Die Geschichte der Gräber der Großeltern

Andenken an Aardax Das feige Schweigen spricht vom völligen Mangel an Mut und Verantwortung. Heute haben wir keine Menschen mehr wie Natalja Estemirowa 2008.
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Das Schicksal der Krimtataren ist seit dem Sieg von Jamala beim Eurovision Song Contest auf der ganzen Welt bekannt, weit weniger beachtet wurde, dass 1944 auch Tschetschenen, Inguschen, Karatschaier, Balkaren, Mescheten und Kalmücken deportiert worden sind und dies obwohl Daria Kulesh zwei wundervolle Lieder über Aardax respektive Laisat Baisarova und Diba Posheva-Akhrieva komponiert hat.
Obwohl die literarischen Kontakte zwischen Europa und dem Kaukasus bis in die Zeit der Kreuzzüge und Minnesänger zurückreichen, hat der Kaukasus in den Augen der Europäer immer noch etwas Exotisches an sich. Wie beachtenswert und alt die bilateralen deutsch-kaukasischen Kontakte in der Literatur auch sein mögen so sind es doch die russischen Schriftsteller, die dem Thema Kaukasus Eingang in die Weltliteratur verschafft haben. Mehr noch als Italien die europäischen Dichter anzog, faszinierte der Kaukasus die russischen Poeten: Alexander Puschkin, Lew Tolstoi oder Maxim Gorki wurden von der Kultur und Natur des Kaukasus inspiriert, ihre Werke waren aber nicht frei vom kolonialen Klischee des »kriminellen Kaukasiers« oder »wilden Wainachen«. Niemand anders aber hat die Kultur des Kaukasus und den Reiz eines multinationalen kulturellen Lebens besser beschrieben als der abchasische Schriftsteller Fasil Iskander. Zur Vielzahl der vorhandenen Ethnien erfindet er noch ein fiktive [die Endurier] hinzu, um auf das Leid der durch Stalin deportierten Völker des Kaukasus aufmerksamen zu machen. Über diese Deportation und eines dieser Völker die Nochtschi, von den Russen auch »Tschetschenen« genannt, handelt dieser Text.

Zwischen November 1943 und Dezember 1944, als von der deutschen Wehrmacht schon keine Gefahr mehr ausging, ließen Stalin die Krimtataren, die Kalmücken und die Kaukasusvölker der Tschetschenen, Inguschen, Karatschaier, Balkaren und Mescheten nach Mittelasien deportieren. Zehntausende Lastwagen und Güterwaggons, 100.000 NKWD-Soldaten und drei Armeen der Landstreitkräfte wurden dafür, trotz des »Großen Vaterländischen Krieges«, in den Kaukasus geschickt. Eine Untersuchungskommission des NKWD hatte im Oktober 1943 die Region bereist und war zum Schluss gekommen, dass Tschetschenen und Inguschen religiöse Fanatiker und Banditen und eine ständige Bedrohung für die sowjetische Ordnung seien. Als Begründung für die Deportation wurde ihnen eine Kollaboration mit dem faschistischem Feind unterstellt und dies obwohl viele im 255. tschetschnisch-inguischen Kavallerie-Regiment der Roten Armee dienten und einige, wie Mawlid Aleroevich Visaitov, in der Schlacht von Stalingrad kämpften sowie mit dem Orden der Sowjetunion ausgezeichnet wurden. [Zur gleichen Zeit wurden in den Verleihungsdokumenten anderen Nationalitäten niedergeschrieben: Khavadzhi Magomed-Mirzaev wurde als Tartare, Irbayhan Beybulatov als Kumyke, Khansultan Dachiyev als Ossete, Khanpascha Nuradilow als Aserbaidschaner und Abukhaji Idrisows Nationalität gar nicht angegeben]

