Ein Name macht Geschichte

Kevinismus Manche Namen veranschaulichen die Fragmentierung unserer Gesellschaft besonders gut. Was Namenshintergrund, Fußball und Zeitgeschichte miteinander zu tun haben.
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Namen gelten gemeinhin als identitätsstiftendes Merkmal eines jeden Individuums. Sie gehören neben dem äußeren Erscheinungsbild und der Sprache zu jenen Merkmalen, die ein jeder Mensch an seine unmittelbare Umgebung abgibt und nach denen er zunächst beurteilt wird. Manche Namen können sogar noch mehr. Sogenannte Unterschichtennamen wie Kevin zum Beispiel. Sie haben hierzulande aufgrund der mit ihnen assoziierten negativen Zuschreibungen und sozialen Schieflagen mittlerweile ihren festen Platz im kollektiven Gedächtnis eingenommen. „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose!“ So lautete deshalb die viel zitierte Aussage einer Lehrerin zu Vorurteilen gegenüber jenen Vornamen. Gesellschaftliche Prozesse der jüngeren Geschichte können am Umgang mit Namen bestens abgelesen werden. So kommt in der Kevin-Diagnose auch eine steigende Verachtung der ärmeren Schichten von Seiten der sozialen Eliten zum Ausdruck. Definierte man Menschen mit Unterschichtennamen als spezifische Gruppe und untersuchte diese soziologisch, so würde schnell deutlich werden, dass sie auf ähnliche Weise diskriminiert werden wie zum Beispiel türkeistämmige Deutsche. Jedoch mit feinen Unterschieden.

Die feinen Unterschiede

Wir haben mittlerweile akzeptiert, dass es innerhalb der letztgenannten Gruppe durchaus enorme soziale, ethnische, religiöse und kulturelle Nivellierungen gibt. Türke ist eben nicht gleich Türke. Eigentlich nicht besonders verwunderlich. Geht es jedoch um die Kevins in diesem Land, scheinen jegliche Differenzierungsmechanismen ausgeschaltet zu sein. Das zeigt die Episode um das Jugendwort des Jahres 2015 ebenso wie die oben zitierte Meinung deutscher Studienräte zu diesem Namen. Ein Schimpfwort wie Alpha-Murat hätte es erst gar nicht in die Auswahl der beliebtesten Jugendwörter geschafft. Zum Glück! Deshalb hat das Zurückrudern der Duden-Redaktion im Falle von Alpha-Kevin die Sache auch nicht wieder gutgemacht. Der Schaden war bereits angerichtet. Was folgte, war die übliche schlechte Presse für Kevin. Ein weiterer Unterschied zwischen Murat und Kevin liegt darin, dass Angehörige anderer Minderheiten den gesellschaftlichen Diskurs über die eigene Gruppe zunehmend mitgestalten, auch wenn hier noch sehr viel Luft nach oben ist.

Nicht so bei Kevin. Im Normalfall wird über ihn geschrieben, sei dies nun in diffamierender oder verteidigender Absicht. Letzteres kommt eher selten vor und ist vor einigen Monaten immerhin der Marketingabteilung eines Smoothie-Herstellers ganz gut gelungen. So hat auch die ständige Repräsentation und Beschreibung durch Andere, in der Regel nicht Betroffene, mitunter dazu geführt, dass sich das Bild des typischen Unterschichten-Kevins überhaupt erst so gut und ohne jeglichen Einwand etablieren konnte. Hier werden interessanterweise auch nicht die üblichen Proteste von Seiten der Linken artikuliert, auch wenn es sich hier offensichtlich um eine Form von aggressivem Klassismus handelt.

