Daria Kulesh, Aslan Gaisumov, Apti Bisultanov

Kaukasische Künstler Wo gibt es ein Leben in Liebe und ohne Gewalt? Stellen wir die Frage in einen weiten Raum, doch lösen werden wir sie kaum.
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Apti Bisultanov: Man kann, was in Tschetschenien passiert, nicht trennen und hier von Politik reden, da von zivilem Leben, von Kunst. Wir haben keine Berufspolitiker - Sakajew ist Schauspieler, ich bin Dichter, unser ehemaliger Präsident Janderbijew war Dichter; zwei Freunde, die neben mir im Schützengraben starben, waren ausgezeichnete Künstler. Einem sehr populären Sänger wurden direkt neben mir die Beine abgerissen - wir haben keine Entscheidung für die Macht getroffen, sondern eine Entscheidung des Gewissens. Ich sage immer: Wir Tschetschenen brauchen nicht Anhänger der Tschetschenen, wir brauchen Anhänger der Wahrheit. Und in dieser Welt bin ich auf der Seite der Wahrheit. Ich weiß, für Sie in Deutschland und in der heutigen Welt klingt das archaisch - aber es gibt Werte, wenn Du die verrätst, bist Du ein Niemand.

Gibt es in diesem Konflikt denn nur die eine Wahrheit - oder mehrere? Es ist ganz einfach, in diesem Konflikt die Wahrheit zu wählen. Sie sprechen, als gäbe es nur zwei Seiten: Besatzer und Widerstand. Laut der Journalistin Anna Politkowskaja zerfällt der aber in «Westler» um den gemäßigten Präsidenten Maschadow, «Araber» - Anhänger einer Islamisierung - und kleine Gruppen, die aus persönlicher Rache kämpfen. Ich bewundere Frau Politkowskaja für ihre mutigen Reportagen, aber hier versucht sie, allzu schlau zu sein. Welcher Krieg gegen Besatzer war denn je einheitlich? Man muss doch den Kern des Konflikts sehen. Unser Volk hat man nicht wegen El Kaida deportiert! Sicher, mancher kämpft aus Rache, mancher mit anderen Zielen, mancher im Namen Allahs, das gibt es alles - aber nur, weil die Besatzer kamen und ganz Tschetschenien ein KZ ist. Wenn Sie fragen, ob sich die tschetschenische Gesellschaft radikalisiert und zum Extremismus neigt - sicher! Das ist offensichtlich. Was bleibt den Menschen auch außer der Religion? Wo ist Recht und Gesetz, wo das Völkerrecht? Europa tut nichts, es sagt noch nicht einmal Putin, dass das schlecht ist, was dort passiert! Aber eines versichere ich ihnen: Am Ende wird sowieso Europa das Problem lösen müssen - je früher es das tut, umso besser.

Welche literarischen Vorbilder hatten Sie, als sie anfingen, auf tschetschenisch zu dichten? Während der Deportation wurden alle tschetschenischen Dichter entweder erschossen, oder sie kamen ins Gefängnis, oder sie wurden für bis zu zwanzig Jahre ins Lager gesteckt. Die Literatur war praktisch vollständig vernichtet. Danach kamen Leute, die in völlig unnatürlichem Tschetschenisch schrieben und die niemand lesen wollte, aber die hatten Wohnungen, Datschen, die Mitgliedschaft im sowjetischen Schriftstellerverband. Und dann kann unsere Generation, die Generation «Prometheus». Wieso Prometheus? Wir gründeten einen literarischen Klub in Grosny. Wenn man bedenkt - das war die Hochblüte des Sozialismus, und wir gründen einen Klub, der eine Synthese sucht mit der internationalen, europäischen Gegenwartsliteratur, mit der Moderne. Der Klub wurde verboten. Für mich gibt es eine Tradition, von der jeder Künstler ausgehen kann - die Volkskunst. Das gilt für alle Künstler, selbst für die Moderne. Ich hatte das Glück, in den Bergen aufzuwachsen, mit einer Großmutter, die über hundert Jahre alt wurde. Ich war sehr wissbegierig und konnte, noch bevor ich zur Schule ging, viele Gedichte auswendig, auf tschetschenisch und russisch. Später, im «Prometheus» haben mich Dichter wie Rimbaud und García Lorca beeinflusst, Dichter von Peru bis Chile wie Gabriel Mistral und Cesar Vallejo.
Was ist mit Mandelstam oder anderen Russen? Mandelstam, Pasternak, die wirklichen, großen russischen Dichter. Und natürlich kam alles zu mir über die russische Sprache, in russischen Übersetzungen. Die russische Kultur hat mich sehr beeinflusst. Aber ich habe mich und wir haben uns am Westen orientiert. Wie Mandelstam und Pasternak ja auch!

