Wenn Professionellen, Distanz abhandenkommt

Aufmerksamkeitsökonomie Im Fall von sexualisierten Straftaten an Kindern sind lautstark vorgetragene „Betroffenheit“ oder „Empörung“ elementarer Teil der Aufmerksamkeitsökonomie – und wohlfeil.
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Die Opfer seien „verkauft worden von jenen, die sie beschützen sollten“. Die beiden Journalistinnen beginnen fulminant und ziehen, ganz nach Buch, in die Geschichte: „Fassungslos und bestürzt“ hätte jener Polizeipräsident in der Pressenkonferenz in Münster ausgesehen. Darüber hinaus „spuke er seine Worte fast aus“ „diesem abscheulichen Dreck“, der seine Beamte nicht nur „an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen habe“ nein, „weit darüber hinaus“.

Zwar – danke Internet – entzieht sich mir u.a. nur das Fast-Spucken. Was ich aber sehe, ist eine(n) diese(r) Grauen-Anzug-Träger(innen), die ich im Allgemeinen so bewundere für ihre Fähigkeit, mir abgewogenen bullshit, angemessen und in wohlgesetzten Worten zu verkaufen. Dass die Sache, „was wirklich geschehen ist – mitten unter uns, in unserer Gesellschaft“, stattgefunden habe - geschenkt. Ebenso, wie jener empathische Schulterschluss mit den Polizeibeamten die, das nur so am Rande, trotz ihrer Arbeit am ‚Dreck‘ übrigens einige Stufen tiefer in die Gehaltsleiter einsteigen, als beispielsweise verbeamtete Lehrer.

Sexuelle Gewalt und Missbrauch in allen erdenklichen Ausführungen findet statt, nicht erst seit gestern, zu häufig, zu selbstverständlich und in jeder Gesellschaftsschicht. Dies könnte, sollte, müsste, dürfte man (Mann & Frau) wissen. Ebenso den Umstand, dass die Täter(innen) (Achtung: Tabu) meistens aus dem engen Umfeld kommen. Geschenkt auch, dass jeder von uns aus jedem einzelnen Missbrauchsfall lernen könnte, sollte, müsste. Und sei es nur, dass auch in Zeiten des ‚emotional selling‘ sich die Frage stellt, ob Befindlichkeit das Maß aller Dinge sein kann, muss oder soll? Verhindert wird damit weder der nächste Missbrauchsfall, Missbrauch an sich, sowieso nicht und schon gar nicht der (mediale) Missbrauch des Missbrauchs.

Stattdessen bei jedem Fall aufs Neue, der Kameraschwenk: Haustür auf, eine Nachbarin, eine guter Bekannte, der engste Freund, der Hausarzt, (Reihe beliebig fortsetzbar) schauen in die Kamera und wiederholen, einer Endlosschleife gleich das zu Erwartende: „Nie im Leben hätten wir das (was auch immer) gedacht“. „Er oder sie war ein guter Nachbar, Freund, Bekannter, oder Schülerin“ … „immer die Stimmungs-Kanone beim Grillfest“, … „er oder sie hatte doch immer ein Ohr für die“ … bitte einsetzen … „Älteren, Bedürftigen, Kranken“ etc. …Oder dasselbe in Grün, jedoch negativ konnotiert...

Das Kopfkino läuft. „Wenn Polizeipräsidenten sich auf Pressekonferenzen zu Wort melden geht es meistens darum, herausragende Ermittlungserfolge zu vermitteln.“… so hatte der Polizeipräsident seine Ausführung begonnen. Dumm gelaufen, wenn auch noch ein Amtsantritt mehr oder weniger mit einem worst-case Szenario zusammenfällt. Blitzfix wechseln sich Bildsequenzen ab: Wie umgehen mit der Sache? Wie sich der Presse und der Öffentlichkeit präsentieren? Die Auswirkungen des Missbrauchs in Lüdge. Da muss, sollte, könnte, dürfte Öffentlichkeitsarbeit gut überlegt sein.

All dies heißt nicht, dass jene in Vordergrund gestellten Empfindungen nicht existent sind. In der gleichen Zeitung wurde ein paar Tage später eine Fachärztin für Haut und Geschlechtskrankheiten gefragt, was das ekligste war, das sie je gesehen hatte. Sie antwortet, Ekel sei keine Kategorie für sie als Medizinerin. Es sei ja alles menschlich und, als Privatperson fände sie schon mal was ekelig, aber im Beruf sei sie ja gewappnet. Das abgestorbene Bein, das nach Fäulnis roch und auf dem Maden waren, sei extrem, aber so etwas komme ja nicht alle Tage vor.

Insofern ist es durchaus bemerkenswert, wenn der leitende Chef einer Polizeibehörde die widerspruchsfreie Befindlichkeits-Speech wählt. Putzig hingegen mutet die Mahnung an, „viel zu selten kämen die Hinweise von aufmerksamen Menschen“. Sag mir doch einer, wie das gehen soll, wie ich ‚mitten unter uns, in unserer Gesellschaft‘ nach ‚abscheulichen Dreck‘ Ausschau halten soll, jener, jedoch so besonders scheint, dass es eigentlich nicht sein kann, dass ausgerechnet ich darüber stolpere?

19:15 16.06.2020
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler | Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn. (Ottilie, Die Wahlverwandtschaften)
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