Meine Frau hat vor Kurzem ihre Stelle als Studienrätin an einer sonderpädagogischen Schule angetreten. In einer Stunde über Neologismen kam ihre Klasse direkt und ungefragt auf die Bedeutung meines infamen Namens zu sprechen. Während der lebhaften Diskussion wurde das Urteil eindeutig und gnadenlos gefällt. Alle Welt wisse ja wohl, was ein echter Kevin sei, was ihn ausmache. Außerdem gäbe es neben dem viel diskutierten Begriff Alpha-Kevin auch noch den Hyper-Kevin, was allerdings mehr oder weniger das Gleiche bedeutet. Aussagen wie „Mach mal nicht den Kevin!“ im Sinne von „Stell Dich nicht so dumm an!“ scheinen eine gängige Floskel unter SchülerInnen zu sein. Kurzum: der Name ist ein Schimpfwort, ein Skandal und eine Bürde für Alle, die ihn tragen. Ein Freund von mir arbeitet als Lehrer in der zweiten Sekundarstufe und wurde neulich von einem seiner Schüler darum gebeten, ihn statt mit Kevin doch bitte mit seinem zweiten Namen (Jan) anzusprechen. Soweit so gut. Alles nicht neu und bereits einige Male mit Genugtuung festgestellt worden.

Gesellschaftliche Bedeutung

Warum also darüber schreiben? Um einen Gegenentwurf zu wagen? Nein, viel mehr noch: hier soll ein Hohelied auf die gesellschaftliche Bedeutung meines Namens angestimmt werden. Ein Seitenhieb gegen Diejenigen, die es sich mit ihren mühevoll zurechtgezimmerten Schubladen allzu bequem gemacht haben. Gegen deutsche Abgrenzungskultur! Das scheint heutzutage ohnehin notwendiger denn je. Denn genau so wie es den gebildeten, säkularen und beruflich erfolgreichen Türkeistämmigen oder Geflüchteten gibt und schon immer gegeben hat, gibt es eine ähnliche Ausführung tatsächlich auch unter den Kevins. Darf ich vorstellen: 1982 als Kind von mittelständischen Arbeitereltern auf der Schwäbischen Alb geboren, schloss ich die Grundschule als Zweitbester meines Jahrgangs ab. Die Jahre danach lesen sich dann wieder eher Kevin-mäßig: Scheidung der Eltern, in der Neunten geparkt, viel Alkohol und kaum zu Hause. Nahm sich das vorherbestimmte Schicksal damals selbstgefällig meiner Biografie an? Oder erlebte ich am Ende eine gewöhnliche, moderne Jugend in der von Langeweile geprägten Provinz? Vermutlich war Letzteres der Fall. Irgendwie bekam ich jedenfalls noch die Kurve.

Ich zog zum Studieren nach Berlin. Dort wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass mein Name nicht nur ungewöhnlich, sondern vor allem belastet ist. Wie oft musste ich mir von KommilitonInnen anhören, dass ich gar nicht wie ein Kevin wirke oder aussehe. Dass mir offensichtlich der falsche Name gegeben wurde. Wie oft musste ich meinen Namen beim Kennenlernen ein zweites Mal laut und deutlich sagen, da meine bildungsbürgerlichen Gegenüber ihren Ohren nicht trauten. Daran musste ich mich erst mal gewöhnen. Meinen Lehramts-Master brach ich trotz guter Noten, Talent und Motivation ab – man stelle sich mal einen Kevin als Lehrer vor! Mittlerweile beziehe ich ein Stipendium und sitze an meiner Doktorarbeit. Ich habe mich also freiwillig auf den mir vorbestimmten Weg zurückbesonnen und mich für das Prekariat - wohlgemerkt das akademische - entschieden. Machen wir uns nichts vor: spätestens nach der Disputation wird dieses Abenteuer ein Ende finden. Solange es in Deutschland die anonymisierte Bewerbung im großen Stil nicht gibt, wird ein promovierter Hagen gegenüber einem gleich qualifizierten Kevin immer bevorzugt werden. Abgelehnt dank Namenshintergrund! Es sei denn, mein zukünftiger Arbeitgeber hat ein Herz für die Marginalisierten und liebt das Unbekannte, Risikobehaftete. Für diese Eigenschaft sind die Deutschen allerdings nicht gerade bekannt. Also stelle ich mich schon mal mental auf das gastronomische Gewerbe ein, jener trügerischen Utopie aller enttäuschten Akademiker unserer Zeit. Auswandern ist auch eine Option, schließlich spreche ich drei Fremdsprachen fließend - Schwäbisch nicht einberechnet. Wobei wir hier schon beim nächsten Problem wären. Kevinismus als gesellschaftliches Phänomen gibt es auch in anderen Weltregionen wie Asien oder Lateinamerika. Nur scheint dies dort nicht ganz so schwer zu wiegen und auch nicht so leidenschaftlich und ernst diskutiert zu werden wie hierzulande. Es bliebe mir noch der angelsächsische Raum. Oder Argentinien - immerhin feiert dort ein Parfüm namens Kevin gerade große Erfolge, was ich als positives Zeichen deute.

