Offene Enden – was sonst

Flug 4U 9525 Leben und Tod - Privatheit und Öffentlichkeit - Unglück und Schadenbegrenzung ...... Zuviel Gefühl benebelt den Verstand
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Beim Sterben wegsehen oder den Tod zu verdrängen gilt nicht. Tritt er ein, mehr oder weniger erwartet oder vollkommen überraschend und brutal bleibt nichts anderes übrig als damit umzugehen. Jeder auf seine Weise. Leise und laut, zornig und unsäglich traurig. Wir blicken auf die bürokratischen und praktischen Aufgaben, die als lange to-do-Liste den diffusen Gefühlen gegenüberstehen. Wir machen die Erfahrung des zögerlichen Weiterlebens, des Haderns und der aufkeimenden Unbeschwertheit in den Monaten und Jahren danach – ausnahmslos und naturgemäß immer einzigartig.

In den USA ist es üblich, dass bei einem Trauerfall Nachbarn, Freunde und Bekannte einspringen und Alltagsaufgaben übernehmen. Sie kaufen ein, putzen, bringen tagelang Unmengen an Essen, zeigen Fotos und teilen Geschichten und Erlebnisse mit, die sie mit dem Toten verband. Lachen und Weinen, Reden und Schweigen wechseln sich ab. Es sind sehr intime, auch komische Momente, die obendrein in den Monaten, in denen das Alltagsleben wieder übernimmt, ihre volle tröstliche Wirkung entfalten.

Persönliche Beileidsbekundungen gerne ins Kondolenzbuch.

Lange erlebten wir in unserer Gesellschaft den Tod im Ausnahmezustand des Krieges oder als Einzelfall, in der Familie, dem Bekanntenkreis und als Verlust einer öffentlichen Person. Wir könnten es wissen, eigentlich. Wir alle leben angesichts des Todes. Was kümmert mich der tote Radfahrer? Bei Rot fahre ich dennoch über die Ampel. Der Tod, nah und doch so fern.

Gestorben wird immer - Täglich, Stündlich, jede Minute. Weltweit, neben mir und nicht nur vorzugsweise medial. Ob und wie der Tod eines Menschen tatsächlich berührt ist eine komplizierte Angelegenheit.

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Paradox: Der Schauspieler Jan Josef Liefers, berichtet die Moderatorin des öffentlich-rechtlichen Fernsehen engagiert, schreibe auf Twitter, „ich denke an die Passagiere und halte lieber mal die Klappe“.

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Medien multiplizieren, personalisieren und generalisieren Beileidbekundungen und Todesfälle mit uns selbst als Protagonisten. Ein Flugzeugunglück in Malaysia, ein Amoklauf in den USA, der Tod von Tausenden von Flüchtlingen im Mittelmeer? Als zuschauende Außenstehende wägen wir ab, wie persönlich der Tod eines oder mehrere Menschen zu nehmen ist. Wir bemühen geographische, nationale, emotionale Kategorien oder Altersstufen. In unserer Phantasie sehen wir die verpasste Zukunft des Jungen, Karl W. (17) und in dem Alten, Karl W. (81) die doch schon reichlich gelebte Vergangenheit.

In diesen Tagen erleben wir ein Kaleidoskop an allgemein zugänglichen Trauerbekundungen und öffentlich gezeigten Trauergefühlen. Der Umgang mit einem Flugzeugunglück, der Tod als öffentliches, nahezu nationales Ereignis. Ein Wir-Gefühl vereint im scheinbaren Ausnahmezustand.

Die immer selben Bilder und Geschichten in medial aufbereiteten Endlosschleifen vermitteln den Eindruck unmittelbarer Nähe. Die wiedergespiegelten Beileidbezeugungen verdichten sich zur sozialen Erwartung an jeden Einzelnen von uns. Das Ich, vereint in einer virtuellen Welt, als Teil und Ausdruck einer Gesellschaft, die existenzielle Alltagsqualen überwunden zu haben scheint.

