»Schau mir in die Augen, Nick«

Sozialer Wandel und Web 2.0
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wir leben in spannenden Zeiten. Zwar besteht der Tag nach wie vor aus 24 Stunden und das Vorstellungsvermögen eines Menschen begrenzt sein Gehirn oder umgekehrt. Wir sind aus Fleisch und Blut. Und doch, ob wir wollen oder nicht, wir sind Teil des offensichtlich radikalsten strukturellen Wandel in der Menschheitsgeschichte.

What’s up?

Milliarden von Menschen können, zumindest theoretisch, in Echtzeit miteinander kommunizieren. Ich-habe-da-mal-eine-Meinung , Speaker’s Corner im Hydepark goes global. Basisdemokratie in Zeiten von WEB 2.0. World Wide Web interaktiv als Sprachrohr um die Welt zu deckeln.

Mehrheitlich in der Meinungsvielfalt und eindeutig im Meinungsurteil präsentiert sich die Welt im Netz. Greifbar, wie die Forderung nach Transparenz, komprimiert und komplex. So aufregend oder ergiebig wie das Leben, das sich in einem Wassertropfen verbirgt. Wir lernen schnell. Alles scheint möglich, solange es sich in Audio- Video- und Chatfunktion pressen lässt.

Gedanken sind frei und jeder Pups und jede Fassette der menschlichen Existenz und Umgangsform erscheint im Display. Der mediale Blick auf die menschliche Unergründlichkeit stellt die Hemmschwellen auf die Probe. ‚Klasse Geschichte, vielen Dank, dass sie sie mit uns teilen‘, sagt der Talkmaster zu der Frau, die ihr Kind verspeist und ihren Hund geheiratet hat.

Wer nicht in Facebook ist, ist gesellschaftlich nicht relevant erzählt Einer während der Veranstaltung ‚Aufbruch in die digitale Moderne’. Wer zählt ist drin, sagt zumindest der Tunnelblick und freut sich über die Übersicht. Wir mischen mit, sammeln Lesezeichen und zeigen Flagge.

Empörung oder Zustimmung - Hauptsache wir sind beteiligt. Der ‚like it‘-Button wird gedrückt, die Kommentarfelder der Social Media gefüllt. Unser Gefühlsreservoir instrumentalisiert im nächsten ‚Shitstorm‘. In Folge gilt es Abwehrmechanismen und Maßnahmen zu entwickeln, Geschäftsmodelle und Weiterverwertungsmärkte ebenso. Individuell und sozial. Nach dem Hundertsten #Aufschrei winken wir gelangweilt ab. Die Welt eine einzigartige Quelle der Enttäuschung. What’s up?

Mehr Wissen? Mehr Bildung? Mehr Vernunft?

Die Gedanken der Aufklärung: Der Buchdruck erweitert Öffentlichkeit und multipliziert sich durch das World Wide Web. Mehr Wissen. Mehr Bildung. Mehr Vernunft. Sprache als Instrument der Verständigung und des individuellen Selbstbewusstseins. Ein kausales Glaubens- und Hoffnungsbekenntnis.

Die Gegenstimmen in der intellektuellen Debatte verteufeln seinerzeit den Buchdruck als Teufelszeug und beklagen heute den Verlust unseres Denkens durch das Internet. Und hangeln sich entlang am gesetzten Gegensatz von Fortschrittsglaube und Kulturpessimismus.

Der gemeine Mitbürger erfreut sich derweil an seinem Mitspracherecht per Mausklick. Vorbei die Zeit als ein Leserbrief geschrieben, zur Post gebracht und bezahlt wird und gegebenenfalls doch nicht den Weg in die Öffentlichkeit findet. Es dem Auge des Betrachters obliegt Zensur oder was auch immer zu vermuten. Meinungsunterdrückung ist gestern, heute trotzt er bloggend und kommentierend der Meinungsflut.

