kmv
14.11.2012 | 10:00 7

nachgefragt: Wenn der Pleitegeier greift ...

Selbsthilfegruppen Privatinsolvenz steht für den persönlichen radikalen Schuldenschnitt. Manuela Haan, Gesprächsleiterin der Anonymen Insolvenzler, Berlin über Schulden, Scham und Beistand

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied kmv

nachgefragt: Wenn der Pleitegeier greift ...

Foto: adkorte / Flickr (CC)

http://dl.dropbox.com/u/80397857/m.jpgManuela Haan, Sie leiten den Gesprächskreis "Anonyme Insolvenzler" (AI) in Berlin. Wen sprechen Sie an? Wer sind die Anonymen Insolvenzler?

Die Anonymen Insolvenzler sind eine bundesweite Selbsthilfegruppe, ein Ansprechpartner für jeden der zahlungsunfähig ist, also insolvent ist, von Insolvenz bedroht ist oder gerade eine Insolvenz hinter sich gebracht hat.

Wären diese Personen nicht besser aufgehoben bei einem Schuldenberater?

Wenn es konkret wird: ja, natürlich. Viele sind noch gar nicht soweit, um zu einer Schuldnerberatung zu gehen. Oft ist ein Vorsondieren. Häufig haben sie sich schon im Internet schlau gemacht und ganz viele unterschiedliche Informationen bekommen und erhoffen sich ein bisschen mehr Klarheit. Manchmal sind sie auch schon beim Schuldnerberater gewesen und fühlten sich nicht gut aufgehoben. Oder sie erhoffen sich Insiderinformationen von Leuten, die in der gleichen Situation stecken.

Kaum Geld im Portemonnaie und verschuldet – da kämpfe ich wahrscheinlich mit jeder Menge Angst- und Schamgefühlen?

Viele brauchen erst mal Mut und schaffen es nicht im ersten Anlauf, zu uns zu kommen, sondern bleiben an der Tür stehen und gehen wieder. Sind sie erst einmal im Kreis und fangen an zu reden, sehen sie, dass es anderen ähnlich gegangen ist, obwohl die Situation immer individuell ist. Aber sie sind nicht mehr alleine mit dieser Scham, mit diesem Gefühl des Scheiterns, dieser Panik und diesem Chaos im Kopf. Der Austausch hilft, sich im Kopf zu sortieren und zu erkennen, was da eigentlich gerade passiert in ihrem Leben.

Welche Personen kommen?

Die Altersgruppen, die in der Regel zu uns kommen, sind 40+. Jüngere kommen seltener. Es sind Personen, die sich bewusst mit dieser Situation auseinander setzen. Die Menschen befinden sich in sehr unterschiedlichen Lagen. In einem Ausnahmezustand sind sie alle. Manche sind in sehr drastischen Situationen, sie haben schon sehr vieles versucht, um irgendwie mit ihren finanziellen Belastungen klarzukommen. Andere haben eidesstattliche Versicherungen abgegeben und merken, so geht es nicht mehr weiter.

Sind bestimmte Berufe häufiger vertreten? Sind es Arbeitslose? Oder Zahnärzte?

... und Schauspieler, Hausfrauen, Kleinunternehmer, definitiv alle. Insolvenzen sind nicht auf ein bestimmtes Bildungsniveau oder Berufsfeld beschränkt, sondern es sind definitiv alle Berufsgruppen vertreten.

Im RBB lief kürzlich in der Sendung ‚Was‘ ein Beitrag über Insolvenz, und der Betroffene war ein Geschäftsmann, der mit seinem Privatvermögen für die Zahlungsschwierigkeiten der Firma gehaftet hat. An was scheitert eine Person die Hartz 4 bezieht oder eine Durchschnitts-Familie? Am Mangel an Rücklagen, am Haushaltsbudget?

60% aller Privatinsolvenzen in Deutschland beruhen im Prinzip auf Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit, Tod. Das sind häufig Ursachen für später folgende Insolvenzen. Sie sind ebenso in unserem Gesprächskreis vertreten wie der Freiberufler oder Selbstständige, der mit seinem Privatvermögen gehaftet hat. Wir hatten auch schon jemand mit 6000 Schulden, dem das Jobcenter die Insolvenz empfohlen hatte.