Der HSV ist schuld!

Was also tun? Wie immer in vermeintlich ungünstigen Situationen sollte vernünftigerweise erst einmal die Suche nach geeigneten Schuldigen aufgenommen werden. Meine Mutter fällt demnach heraus. Sie hat in einem schwäbischen Dorf, in dem seinerzeit jeder zweite Junge Christian oder Stefan getauft wurde, auf soziale Distinktion statt auf Anpassung gesetzt und die hat sie bekommen, wenn auch mit unerwarteten Nebeneffekten. Da bleibt nur der HSV, welcher in seinen erfolgreichen Zeiten im Jahre 1977 einen gewissen Kevin Keegan als hochdotierten Neuzugang unter Vertrag nahm. Mit dem äußerst populären und auch musikalisch bewanderten Stürmer wurde nebenbei dafür gesorgt, dass der ursprünglich irische Name in Deutschland bekannt wurde und sogleich anfing, auf den Geburtsurkunden eine steile Karriere hinzulegen. Und es sollte noch besser kommen: Um den teuren Kevin für ein weiteres Jahr verpflichten zu können, ging der HSV damals einen Werbevertrag mit British Petroleum (BP) ein. Der Konzern startete mit der Comicfigur „Super-Kevin“ eine der ersten Greenwashing-Kampagnen in der BRD. In eng anliegendem grünem Anzug, breiter BP-Brust und krauser Dauerwelle wurde ganz im Zeitgeist der ökologischen achtziger Jahre gegen Energieverschwendung geworben, um das Firmen-Image von BP aufzubessern. An Ironie scheint es den Marketingstrategen von BP bereits damals nicht gemangelt zu haben. Ein Energie-Riese, der sich für weniger Spritverbrauch einsetzte - großartig! Hier fing also das ganze Dilemma an. Mit British Petroleum, dem HSV und einem naiven englischen Fußballer mit Hang zur Selbstvermarktung. Ein kickender Engländer als unfreiwilliger Patron der ersten deutschen Generation namentlich schwer Benachteiligter. Und das geschah auch noch grenzübergreifend, da der sympathische Wuschelkopf sowohl Eltern in der BRD als auch in der DDR zu inspirieren wusste. Kevin als deutsch-deutsche Gemeinsamkeit, als Band der Freundschaft, als Inbegriff der Sehnsucht nach dem Anderen, nach Amerika.

Wende und ewiges Stigma?

Wenige Jahre nachdem Keegan den HSV verlassen hatte, sorgte ein anderer Fußball spielender Kevin in der japanischen Anime-Serie Kickers (1986) ebenfalls für Unruhe. In der deutschen Fassung hörten zwar die meisten Spieler dieser Mannschaft auf englische Namen, die Rolle des unbeherrschten und stumpfsinnigen Stürmers war jedoch Kevin zuteil geworden. Ständig gab es Ärger wegen ihm. Dies mag Zufall sein. Letzten Endes fügt es sich aber bestens ein in das Mosaik, das dem schwierigsten aller zeitgenössischen Namen zur problematischen Karriere verhalf.