Die Aufgabe des Dichters bestehe darin, mit Worten an einen Ort zu gelangen, wo vor ihm noch niemand war. Dies sagte der russische Dichter Joseph Brodsky, und man darf seine Worte auch auf die Lyrik von Apti Bisultanov anwenden. Er gilt als bedeutendster tschetschenischer Dichter der Gegenwart.
Vor dem Krieg arbeitete Apti Bisultanov als Redakteur und Lektor, und während des ersten Tschetschenienkriegs blieb er noch Dichter. Als 1999 jedoch der zweite Tschetschenienkrieg ausbrach, wollte er nicht wieder Opfer sein, sondern schloss sich den Partisanen an. Nur durch die Ereignisse sei er in die Politik hineingezogen worden, die ihm die Zeit für seine eigentliche Arbeit nehme, meint Bisultanov. «Aber das ist mein Leben. Das Wichtigste ist, dass ich natürlich bin und aufrichtig. Ich würde sehr gern ein Jahr von den Tagen, die mir im Leben noch geblieben sind, nur der Kunst widmen.»
Die Leiden des tschetschenischen Volks, die Kriege aus Jahrhunderten, die Deportation unter Stalin und schließlich die Tragödie des Kriegs – diese Ereignisse sind Stoff vieler Gedichte von Apti Bisultanov.

Schon seit seiner Kindheit hatte sich Apti Bisultanov der Dichtkunst hingegeben. Auch die tschetschenische Tragödie war seit seiner Kindheit präsent. Die Geschichte seiner Familie ist vom Trauma der Deportation geprägt, wie Apti Bisultanov erzählt: «Mein Vater ist sehr früh gestorben, da war ich erst 6 Jahre alt. Er ist an einer Verwundung gestorben, die er im zweiten Weltkrieg bei Leningrad bekommen hat. Trotz seiner Verwundung kämpfte er weiter, doch 1944 wurde er direkt von der Front nach Kasachstan deportiert, als Volksfeind. Meine Mutter hatte 10 Kinder, und fünf von ihnen sind in Kasachstan verhungert. Und von den letzten fünf bin ich der einzige, der in der Heimat geboren ist.» Diese Deportation ist das Thema des längsten Gedichtes in dem Band. Es trägt den Titel «Chaibach» und ist vor zwanzig Jahren entstanden. Chaibach ist der Name eines Dorfs und steht für eines der grausamsten Verbrechen jener Zeit. Im Februar 1944 lag in den Bergen hoher Schnee, so dass die Deportation des Dorfs Chaibach nicht möglich war. Der Kommandant ließ daraufhin 700 Dorfbewohner in einen Stall sperren, um sie bei lebendigem Leib zu verbrennen. Eine Geschichte, die Apti Bisultanov sein Leben lang verfolgt hat. In dem Gedicht «Chaibach» experimentiert er mit verschiedenen Genres der tschetschenischen Literatur: Gesänge und Gebete, die im Tschetschenischen rezitiert werden. Auch wenn man von dieser fremdartigen, wundersamen Sprache kein Wort versteht, kann man sich ihrem Reiz nicht entziehen. Wortwiederholungen, Reime und eine dramatische Entwicklung sind auch für den deutschen Hörer sofort erkennbar, wenn Apti Bisultanov sein Poem rezitiert.
«In Tschetschenien selbst allerdings rezitiert heute niemand mehr Gedichte. Das liegt nicht nur daran, dass es im Krieg niemanden mehr gibt, der sie rezitieren könnte. Die Situation ist heute so, dass die Menschen die Schönheit nicht sehen wollen. Nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, meinte Adorno. … und so ist es auch ganz klar, dass es in Tschetschenien keine Poesie mehr gibt.» Nur zehn Gedichte des Bandes sind während des Krieges entstanden, denn im Krieg verstummt die Dichtung. Für Apti Bisultanov ist der Krieg kein Tabuthema, sondern eine Erfahrung. So gebe es im Krieg eine eigenartige Harmonie: Die Dinge sind, was man sie nennt. Ein Feind ist ein Feind, ein Freund ein Freund. Schmerz ist Schmerz und Freude ist wirklich Freude. Eine solche Eindeutigkeit allerdings lässt keine Metaphern zu, und eine Zeit lang konnte Apti Bisultanov sich nicht vorstellen, dass er je wieder Gedichte schreiben würde.

