"Rechnen geht gar nicht, aber Abitur schon"

Dyskalkulie Keine höhere Schulbildung für rechenschwache Kinder? Der streng normierte Schulbetrieb lässt kaum Leistungsabweichungen zu
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Jochen* mag keine Zahlen. In den ersten Schuljahren schreibt er die Zahlen spiegelverkehrt. Nur mit Hilfe seiner Finger kommt er zu Ergebnissen. Die Lehrerin erklärt ihm liebevoll, dass er mehr üben müsse. Nachdem der erwünschte Erfolg nicht eintritt, wird nicht nur ihr Ton strenger. Sie appelliert an die Eltern und fordert, es müsse zu Hause mehr mit Jochen geübt werden. Doch selbst intensives Üben bringt keinen oder nur kurzzeitig Erfolg. Nach ein paar Tagen ist alles wie "weggeblasen".

Der Begriff Dyskalkulie oder umgangssprachlich die Rechenschwäche verweisen auf ein Unverständnis für mathematische Zusammenhänge. Zahlengrößen lassen sich nicht auf einen Blick erfassen und Rechenoperationen sind keine routinierten Handlungsabfolgen sondern bereiten erhebliche und andauernde Schwierigkeiten. Im Alltag sind Betroffene vielleicht sehr genau im Nachzählen ihres Kleingeldes oder pünktlicher als andere. Sie wiederholen eine Zahlenfolge mehr als einmal aus Sorge vor Zahlendreher oder stutzen ungläubig, wenn sie hören, dass 7/8 mehr ist als 1/3.

Es ist der streng hierarchisch aufgebaute Mathematikunterricht des Schulsystems der 'mangelndes Zahlenverständnis und Rechenschwäche' offenlegt. Normal begabt, und gemäß ihres Alters und des inneren Reifegrades eingeschult, zeigen die betroffenen Schüler, von Mathematik abgesehen, keine Mühe mit dem Leistungsanspruch des Schullehrstoffes. ‚Faulheit‘ des Schülers deshalb scheint naheliegend. Lehrern und Eltern fällt es schwer die Lern- und Verständnisschwierigkeiten im Mathematikunterricht (an)zuerkennen.

Jochen’s Eltern suchen Hilfe von außen und lassen ihren Sohn in einem lerntherapeutischen Institut testen. Es stellt sich heraus, dass Jochen eine gestörte Vorstellung davon hat, was sich hinter Mengen, Volumen verbirgt. Isoliert betrachtet schätzt er einen Laib Brot auf 14 Kilogramm, die Entfernung zwischen Tür und Wand auf 73 Meter. Von einer gravierenden Rechenschwäche sprechen der Gutachter und später der schulpsychologischen Dienst.

Wer abweicht, fällt durchs Raster

Teilleistungsstörungen, wie Rechenschwäche, Lese- und Rechtschreibschwäche oder Probleme beim Erwerb einer Fremdsprache sind Begleiterscheinungen des Regelunterrichts. Der Blick durch die Lupe sozusagen, der Abweichungen und Unschärfen des normierten und methodischen Schulbetriebs auslotet. Indem der Lehrplan Vorgaben enthält, was Schüler des entsprechenden Jahrgangs zu vermitteln ist und was sie erreichen sollen. Übrig bleiben Kinder, die durch das Raster eines Unterrichts fallen.

Scheitern können "Hochbegabte" ebenso "Leistungsschwache" oder eben rechenschwache Kinder. Deren durchaus alltauglicher eigenwilliger Umgang mit der Zahlenwelt wird zu einem Problem, da formales Rechnen nicht nur Bestandteil naturwissenschaftlicher Fächer wie Biologie oder Physik ist. Vielmehr ist Mathematik im deutschen Bildungssystem ein Kern- oder Hauptfach. Als solches ist es nicht abwählbar und die Note Vier, oder (auszugleichend) Fünf ist Voraussetzung für die Versetzung in die nächst höhere Klasse.

In der 6. Grundschulklasse erarbeitet sich Jochen den Zahlenraum von 1 bis 10 neu mittels einer integrierten Lerntherapie. Im Lauf der Zeit lässt er seine ureigenen, teilweise sehr kreativen Wahrnehmungs- und Berechnungsmethoden hinter sich. Seine Größenvorstellungen werden realistischer, der Umgang mit Geld, Uhr und Messgeräten routinierter. Jochen erlernt effektive Strategien und gewinnt die verlorene Selbstsicherheit zurück. Am Ende hat er fast das Klassenziel erreicht. Fast, denn nicht sein Leistungsstand beendet die Therapie nach 1 ½ Jahren, sondern die Kostenstelle des zuständigen Jugendamtes.

