Reparatur des Körpers Störfaktor Mensch

Klinikaufenthalt 'Das Krankenhaus' ist ein Dienstleistungsanbieter in dem eine Person, als Patient, untergebracht, versorgt und verpflegt wird, zumindest nach eigenem Selbstverständnis
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Reparatur des Körpers Störfaktor Mensch
Foto: Miss Chicken / Flickr (cc)

Frau L. kommt einen Tag nach mir. Ich schätze sie auf Mitte, Ende 60, später wird sich heraus stellen, dass sie 77 Jahre alt ist. Stahlblaue Augen, die weißen Haare seitengescheitelt und in Kinnlänge. Kurz nach ihrem Eintreffen kommt der junge Arzt. Er vermeidet Augenkontakt. Sie fragt ihn, ob sie rausgehen, Er aber zeigt zu dem Tisch und so werde ich unfreiwillig Zeuge Ihrer Krankengeschichte. Eine Darmspiegelung fragt die Hausärztin an. Frau L. rechnet mit Hämorriden, die können plagen, das weiß sie von ihrem Vater.

Krankenhauspatient zu sein beinhaltet auf Leib und Körperfunktionen reduziert zu werden. Die sind quantifizierbar und bis auf die Kommastelle genau aufteilbar nach dem Krankenhausfinanzierungsgesetzes. Der Tagesablauf ist geregelt - für das Personal und die Patienten. Unzählige Messungen, mehrmals am Tag, manchmal auch kurz hintereinander, wenn die interne Kommunikation des Pflegepersonals nicht klappt. Fahrten im Bett , Rollstuhl oder Gehend in Begleitung zu weiterführenden Untersuchungen. Der Arzt der eine Magenspiegelung unter Vollnarkose vornehmen wird sieht meine gerunzelte Stirn. Er beginnt die Maschinen zu erklären. Das sei nicht das Problem gebe ich zu kennen. Meine Skepsis gilt den Menschen, die die Apparate bedienen. Er nimmt es mit Humor und verspricht nicht zu telefonieren währenddessen.

Überhaupt die Menschen. Frau L. erzählt, dass sie immer berufstätig war und auch in der Ehe immer über ihr eigenes Konto verfügte. Sie wundert sich wieviel Frauen auf der Station beschäftigt sind und sinniert darüber, weshalb sie wohl den Schwesternberuf ergriffen haben. Beide wünschten wir uns, dass Oberschwester Ingrid, die von der Sachenklinik, Dienstags in der ARD, ihren strengen Blick ab und zu in die Runde würfe und die Abläufe koordiniere. Das ununterbrochene Schreien der Frau, drei Zimmer weiter, drückt nicht nur unsere Gefühle aus, sondern auch auf unser Gemüt. Edvard Munch‘s: ‚Der Schrei' habe ich auch vor Augen, als ich die verzweifelte Tochter sehe, die seit Tagen durch Berlin läuft um ein Heim oder ein Krankenhaus für die Mutter zu finden.

Frau L. und ich haben Glück miteinander. Wir lieben das geöffnete Fenster, keinen Besuch und ignorieren die Telefonflatrate. So vergehen die Tage. Nach drei Tagen beginnt mein Magen, ob der ungewohnten Krankenhauskost zu rebellieren und stellt um auf Durchlauf. Ich denke an die Tüte des Discounters, die Sandra Maischberger einst mit der Bemerkung, sie habe nicht gewusst, was man für € 5 alles kaufen kann, vor sich ausschüttete. Graubrot, Knäckebrot oder Vollkornbrot aus der Packung. Die Wurst bestellen wir sofort ab. Wir sind amüsiert, als die große Essenglocke den Blick frei gibt auf eine Scheibe Käse, der nur in Stücken vom Teller abzukratzen ist. Die Schmelzkäsetiegelchen lassen wir liegen. Wir überlegen, ob für das Essen hier, mehr oder weniger Kosten zu Buche schlagen, als für das Schulkantinenessen. Und stellen fest, dass wir beide die Zeit lieber anderswo verbringen als am Herd, gerne mit nur einen Topf kochen, allerdings frische und regionale Zutaten mögen.

Wechselnde Ober- oder Assistenzärzte teilen mir wechselnde Diagnosen mit. Meine Bitte, dass ich das alles gerne noch einmal in Normalsprache hören würde macht sie „wuschig“, bemerkt zumindest Frau L. Auf meine Nachfrage meint sie, ich sei etwas streng und als Lehrerin sollte ich besser nicht arbeiten. Zwei Tage später bringt sie mich aus der Fassung, als aus ihrem Mund das Wort A und Löcher zu vernehmen ist mit dem sie, kurz und knapp, das pflegende und das andere Personal auf den Punkt bringt.

Frau L. hat Pech. Gerade hat sie mir noch erzählt wie ihr ein Pfleger vor einigen Jahren eine blaue Plastiktüte mit den persönlichen Sachen ihres Mannes in die Hand drückt. Zwar war der noch nicht tot und wird auch noch einige Stunden leben, aber der Pfleger hatte gerade Leerlauf. In der Sachsenklinik hatte sich am Vorabene Pia, die gerade eine Chemotherapie durchläuft, die Haare ab rasiert und zeigte sich demoralisiert. Frau L. kommentierte das Verhalten von Pia mit der Bemerkung, sie stelle sich zu sehr an.

Der junge Assistenzarzt, dem wir nach Anlaufschwierigkeiten inzwischen zugeneigt sind macht es kurz und schmerzlos. Tumor, bösartig. Krebs. Nochmals eine genauere Untersuchung für eine feinere Diagnostik. Frau L. schluckt. die Darmspiegelung oder besser die Vorbereitung dazu hatte sie geschlaucht. Sie überlegt. Scheinbar zu lange. Die Stimme des Arztes wird schneller und lauter. Krebs, es gehe um Leben und Tod. Und, es sei ihre Entscheidung.

Das sagt er auch zu mir, als ich ihm sage, dass ich mich sofort selbst entlasse. Ich kann es verantworten. Seine Vermutung bezüglich meiner Symptome ist durch die Diagnostik nicht zu bestätigen. Mir wäre eine Diagnose lieb gewesen. Irgendeine. Auch ich schlucke jetzt. Ich bin an eine Grenze gekommen. Und ich fühle mich nicht krank genug um das Krankenhauspersonal, das schon aus Selbstschutz gleichmütig agieren muss, länger zu ertragen. Schamgefühle, individuelle, gar psychische Befindlichkeiten sind Störfaktoren in einem laufenden Krankenhausbetrieb. Jedoch, ich kann sie doch noch nicht ad acta legen.

Frau L sagt, sie wird tun, was der Arzt ihr vorschlagen wird, nun sei sie schon mal hier. Ihre Augen blitzen als sie sagt, dass sie schon noch Lust habe auf ein paar Jahre. Ich hoffe für sie, dass der Krebs operabel ist.

1st published meta-ebene.de

19:44 28.10.2012
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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