Mitmach-Kontroll-Funktion für jedermann. Das Wikipedia-Gedächtnis als Quelle und Chronik des Fortschreibungsprozesses der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Die digitale Technologie als Beschleuniger gesellschaftlicher Entwicklung.

In immer kürzeren Zeittakten erweitert wir, die digitalisierte Gesellschaft Vergleichskapazität. Das Internet ein Informationsspeicher. Die Politik setzt heute auf Windkraft. Wir zeigen auf, dass sie gestern noch Atomkraft propagiert und attestieren Unglaubwürdigkeit.

WebContent unter dem Auswahlgesichtspunkt zumutbarer und erreichbarer Aufmerksamkeit. Der Wettlauf um Exklusivität. Mit was habe ich Chancen aufzufallen? Was könnte zum Dauerthema werden? Wie und mit was binde ich den Ansprechpartner? Definiere ich Verhaltensmaßgeblichkeiten auf meinem Portal? Die Mechanismen des Marktes. Die statistische Wahrscheinlichkeit, das demoskopische Messverfahren. Der Klickzahlzähler bestätigt den Rang der digitalen Existenz. Jeder Klick, das potentielle Geschäft oder Balsam für das Gemüt.

Sendeanstalten, Presseorgane und Online-Plattformen, die ihre Server im Netz zur Verfügung stellen und Bürger, Leser, User sitzen im selben Boot. Vorbei das Monopol des Wissensvorsprungs und der Informationsverbreitung. Die Übertragungskanäle sind vielfältig und der, der es weiß geht in der Menge der Experten unter. Information ist das, was mir der Leser/User/Zuschauer abnimmt.

Soziale Prozesse steuern kann keiner von uns. Darum kann es kaum gehen, wenn wir der Welt unsere Meinung hinzufügen. Sie und ich und all die anderen, die sich mehr oder weniger professionell betätigen in der Kommunikation medialer Welt. Wir, die wir eingeladen sind zur medialen Repräsentanz von Öffentlichkeit.

We are the world

Die Kommunikationstechnologie legt uns das Universum zu Füßen. Der Eintritt ist frei. Die Welt, voll mit mehr oder weniger ungefilterter persönlicher Meinungsäußerung und sozialer Meinungsvielfalt, steht online zu meiner Verfügung.

Die Verkehrsformen sind gewöhnungsbedürftig. Die digitalisierte Inszenierung ist entfesselt oft wissenserweiternd, manchmal spaßig, des öfteren würdelos oder der Würde beraubt.

Die Unvorhersehbarkeiten des Lebens. Nie bin ich mir sicher, was in den Köpfen anderer vor sich geht. Die Werturteile in meinem Kopf. ‚Das Gute und das Böse‘ und ‚das Richtige und das Falsche‘, höchstens veränderlich in der Zeitachse oder vom Blickwinkel. Unumstößlich, wie der Tod am Ende des Lebens. Hinter jeder Ecke steht einer mit der Keule so ist es überliefert. Einer stellt mich an den Pranger, der nächste klaut meine Daten oder gar die digitale Identität. Zwar sterben nach wie vor die meisten an Altersschwäche, älter als je zuvor, aber verbürgt ist das für keinen von uns.

‚Das größte Problem ist sozialer Natur‘ und „man muss wohl lernen, im Netz mehr auszuhalten, eine digitale Hasshornhaut zu entwickeln“ schreibt Sacha Lobo im Hinblick auf raue Umgangstöne im Netz. Er vermutet ‚in vielen Menschen schlafe ein Hassmonster, und das Internet vermöge es zu wecken, Dr. Jekyll und @mrhyde‘. Das Rüstzeug gegen den ‚digitalen Hass‘ , sucht Lobo hoffnungsfroh im Realen, in ‚Interneterziehung in Schulen‘ und ‚digitaler Herzensbildung‘ und ahnt: „Und dabei handelt es sich nicht um ein Ziel, das die Gesellschaft irgendwann erreichen kann, sondern um einen anstrengenden Prozess, an dem auch noch an jedem einzelnen Tag jeder Einzelne arbeiten muss.“

Millionen von Einzelgesichtern - so bringt uns jüngst die mediale Volksaufklärung ‚Unsere Mütter, unsere Väter‘ nahe - sind kollektiv unmittelbar persönlichen Erfahrungen und Emotionen ausgesetzt. So ist dem Einzelnen vollkommen unmöglich etwas anderes zu tun. Jede Generation verpackt ihre Angst auf das Neue.

