Zu wessen Wohl?

Einzelfallhilfe „Es fällt der Jugendhilfe naturgemäß schwer, Ergebnisse ihres professionellen Handelns bewusst wahrzunehmen und auch nachzuweisen“*
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Wir befinden uns im zweiten Stock eines modernen Mehrparteienhauses in einer unauffälligen Seitenstraße mitten in Berlin. Das Sitzungszimmer mit dem großen Tisch bietet Platz für ein gut Dutzend Personen. Wir sind zu Dritt. Vor uns auf dem Tisch stehen Tassen und eine Thermoskanne mit Kaffee.

Die Ansprechpartnerin des Jugendhilfevereins hat diesen Termin vereinbart um mit C**, die ich auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin begleite, eine Liste durchzusprechen. Ursprünglich hatte C sie erstellt, nun aber hat ihr Noch-Ehemann reagiert. Ich wundere mich ein wenig, dass vor uns keine Kopie bereitliegt, die das gemeinsame Durcharbeiten erleichtern würde. Auf meine Nachfrage heißt es, wir könnten ja mitschreiben. Als wir den angebotenen Kaffee dankend ablehnen, erklärt unsere Gesprächspartnerin, sie habe ihn allerdings extra für uns gekocht.

Nicht nur in Ämtern und Behörden scheint die asymmetrische Rollenverteilung geschätzt zu werden. Auch in den zahllosen Beratungseinrichtungen, die fest auf dem Sozialen Markt etabliert ihren ‚Dienst am Menschen‘ verrichten bestimmt das Hausrecht die Gastpflicht. Der Geist des huldvollen Souveräns und des dankbaren Bittstellers zeigt sich im Detail.

Vor mehr als einem Jahr hat C, Mitte Dreißig ihren Ehemann verlassen und entweder bei Freunden oder in vorrübergehenden Mietverhältnissen Unterschlupf gefunden. Nach zehn Jahren Ehe und einem Trennungsjahr steht nun die Scheidung an. Als Außenstehender fällt einem angesichts mancher Eheszenarien nur ein, dass für sich genommen liebenswerte Menschen, eine Paar-Beziehung und eine Familie Qualitäten sind, die nicht per se unter einen Hut passen.

Eine angemessene und bezahlbare Wohnung für sich und den gemeinsamen Sohn hat C gefunden. Seit kurzem besitzt sie, die Mehrsprachige, den deutschen Pass. Sie ist erwerbstätig und in Sachen Disziplin und Ordnung deutscher als die schwäbische Hausfrau. Das Sorge- und Umgangsrecht für den gemeinsamen Sohn, einen Grundschüler üben beide Eltern zu gleichen Teilen aus, was im Großen und Ganzen gut funktioniert.

Angesichts des Trümmerhaufens seiner zweiten Ehe agiert er, der Lehrersohn, populär-psychologisch geschult scheinbar besonnen und vor allem ruhig. Während sie, die 20 Jahre Jüngere - die ihr Geburtsland in Latein-Amerika für ein Leben in den USA verlassen hat und dann ihm, dem Deutschen in sein Heimatland folgt - in Krisensituation in die Vollen ihres Temperamentsspektrum greift. Von himmelhochjauchzend bis zum Tode betrübt geht sie ihren Lebensweg, begegnet Widrigkeiten mit lautstarken Ausbrüchen und treibt sich so tätig und stetig voran.

Der Sohn aus erster Ehe des Mannes, ein Schüler im Teenageralter, gehörte mit zum gemeinsamen Haushalt. Wegen ihm wurde vor ca. zwei Jahren der Hilfeverein eingeschaltet. Sein Cannabisverbrauch hatte den Vater auf den Plan gerufen. Wenngleich er und C mehr oder weniger regelmäßig zum Joint griffen war sein Handlungsbedürfnis angesichts des jugendlichen Alters des Filius geweckt.

Was mit einem Trainingsprogramm gegen Cannabis begann weitet sich, nachdem C ihren Mann verlässt, zu einem psycho-sozialen Hilfsprogramm aus, das beansprucht den Jugendlichen, sowie sämtliche Familienmitglieder in ihrer Individualität und ihren diversen Funktionen mit einzuschließen.

