Was mich das angeht? Nichts Alles Je nachdem

Standpunkte Im Gepäck einer Journalistin, eingeladen zu einer Debatte über Hartz IV , findet sich die Frage, weshalb ein Mann mit Doktortitel ohne Lohn in der Redaktion arbeitet
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Klar, im Film lassen wir uns gerne entführen in fremde Welten und unbekannte Milieus. Allerdings, berührt es eigentümlich, wenn über Politik und Soziales gesprochen und ein Szenarium erschaffen wird, das so gar keine Anknüpfungspunkte für die eigenen Fragen bietet.

Arbeit, Arbeitsmarkt Deutschland, Wirtschaftskraft Deutschland, Armut, institutioneller Umgang mit Erwerbs-losigkeit, um nur einige Stichworte zu nennen betrifft ausnahmslos alle. In irgendeiner Weise. Sicherlich.

Ein Glaubensthema, nennt es der moderierende Verantwortliche und hofft, natürlich, auf eine konfrontative Gesprächsrunde. Schließlich muss er zuallererst unterhalten. „10 Jahre Hartz-Reformen - verschrien in Deutschland, Vorbild für Europa?“ so das Thema im sonntäglichen Presseclub. Die Diskussionsrunde besteht aus zwei angestellten Journalisten, der Ressortleiterin für Politik beim Freitag und dem Chefredakteur der Wirtschafts-woche sowie zwei selbstständigen Publizisten mit wissenschaftlichem bzw. journalistischem Hintergrund.

Es wäre vermessen zu behaupten, ich sei ein Zuschauer, der auch nur annähernd beurteilen könnte, welchen Wahrheits- oder Erkenntniswert den Zahlen oder Behauptungen zukommen, die von den Diskutierenden zu Fakten erhoben werden.

3 Millionen oder 5 Millionen Arbeitslose? Zählen dann die, die in den sogenannten Beschaffungsmaßnahmen stecken dazu, oder nicht? Greifen die Instrumentarien, die der Arbeitslosigkeit entgegenwirken sollen tatsächlich? Was dient als Beweis? Weshalb adäquat bezahlte Arbeit zunehmend zu einer knappen Ressource wird, fragt keiner, allerdings behauptet Eine, mit Blick auf die Zukunft und dem Glauben an Demografie, das Gegenteil. Eine Menge Antworten, nur worauf?

Es bleibt im Ungefähren. Nichts Genaues weiß man nicht. Bottom line, verschimmeltes Brot und abgelaufene Waren sind besser als kein Essen, sagt vielleicht nicht der Hungernde, aber der, der es weiß.

Für einen kurzen Moment tat sich ein spannender Blick auf die realen sozialen Verhältnisse auf. Die Ressortchefin des Freitags erwähnt eher im Nebensatz, und auf ein anderes, ebenfalls interessantes Augenmerk gerichtet, dass in ihrer Redaktion ein 32jähriger mit Doktortitel ein unentgeltliches Praktikum verrichte. Siehe auch. Natürlich, so sind die Gesetze des gemeinen Schlagabtausches in der medialen Welt, wird dieser Umstand von einem der Debattierenden sofort als Trefferfläche erkannt und aufgegriffen: wieso der Verleger denn zuließe, dass … Zu meiner Freude reagierte die Journalistin geistesgegenwärtig und schmetterte, gottseidank und an dieser Stelle zu Recht, diesen Punkt als nicht relevant ab.

Dennoch eine spannende Chance zu einer weiterführenden Diskussion. Ganz nah dran am Thema. Hatten wir in ähnlicher Form schon mal. Ob es gerecht und rechtens sei, wenn bei gleicher Ausbildung und Leistung, der eine ein volles Gehalt erhält und der andere, da vordem arbeitslos, eben nur € 1? Hier geht mehr um das Dilemma der Akademiker oder Kreativen. Und klar, den politisch Anspruchvollen. Die Stellenausschreibungen sind voll Jobangeboten, die dezidierte Arbeitsanforderungen auflisten. Abzuleisten sind sie unentgeltlich oder gegen einen kleinen Obolus. Immer mit dem Versprechen behaftet zunehmend arbeitsmarkt-fähiger zu werden. Auch nach dem dritten Mal.

Zugegeben, das Thema ist sperrig. Allerdings gibt es nicht so etwas wie eine journalistische Sorgfaltspflicht?

Im Jobcenter hätte man Fallmanager antreffen können, akademisch ausgebildet, die erleichtert sind nach Jahren der Call Center Tätigkeit oder anderen Von-der-Hand-in-den Mund-Jobs endlich irgendwo, mit wirtschaftlicher Perspektive angekommen zu sein. Sie müssen nun mit dem Spagat umgehen aufgrund der eigenen Ausbildung den Graumarkt der Arbeitsbeschaffungs-maßnahmen skeptisch zu beurteilen, ihn in ihrer Erwerbstätigkeit dennoch als Instrument vertreten müssen.

