Der Mythos vom gesunden Wettbewerb

I don't care - Die Nassforschen übernehmen. Heutzutage, älter als seinerzeit, drängt die Kindesgeneration der Zeitzeugen an die Ruder in der Gesellschaft, doch wohin geht die Reise?
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"Jetzt kommen die Nassforschen. Die Quexe."

Das bekannte Zitat aus Lothar Günther Buchheims "Das Boot", in der Verfilmung ausgesprochen vom "Alten", dem Kapitän, gespielt von Jürgen Prochnow, erlebt in unseren Tagen ein unverkennbares Revival.

Wie in jenen Zeiten, die sich anmaßten, 1.000 Jahre währen zu wollen, in der sich ebenfalls eine Generation von Mythologisierten anschickte, in den finalen Endkampf zu ziehen, finden sich heute erneut dem System fanatisch Zugewandte für die neuzeitlichen Schlachtfelder in Bürofluren und Großräumen.

Die Volkssturmjungen, die zusammen mit den Alten das letzte Aufgebot Hitlers bildeten, wurden von den vorrückenden amerikanischen und russischen Elitetruppen als am fanatischsten beschrieben. Aufgezogen von Eltern, die durch den Reichstagsbrand und die anschließenden Verhaftungswellen traumatisiert waren, folgten Sie bedingungslos den Befehlen eines Staates, den Sie für sich als Vater- und Mutterersatz angenommen hatten.

Der Staat als Familie

Auch heute wieder, ziehen junge Deutsche, im Vertrauen auf einen Sozialstaat, der sich Ihrer annimmt und vor Gefahren schützt, in den Krieg. Die Vertretbarkeit, womöglich sogar Glorifizierung ihres Handelns, wird Ihnen dabei von höchster Stelle versichert. Damit, dass Sie ihren Teil für die Sicherheit Aller beitragen, machen Sie sich selbst zum Teil eines größeren Ganzen. Sie dienen der sozialen Nation. Der Umkehrschluß, dass man sich Selbst, und den Seinen nicht wirklich dadurch dient, dass man einen Feind bekämpft, sondern viel eher dadurch, dass man einfach nur gut ist, zu sich Selbst und zu Anderen, wird durch Schlagwortkreationen wie "Gutmensch" scheinbar erfolgreich verhindert. Gut ist Schlecht - 2015 ist 1984.

Ihre Eltern, traumatisiert durch 9/11, sind in der Zwischenzeit dabei, auf die Moslems zu schimpfen, bei Pegida zu demonstrieren, oder einfach nur über die Runden zu kommen.

Aber das nur am Rande, denn um die (noch) verhältnismässig wenigen Soldaten soll es in diesem Beitrag nicht gehen. Die heutigen Kriege werden, wie wir wissen, nur noch dann physisch, wenn tatsächliche Hoheit über ein geostrategisch wichtiges Terrain zu erlangen ist.

Einen miliärischen Weltkrieg wird heutzutage keiner beginnen. Aber das ist auch nicht erforderlich. Fanatisierte Jungerwachsene krempeln heute an der Heimatfront Economy die Ärmel hoch und sorgen dafür, dass der Laden läuft. Das sich die Räder drehen, die Laufbänder nicht stillstehen und die Zeitung auch morgen früh erscheint.

Wen wundert da die, von vielen klugen Köpfen beschriebene, Infantilisierung der Gesellschaft?.....

.....einer Gesellschaft, in der sich "der Staat" seit fast zwanzig Jahren stets gezielt an der verkehrten Stelle in den Vordergrund drängt. Während an vielen Orten im Land die Straßen mehr und mehr verfallen, das zu beheben schüfe tatsächlich Arbeit für viele, wird darüber diskutiert, das Land weiter mit Autobahnen in privater Hand zuzupflastern. Ein Konzept, dass zuletzt in Zentralspanien voll in die Hose ging, aber das stört die Baukonzerne mit Ihren Stahlbetonbauingenieuren und vollautomatisierten Fertigungslinien natürlich nicht. Einer automobilabhängigen Jugend hingegen, kann man neue, privat finanzierte Autobahnen, die man sich ansonsten leider nicht leisten könnte, prima verkaufen. Ich bin dann zehn Minuten schneller bei der Arbeit? Prima! Machen wir.

Welcher Teil von "Fast and Furious" läuft inzwischen?

Nationalismus sozial?

