Schon mal ein System gesehen? Und wie war’s?

Niklas Luhmann „Es ist außerordentlich schwierig (…) im Kommunikationsprozess der zum Begreifen führen soll, das jeweils ausgeschlossene Andere mit darzustellen“.
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Das Theoriekonzept des Soziologen Niklas Luhmann steht für eine bestimmte Art zu denken. Anstelle von Denken in lineare Ketten befürwortet Luhmann das Denken in Strukturen und Prozessen. Moralisieren ist nicht sein Ding, er fragt nach dem Wie, und nicht nach dem Wesen der Dinge. Die eigenwillige Begriffsbildung macht die Luhmannschen Ausführungen schwierig, vor allem wenn das konkrete logische Problem nicht vor Augen liegt.

Wissenschaftliche Theorien sind Begriffsapparate und Instrumentarien, die für ein sehr spezielles Ziel entwickelt werden. Theoriebildung ist der Versuch die Aspekte eines Sachverhaltes, die für eine Erklärung als notwendig erachtet werden auszuwählen und miteinander in Beziehung zu setzen. Gedankenkonstruktionen müssen passen. Zu dem Ausschnitt der Realität, den sie beleuchten. Zu der Sichtweise des Lesers oder zumindest zu der Idee, was damit anzustellen wäre. Ihre Aussagen und unterstellten Ausgangspunkten glaubt man oder glaubt man nicht. Manchmal ist es das Glück, die eigenen Wahrnehmungen sprachlich fixiert zu finden, ‚emergente Ordnungsebenen‘ mit einbegriffen (bildlich: die Klappe bei Filmen).

Das Luhmannsche Denken stützt sich auf diverse Säulen, sprich Vorabentscheidungen und Grundannahmen:

Die moderne Gesellschaft ist nicht mehr segmentär sondern funktional ausgerichtet.

Der ‚Mensch an sich‘ ist keine Trivialmaschine, höchstens als Agglomerat von Systemen begreifbar, ansonsten eine nicht einsehbare Blackbox und hat somit in Theoriebildung nichts zu suchen.

Soziale Umwelt und Individuum entwickeln sich, nach Norbert Elias, in co-evolutionären Prozessen. In der Begriffssprache von Luhmann sind es soziale Systeme in der Umwelt von Psychischen Systemen. Sie bestehen aus Kommunikation und reproduzieren sich ausschließlich durch Kommunikation und ihrer Zurechnung als Handlung. Die Abstraktion ‚des Menschen‘ als Subjekt (gegenüber einer objektiv gegebenen Umwelt) findet in diesen Theoriekonzepten keinen Raum. Das Verhältnis gestaltet sich als theoretisch nicht trennbarer Konstitutionszusammenhang.

Handlungsangebote kann der Wissenschaftler dem Praktiker nicht anbieten. Oder anders formuliert der Transfer von Bedeutungsinhalten zwischen Theorie und Praxis oder Individuen ist per se eine offene Frage.

Die 80er Jahre. Die Welt ist „objektiv“ und von „reflektierenden Subjekten“ bevölkert. Wissenschaften haben ‚objektiv‘ zu sein und nicht nur dort heißt „subjektiv“ im Klartext, dass die Meinung des anderen hier nichts zur Sache tue. Der Philosoph Jürgen Habermas sitzt in Frankfurt, setzt auf ‚kommunikativ handelnde Subjekte‘ und den Begriff einer „kommunikativen Rationalität“, die die „Verständigung“ mit dem Anderen ermögliche’. Zusammengeschürt wird das Gedankenbündel durch den Appell an ‚Vernunft‘.

Ich bin gefrustet über die meisten wissenschaftlichen Bücher, die in meinen Augen gelungene Analysen oder Ist-Beschreibungen anfertigen. Nur die zweite Hälfte der Abhandlungen hakt. Was nützt mir eine Soll-Beschreibung deren Erfolgsaussichten mir mehr als zweifelhaft erscheinen, bei all den nicht bedachten Eventualitäten, nicht zuletzt sogenanntem ‚unvernünftigem Verhaltens‘, das sich mir beim Lesen unausweichlich aufdrängt?

Es lässt sich darüber streiten, ob das Fällen von Werturteilen zum Aufgabengebiet eines Wissenschaftlers gehört. In meinem Fach, gibt es sicherlich einen Unterschied in der Wertorientierung zwischen den Wissenschaftlern und den Erziehern oder Pädagogen. Auch länderübergreifend. Ich erinnere daran, wie im Freitags Salon der dänische Familientherapeut Jesper Juul behauptet, den Begriff der Erziehungswissenschaft (Opvoedkunde/Nl, Science of Education/ US) gäbe es (natürlich!) nur in Deutschland. Diese eigentümliche Mischung aus und Ignoranz und Unwissenheit findet sich bei den sogenannten ‚Praktikern‘ immer wieder gern. Dabei, streng genommen, beinhalten seine Bücher und Vorträgen auch eine abstrahierte Form des eigentlichen Erziehens. ‚Reflektierte Praxis‘ nennt Luhmann diese Reflexionsebene, die sich innerhalb identifizierter Systeme abspielt.

In Amsterdam ist im Gegensatz zu Deutschland Erziehungswissenschaft nicht philosophisch, idealistisch, geisteswissenschaftlich ausgerichtet. Auch wenn klar ist, dass die Basis des Fachs, ‚Erziehung‘ selbst ein Wert ist, bildet nicht die Zielbestimmung der Erziehung das erziehungswissenschaftliche Kernproblem. Vielmehr ist das Fach in Lehre und Forschung als Sozialwissenschaft ausgerichtet. Mit einem klaren gesellschaftlichen Focus, und den Blick auf die gesellschaftlich Deprevierten (sozial Benachteiligten). Zumindest steht es so im Studienführer 1981.