Daria Kulesh

Im November 2015 spielte Daria Kulesh den Song «The Moon and the Pilot» ein Lied, dass auf der Geschichte ihrer inguschischen Großmutter basiert, live im BBC World Service. Von Mike Harding als «eines der schönsten neuen Lieder der letzten 10 Jahre» beschrieben, veranlasste es Hunderte von Menschen, Daria zu kontaktieren, um ihre Dankbarkeit für das Lied auszudrücken und über die Ereignisse des Februar 1944 zu sprechen, als die Inguschen und Tschetschenen auf Anordnung des Diktators Joseph Stalin brutal aus ihren Häusern vertrieben und deportiert wurden. Jede Erwähnung von Inguschetien und Inguschen wurde aus Geschichtsbüchern, Wörterbüchern und Enzyklopädien gelöscht. Obwohl die Deportierten 1957 zurückkehren durften und ihre nationale Identität wiederhergestellt wurde (die Inguschische-Republik wurde vor 25 Jahren gegründet), sind die Schmerzen der Vergangenheit nach wie vor vorhanden und die Gerechtigkeit wurde bis heute nicht vollständig befriedigt.
Das Lied hat die in Moskau geborene Daria in Inguschetien bekannt gemacht und im August 2016 wurde sie zum ersten Mal eingeladen, die verlorene Heimat ihrer Großmutter zu besuchen. Während ihres Besuchs trat sie im inguschischen Fernsehen und Radio auf und veranstaltete öffentliche Konzerte. Daria hat auch die atemberaubend schönen Berge und ihre einzigartigen, mit Turmspitzen besetzten befestigten Dörfer besucht, darunter das uralte Dorf ihrer Großmutter, Fourtoug. Sie hat den Präsidenten von Inguschetien, den Kulturminister und andere Würdenträger sowie lokale Musiker, Tänzer, Dichter, Historiker, Schauspieler, Künstler getroffen, die alle ihr Wissen, ihre Leidenschaft und ihre Inspiration geteilt haben. Sie wurde auch mit Verwandten wiedervereint. Darias einzigartige Erinnerungen und Erfahrungen spiegeln sich in ihrem Album Long Lost Home wider, das am 23. Februar 2017 veröffentlicht wurde.
Daria freut sich sehr darüber, mit dem Volkskünstler von Inguschetien Timur Dzeytov zu arbeiten, der auf dem neuen Album Long Lost Home neben Jonny Dyer, Vicky Swan, Jason Emberton, Kate Rouse, Lukas Drinkwater, Terry Crouch und John Maw spielt. Timur ist ein Meister auf dem inguschischen Volksinstrument Dakhchan Pandar, der «Balalaika der Bergbewohner» (Gorzy).[2]
Daria Kulesh´s Lied «The moon and the Pilot» ermöglicht uns denjenigen zu erinnern, für die der 23 Februar 1944 das Ende der Welt war, die Sie kannten und der Beginn einer unerhörten Ungerechtigkeit, deren tiefe Einschnitte selbst bis zum heutigen Tag zu empfinden sind. Es ist die Geschichte einer Familie und Nation welche aus ihrer Heimat (Inguschetien) verbannt wurde, durch die Direktive Stalins. Der Diktator erklärte sie 1944 zu Feinde des Staates – trotz der Tatsache, dass sie für Russland gekämpft haben und den Verlust ihrer Liebsten im Krieg beklagen mussten. Mitten im Winter, am 23 Februar 1944, wurden die Inguschen und Tschetschenen brutal aus ihren Häusern vertrieben und deportiert. Obwohl das Lied einer Gräueltat gewidmet ist, welche vor über 70 Jahren begangen wurde, bleibt das Thema in «The moon and the Pilot» schmerzlich schön aktuell. Ein Lied unserer Zeit, welches mit lyrischer Romantik uns den Schmerz versüßt über die harte Realität der Vertreibung durch unmenschliche Regierungen und Krieg. «Suspended above skeletal piano and dulcimer, Daria Kulesh's haunting and enigmatic ballad, The Moon and the Pilot, revisits the bleakest years of Stalin's rule.»