In der virtuellen Öffentlichkeit individualisieren wir uns mit Nick. Das Rollenrepertoire grenzenlos. Ich bin Protagonist und trage Tarnkappe. War es Donald Duck, Mickey Mouse oder Daniel Düsentrieb und Tick, Trick u. Track? Egal. Ohne Ansehen der Person zeigen wir der Welt, was in uns steckt. Als Akteur, undercover auf öffentlichem Terrain. Anonymität als zweite Haut. Die altbekannten Glaubenssätze tragen wir im Gepäck.

K)einer hört, (k)einer sieht, (k)einer fühlt sich angesprochen, das Janusgesicht der menschlichen Existenz. Eintauchend in die Menge fühlen wir uns sicher. Das Risiko des Lebens ist minimiert. ‚We are the world‘.

– was ist die Zeit?

Den realen Lebensverhältnissen seinen Stempel aufzudrücken ist ein mühsames Geschäft. Wir Frauen wissen das immer schon. Das Private sind nicht politisch. Die Doppel-und Dreifach-Verhältnisse sind wie sie sind. Zum Zetern und Klagen verlassen wir das Haus um erleichtert zurück zukommen, kochen Abendbrot und ziehen den nächsten Mann groß, der im Haushalt höchstens hilft statt schlichtweg hinter sich aufzuräumen.

Männer denken von jeher in größeren Dimensionen. Weltrettung ist das Mindeste beim Aufbegehren gegen das was ist. Dazu beziehen sie die Politik auf die Wähler oder umgekehrt und die Produktion auf die Konsumenten oder so ähnlich.

Unterm Strich nehmen wir, die Frauen und die Männer uns nicht die Butter vom Brot. Szenarien werden entworfen, anklagend oder visionär und nach jedem Adrenalin-Ausstoß geht das Leben weiter wie gehabt.

Konsens, Öffentlichkeit, Organisationsstrukturen sind Ergebnis von Verhandlungen, Begegnungen auf Augenhöhe, unter vier Augen oder öffentlich. Ein Sachverhalt, eine Institution eine Kette von Einzelbeziehungen und angewendete oder nicht angewendete Sätze eines Regelwerks. Hinter jeder Online-Plattform steht Hardware, Software und ein Impressum. Immer schwer durchschaubar, es ist trotz allem Menschenwerk.

Eine Person, ein Bürger, ein unverwechselbares Individuum. Jeder kann zur Rechenschaft gezogen werden und im Schulterschluss lassen sich Gesetze kippen. Im Einzelfall funktioniert das mal besser und mal schlechter. Jedoch ist es das was Rechtsstaatlichkeit ausmacht. Was anders haben wir nicht.

‚Wahrheit‘ durch Erfahrung und Diskurs. Ein Du gibt es anscheinend immer. So Gott will, ein Ich. Unter Umständen Verantwortung für das eigene Tun und Lassen. Berechenbarkeit und Zuschreibung. Das Ideal - weit weg vom Kapuzengewand des Ku-Klux-Klan oder der Tarnkappenprotagonisten des Comics und des Nick in der virtuellen Welt.

"… und dauere es Millionen und Millionen mal Millionen Jahre – was ist die Zeit? –, du wirst einst gewiß auf der Stufe stehen, auf der ich jetzt stehe: Und du wirst einst gewiß auf einer Stufe stehen, auf der ich auf dich und du auf mich wirken kannst " ... so der Pädagoge Johann Gottlieb Fichte in seinerVorlesung ‚Über die Würde des Menschen‘ 1794 ...

1st published meta-ebene.de

16:39 15.04.2013
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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