Fürsorgepflicht Abhängigkeit Unabhängigkeit

Vom Geben und Nehmen Ein Kind erwartet zu Recht die materielle Hilfe seiner Eltern. Dasselbe gilt in dem Verhältnis von Bürger zu Staat.
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Das Kind fragt an, ob es Geld vom Konto abheben könne …. um sich ‚unabhängig zu fühlen‘, dort wo es gerade weilt. Im Verlauf des Gespräches - freundlich wie immer – überlege ich, ob ihm klar ist, dass seine Bitte auf gegebenem Selbstverständnis gründet. Die imaginäre Nabelschnur. Und komme zu der Auffassung, dass Unabhängigkeit sich nicht in materiell und immateriell unterteilen lässt.

Nach der Geburt wird die Nabelschnur durchschnitten, aus einem Fötus hat sich in der Regel ein gesundes Baby entwickelt. Ein durch und durch abhängiges Kind. Es wird gehegt und gepflegt. Ist ein Kind nützlich? Die Freude am Kind jedenfalls scheint genug Lohn für die Mischung aus emotionaler und materieller Rundumversorgungsleistung.

Abnabelung läuft ab, mal schleichend mal abrupt. Auf beiden Seiten. Das Kind läuft eigene Wege und fällt hin. Die Eltern halten sich immer öfters raus, auch gegen scheinbar besseres Wissen. Die Mutter kümmert sich um eigene Interessen. Das Kind lernt hoffentlich sich selbst und anderen zu vertrauen. Das Kind als anderes, eigenständiges Ich. Es macht die Dinge anders, deswegen sind sie nicht falsch. Dieses, mein Kind. Zertrümmere ich das Bild, das ich von meinem Kind oder als jeweiliges Elternteil habe oder das Rückgrat meines Kindes - eine Gradwanderung.

Mit der materiellen Fürsorge ist es ähnlich. Natürlich soll es ihm an nichts fehlen, dem Kind. Als Investition stillschweigend den Familienbanden geschuldet. Nochmals, ist ein Kind nützlich? Es soll jedenfalls ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden. Da Jobzeiten nicht vereinbar sind mit den Schulzeiten engagiert es sich ehrenamtliche für das Taschengeld. Es obliegt den Eltern Unabhängigkeit zu reformulieren in die Frage des Verhältnisses und der Balance von Geben und Nehmen, Materiellem und Immateriellen.

Geld heißt es allenthalben, mache unabhängig. Von was eigentlich? Von den bestehenden Verhältnissen? Die Frage ist doch eher, welche Verhältnisse tausche ich gegen welche ein und zu welchen Bedingungen.

Was nützt es mir, um ein besonders abgedroschenes Beispiel, zu nehmen, „unabhängig vom Staat zu sein“ um dann in Verhältnissen zu recht zu kommen, die niemanden gut tun können, einem selbst am wenigsten, http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ein-balanceakt. Fürsorge eines Staates erstreckt sich nicht auf Transferleistungen. Es ist Auftrag die materiellen Interessen und das Wohlergehen aller Bürger im Auge zu behalten. Es genügt nicht Burn-out-gefährdete-Arbeitsverhältnisse zu benennen, sie aber hinzunehmen, wie auch andere zum Himmel stinkende Arbeits- und Lebensverhältnisse. …. Gegen die Gesundheit, das Wohlbefinden und das Gerechtigkeitsgefühl, aber die Unabhängigkeit von diesem imaginären Gebilde Staat ist gewährleistet. Die Abhängigkeit des Staates von der Wirtschaft und deren Interessen wird so niemals zu einer zwingenden Frage!

Das alles geht mir durch den Kopf, als das Kind sagt, ein Nein sei auch o.k, es sei nur eine Frage und ein Gefühl …

"Die Hilfserwartung, Hilfsgewißheit gehört zu den Fundamentalerfahrungen der Menschen ... Sie ist ebenso ein psychisches Konstitutionselement wie der Kampf ums Dasein."

Jean Amery

text 1st published meta-eben.de

14:22 03.07.2012
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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