Wortakrobatik

Afrikanerkopf Zuletzt verbrachten Menschen in Deutschland ihre Zeit ernsthaft damit, darüber zu streiten, ob eine Bezeichnung wie "Negerkönig" akzeptabel ist?
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Die meisten Menschen in Mitteleuropa sind mit den drei Geschichten von Astrid Lindgren aufgewachsen. Pippi Langstrumpf, ihre Freunde Tommy und Annika, ihr Pferd "kleiner Onkel" und der Affe "Herr Nielson" sind europäisches Kulturgut. Nur ihr Vater, der bereitet Kopfzerbrechen!

Focus - Schwedisches FernsehenPippi Langstrumpf darf nicht mehr „Negerkönig“ sagen

Beschreibt A. Lindgren den Vater von Pippi, Efraim Langstrumpf, doch als ehemaligen Piraten und nun Negerkönig auf der Insel Taka-Tuka-Land! Ach weh....., und dann auch noch ein Weißer, welch kolonialrassistisches Gedankengut verbirgt sich in diesem Kinderbuch?

Im ersten Teil der Serie tritt der Vater noch überhaupt nicht auf, und man vermutet, dass sich Pippi diesen Werdegang ihres Vaters nur zusammenphantasiert, aus Hoffnung und Unwissenheit über dessen wirkliches Schicksal. Im zweiten Teil taucht der Vater dann aber tatsächlich auf. Und als Vater einer Tochter, die übermenschliche Kräfte hat, was anderes könnte er sein, außer König? Und über wen könnte er König sein, wenn ihn sein Weg nach Afrika brachte, als über die Neger dort?

Nicht in allen Königreichen wird die Königswürde vererbt, nicht jeder König kommt durch Gewalt an die Macht, und nicht jeder König unterdrückt zwingend die Bevölkerung, und ein Zugereister, mit Neugier und neuen Kenntnissen, ein unparteiischer Mensch, zuvor nicht eingebunden in mögliche Streitereien oder Feindschaften, kann womöglich von allen Aspiranten am besten als König wirken.

Hier einen versteckten Hinweiß auf eine möglicherweise gedachte kulturelle Überlegenheit eines weißen Mannes über die Neger zu vermuten, lässt weniger Rückschlüsse über die Ideen einer Astrid Lindgren zu, als über die derer, die sich solche verqueren Fragen stellen.

In einem Ausschnitt aus der "Akkumulation des Kapitals" von Rosa Luxemburg, findet sich folgende Formulierung:

„Die Handelsbeziehungen der ostindischen Kompagnien mit den Gewürzländern waren so gut Raub, Erpressung und grober Schwindel unter der Flagge des Handels, wie heute die Beziehungen der amerikanischen Kapitalisten zu den Indianern in Kanada, denen sie Pelze abkaufen, oder der deutschen Händler zu den Afrikanegern. Das klassische Beispiel des .sanften' und .friedliebenden' Warenhandels mit rückständigen Gesellschaften ist die moderne Geschichte Chinas, durch die sich, wie ein roter Faden, seit Beginn der vierziger Jahre, das ganze 19. Jahrhundert hindurch die Kriege der Europäer ziehen, deren Zweck war, China gewaltsam dem Warenverkehr zu erschließen."

Huch! Was nun? Rosa Luxemburg eine Rassistin?

Wohl kaum, denn meint das Wort Neger im Deutschen doch nichts weiter, als afrikanischer Ureinwohner, bzw. von afrikanischen Ureinwohnern abstammend und ist damit eine vollkommen wertfreie Definition, bzw. war sie es zu einer Zeit, als Afrika noch sehr weit weg war und es weniger Gründe und Möglichkeiten für Migrationsbewegungen gab.

Aber wir erinnern uns, es waren, vor allem holländische Calvinisten und französische Hugenotten, die vor der Verfolgung durch die katholische Kirche flohen, und sich am Kap der guten Hoffnung niederliessen. Dadurch entwickelte sich Kapstadt, gegründet als Versorgungshafen für die Schiffe der holländischen ostindischen Compagnie, zur Kapkolonie. Diese Entwicklung verlief über mehrere Generationen friedlich. Erst nach mehr als 100 Jahren kam es zu den ersten kriegerischen Konflikten, nachdem sich die europäischen Immigranten und die Bantuvölker, die ebenfalls sesshaft waren, durch ihre Ausbreitung annäherten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kolonisation#/media/File:Colonisation_1812.png

Verbesserungen in der Schiffahrt und in der Waffentechnik, veränderte Koalitionen in Europa, Südafrikas geopolitisch exponierte Lage und letztlich dann die ersten Gold- und Diamantenfunde, führten später zwar zu vielen Kriegen, zu Unterdrückung und Leid, die Anfänge dieser Kolonisationsbewegung aber ausdrücklich nicht. Auch die Portugiesen, als erste Kapumsegler, waren an Afrika selbst nicht wirklich interessiert, sondern vor allem an der Bevölkerung, die als Sklaven in die südamerikanischen Kolonien verschleppt wurden. Der ferne Osten, China und Java, das waren die Lieferanten für alles Exotische, in Afrika richteten sie lediglich Versorgungsstationen auf dem Weg dorthin ein.

Und so war es auch dieses geheimsnissvolle, ehrerbietende und Neugier erweckende, was dem Begriff Neger beiwohnt, so dass er nicht nur von den weißen Plantagenbesitzern in den amerikanischen Südstaaten, sondern dann auch von den deutschen Nazis zum eindeutig rassistischen "Nigger" gebeugt wurde, auch nannten Sie den Jazz und Dixie, der auf Schallplatten gepresst über den Atlantik nach Europa kam, abwertend "Niggermusik".

Abschließend, soll die Frage gestellt werden, ob eine Bezeichnung wie Neger, Indio, Aborigine, Indianer, Eskimo oder Bleichgesicht, wohl wissen darum, dass es in allen Kulturen verschiedene Stämme und Völker gibt, nicht einfach als wertfreie Zwischenkategorie fungieren kann?

Ob ein Wort abwertend oder verächtlich gemeint ist, kann man dem geschriebenen letztlich eh' nur schwerlich entnehmen, denn im Zwischenmenschlichen, ist es vor allem der Ton, also die Betonung des gesprochenen Wortes, was uns Rückschlüsse auf das tatsächlich gemeinte erlaubt. Und anstatt sich Gedanken und Sorgen über jahrhundertealte Worte wie Negerkuss oder Mohrenkopf zu machen und da zensierend einzugreifen, wäre es wohl angebrachter, die ständig neu in die Sprache und deren Alltagsgebrauch einfliessenden Begriffe mit eindeutig negativer Konotation, wie "Gutmensch", "Russlandversteher" oder "Verschwörungstheoretiker", einer mindestens genau so kritischen Prüfung zu unterziehen.

Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Luxemburg

22:02 06.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

knattertom

reisewütiger Mit40er der "D" den Rücken gekehrt hat, um neues zu entdecken. Interessierter Beobachter von aussen so to say...: knattertom@freenet.de
knattertom

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