Das Problem der Erziehungswissenschaften wird in Folge als die Frage gesehen, wie Erziehung möglich ist. Die Suche bewegt sich auf der analytischen Ebene und fragt nach den Voraussetzungen. Es gilt ein Erklärungsmodell zu finden, das den (zu erziehende) Organismus zum einen als offen genug zeichnet, um aufnahmefähig zu sein für Einflüsse von seiner Umwelt. Andererseits muss er geschlossen genug gedacht werden, um der Eigenheiten des Individuums gerecht zu werden. Ein analytisches Problem, wie sieht das Modell aus, das beschreibt, dass Menschen als Gesellschaft und Menschen als Individuen sich in Abhängigkeit voneinander entwickeln?

Norbert Elias, an der Amsterdamer Universität lehrender Soziologe bietet mit dem Begriff der ‚Figuration‘ eine Klärung, indem er ansatzweise die gegenseitigen nicht aufzudröselnden Bedingungen von gesellschaftlicher und individueller Reproduktion beschreibt. Allerdings ist sein Theoriekonstrukt mehr heuristisch, als detailliert theoretisch ausgearbeitet. Auch bietet es nur eine ungenügende Basis für empirische Untersuchung. Vornehmlich offen bleibt die Frage wie ‚Figuration‘, also die Co-Evolution von Individuum und sozialer Umgebung identifiziert werden kann.

1984 erscheint ‚Soziale Systeme‘ von Niklas Luhmann, in dem die interdisziplinäre Allgemeine Systemtheorie im Hinblick auf das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum ausgearbeitet ist. Es ist ein Theoriekonzept, das von vornherein mit einem mehr empirischen Systembegriff arbeitet. Systeme bezeichnet er „als Ausschnitt der Realität, die nicht nur im Erkenntnisinteresse ausgewählt sind, sondern sich durch ihre Selbstorganisation von ihrer Umwelt unterscheiden“. Er charakterisiert Systeme dahingehend, dass und wie Ereignisse (Bedeutungszusammenhänge) darin verarbeitet werden. Soziale und psychische (menschliche) Systeme sind definiert als offen, komplex dynamisch, autopoietisch und reflexiv.

Die Frage kann demnach nicht sein, ob oder wie viel sozialer Einfluss das Verhalten einer Persönlichkeit bestimmt, denn ohne sozialen Einfluss gibt es keine Persönlichkeit. Andererseits kommt Persönlichkeit und Verhalten nie als ausschließliches Resultat von sozialen Umgebungsfaktoren zustande.

Werden Individuum und Gesellschaft als zwei Entitäten gesehen, stellt sich die Frage und das Problem, welcher Kunstgriff der Überlappung, Wechselwirkung, oder Beeinflussung dient. In der Regel sind die Überlegungen durch die Frage angetrieben, inwiefern das Individuum durch seine soziale Umgebung bestimmt oder nicht bestimmt wird. Je nach gehandhabter Ideologie wird dazu dem Individuum oder der Gesellschaft Autonomie koinzidiert. So steht der wissenschaftliche Marxismus für eine Gesellschaftstheorie, die in Bezug auf Erziehung pocht, dass diese bestimmt wird durch die gesellschaftlichen Verhältnisse (Erziehung als gesellschaftliche Reproduktion).

Die Wissenssoziologen Berger Luckmann, die mit dem Schema Anpassung und Ablehnung arbeiten, stehen vor dem logistischen Problem, einerseits Individualität, als persönliche Fähigkeit eines ‚Wanderers zwischen den Welten‘ positiv hervorzuheben und zu erklären, andererseits die Beschreibungsform „Abweichung des Individuums von gesellschaftlicher Norm‘, ein paar Seiten weiter, als Typus des Kriminellen zu charakterisieren, der außerhalb der Gesellschaft stehe.

Systemtheoretisch verbietet es sich, die Entwicklung eines Kindes innerhalb eines pädagogischen Systems aus den Merkmalen des pädagogischen Systems voraussagen, da das Kind dieses System selbst mit konstituiert. Ebenso wenig lässt sich ein pädagogisches System allein durch Handlungen bestimmen oder aus den Intentionen beispielweise des Erziehers herleiten.

Dem systemtheoretisch argumentieren Wissenschaftler bleibt somit nur Genauigkeit beim Beobachten und Beschreiben der Formen von Interaktionen in bestimmten Stadien, beispielweise, wie das Verhalten eines Individuum auf unterschiedliche Art und Weise abhängig wird von den unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilsystemen (statt der von einem Übersystem, das alle Funktionen umfasst).

Allerdings, lernen wir nicht gerade, so knappe 30 Jahre später, dass viele Probleme, wenn schon nicht lösbar, so doch anders betrachtet werden können??????

Langfassung:

Allerdings, lernen wir nicht gerade als Gesellschaft, so knappe 30 Jahre später, dass viele Probleme, wenn schon nicht durch Anwendung von Theorien im Sinne erfolgsgarantierender Handlungsstrategien lösbar, sie doch anders betrachtet werden können im Hinblick auf die jeweiligen Bedeutungsspielräume, wenn es gelingt jene Erwartungshaltung abzulegen??????

1st published meta-ebene.de

11:25 30.10.2012
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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