Begegnen könnte man auch Menschen jegliches Alters, die getrieben von der Hoffnung und der Scham die eigene Ausbeutung phantasievoll und einfallsreich rechtfertigen und wahre Künstler des Überlebens sind.

Man könnte beobachten wie eine halbe Stunde vor Ladenschluss sich eine Schlange Menschen-wie Du-und-Ich in einem gutbürgerlichen Viertel bildet, in der eine bayerische Ladenkette Ihr als hochwertig eingestuftes Brot zum halben Verkaufspreis über die Ladentheke reicht.

Man könnte fragen, wie es kommt, dass Wirtschaftsunternehmer zugunsten hochgeschraubter Gewinnerwartungen auf dem Papier und ideeller Grabenkämpfen ‚human potential‘ als vernachlässig-bare Größe einzustufen, ungestraft und weltweit.

Oder, wie wir mit der Problematik umgehen einerseits Bildung als Zukunftsversprechen zu handeln und andererseits nicht in Frage stellen, dass dies mit einer an wirtschaftlicher Optimierung ausgerichteter Gesellschaft nur bedingt kompatibel ist?

Weshalb lassen wir ein gesellschaftliches Klima zu, das arbeitslose Menschen verurteilt bevor sie sich, nachweislich(!), angebotener Arbeit verweigern? Wer bestimmt darüber, welcher Arbeitslohn für welche Arbeit angemessen ist?

Hätten die Kollegen die Komik gesehen, die einer Dokumentation des WDR zugrunde lag, die eine junge alleinerziehende Mutter beobachtete, die mit viel Energie einen SchulAbschluss erlangt hat, aber dennoch am sogenannten ersten Arbeitsmarkt erfolglos blieb und dann, das war das Happy End, eine Teilzeitlehre im Jobcenter beginnen kann? Für einen nicht geringe Anzahl von Arbeitslosen ist das tatsächlich die persönliche Erfolgsgeschichte: raus aus dem Jobcenter und rein in das Jobcenter. Ich finde das bemerkenswert.

Und zuletzt: die Sendung von Sandra Maischberger, auch über Hartz IV. Sie begann ihre Sendung mit der Bemerkung, sie habe ein Redaktionsmitglied mit € 5 zum Einkaufen geschickt. Dann nahm sie eine Einkaufstüte, erkennbar die eines Discounters, aus der abgepacktes Brot und andere Lebensmittels herauskamen und kommentierte den Inhalt mit dem wiederum bemerkens-werten Satz: „Ich habe gar nicht gewusst, was man mit €5 alles kaufen kann“. Bei Thilo Sarrazin, ich erinnere an seine Rezeptvorschläge für Arbeitslosengeld II Empfänger, nahm man wenigstens noch eine Überzeugung wahr, an dem was er tat.

Langsam werde ich mir immer unsicherer über das Reale in der medialen Welt und ihren Nutzen der medialen Welt für mein Alltagsleben. Stefan Niggemeier stellt seinem Blog über Verlage und Leistungsschutzrecht ein Zitat des Herausgebers des Freitags voran. Jakob Augstein beschreibt in drei Sätzen das Spannungs-verhältnis von ökonomisch handelnden Unternehmen und angestellten Journalisten.

Heißt das jetzt sinngemäß, frage ich mich neugierig und amüsiert, die Journalistin bekommt zu hören, sie habe …der Zeitung / der Sache / sich selbst ... mit dieser Bemerkung keine Gefallen getan? Oder hat das alles gar keine Bedeutung, denn: was geht uns das Geschwätz von gestern an?

Ps) Ach ja, Frau Schmitt-Roschmann Ihre formulierte Frage, weshalb der Mann das tue, teile ich. Und ich würde sie jedem stellen der sich pi-mal-Daumen nicht leistungsgerecht bezahlen lässt für seine Arbeit. Ich bedaure, dass der Einzelne den Wert der eigenen Arbeitskraft so geringschätzt. Jedenfalls geringer bewertet als das verankerte Recht und Versprechen einer Solidargesellschaft.

1st published meta-eben.de

*Genauer: den auf Gewinn ausgerichteten MedienUnternehmen, das sie durch Platzierung auf dem Anzeigen-, Werbemarkt, sowie nachrangig Leser/Zuschauer/User-Nutzen erwirtschaften bei gleichzeitiger Wahrnehmung publizistischer Interessen, gesellschaftlicher Aufgaben und öffentlicher Funktion. Ihnen gegenüber stehen lohnabhängige Journalisten, einem berufsethischen Selbstverständnis verpflichtet, das sich nicht zuletzt im Art. 5 des GG wiederfindet.

19:24 22.08.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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