kmv
19.03.2013 | 10:35 5

Zwanzig Minuten Freudenhaus

Bordellbetrieb Neulich Abend, als ich in unsere Straße einbiege, sehe ich Mannschaftswagen und Zivilfahrzeuge vor dem Haus stehen. Ein Großaufgebot der Polizei führt eine Razzia durch

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied kmv

Zwanzig Minuten Freudenhaus

Foto: rhodes / Flickr (CC)

Nun hat es also 'unseren Puff' erwischt, stelle ich am nächsten Morgen fest. Die Eingangstür im Haus ist ebenso amtlich versiegelt wie die Zugangstür von der Straße. Das Etablissement, in dem das älteste Gewerbe der Welt als Dienstleistungsangebot an den Mann gebracht wurde, ist geschlossen.

Ein Freudenhaus nannte es die Abendschau vor ein paar Jahren, als sie einen Bericht über einen Ausbrecher in Tegel sendet. Dessen erster Gang führt ihn in diesen Laden und - nichts Genaues weiß man nicht - blitzschnell zurück in die Strafanstalt.

Piefigkeit der 50er-Jahre

Vor meinem Umzug im Jahr 2000 wohne ich schon in der Nachbarschaft und komme nicht auf die Idee, in diesem Wohnhaus und in diesem Kiez einen Puff zu vermuten. Wer erwartet schon hinter Häkelgardinen und Gummipflanzen einen Bordellbetrieb? Lustigerweise weiß es so mancher Mann in meinem Bekanntenkreis, stellt sich später heraus. Ich merke es tatsächlich erst bei der Unterzeichnung des Mietvertrages bzw. als mir eine dementsprechende Erklärung vorgelegt wird.

Im Gespräch mit der Hausmutter erfahre ich, dass zwanzig Minuten 30 €uros kosten und Alkoholausschank oder -konsum verboten ist. Wasser, Kaffee und Tee würden angeboten, auf höflichen Umgangston werde Wert gelegt.

Der Puff selbst besteht aus einer Ladenwohnung, die ganz früher eine Metzgerei beherbergt haben soll. Noch geht der Puff als familiär geführter Betrieb durch, wie es sie, so lese ich nach, in Berlin seit Jahrhunderten in den Kiezen gibt. Nachbarschaftspuffs nenne ich sie, da sie ohne sichtbare Insignien des horizontalen Gewerbes und des Rotlichtmilieus auskommen.

Die ‚Arbeitszimmer‘ sehen aus wie Pensionszimmer in einer Kleinstadt der 50er Jahre, ein Bett und Schrank in Brauntönen und Schellack. Nur der etwas größere Spiegel gegenüber dem Bett hängend und die Kleenex-Box auf dem Nachttisch sprengen den Rahmen des Ehrbaren und des Biederen.

Selbst die Frauen, die am Morgen pünktlich gegen 8:00 zur Arbeit kommen und teils von Männern gefahren werden, die eher wie Ehemänner als wie Zuhälter aussehen, sind erschreckend unauffällig. Hole ich Pakete ab, die der Postbeamte ‚bei Karin‘ so das Klingelschild an der Tür abgibt, sehe ich die Frauen, die sich in ihrer Arbeitskleidung, knappen Dessous und wenig geschminkt, bis auf das Alter, kaum von meinem Spiegelbild unterscheiden.

In den Puff gehen höchstens die anderen

Alle Kunden sind angehalten, den Puff von der Straße her zu betreten. Manche allerdings bevorzugen es, unerkannt und nicht in aller Öffentlichkeit an der Bordelltür zu klingeln.

Während ich - mir nichts, dir nichts - am Briefkasten meine Post durchsehe, kommt es vor, dass die schlechtesten meiner Eigenschaften auf die Probe gestellt werden.

Mich nervt der Typ Freier, der durch unsere Haustür kommt, bei meinem Anblick erstarrt, um dann grußlos durch unseren Hausflur an mir vorbei in den Hinterhof zu eilen oder die Treppe hinaufzusteigen.