Die Geschichte hinter dem Song:

Daria Kulesh: «Die Mutter meiner Großmutter war eine bekannte Schönheit in Inguschetien – einer Republik im Kaukasus, im Süden von Russland. Man sagte, dass ihre Schönheit selbst den Mond in den Schatten stelle und dass sie einen Mann des Himmels geheiratet habe, einen Pilot und Kriegsheld.* Dann kam ein neuer Krieg. Der Pilot kam 1942 um Leben, beim Versuch Nachschub in das belagerte Leningrad zu liefern. Er wurde erst 1944 gefunden und erhielt das Begräbnis eines Helden. Die grausame Ironie war, dass seine Frau und die beiden kleinen Kindern, zusammen mit dem Rest der Nation auf Befehl von Josef Stalin als Feinde des Staates erklärt wurden (ein absurder Anspruch, da die meisten inguschischen Männer mit der roten Armee gegen Hitler kämpften) Mitten im Winter wurden die Inguschen und Tschetschenen gewalttätig vertrieben und aus ihrer Heimat verbannt – dies ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau und ihrer Kraft im Kampf ums Überleben.«
* Der Name des Piloten war Rashid Akhriev, der ersten Fliegerlegende aus dem Nordkaukasus.

Aslan Gaisumov

In seiner früheren Arbeit «Wolga» (2015) stellt der tschetschenische Künstler den Exodus seiner Familie aus ihrer Heimat nach. Das Single-Shot-Video zeigt 21 Menschen, die sich in einer nebligen Steppe in eine marode weiße Wolga stürzen. Das Auto fährt langsam hoch und verströmt Rauchwolken. Die Leute äußern im Verlauf der acht Minuten des Videos kein einziges Wort. Diese lakonische Arbeit zeigt den Schmerz und die Demütigung, die mit der erzwungenen Trennung der Menschen von ihrem Land verbunden sind. Gaisumov erinnert auch an seine Flucht aus Tschetschenien in der Installation «Haushalt» (2016). Es umfasst die Haushaltsgegenstände, die seine Familie bei ihrer Flucht mitnahm. Zwei Holzkisten sind mit Matratzen, Teppichen, Kerzen, Tassen, Fotografien, Suppenkellen, einem Fernseher und anderen Utensilien des täglichen Lebens gefüllt. Die Alltäglichkeit der Objekte und die zurückhaltende Art, in der sie präsentiert werden, verleihen der Arbeit eine emotionale und poetische Kraft.
Die angespannte Beziehung zwischen unschönen persönlichen Geschichten und beschönigter offiziell er Geschichte liegt im Herzen von Gaisumovs Arbeit. Auf der Rückwand des Rathauses in «People of No Consequence» (2016) ist ein gigantisches Plakat zu sehen, das eine glitzernde Vision des heutigen Grosny zeigt. Eine Gruppe von unberührten Wolkenkratzern streckt sich gegen den Himmel eines absurd fast Karikatur artigen Blau. Die Boulevards sind von makellos geformten Sträuchern gesäumt. Dennoch gibt es eine bemerkenswerte Abwesenheit in diesem unheimlichen propagandistischen Bild: Es gibt keine Menschen. Der Titel des Werkes erhält eine neue, düster-komische Bedeutung.