C fühlt sich von der ‚Familienhelferin‘ unter Druck gesetzt. Wie in Ihrer Ehe fühle sie sich machtlos und überfahren, verstehe manche Gepflogenheiten nicht und käme gegen die Art und Weise der Gesprächsführung nicht an. Ich kann mir das so nicht vorstellen bis ich erlebe, wie die Fachkraft, wenngleich jene Liste ihr seit mehr als einer Woche vorliegt, bei nahezu jedem Punkt C bedrängt sie solle sofort eine entscheidende Aussage tätigen. Später wird sich zeigen, dass C, die ich unterm Strich als lernbegierige, klar denkende und strukturierte Person kenne, die gesamte Liste nach einer Nacht Schlaf zügig abarbeitet.

Während der Ehe, aber auch im Trennungsjahr war die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses ihr Rückzugsgebiet gewesen, in dem sie für eine paar Tage Unterschlupf sucht oder, wie C es nennt 'um eine Auszeit‘ zu nehmen. Ambulante Therapiesitzungen bis hin zur Diagnostischen Sprechstunde der Charité erbrachten jedoch keine medizinische Diagnose. Für den Noch-Ehemann allerdings war und ist die Situation klar, mit fingerweisender Pathalogisierung analysiert er ein Eheleben, in dem er selbst nicht vorkommt.

Über die 'Familienhelferin' werde ich später in Erfahrung bringe, dass wir Kommilitonen hätten sein können, bevor sie die familientherapeutische Weiterbildung verfolgt um dann in einem Schulsozialarbeitsprojekt zu arbeiten. Auch sie stellt in einer kleinen Pause später eine Diagnose. Sie sei dafür befugt, versichert sie nachdrücklich und ohne Anführungszeichen. Sie weiß, es geht um ‚narzisstische Persönlichkeitsstörung versus Borderline-Symptom‘.

Die Institution ‚Familienhilfe‘ in Deutschland ist ein Sammelbegriff für Organisationen und Vereine, die eigenständig und relativ unkontrolliert auf einem ganz eigenen Sozialmarkt operieren. Finanziert werden die Einrichtungen, die unter mehr in freier Trägerschaft fungieren über die staatliche ‚Hilfen zur Erziehung durch die Jugendhilfe‘.

Die ausführende Kostenkontrolle unterliegt dem zuständigen Jugendamt. In einer Sitzung gemeinsam mit den Betroffenen wird in der Regel halbjährlich entschieden, ob weitere Hilfe - in Form von unterschiedlichen individuellen und oder therapeutischen Maßnahmen - angebracht oder notwendig ist. Die für die Weiterfinanzierung notwendige Empfehlung erfolgt in Form eines schriftlichen Berichts, den die am Fall arbeitenden Mitarbeiter selbst anfertigen.

Die Freiwilligkeit der Interventionsteilnahme ist institutionell verankert. Im Konkreten kann es mitunter schwierig sein spezielle Maßnahme abzulehnen, wenn sogenannte Fachkraft mit Hilfe psychologischer Beweiskraft die Meinung vertritt, es gäbe Bedarf.

Böse gesagt ist der jeweilige Fall immer auch die Geschäfts- und Umsatzgrundlage der Einrichtung. Nimmt man marketing-technische und betriebswirtschaftliche Begrifflichkeiten zu Hilfe könnte man auch sagen Akquise und Kundenbindung sind das A und O für ein laufendes Geschäftsmodell!

Ein Punkt auf der Liste betrifft Sylvester und die Frage, mit welchem Elternteil der leibliche Sohn die Neujahrsfeier im Hause seines besten Freundes besucht. Im Jahr davor war der Junge mit seiner Mutter dort gewesen. Beide Eltern signalisierten grundsätzliche Bereitschaft, wobei der Mann nun kund tat, dass er seine neue Partnerin mitnehmen würde. Damit konfrontiert erinnert C an eine in diesen Räumen getroffene Vereinbarung, der zufolge neue Partner noch nicht den Kindern vorgestellt werden.

C solle ihren Sohn zu der Silvesterfeier begleiten folgert die Familienhelferin und begründet, dass es um das Wohl des Kindes gehe und dieses immer Vorrang habe. Ja, und das Wohl des Kindes ist nun mal Mutter- und Frauensache oder die, in diesem Fall, einfacher zu bewerkstelligende Lösung. Nein, das sagt die Familienhelferin natürlich nicht. Allerding verstehe ich schlagartig, weshalb sich C hier am falschen Ort fühlt.

*Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin

** Namen geändert

1st published meta-ebene.de

10:01 30.01.2014
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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