Je nach Tagesform nehme ich dieses Verhalten als seltsam wahr oder als lästige Projektion persönlich. Einmal mache ich am ersten Treppenabsatz kehrt und poltere die Treppe wieder hinunter. Der Mann, der unsere Mülltonnen besuchte, klingelt gerade, hört mich und wirft in Folge auf seiner Flucht in die Innenräume des Puffs fast die Hausmutter zu Boden.

Andere treibe ich regelrecht vor mir her. Sie wissen nicht, dass ich in der obersten Etage wohne. Was soll ich zu einem Typ noch sagen, der vor meiner Wohnungstür steht und stammelt oder mit starrem Blick behauptet, er suche Müller, Maier, oder Schmidt? Das weckt beinah schon mütterliche Gefühle. In Wirklichkeit aber ärgere ich mich, denn von der persönlichen Feigheit ist es nur ein kleiner Schritt zu der Doppelmoral das am Thema Prostitution haftet.

Im Lauf der Jahre wird deutlich, dass es nicht „die Anderen“ oder „Ausländer“ oder „Außenseiter“ sind die in den Puff gehen. Nein, Otto Normalverbraucher gibt sich die Klinke in die Hand.

Im Blaumann morgens um 9 oder in der Mittagspause. Die grauen Anzugs-Geschäftsmänner mit dem außerstädtischen Kennzeichen am Auto. Der blendend aussehende weißhaarige Herr im hellblauen Pullover mit V-Ausschnitt und Ehering, den ich mittags händchenhaltend im Park spazieren gehen sehe. Die Mittdreißiger mit ihren Fünf-türigen Familienkutschen und dem Kindersitz hinten drin. Und unser Pizzabäcker.

Auf wen es wohl zutrifft, wenn die Hausmutter erzählt, sie hätten auch ‚Klientel‘, das in Absprache mit der Ehefrau komme, denn nicht jede Frau habe Lust am Sex?

Manche Momentaufnahmen sind einfach nur komisch. So der Jogger in Funktionskleidung, der anerkennend den Daumen hochhält, während ich mit einem Freund Möbel aus dem Keller schleppe, um dann nach exakt 20 Minuten leichtfüßig wieder von dannen zu sprinten.

Ein anderer Freier lässt regelmäßig sein Fahrrad mitten im Hausflur stehen, bis ein Hausbewohner auf die Idee kommt am Fahrrad einen Zettel anzuhängen, auf den er ‚Warte bis du zu Hause bist‘ schreibt. Das Fahrrad zumindest war nie mehr gesehen.

Vom Balkon aus beobachten wir fasziniert immer gleiche Abläufe, als gäbe es eine geheime Absprache. Ein Auto hält an, der Fahrer schaut ins Portemonnaie, dann stellt er sein Mobil aus. Bevor er die Straße zum Puff überquert, erleichtet er seine Blase auf der Hundewiese, schüttelt ab und wischt die Hände an der Hose ab.

Moral ist kein Ratgeber

Nachdem die Besitzerin stirbt und ihr Ehemann M. den Laden übernimmt, kommt es zu Veränderungen. Sie kommen schleichend, sind jedoch weitreichend. Vielleicht hat M. einfach andere Vorstellungen vom Puffbetrieb als die Verstorbene? Wirft der Laden tatsächlich weniger ab, wie die Hausmutter angesichts der allgemeinen Wirtschaftslage nach 2005 seufzt? Oder soll der Betrieb einfach wachsen und expandieren?

Jedenfalls wird irgendwann eine bunte Neonbeleuchtung außen angebracht, der Gummibaum und die Häkelgardine verschwinden.

Die Hausmutter geht freiwillig/unfreiwillig in Rente und wird ersetzt durch sonderbare Hilfskräfte. Die Frauen rekrutieren sich irgendwann nur noch aus sehr jungen Mädchen, die kaum Deutsch sprechen und deren Muttersprache ich nicht zuordnen kann. Polizeieinsätze häufen sich, jedoch scheinen die Frauen nicht illegal hier zu sein.

