Schavan ist weg - zu welchem Zweck?

Wissenschaft Anette Schavans Dissertation und die Misere der Wissenschaft
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Der Rücktritt der Ministerin ging schnell über die Bühne. Anette Schavan blieb keine andere Wahl – das Amt ruhen zu lassen oder sich vom Dienst freistellen zu lassen sieht politische Amtsführung nicht vor.

Über dreißig Jahre Gremien – und Verwaltungsarbeit wiegen eine formale Qualifikation nicht auf. Eine Qualifikation deren Problematik, nur vordergründig im Plagiat liegt, sondern in der Frage welche Kriterien einer Forschungsarbeit zugrunde gelegt werden (sollen).

Anette Schavans Doktorarbeit ist die Spitze eines Eisbergs. Ich wette, dass der überwiegende Teil der in Archiven schlummerten ‚geisteswissenschaftlichen Arbeiten‘ eine mittelmäßige Reproduktion gängiger Literatur oder Pi-mal-Daumen-Empirie darstellt.

Sicher ‚wissenschaftliches Arbeiten‘ wird schon in den letzten Klassen vor dem Abitur und im ersten Semester des Studiums vermittelt. Aber wissenschaftliches Arbeiten, da möge man staunen, ist tatsächlich mehr als Nicht-abschreiben oder fehlende Quellenangaben.

Zweifellos, die Form muß eingehalten sein, die Quelle genannt. Allerdings die Befähigung zur wissenschaftlichen Arbeit verweißt in erster Linie darauf, inwieweit der Promovend in der Lage ist Theoriegebäude zu zerlegen und Prämissen und Thesen anderer, gleich Bausteinen, freizulegen und neu zusammenzusetzen.

Insofern hat eine geisteswissenschaftliche Arbeit oder Untersuchung eine inhaltliche Komponente. Sie bemisst sich an originaler Begründung von Thesen und Prämissen. Oder dem Grundlagen-problematisierenden Charakter der Arbeit. Als Qualität trägt sie bei zum wissenschaftlichem Forschungsstandard. Und nennt sich Handwerk beherrschen. Erst mal unabhängig von mangelhafter oder unzureichender Quellenangabe.

All jenen, die sich jetzt hinstellen, wie übrigens Schavan selbst im Falle von Guttenberg, und in voller Selbstgerechtigkeit auf die eigenen Leistungen verweisen sollten sich fragen, ob ihre Dissertation tatsächlich der Arbeit eines ‚Plagiat’jägers, standhält. Und ob sie gegeben falls öffentlich des ‚Tatbestand einer vorsätzlichen Täuschung‘ angeprangert werden möchten.

Einer der Plagiatsjäger hat sich jetzt selbstständig gemacht. Ein neuer Robin Hood? Nennt mir eine Person, überweist die Kohle und ich überführe sie als Plagiator. Super Geschäftsidee oder doch nur neues Denunziantentum?

Lebte ich in einer idealen Welt, würde ich mir wünschen, dass der Schavan-Prozess einen Präzedenzfall schafft, der in der wissenschaftlichen Lehre und Forschung den dringend erforderlichen Selbstreinigungsprozess einleitet. Ich würde mir wünschen, dass Forschung nicht an seltsamen opportunen Praxis- oder besser Wirtschaftsbezügen gemessen wird. Sogenannte 'Theorie' und 'Praxis', nicht gegeneinander ausgespielt werden. Und die akademische Laufbahn mehr sei, als ein Hochdienen von der studentischen, dann wissenschaftlichen Hilfskraft über die wissenschaftliche Mitarbeiterin bis hin zu Professoren, deren Kreativität dabei zwangsläufig auf der Strecke geblieben ist.

In der realen Welt sehe ich nur Verlierer und das tut weh.

18:47 09.02.2013
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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