Bereits in seinen frühsten Werken, die er vor seinem Abschluss am Moskauer Institut für Zeitgenössische Kunst im Jahr 2012 angefertigt hat, beschäftigte sich Gaisumov mit der Auslöschung von Menschen aus historischen Erzählungen. Zwischen 2008-2017 schuf er eine Serie namens «ohne Titel» (Krieg), die sich aus Büchern in verschiedenen Verstümmelungszuständen zusammensetzte: zerrissen, geschreddert, ausgeweidet, zugeheftet, mit Vorhängeschlössern versehen, durchgesägt und mit Draht, Nägeln und Glas durchbohrt. Eine der Arbeiten der Serie, «Prothetik» (2011), besteht aus zerrissenen Ausschnitten von fünf Büchern aus verschiedenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die plump zusammengenäht wurden. Diese Bücher, als Aufbewahrungsort menschlicher Geschichten, wurden auf die gleiche Weise zerstört wie die Menschen, die sie geschrieben, gelesen und besessen haben. Die Objekte sind absichtlich nicht schön: Im Gegensatz zu den Fotomontagen der Propaganda-Plakate weigern sie sich, ästhetisiert zu werden.
In seiner Installation «Nummern» (2015) erinnert Gaisumov auch an die Menschen, die aus der offiziellen Geschichte der Konflikte ausgeschlossen wurden. Mehrere Dutzende schwarze Metallplaketten mit weißen Nummern im sowjetischen Schrifttyp sind zufällig an der Wand angeordnet. Nach dem Zweiten Tschetschenienkrieg (1999-2009) sammelte Gaisumov sie aus leerstehenden Häusern, deren Besitzer sie nicht mehr brauchten. Die Arbeit ist eine witzige Subversion der Binsenweisheit, dass Geschichte die Menschen auf Zahlen reduziert. Stattdessen werden diese Zahlen zu stillen Monumenten für die Menschen, die sie besaßen.
Viele von Gaisumovs Arbeiten sind von Schweigen geprägt. Für den Künstler erfüllt die Stille eine Doppelfunktion. Sie ist ein Gedenken - ein Ausdruck kollektiven Leids, zugleich ist sie aber auch kämpferisch - ein dringender Aufruf zum Sprechen. Gaisumovs künstlerische Mission besteht darin, die Terminologie - visuell und mündlich - zu finden, mit den Erinnerungen und Ereignisse vergessen oder ignoriert werden können.

In Gaisumovs neuestem Werk «Keicheyuhea» (2017) wird die historische Stille durch die Geschichte einer einzelnen Überlebenden der Deportation von 1944 gebrochen: der Großmutter des Künstlers, Zayanu Khasueva. Das 26-minütige Video dokumentiert Khasuevas Reise zu ihrem Geburtsort, der abgelegenen Bergsiedlung Keicheyuhea, zum ersten Mal seit der Massenvertreibung. Das Video beginnt in einem Jeep, als er die neu aufgebaute Bergstraße erklimmt. Khasueva starrt aus dem Fenster auf dem Rücksitz, und ihr runzliges Gesicht blitzt. Mit seinen sanften Hängen und dem bewölkten Himmel ist die Landschaft einladend und bedrohlich zugleich. Als sie an der Stelle ankommen, an der Keicheyuhea einst war, blickt sie auf die Berge und erzählt ihre Erinnerungen - die Lebensweise der Dorfbewohner, der Tod ihrer beiden Schwestern auf der Reise nach Kasachstan. Sie wendet sich liebevoll ihren Enkel «Aslan-bek», aber er stört nicht ihre Erinnerungen, sondern lässt sie selber erzählen. Khasueva fasst ihre Gebetskette fest hinter ihrem Rücken und sagt: «Nichts ist mehr übrig». Und in der Tat, der öde Berghang trägt keine physische Spur der Vergangenheit: Die einzigen Zeichen des Lebens sind die gelegentlichen grünen Flecken. Doch die psychologischen Spuren sind unauslöschlich. Im letzten Schuss geht Khasueva unsicher den Berg hinunter und schluchzt leise. Die Kamera verweilt auf ihrer zusammengekauerten Form.

