Die genormten Schaltpläne in meinem Kopf

Schwarz-Weiß-Denken Eindimensionale Scherenschnitte und schwarz-weiße Schaltpläne. Das Bild des zusammengekauerte Kindes, das sich klein macht. Reale Gestalt und Komplexität sieht anders aus
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Nicht gesehen zu werden, nur nicht auffallen. Machtlosigkeit und Ohnmachtsgefühle. Die da oben, ich da unten. Gegen “die“ ist man machtlos. Wer auch immer „die“ sind. Schwarz-weiß Bilder im eigenen Kopf.

In einer Fernsehreportage von NDR-Reporter Christoph Lütgert gab es eine Sequenz, in der der Filmemacher den Gründer des Finanzkonzerns AWD Maschmeyer um ein Interview bittet. Spiegel online, schrieb zu dieser Sequenz (Zitat Panorama Website): „Seine (Maschmeyers) ganze Haltung drückt aus: Was willst du Wurm von mir! Selten war der vergebliche Versuch, mit einem so reichen und einflussreichen Mann ins Gespräch zu kommen, erhellender.“

Ich hatte diese Sequenz völlig anders wahrgenommen: Seine ganze Haltung drückte aus, wie komme ich jetzt aus dieser Situation heraus? Wie stehe ich da? Ich sah einen gehemmten Mann, der sich an seinen Papieren festhält. Der nicht über die Chuzpe verfügt, die Situation klar für sich zu definieren.

Keine Ahnung, welche Voreinstellung im Kopf jenen Autor dazu veranlasste die Schablone Herr und Knecht über die Szene zu legen um in ehrfürchtiger Pose vor was auch immer, Herrn Maschmeyer zu überhöhen. (Maschmeier hat später per Gerichtsbeschluss ein Verbot der Passage durchgesetzt.)

Die Kanzlerin, Angela Merkel wurde jüngst zur mächtigsten Frau der Welt ausgerufen. Ich kenne sie nur aus den Interpretationen der Medienleuten und den eigenen funktionsbezogenen Inszenierungen. Nur einmal habe ich sie persönlich gesehen. Das ist lange her, beide standen wir am Brotstand auf dem Markt und kauften das gleiche Brot. Worin begründet sich die ihr zugesprochene Macht?

In das tägliches Leben greift sie nicht ein. Anders als der Graf es tat, dem das Dorf gehörte in dem die Vorfahren mütterlichseits wohnten. Merkels Problem, die Kanzleramtsführung und das Ausloten von politischen Entscheidungsspielräumen sind nicht mein Problem. Wie ich mein Leben lebe oder in die Hand nehme, ist nicht ihr Problem.

Wohl bin ich in meinem Leben konfrontiert mit den rechtlichen und sozialen Folgen dessen, was wir heute Staat nennen. Der historisch gewachsen ist, dessen kulturelle Errungenschaften und Missstände eher durch die unterschiedlichsten Interessenverbände als durch Einzelpersonen zustande gekommen ist. Merkel managt Zusammenhalt dieser Tage. Ich fühle mich ihm als Bürger zugehörig fühle. Mit allen Rechten und Pflichten und zunehmendem Verwaltungskram.

Ich sehe das Kind vor mir, das eisern daran festhält keine Schokolade gegessen zu haben, die Augen aufgerissen, das Gesicht schokoladen verschmiert. Es tut mir leid, wie es so da steht und nicht weiß woran es ist. Elterliche Autorität, wie reagiert sie? Ich habe es gut sein lassen für dieses Mal. Andere Male, wenn Dritte mit einbezogen sind, begleite ich es und jedem würde ich die Rübe einschlagen, der ihm dumm käme. Der nicht anerkennen würde, welche Anstrengung dieser kleine Mensch auf seinem Canossagang gerade leistet.

I never promised you a rose garden, und Erwachsenenleben ist unterm Strich auch die Frage, ob ich mir einbilden kann, die Reize auf die reagiere zumindest selbst auszusuchen. Das ist mehr als endlich mit dem Stuhl zu kippeln oder das Schokoladenglas auf einmal auszulöffeln.

Noch nie in der Geschichte konnte ein Leben so offen gestaltet werden. Gleichzeitig war das Ich noch nie solchen Zumutungen ausgesetzt. Die Frage nach eigener Verantwortung. Wo weise ich sie ab und wo nehme ich sie an? Die Frage nach eigener Schuld bei sich rapide ändernden Gegebenheiten.

Insolvenz ist ein geordnetes Verfahren. / Arbeite ich für €6, 50 halte ich Verhältnisse in Stand. / Erbärmlichkeit im maßgeschneiderten Anzug. / Die Charitylady organisiert Bälle und liebt die Dritte Welt. / Der Unternehmergatte hat das Bundesverdienstkreuz und mag die Dritte Welt als Produktionsstätte. / Arbeiten Medienleute real oder virtuell. / Was hat das Iphone mit seinen Produktionsbedingungen zu tun. / Fürsorgepflicht im Arbeits- und Sozialrecht verträgt sich schon rein sprachlich nicht mit Manager und Global players. / Die Bildungsanstalt ist absolviert, angemessen bezahlte Arbeit knappes Gut. / Die Abfolge von Arbeitsleben und Ruhestand ist nur bedingt einlösbar. / "I did not have sexual relations with that woman... ist eine Lüge, Und, und und.

Ob Bürger, 'Wut'bürger, Ehemann/frau, Eltern, Konsument, Umweltschützer, Hartz IVer, Unternehmer, Linker Verhaltensrollen entstehen, werden zugeschrieben und wir sind gefordert uns in der einen oder anderen Weise dazu zu verhalten. Mal überfordert, jeder selektiv, häufig naiv, selten widersprechend, wie auch immer. In vielen Variationen und Abstufungen. Welche Schablonen greifen? Und welche ergreife ich?

Beim Drucker genügt ein Knopfdruck um von reinem Schwarz-weiß zu Grautönen umzuschalten. Ich bin ratlos in der Frage, wie das bei den Schaltplänen im Kopf jedes Einzelnen zu bewerkstelligen wäre.

1st published meta-ebene.de

19:04 25.09.2012
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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