Die Privatinsolvenz, amtsdeutsch Verbraucherinsolvenz, wird in Relation gesehen mit dem veränderten Kaufverhalten der Menschen. Ratenzahlung und Kredite seien zu leicht erhältlich. Es werde zu viel konsumiert und zu wahllos gekauft, so lauten die Vorwürfe.

Das kann ich dahingehend bestätigen, dass die Presse das gerne so hinstellt, ja. Es ist aber nicht so. Gut, wenn man nur ein geringes Einkommen hat, wenn wenig Geld da ist, lebt man schnell über seine Verhältnisse. Dennoch, Privatinsolvenzen aufgrund ‚falschen Konsumverhaltens‘ sind der geringste Anteil. Die meisten Privatinsolvenzen beruhen definitiv auf die genannten schicksalhaften Faktoren. Einer kauft ein Haus, wird krank und kann die Raten für's Haus nicht mehr bezahlen. Andere haben sich für ihre Altersvorsorge Immobilien im Osten andrehen lassen, sogenannte Steuersparmodelle, und sind reingefallen. Es läuft ein Kredit, den man zusammen wunderbar bedient hat und einer wird arbeitslos – da ist ja heute keiner mehr wirklich davor gefeit – oder die Ehe zerbricht. Und schon steht man da mit Verbindlichkeiten, die einer allein nicht mehr stemmen kann.

Seit wann gibt es die Anonymen Insolvenzler?

2007 ist der erste Gesprächskreis der Anonymen Insolvenzler in Köln von Attila von Unruh gegründet worden. Inzwischen sind sie in der ganzen Bundesrepublik verbreitet. 2009 wurde auch der Trägerverein, der 'Bundesverband für Menschen in Insolvenz und neue Chancen e.V.' gegründet worden. Attila von Unruh macht mit dem Verein Lobbyarbeit für ein besseres Insolvenzgesetz. Er gibt den Schuldnern ein Gesicht, Schuldner sind nicht ist per se Betrüger.

Wie sind sie zu den Anonymen Insolvenzler gekommen? Leiten Sie den Gesprächskreis in Berlin von Beginn an?

Nicht ganz. In Berlin wurde im November 2009 gegründet. Ich war damals Teilnehmerin, ich bin ja auch in der Privatinsolvenz. Zu dem damaligen Zeitpunkt hat das Attila von Unruh gegründet – bzw. zwei andere Mitglieder. Die sind regelmäßig nach Berlin gekommen, was natürlich keine praktikable Lösung war, weil ja zu dem Zeitpunkt alle in der Insolvenz waren. Ich habe die Leitung für den Gesprächskreis im Frühjahr, Frühsommer 2010 übernommen.

Was hat sie dazu bewogen, die Seiten zu wechseln, Sie kamen ja ursprünglich als Hilfesuchende?

Genau, ich war Gesprächskreis Teilnehmerin und spürte die Entspannung, die im Laufe der Zeit eingetreten ist. Als ich das Angebot erhielt, die Gesprächskreisleiterausbildung mitzumachen, habe ich das gerne angenommen. Ich befinde mich mit den Leuten auf Augenhöhe, kenne das Gefühl, einen geschützten, sicheren Raum zu bekommen, sich mit der Situation zu befassen und über diese und die negativen Gefühlen, die mit diesem Thema verbunden sind, zu reden.

Ihr Hauptinteresse ist der Bezug zu den Menschen? Die politische Arbeit überlassen Sie den Leuten in Köln?

Das macht der BV INSO mit Attila von Unruh, ja , die kümmern sich um die politische Ebene. Die interessiert mich weniger, nur sehr am Rande. Mich interessiert der Kreis, mich interessieren die Menschen, mich interessieren ihre Geschichten und mich interessiert, dass sie sich von der Seele reden, was sie sonst im Alltag nicht aussprechen.

Seit 2 1/2 Jahren leiten Sie den Kreis: Wechseln die Leute häufig oder kommen manche Leute auch regelmäßig?

Sowohl als auch. Wir haben ganz viele, die nur wenige Male kommen und dann nie wieder. Manche suchen nur eine Information, wollen wissen was sie tun können und kommen auch nie wieder. Das passiert ganz oft. Und dann haben wir durchaus Leute, die nach zwei Jahren auf einmal wieder da sind, weil Insolvenz immer noch in ihrem Leben ein Thema ist, aber nicht permanent und so präsent. Dann haben wir Leute, die über einen längeren Zeitraum regelmäßig kommen. Wir hatten mal einen Architekten, der mochte kaum sprechen. Das war für ihn ein ganz großes Problem. Er wollte lernen, über seine Insolvenz zu sprechen. Und das hat er im Kreis für sich geschafft. Sich mit dem Thema so auseinandergesetzt, dass er auch darüber sprechen kann. Ja, und irgendwann kam er dann auch nicht mehr, und das war in Ordnung.

