adressen und Informationen:

Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung: Was mache ich mit meinen Schulden?

Schuldenberatung online

• Bundesministeriums der Justiz: Informationsmaterialen unter Service/Publikationen: „Restschuldbefreiung – eine neue Chance für redliche Schuldner“ „Pfändungsfreigrenzen“, Beratungshilfe und Prozesskostenhilfe“

Lesetipps

• Buch 1 - erklärt den Weg vom ersten Termin bei der Schuldenberatung bis zum Insolvenzgericht: Christina Juckel: Endlich wieder schuldenfrei!: Praxisbeispiele, Schriftwechsel, Formulare, Pfändungstabellen 90 Seiten Mediatop Verlag, Norderstedt März 2006 19,50

• Buch 2 - betrachtet Schulden unter rechtlichem Blickwinkel: Hildegard Wrobel-Sachs: Verbraucherinsolvenzverfahren: Tipps und Hilfestellungen für das Verfahren zur Restschuldbefreiung 128 S Cornelsen Verlag Scriptor Januar 2008 € 6,95

• Buch 3 - beantwortet Fragen zum Thema Schulden und gibt praxisnahen Rat mit Fallbeispielen: Peter Zwegat, Liane Scholze: Raus aus der Schuldenfalle! 160 Seiten rororo September 2008 € 8,95

17:53 28.03.2011
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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