Nach § 35 des Jugendhilfegesetzes hat jedes Kind Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft. Dyskalkulie wird von der Weltgesundheitsbehörde (WHO) als Entwicklungsstörung klassifiziert. Insofern übernimmt das zuständige Jugendamt, auf Antrag der Eltern, die Kosten einer Lerntherapie. Voraussetzung ist, dass ein Fachdienst, in der Regel der Schulpsychologische Dienst eine ‚gravierende Rechenschwäche‘ diagnostiziert und befürwortet. Empfehlung und Länge einer Lerntherapie werden in den einzelnen Städten oder Bezirken, je nach öffentlichen Mitteln sehr unterschiedlich gehandhabt.

Einerseits veröffentlicht die neuere neurophysiologische Forschung Daten, denen zufolge bestimmte Regionen im Gehirn bei Rechenschwachen weniger aktiv sind als bei Nicht-Betroffenen. Die These einer vererbbaren Gehirnstörung steht im Raum. Es gibt Ärzte, die auf dieser Grundlage das Amphetamin Ritalin verschreiben, damit könne sich das Kind ‚entspannter und leistungsbereiter‘ an die Lösung der Aufgaben wagen.

Andererseits gilt Rechenschwäche nicht als Krankheit, sondern als aufholbare Entwicklungsstörung. Das Schulgesetz aller Bundesländer stützt sich darauf indem es festschreibt, dass eine Dyskalkulie bis spätestens zur 10. Klasse behoben sein muss. Das heißt, abgesehen von informellen schulischen Kulanzregeln, befinden sich die Betroffenen und Ihre Eltern in einem rechtsfreien Raum.

Offen mit Schwächen umgehen

Blinden oder gehörgeschädigten Schülern wird sonderpädagogischer Bedarf zugebilligt. Als lernbehindert diagnostiziert, erhalten sie Hilfsmittel oder andere Kompensationsleistungen. Für Legastheniker ist ein sogenannter Nachteilausgleich gesetzlich verankert. Ein Schüler, der mit der Rechtschreibschwäche kämpft, kann Zeitvorteile in Anspruch nehmen oder beantragen, mündlich geprüft zu werden. Der Verzicht auf schriftliche Prüfungen hilft rechenschwachen Schülern nicht. Mathematik bedingt exaktes Rechnen, der Rechenweg muss beschritten und vollzogen werden, gleich, ob in schriftlicher oder mündlicher Form. Das macht eine Lösung für alle Beteiligten so schwierig.

Für Jochen und seine Eltern ist das Medikament Ritalin keine Option. Sie entscheiden sich nach der Grundschule für eine Schulform, die Jochen die Chance gibt, sich ein Schulprofil anzueignen, das seiner Persönlichkeitsentwicklung entspricht. Das Erlernen einer zweiten Fremdsprache wird nach hinten verschoben. Stattdessen wählt Jochen die handwerklich ausgerichtete Arbeitslehre als Wahlpflichtfach. So kann er Luft holen. In Mathematik ist er dem Grundkurs zugeordnet; hier wird nur der ureigene Fortschritt benotet. Die eigentlich ungenügende Punktzahl kompensiert Jochen durch zusätzliche Anstrengung in den übrigen Fächern. Zwischenzeitlich lernt Jochen mit seiner Rechenschwäche offensiv umzugehen. Er spricht neue Lehrer an, erzählt von seiner Rechenschwäche und bittet um zusätzliche Aufgaben, mit denen er gegebenenfalls mangelhafte Resultate ausgleichen kann.

Mittlererweile ist Jochen in der 9. Klasse der Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Die Mathematikprüfung des zentral gesteuerten Mittleren Schulabschlusses (MSA) ist die nächste Herausforderung des schulischen Leistungskontrollsystems. Ohne Wenn und Aber wird Jochen mindestens eine Fünf schreiben müssen.

Selbstbewusst erklärt er, der Lerntherapeut und seine Lehrerin hätten ihm eingeschärft unter keinen Umständen ein leeres Blatt abzugeben. Notfalls solle er in Worten beschreiben, wie er die Aufgabe verstehe oder wie er sich den Rechenweg vorstelle. Jochen ist sich sicher, dass er sein Ziel, den Übergang zur Oberstufe erreichen wird.

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*Namen geändert

1st published meta-ebene.de

16:08 08.11.2012
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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