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In der FAZ ist Frank Lübberding‘s Fernsehkritik über die Sendung Sandra Maischberger übertittelt mit ‚Wir Voyeure‘. Auf dieser Plattform beginnt Altermann seinen Beitrag mit, „Das Ministerium für Betroffenheit und Bestürzung arbeitet auf Hochtouren. im Kommentarstrang folgt der Fingerzeig auf den selbst vorweggenommen ‚Spielverderber‘, der sich dem Mehrheitsgefühl verweigert.

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Ein Unglück ist nicht vorhersagbar aber nicht unerwartet.

Innehalten angesichts des Todes impliziert, jegliche Tätigkeit komme zum Stillstand. So aber funktioniert das Leben nicht. Nie. Das läuft so präzise weiter wie ein schweizer Uhrwerk. Läuft es nicht mehr ist es tot. Es ist unser Blick auf das Leben, der sich von einer Sekunde zur anderen ändert. Ein Tunnelblick, wie gelähmt starren wir auf das, was nie mehr da sein wird.

Die französische Soziologin Eva Illouz weist darauf hin, dass der psychologische Blick auf die Dinge, der ihrer Meinung nach die gesellschaftliche Wahrnehmung prägt, die Frage nach den jeweiligen sozialen Bedingungen unterdrücke. Je mehr wir den Blick auf die Psyche (Befindlichkeit) fokussieren wenden wir den Blick von institutionellen Strukturen die mit bewirken, was wir zu sehen vermeinen.

Gerade bei einem Unglück scheint mit dem Tod eines Nahestehenden die Welt stehen zu bleiben. Was war ist weg, von jetzt auf gleich, unwiederruflich. Die Erfahrung lehrt, die Verlusterfahrung und ihre Folgen stiftet Gemeinsamkeit und unterscheidet. Die Eltern, die ihr Kind im Teenageralter verlieren stehen vor anderen emotionalen und materiellen Herausforderungen, als die Witwe, deren Mann alleiniger Ernährer war oder die Kinder, die nun Waisen sind. Ganz zu schweigen von den Eltern die mit dem Verlust des Sohnes einen vermeintlichen Täter betrauern.

Überhaupt, die Kosten und Rechnungsstellungen; sie sind im Hintergrund schon angelaufen bevor der Absturz an die Öffentlichkeit gelangte. Die Sitzungen hinter den verschlossenen Türen, in den Konzernen und bei den politischen Zuständigen. Eine Krisensitzung jagt die andere. Schadensbegrenzung ist angesagt. Das Bilanzieren, das Durchspielen verschiedenster Alternativen und Optionen. Die Sorge um den Imageschaden, der durch eine falsche Krisenintervention erfolgen kann. (PAN AM, Lockerbie). Die sprachliche Abstimmungen intern, extern und mit der Presse. Die Frage der Schuld und die Übernahme von Verantwortung. Was darf, was soll gesagt werden? (Niki Lauda bedauerte bei ebendieser Maischberger-Sendung, wenn die Blackboxes, die Stimmaufzeichnungen und Datenschreiber gefunden werden, würden zu guter Letzt die Juristen und Rechtsgelehrten über die Berichte schauen).

Zweifelfrei ist es die Pflicht und die Aufgabe eines Staatsanwaltes Ermittlungen unter einem bestimmten Verdachtsmoment vorzunehmen und die Auswertungen von Daten dementsprechend zu gewichten und Kausalitäten herzustellen. Der zuständige französische Beamte Brice Robin hat seine Ergebnisse innerhalb von 48 Stunden vorgelegt. Das ist schnell und doch nachvollziehbar, denn der Druck Stellung zu beziehen dürfte enorm gewesen sein. Allerdings ist damit die Ermittlung wegen Vorsätzlicher Tötung erst einmal eingeleitet. Ob das Protokoll des Flugschreibers, als Transkript veröffentlicht wird, oder bleibt es bei der staatsanwaltschaftlichen Interpretation?

Bei unser aller Dienstleister, den Journalisten, Reportern und Redakteuren findet, nicht zum erstenmal, die klassische Journalistenregel, Information vs. Meinung kaum Anwendung. Vergessen scheint der Grundsatz den den Leser, User oder Zuschauer kenntnisreich zu informieren, mittels einer nach allen Seiten offenen, prägnanten Berichterstattung. Gefühlsbetonte Meinungen und Behauptungen sowie die (ungeprüfte) Übernahme anderswo geäusserter Gedankengänge sind weder klärende noch hilfreiche Instrumentarien. Das Spiel mit der Emotion so der treffenderweise der Titel einer Berichterstattung über Flug 9525 imCicero.