In ihrer trotzigen Selbstverständlichkeit sind Gaisumovs Arbeiten eine Antwort auf die sentimentale und sensationalistische Art, in der die Medien mit Konflikten umgehen. Im Gegensatz zu den Nachrichten, die auf unsere immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen eingehen, schafft Gaisumov Werke von ewiger Relevanz. Er muss keine großen deklamatorischen Aussagen machen. Die von ihm inszenierten Handlungen und die von ihm präsentierten Objekte sprechen für sich. Um seine Arbeit zu verstehen, muss man im Schweigen, den Lücken und den Ellipsen nach Bedeutung suchen.
Anfang dieses Jahres hatte Gaisumov seine erste Einzelausstellung in Großbritannien in der Londoner Emalin Gallery (14. März - 28. April 2018). «People of No Consequence» und «Keicheyuheawere» werden Rücken an Rücken in einem abgedunkelten Raum gezeigt. Die beiden Videos, die zur Zeit im Rahmen der Biennale in Liverpool präsentiert werden, zeigen verschiedene Wege auf, um das gleiche historische Trauma zu feiern: durch kollektives Sammeln und persönliches Narrativ, durch Schweigen und Sprechen. Die Ausstellung hatte den Titel, nach einem Gedicht von Osip Mandelstam: Alles was du hier siehst, vergesse! Aber für den 27-jährigen Künstler ist das Vergessen keine Option. Die Vergangenheit, besonders die traumatische Vergangenheit, ist immer gegenwärtig.

Wo gibt es ein Leben in Liebe und ohne Gewalt?

Stellen wir die Frage in einen weiten Raum,

doch lösen werden wir sie kaum.

Wie wichtig ist uns Heimat? Was bedeuten uns Wurzeln?

Will man Heimat mit Wurzeln verbinden,

fällt es nicht leicht die richtigen Worte zu finden.

Wo so viele heutzutage ihre Heimat verlassen,

für uns Heimat doch eine ganz besondere Bedeutung hat.

Die Heimat ist uns lieb und wert,

jedoch in ihr verwurzelt zu sein macht sie erst lebenswert.

Auch Wurzeln zu haben ist eine unserer wertvollsten Gaben.

Wo möchten wir Wurzel schlagen? Was fühlt man, wenn wir Heimat sagen?

Wurden wir nicht – wie so viele andere von ihrer Heimat vertrieben?

Wie wichtig ist uns Heimat? Was bedeuten uns Wurzeln?

Wurzeln und Heimat ist ein breites Feld, das alle Möglichkeiten offen hält.

Sehen den Wald, einen Baum, der so gerade steht und nicht fällt.

Ja warum? Weil ihn seine Wurzeln einfach hält,

bin vor Ehrfurcht erfüllt, staune und sehe ein anderes Bild.

Es gibt keine Blume, kein Hälmchen Gras, nein nichts auf dieser Welt,

dass ohne Wurzeln sie am Leben hält.

Da kann man doch erkennen, dass mancher Baum nur vom Sturme fällt,

weil einfach seine Wurzel ihn nicht (mehr) hält.

Sind feste Wurzeln nicht auch ein Teil von unserem Leben?

Möchten wir nicht wie ein Baum nach höherem streben?

Kann man seine Wurzeln nur auf Erde, in seiner Heimat finden?

Wollen wir nicht versuchen sie ins unser Leben einzubinden?

Ist man nur verwurzelt mit festem Stand in seinem Heimatland?

Himmel und Erde und wir so mitten drin, können wir beides nicht verbinden?

Ja, wir können in beidem unsere Wurzel finden.

Verwurzelt im Boden, vernetzt nach oben,

für die Wunder wollen wir unseren Schöpfer loben.

Der Glaube sich in unseren Wurzeln wieder findet,

wie ein Anker unser Leben verbindet.

Hat beides in unserem Leben Wurzel geschlagen,

kann es hilfreich sein in allen Lebenslagen.

Wird man im Leben auch hin und her getrieben,

hält uns nichts ab das Leben und seine Heimat zu lieben.

Wurden wir nicht – wie so viele andere von ihrer Heimat vertrieben?

So haben wir allen Grund zum Dank, auch unsere neue Heimat zu lieben.

23:00 20.01.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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