Passiert Ihnen, dass Sie manchmal jemandem begegnen der im Gesprächskreis war? Ist das unangenehm?

Nein. Wichtig ist dabei nur, dass ich als Gesprächskreisleiterin die AI‘s nicht erwähne. Das Thema ist ein Thema zwischen diesen Menschen und mir, das ist ganz klar, und die Anonymität wird gewahrt.

Kommen mehr Frauen oder mehr Männer?

Tendenziell mehr Männer. Manchmal bin ich die einzige Frau.

Von Männern wird behauptet, dass sie extreme Schwierigkeiten hätten über Gefühle oder Scham zu sprechen.

Das kann ich bestätigen. Wenn es Tränen gibt, dann sind es in Regel die Frauen, die so ihrer Verzweiflung Ausdruck verleihen. Bei Männern habe ich es jetzt noch nicht erlebt. Betroffenheit und Gefühle, die nehme ich wahr, ja. Aber es wird seltener ausgesprochen.

Sie selbst befinden sich im Moment auch noch in der Insolvenz?

Ich befinde mich in der Privatinsolvenz, genau, und bin doppelt betroffen, weil ich durch die Insolvenz meines Arbeitsgebers auch noch meine Arbeitsstelle verloren habe.

Auf der Webseite, auf der Sie sich vorstellen als Gesprächsleitung Berlin, schreiben sie den Satz: "Insolvenz ist ein Prozess, es gibt eine Leben vor der Insolvenz, während der Insolvenz und auch danach." Wie war ihr Leben vor der Insolvenz?

Mein Leben vor der Insolvenz bestand aus einem Vollzeitjob als Reformhausfachberaterin, der mich sehr forderte, indem ich mich aber auch sehr engagiert hatte. Allerdings verdiente ich nicht genug. Ich bekam keinen Unterhalt für meinen kranken Sohn und war deshalb ergänzend auf Hartz IV angewiesen. Dazu kam ein Kredit, den ich eigentlich nicht bezahlen konnte. Mein Leben war bestimmt von der Frage, wie und wo reiße ich ein neues Loch auf, um alte zu stopfen.

Und während der Insolvenz? Wie lange sind jetzt noch in der Insolvenz?

Ich bin jetzt im 4. Jahr. Mein Leben ist sehr anders geworden. Ich kontrolliere sehr genau, für was ich Geld ausgebe. In der Zwischenzeit, ich bin ja über 50, und der Arbeitsmarkt wartet nicht auf mich, bin ich auch beruflich andere Wege gegangen. Ich bin fast fertig mit einer Coachingausbildung und habe mich weitergebildet zu bestimmten Themen, vor allem gesundheitlichen, denn ich habe leidenschaftlich gerne im Reformhaus beraten. Das Wissen, die Erfahrung in der Kundenberatung und der Umgang mit Menschen, der mir liegt, ist die Essenz, aus der ich schöpfe, um Frauen in der Lebensmitte zu begleiten und sie in Umbruchsphasen zu unterstützen. Die Insolvenz zwang mich dazu neue Wege zu suchen und ich gehe heute neue Wege.

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Selbsthilfegruppen:

Es dürfte kein Problem oder Thema aus dem Gesundheits- und Sozialbereich geben, zu dem sich nicht auch die passende Selbsthilfegruppe findet.

Genaue Zahlen gibt es nicht. NAKOS (die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen) spricht von 70 000 bis 100 000 Gruppen in der Bundesrepublik.

Wenn Personen sich organisieren geht es zum einen um Informations- und Erfahrungsaustausch und gegenseitige Unterstützung und Motivation persönliche Lebensumstände zu verändern.

Zum anderen zielt die Organisation, wenn sie formal und rechtlich ausgerichtet ist, auf soziale und politische Wirkung.