Der ‚Kontaktraum‘ des Clubs, so nennt sich der Betrieb mittlerweile, sieht aus wie der Wartesaal einer in die Jahre gekommene Arztpraxis, nur schäbiger und sicher ohne Lesezirkel. An der Wand entlang stehen stapelbare weiße Plastikstühle, auf denen die Männer ausharren. Von hier werden sie aufgerufen, um mit der erwünschten oder einer frei-werdenden Frau ihre Triebabfuhr zu regeln. Das Geschäft ist auf das Wesentlichste konzentriert.

Weshalb so viel Schäbigkeit erfreulicher ist als eigene Handarbeit wird mir wohl immer rätselhaft bleiben. Ein Bekannter erzählte einmal, dass es ihn schlichtweg 'antörne', wenn er eine Frau bezahle, sie vor ihm kniee und ihm einen blase. Ein anderer gibt zu kennen, er sei in jungen Jahren Stammgast einer Prostituierten gewesen, da die Mischung aus vertrauter Bekanntschaft und sexueller Befriedigung auf klarer geschäftlicher Grundlage seinem damaligen Gemütszustand entsprach. Ich kann auch nachvollziehen, wenn ein Mann einen Escort Service in Anspruch nimmt oder den Besuch eines Domina-Studios als geeignetes Mittel zur Befriedigung seiner sexuellen Vorlieben ansieht. Allerdings klären Einzelbeispiele eine Thematik nur bedingt. Moral ist sowieso kein Ratgeber wenn es um Verständnisfragen geht.

Am Ende kommt mir nur jener Jürgen Rudloff in den Sinn. Er betreibt irgendwo im Süddeutschen ein 'Flatrate-Bordell' und kommt meinen Empfindungen am nächsten, als er bei Maischberger zu dem Thema 'Massenbordelle und Flatrate-Sex' ein persönliches Fazit zieht: "Es würde mir das Herz zerreißen, wenn meine Tochter Prostituierte würde." Ich setze einen drauf: "Es würde mir das Herz zerreißen, wenn mein Sohn Freier würde."

So wie es aussieht, bleibt der Puff geschlossen. Uns Hausbewohnern soll es recht sein. Als der Puff in jüngster Zeit die Wohnung im ersten Stock übernahm, befürchteten wir eine Ausweitung des Bordellgeschehens. Fast ein Dutzend Frauen holten die Kripobeamten aus der 90 qm Wohnung im ersten Stock. Und entdeckten im Keller weitere ‚Arbeitsräume‘. Da keine Flucht- oder Notausgänge vorhanden sind, besteht für das Ordnungsamt eine Handhabe einzugreifen, was es anscheinend schon seit Jahren gerne getan hätte.

Wie ich unsere geschäftstüchtige Hausbesitzerin kenne, wird sie auf die horrenden Mieteinnahme nicht so einfach verzichten. M., der Betreiber, den ich in all den Jahren als umgänglichen Menschen erlebe, dürfte jetzt ein Problem haben. Ebenso wie der Mann, der an der versiegelten Tür steht und völlig fassungslos die Mitteilung des Ordnungsamtes liest.

Ob er sich genauso fühlt wie ich mich seinerzeit, als mein Zahnarzt in Rente ging?

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Kommentare (5)

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Ehemaliger Nutzer 19.03.2013 | 17:40

Sehr genau und erfrischend unmoralin und trotzdem mit Haltung geschrieben. Ich habe den Beitrag sehr gern gelesen. Ich habe vor einer halben Ewigkeit in Hamburg in einem Haus gewohnt, in dem eine Frau selbstständig in einem Appartment als Prostituierte arbeitete. Die Beobachtungen im Hausflur waren sehr ähnlich.