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Ein spanischer Reporter, 50 km vor der Unglücksstelle, blickt in die Kamera und sagt, die Kollegen in Barcelona im Studio wären teilweise sicher besser informiert, aber man tausche sich ja aus und er werde jetzt gleich auf Sendung gehen.

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Gaffen und Unfall- und Katastrophentourismus so hören wir regelmäßig, gehört sich nicht und wir alle sollten bei Unfällen tunlichst den Rettungskräften und Unfalltechnikern nicht im Wege stehen. Gegenwärtig erleben wir unsere Politiker in einem neuen Schritt der Aufmerksamkeitsrepräsentanz.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und auch die Bundeskanzlerin eilen zur Unfallstelle. Genau genommen wissen wir doch um den logistischen Aufwand, wenn Repräsentanten des öffentlichen Lebens einen Besuch absolvieren. Es wird präpariert und investiert, das Protokoll läuft auf Hochtouren, der personelle, technische und materielle Aufwand ist enorm, ebenso wie die Ertragshoffnung aller Beteiligten.

Trösten Bilder? Wen? Was gewinnen die Minister, die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident dadurch, dass sie sämtliche Agenda-punkte streichen, um an die Unglücksstelle zu eilen? Was ist der Mehrwert gegenüber einer persönlichen Ansprache aus dem Kanzleramt sowie der kommenden Teilnahme an den Trauergottesdiensten? In welchem Punkt machen sekundenschnelle Blicke auf den Unglücksort, aus der Luft die ministerielle Arbeit ergiebiger?

Innehalten kann sich im kommerziellen Tagesgeschäft kaum einer leisten, was nicht heißt, dass er in seinen eigenen privaten Wänden nicht genau dies tut. Natürlich geht es hier auch um Interessen, um wirtschaftliche, politische und nationale Interessen. German Wings ist die Tochter von Lufthansa, dem Kranich, die nationale deutsche Fluggesellschaft, die zuletzt mit dem Ausbau ihrer Low-cost carrier-Pläne auf Wiederstand stieß und ansonsten im harten Preis- und Konkurrenzkampf mit den Mitbewerbern um Passagiere und Ranking-Plätze kämpft.

Die Börse reagiert. Bei Airbus werden die verantwortlichen Manager die Folgen des Flugzeugabsturzes in ihren Konkurrenz Kampf mit Boeing durchkalkulieren und auf menschliches Versagen hoffen. Lufthansa ist so oder so, bei technischen oder menschlichen Versagen, in der Pflicht. (Bemerkenswert der Umstand, dass ‚psychische Probleme‘ bzw. psychiatrische und psychologische Dienstleistungen einerseits als gesellschaftliches (Heilungs- und Optimierungs) Angebot gelten, im Zweifelsfall aber gegen denjenigen, der sie in Anspruch nahm oder nimmt, gewertet werden.)

Und die Berufsgruppe der Piloten? Am tag des Unglücks sagte im Vorbeigehen ein Pilot auf dem Weg zu einem Flug und seine Gesicht spiegelte die Sorge, dass hoffentlich nicht wieder ein Pilotenfehler als Ursache festgehalten werde. Heute wissen wir, dass diese Sorge durchaus berechtigt war.

Tragödien wie die des Fluges 4U 9525 können der Aktion einer einzelnen Person zugeschrieben werden, der Einzelfall par excellence, mit ursächlichem Handeln als Alleinstellungsmerkmal.

Vor Gericht wird vor einem Urteil der Kontext, der letztendlich zu der Tat führte, beleuchtet. Die Motive des Piloten seien nicht relevant, so Philip Bramley, Vater eines getöten britischen Passagiers und wünscht, 'Fluglinien mehr transparent' und 'Piloten ordentlich betreut'.

Staatsanwalt und Verteidiger in Rede und Gegenrede. In welcher Gemenglage kommt es dazu, dass ein Mensch tut, was er tut - wer möchte das nicht verstehen?

13:42 28.03.2015
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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