Besserwessis wurden die ersten Besucher und Übersiedler nach der Wende im Osten genannt. Nicht, weil sie glaubten, alles besser zu wissen, sondern, weil sie permanent auf Verbesserungsmöglichkeiten hinwiesen, ohne die entsprechenden Vorgeschichten zu kennen, oder daran interessiert gewesen zu sein.

Wenn man nicht unbegrenzt Kredit bekommt, ist man gezwungen sich einzuschränken und Prioritäten zu setzen, bzw. zu improvisieren. Das hatten die Menschen in der DDR getan. Nach der Wende wurde dann das Fass aufgemacht, und verbessert, wo man nur konnte. Die Bundesstraßen sind jetzt im ganzen Osten prima ausgebaut, nur die "Schlechterossis" sind inzwischen im Original "Besserwesten", anstatt in der provinziellen Kopie zu verharren, und Ihre Kinder sorgen dafür, dass in Dublin, Stockholm, Prag und Barcelona der Rubel rollt.

Aber sie bleiben auch dort Deutsche.

Der blaue Deckmantel mit den gelben Sternen, mit seinen Schildern, Münzen und Scheinen, vom vielen Waschen eingelaufen, verbirgt nur noch partiell einen darunter prächtig gedeienden Nationalismus ganz alter Manier.

Und dieser paart sich prima mit einem Glauben an den totalen Wettbewerb als Heilsbringer für die Gemeinschaft. Er dient dabei als ein weiteres Erklärungsmuster für vermeintliches Versagen im System. "Die Spanier haben keine Arbeitsmoral" oder "Die Griechen können nicht mit Geld umgehen", sind dann Allgemeinplätze, die vollkommen unhinterfragt ausgesprochen werden, um im Zweifelsfall einen Sündenbock für Systempannen zu haben, anstatt den Systemfehler selbst zu erkennen.

Ein sehr ähnliches Pseudoerklärungsmuster findet sich auch in der Ideologie der Nazizeit. Zum einen krankte damals das System angeblich am "raffenden Juden", und nach dessen Entfernung aus der Gesellschaft würde alles wieder gut werden, zum anderen waren viele, durch die Weltwirtschaftskrise verarmte Nichtjuden, ganz einfach nur scharf auf das billig verramschte "arisierte" Eigentum jener Menschen.

Die Gier als Triebfeder eines Systems, das sich selbst sozial nennt? Die Gier nach materiellen Gütern, nach Macht, Geschwindigkeit oder Sicherheit? Das Schicksal der Menschen, gegen die sich das System richtet, aber komplett ausblendend, vollkommene Empathielosigkeit, Sozial?


Es kann keinen gesunden Wettbewerb geben!

Jeder Wettbewerb schafft Gewinner und Verlierer.
Natürlich ist eine wettbewerbsfreie Gesellschaft Illusion. Allein schon der Drang hin zum bestgeeigneten Geschlechtspartner zur Fortpflanzung, ist Antrieb zum Wettbewerb, den man als "natürlich" beschreiben könnte.

Nicht viele Individuen in einer Gesellschaft sind gewöhnlicherweise darüber hinaus übermässig auf Wettbewerb hin orientiert, aber diese Wenigen wirken häufig als Verstärker, darum bemüht, ihre eigene Charakterschwäche hinter einem angeblichen "common sense" zu verbergen, dass sich "im Grunde" doch alle Anderen auch gerne und ständig miteinander vergleichen wollen.

Die Menschheit hat, zur Entschärfung dieses Drangs, Ventile entwickelt. Spiel und Sport sollen es uns ermöglichen, uns mit uns Selbst und mit Anderen fair zu messen. Dabei beinhalten die fairsten dieser Wettbewerbe stets auch die Möglichkeit eines Remis, welches aber nur durch strikte Regeln darüber, was erlaubt ist, erreicht werden kann.

Es gibt also natürlichen und fairen Wettbewerb, aber einen "gesunden" Wettbewerb allein schon zu definieren, fällt schwer und in einer Arbeits- und Geschäftswelt, in der der Schiedsrichter selbst zum Mitspieler wird, fällt als erstes die Fairness der Gier zum Opfer. Es geht inzwischen so weit, dass auch innerhalb der Unternehmen, Wettbewerb als hilfreich angesehen wird, außer Acht lassend, dass sich bereits mehr als die Hälfte aller Fälle von Arbeitsunfägkeit auf eben diesen offenen und verdeckten internen Wettbewerb zurückführen lassen. Burn-out lässt grüßen.

Doch wie ist das möglich?