Dann kam die Wende und mit ihr Macaulay Culkin: amerikanische Kinderzimmer-Ikone, millionenfacher Namenspender und spätpubertäres Drogenopfer. Schließlich Kevin Costner, Wegbereiter der euphorischen Wiederansiedlung von Wölfen in unserem Land. Die übrigen großartigen Schauspieler spare ich mir an dieser Stelle. Der Stalljunge bei der Gummibärchenbande von Walt Disney hörte passenderweise auch auf meinen Namen, wenn auch anders geschrieben. Im Laufe der Serie stieg er als Freund und Helfer der Gummibärchen zum Ritter von Schloss Dunwyn auf. Ganz anders war die Lage in Deutschland. Als schließlich Scharen von Kevins ins schulfähige Alter kamen und es sozialstaatlich wie wirtschaftlich bergab ging, brachen schlechte Zeiten für so manchen exotischen Namen an. Die Einkommensungleichheit nahm in den neunziger Jahren zu und im Dienste der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wurden Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse als Heilmittel verschrieben. Damit wurde für die Mittelschicht der soziale Abstieg wahrscheinlicher. Mit der Unterschicht wuchs auch das Klassenbewusstsein insbesondere auf Seiten des Bildungsbürgertums, was sich in dem Wunsch nach stärkerer soziokultureller Abgrenzung nach unten manifestierte. Diese Abgrenzung zeigte sich auch in der Diskussion um die sogenannten Unterschichtennamen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Dabei wird niemand gänzlich bestreiten können, dass dem Stereotyp des problematischen, ungebildeten Kevins nicht auch eine gewisse gesellschaftliche Realität zugrundeliegt. Man hört halt so Sachen. Die Liste an öffentlichkeitswirksamen Beweisen ist zudem lang. Dass ausgerechnet ein gewisser Kevin-Prince Boateng durch den demonstrativen Verzicht auf das deutsche Nationaltrikot zugunsten Ghanas und ein rüdes Faul an Michael Ballack vor der WM 2010 den Unmut einer ganzen Nation auf sich und seinen unsäglichen Namen zog, passte bestens in Schema. Neugeborene namens Kevin landeten bisweilen in der Mülltonne und danach auf der Titelseite der Klatschpresse. Das Resultat dieser vielen nachteiligen Episoden lässt sich ganz gut in der Kommentar-Spalte diverser Internet-Namensseiten begutachten. So mancher gepeinigter Kevin beklagt dort auf rührende Art sein namentliches Stigma.

Wäre der Sänger der erfolgreichen wie grauenhaften Band Pur in den achtziger Jahren geboren, trüge er mit großer Wahrscheinlichkeit meinen Namen. Da bin ich mir sicher. Irgendwann wird bestimmt ein anderer Vorname im Rampenlicht stehen. Was bleibt, ist Kevin Großkreutz‘ spektakulärer Dönerwurf auf einen Fußballfan und seine Pinkelattacke in einer Hotel-Lobby. Und ganz anders als der schon immer unbeliebte Kevin Kuranyi ist Kevin Großkreutz innerhalb eines halben Jahres trotz seiner Liebe zu Dortmund und ohne viel Spieleinsatz zum neuen Idol der gepeinigten Stuttgarter Fans aufgestiegen. In schwierigen Zeiten braucht es einen Kevin. Großkreutz repräsentiert zudem einen Spielertypus, welcher in der glattgebügelten Welt des Profifußballs vom Aussterben bedroht ist. Und siehe da: es gibt sie auch außerhalb des Rasens, die Beispiele, welche das Ende des Stigmas andeuten, auch wenn es bis dahin durchaus noch ein langer Weg sein kann. Landesvorsitzender der Jusos Berlin ist tatsächlich ein gewisser Kevin Kühnert, Jahrgang 1989.

Alles andere ist tausend Mal erzählt worden. Viel zu oft für meinen Geschmack. Und viel zu oft von den falschen Leuten. Warum ich das hier trotzdem schreibe? Weil in keinem anderen Namen mehr Zeitgeschichte, Popkultur und Fußball steckt als in meinem. Und damit lässt es sich als Historiker eigentlich ganz gut leben.

17:01 12.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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