Superwoman 19.03.2013 | 23:43

ja, unmoralin das unmoralische als menschlich beschreiben, das gefällt mir auch. Die "klare geschäftliche Grundlage" für die "Triebabfuhr" ist fast schon kalt beschrieben. mit viel Verwunderung, weil du, KMV, es nie ganz verstehen wirst - tun sie selbst auch nicht, denke ich. Angebot und Nachfrage werden auch hier dafür sorgen, dass es schon bald um die Ecke eine neue Möglichkeit gibt, die von außen kaum als solche erkennbar ist. So wohltuend normal neben den neonbeleuchteten Glanz-Bordells ;-)

Helmut Eckert 21.03.2013 | 17:46

Als Mitarbeiter eines Gesundheitsamtes hatte ich viel mit Personen aus diesem Milieu zu tun. Mit Moral will ich hier nicht kommen. Das Thema ist so vielfältig und abgedroschen. Es würde Seiten füllen, ohne Ende. Eine osteuropäische Hure würde liebend gern in ihrer Heimat arbeiten. Arbeiten nicht in diesem Gewerbe. Wenn, ja wenn es ausreichend Arbeitsplätze gäbe, die menschenwürdig bezahlt werden. Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine Frau, die meint, sie könne in diesem Beruf als Prostituierte ihr Glück finden, bitte warum nicht! Furchtbar wird es dann, wenn Gewalt, Kriminalität und Armut Frauen zwingen hier zu arbeiten. Das Thema Aids ist noch gar nicht erwähnt.

In vielen Ehen ist Gewalt alltäglich. Liebe ein Fremdwort und die Prostitution der Frauen in solchen Ehen allgegenwärtig. Als ich in die Pubertät kam, holte mich meine Mutter an den Küchentisch und sprach folgende Worte: Helmut, behandele jedes Mädchen, welches du kennen wirst, in Ehrfurcht. Achte sie wie Deine Schwestern. Da mein Vater gefallen war, siehe mein Beitrag: https://www.freitag.de/autoren/helmut-eckert/muetter-und-vaeter

war es ihre Aufgabe mich aufzuklären. Damals 1954 geschah das nicht wie jetzt üblich. Da wurde von Blumen und Schmetterlingen gesprochen. Von Bestäubung und es gibt Mädchen und Jungens.

Hier ein kleiner Beitrag des Spiegels aus dieser Zeit: 1950 Heft 26 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44448782.html

Dazu noch besser: http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=44446486&aref=image036/2005/12/13/sp19500639-T2P-040.pdf&thumb=false

Hier der Text von 1950: Um ein Dekolleté

erhitzte sich in Landshut die amtliche Meinung. Das Dekolleté war auf dem Foto zu sehen, das die junge österreichische Filmschauspielerin Vera Molnar zeigt, in dem Abendkleid, das sie im Real-Film "Gefährliche Gäste" trägt. Dieses Foto war ein Titelblatt der Deutschen Film-Illustrierten" und zierte so auch die Zeitungskioske von Landshut. Stadtrechtsrat Zech von der Landshuter Stadtverwaltung ließ das Titelbild aus dem Aushang der Zeitungsstände entfernen, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Die "Deutsche Film-Illustrierte" fand nichts öffentlich Ärgerliches an dem Titelbild und protestierte. Stadtrechtsrat Zech hat ein aufmerksames Auge für diese Dinge. Im vergangenen Jahr berief er sich auf Paragraph 184 des RGB (Verbreitung unzüchtiger Werke) und Artikel 110 II der Bayrischen Verfassung (Bewahrung der Jugend vor Schund und Schmutz) und verordnete, unter einhelligen Protestrufen der Filmverleiher, daß Marika Rökks Fregola-Beine auf den Kino-Plakaten überklebt würden.

Zitat Ende

Es war eine andere Zeit. Wir verklemmte Jungens zeugten Kinder. Fanden den Sex OK. In einem wichtigen Punt unterscheiden wir uns. Bis in ein gewisses Alter, hatte der SEX etwas Mystisches. Der Besuch in ein Bordell war so abwegig wie die Fahrt zum Mond.