Selbsthilfegruppen sind nicht gewinnorientiert und finanzieren sich vorwiegend über Spenden, sowie pauschalen und projektbezogenen Förderungsgelder aus Politik und Wirtschaft.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (7)

ch.paffen 14.11.2012 | 15:41

DANKE, gern gelesen * informatives rund um thema und prozess * was mir beonders gefallen hat war "Insolvenz ist ein Prozess, es gibt eine Leben vor der Insolvenz, während der Insolvenz und auch danach." * empfinde die aussage positiv, weil sie zukunfts bejahend ist * blöd wär so etwas wie privatinsolvenz als "pfiffiges privates geschäftsmodell" so wie glücklich immer wieder scheitern * gehe aber davon aus, fan´s dieses modells nehmen sich nicht die zeit für eine selbsthilfegruppe * feinen resttag noch cp

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Ehemaliger Nutzer 15.11.2012 | 00:14

Mutig, was Frau Haan im Interview erzählt bzw. traurig... Denn es scheint doch so zu sein, dass viele Menschen nicht aus Leichtsinn und Verschwendungsucht in der Schuldenspirale landen, sondern weil sie - trotz Arbeit - über ihre Verhältnisse leben, einfach nur, weil die Miete zu hoch ist, das Kind teure Kleidung braucht oder man für den Weg zur Arbeit ein Auto braucht. Die elende Falle, dass die Überziehungszinsen und "Strafen" für nicht pünktliche Rückzahlung von Raten und Gebühren unverhältnismäßig hoch sind und einen Menschen in den Ruin treiben können, gehört geächtet und abgeschafft. Es ist gut, dass den verschuldeten Menschen geholfen wird, bzw. sie lernen, sich selbst zu helfen und auszutauschen.

kmv 15.11.2012 | 10:34

Ich denke schon, dass Verbraucherinsolvenzen das veränderte Konsumverhalten und die Überproduktion der Wirtschaft spiegeln. Wer will sich schon ein Paar Sommer- und ein paar Winterschuhe beschränken, wenn so viele tolle und unterschiedliche Modelle angeboten werden? Und Kids, wenn kein anderes Unterscheidungsmerkmal da ist,aufgrund von Klamotten beurteilt werden? Was wäre das Nötigste und wer bestimmt das?

Wer will sich dem Aufruf widersetzen mehr zu konsumieren, da die Wirtschaft sonst zusammenbricht? Und was ist (Markt)gerecht? 30 qm in der Innenstadt für eine Miete, die den gesamten Arbeitslohn einer gelernten Fachkraft frisst? Wer und was (be)misst eigentlich wie 'gewinnbringend' ein Vortag und ein Vortragender ist für den 15 000 € investiert werden?

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Ehemaliger Nutzer 15.11.2012 | 18:23

@KMV

Was wäre das Nötigste und wer bestimmt das?

Die Frage kann ich zunächst mal nur für meinen Dunstkreis beantworten: Bei mir zu Hause bestimmt der "gesunde Menschenverstand" was das Nötigste ist!

Wenn sich jemand zu Ausgaben verführen lässt, die weit (Betonung auf weit) außerhalb seines Budgets liegen, gibt er die Verantwortung ab und handelt unvernünftig. Diese Art von Verhalten möchte ich nicht unterstützen. Mir geht es um Situationen, wo jemand unverschuldet die ganz "normalen" Ausgaben für Lebensunterhalt und das "Nötigste" (keine Pralinen) nicht mehr zusammenkratzen kann, und gezwungen ist, Dispo-Kredit und andere Kredite zu überziehen. Und der daraufhin mit extrem hohen Zinsen und Rückzahlungsmodalitäten bestraft wird.

Wer sinnlos das teure 50. (fünfzigste) Paar Schuhe im Internet bestellt (ich habe übrigens tatsächlich eins für den Winter, eins für den Sommer, eins für den Frühling, eins für den Herbst plus Hausschuhe) und das dann nicht bezahlen kann, ist in meinen Augen ein bißchen dumm.

jimini 15.11.2012 | 19:44

Das Land ist pleite. Hier und da heben die Bürger langsam die Hände. Stellvertretend für das laufende System. Politik ist nicht das worüber in der Presse berichtet wird. Politik misst sich für mich daran was im Kühlschrank (wenn noch vorhanden) bzw. im Postkasten ist.. Wenn 300.000 Menschen jährlich allein der Strom abgestellt wird, sagt das alles über "unsere" Politik aus. TV aus = 360Watt gespart und die Hirnwaschmaschine einmotten. Selbst mit dem Denken beginnen..Peinlich muss es den Insolventen Bürgern nicht sein, unsere Regierenden schämen sich letztlich auch nicht. Letztere sollten es aber.