Eine Firma, in Konkurrenz zu anderen Unternehmen, ist gezwungen, sich einzuschränken, Prioritäten zu setzen und zu improvisieren. Die Angesetellten stellen dabei ihr Potenzial zur Verfügung und welcher der Konkurrenten es schafft, seine Mitarbeiter möglichst in die, für jeden Einzelnen, geeignetste Position zu platzieren, wird im Endeffekt das konkurrenzfähigste Produkt abliefern und am effizientesten Wirtschaften können. Eine Vorgehensweise aber, in der die Gier nach Macht und Geld bestimmt, wer in welche Position gelangt oder verweilt, kann nur eine kontraproduktive Verschwendung zur Folge haben. Dass diese Verschwendung von Potenzial und Ressourcen heutzutage möglich ist und nicht dazu führt, dass jene Unternehmen am Markt ins Hintertreffen geraten, liegt eben am fehlenden Schiedsrichter. Dieser hat darüber hinaus, mit seiner "neuen Sozialgesetzgebung", den mitspielenden Unternehmen einen ständig parat stehenden Pool an Mitarbeiternachschub verschafft, und die, mit staatlichen Fördermitteln entwickelten Technologien, dürfen ebenfalls fröhlich zur Rationalisierung in den Unternehmen eingesetzt werden.

Anstatt der Wirtschaft sichere Rahmenbedingungen zu gewährleisten und, wo erforderlich, regulierend einzugreifen, sichert "der Staat" nun zwar weiterhin die Rahmenbedingungen, aber nicht mehr für den Markt und seinen möglichst fairen Wettbewerb, sondern nur noch für die Ihm wohlgesonnenen Unternehmen, denen er im übrigen fleissig zuarbeitet, indem er diesen Unternehmen immer weitreichenderen Zugang innerhalb der Gesellschaft verschafft.

Die Problematik und Gefahr hinter solch einer Entwicklung ist offensichtlich. Die Frage, wozu man einen solchen Staat dann noch braucht, beantworten inzwischen regelmässig ein Drittel der Bevölkerung durch Stimmverweigerung bei den Wahlen. Aber auch eine nennenswerte Opposition auf der Straße findet sich, zumindest in Deutschland, derzeit kaum.

Kehrtwende?

Wenn man nicht mehr weiter weiss, was tut man dann?
In früheren Gesellschaften wurden in solchen Fällen die Alten um Rat gebeten. Aber wohl auch damals häufig erst, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen war. Inzwischen aber sind im Nahen und Mittleren Osten, auf dem Balkan, in Nordafrika und in der Ukraine bereits tausende von Kindern und Alten getötet worden. Werden wir die Weisheit unserer Ahnengenerationen erst wieder erlangen, auf die Ratschläge der Weisesten unter Uns zu hören, wenn auch bei uns die Opferzahlen wieder steigen?

Damit ist, wie Eingangs beschrieben eher nicht zu rechnen, denn in Deutschland hat es keine nennenswerten Ressourcen und auch geostrategisch ist es nicht exponiert gelegen. In Ländern wie Spanien, welches die Kontrolle über die Straße von Girbraltar erlaubt, oder Griechenland, mit der Kontrolle über die Dardanellen und reichen Gasvorkommen im Mittelmeer, sieht es da aber schon ganz anders aus.

Reisen bildet!

Unsere heutigen jungen Erwachsenen, die Generation Erasmus, welches häufig treffenderweise auch Orgasmusprogramm genannt wird, taugen gewiss nicht, um innerhalb Europas aufeinander zu schiessen. Dazu würde im Zweifelsfall, das durch die letzte Krise frisch geschaffene Prekariat herangezogen.

"Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform" -
Dieser Spontispruch der 80er Jahre, heute springt er einem bei jedem Besuch einer Shoppingmall oder einer Sportveranstaltung, unweigerlich wieder an. Die Macht der Uniformierung, ebenfalls bei den Faschisten und Nazis in Italien, Spanien und Deutschland erprobt, wirkt, aber sie funktioniert nicht. Sie macht den Träger nicht unsichtbar, sondern verschleiert nur. Und unverwundbar macht sie noch viel weniger. Wo wir dann wieder bei den Quexen wären. Diese tragen heute, wenn keine Uniform mit Rangabzeichen, dann Anzug und Umhängebändchen. Ersteren wird man ggf. eine Waffe in die Hand drücken, Letztere werden die Särge liefern lassen, aber nur bei wenigstens 12% Umlaufrendite.

22:03 29.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

knattertom

reisewütiger Mit40er der "D" den Rücken gekehrt hat, um neues zu entdecken. Interessierter Beobachter von aussen so to say...: knattertom@freenet.de
knattertom

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