Um die örtliche Bevölkerung zu beruhigen, wurde offiziell angekündigt, dass in den Bergregionen der Republik groß angelegte Übungen zur Vorbereitung des Vormarsches der Roten Armee in den Karpaten stattfinden würden. Die Truppen befanden sich in Lagern in der Nähe von Dörfern und die lokale Bevölkerung behandelte die Soldaten herzlich. Die am 31. Januar 1944 getroffene Entscheidung über die Deportation wurde im Februar 1944 umgesetzt. Am 21. Februar erteilte Beria dem NKWD den Befehl, die tschetschenische und inguschische Bevölkerung zu deportieren. Die Deportation und der Transfer von Zügen zu Zielen begann am 23. Februar 1944 um 2:00 Uhr Ortszeit und endete am 9. März desselben Jahres. Die Operation begann mit dem Codewort "Panther", das im Radio übertragen wurde. Die Deportation begann damit auch an einem Festtag. Der 23. Februar war seit 1919 traditionel der Tag, um die Rote Armee zu feiern. Im Jahr 1944 luden die NKWD-Offiziere Tschetschenen und Inguschen ein, an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Als die Tschetschenen und Inguschen am Vorabend ankamen, trafen sie jedoch bewaffnete Soldaten an und man sagte ihnen, dass sie das Land verlassen müssten. Oft hatten Familien nur eine halbe Stunde Zeit, um ihre Sachen abzuholen, bevor sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Die Namen der jeweiligen Territorien wurden umbenannt und die Grenzen neu gezogen, während die einzelnen Ethnien in Zügen ins ferne Zentralasien, nach Kasachstan und Kirgistan, gebracht wurden. Teile der tschetscheno-inguischen Republik wurde den Nachbarvölkern, den Osseten, Dagestanern sowie Georgier zugeschlagen und der Rest bildete die Oblast Grosny. Die ethnisch gesäuberten Territorien wurden mit Menschen aus den Nachbargebieten, aber auch aus dem inneren Russlands und der Ukraine besiedelt. Der sowjetische Staat veranlasste die Änderung von Straßen und Ortsnamen, er ließ Denkmäler und Archive zerstören, Bücher aus Bibliotheken wegschaffen und Einträge zu diesen Völkern aus der Grossen Sowjetischen Enzyklopädie löschen. Die Gräber von Tschetschenen und Inguschen wurden systematisch zerstört und die Steine für den Bau von Häuser benutzt. Alle Denkmäler zu Ehren von Bürgerkriegshelden wurden vernichtet. In Grosny beseitigeten die Behörden das 1923 eingeweihte Monument zu Ehren des »ersten Kommunisten« Tschetscheniens Aslanbek Seripovs. Jede Erinnerung an diese Völker sollte getilgt, ihr Beitrag im Bürgerkrieg und beim Aufbau des Sozialismus negiert werden. Dagegen wurde nun das Denkmal an den zaristischen General Alexei Jermolow in Grosny wieder aufgestellt, das in der frühen Sowjetzeit entfernt worden war. Ihm wird der Satz zugeschrieben: »Ich habe keine Ruhe, solange noch ein einziger Tschetschene am Leben ist!«

Das Andeken an Aardax - vergessen auf Befehl?

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde, während der kurzen Periode der Herrschaft des Präsidenten Dschochar Dudajew über die tschetschenische Republik Itschkerien, der Gedenktag der Deportation nicht nur als Trauertag, sondern auch als Tag der Einigung und Wiederbelebung erinnert. In den frühen 1990er Jahren wurde im Zentrum von Grosny ein Denkmal errichtet, das den Opfern stalinistischer Repressionen gewidmet war. Dieses Denkmal bestand ausschließlich aus alten Grabsteinen, die in sowjetischen Zeiten missbraucht wurden, um Häuser, Brücken oder Straßen zu bauen. Es stellt die Hand eines Mannes dar, der einen Kindschal hält und ihn Richtung Himmel streckt, mit der tschetschenischen Inschrift, Dölxur Dac, Duxur Dac, Dic a Diyr Dac (Wir werden nicht vergeben, wir werden nicht weinen, wir werden es nicht vergessen!) Nach dem ersten Tschetschenienkrieg von 1994 bis 1996 wurde bei der Wiederherstellung des Komplexes die letzte Phrase durch »Wir werden nicht weichen« ersetzt.

Doch die beiden Kriege, die Russland zwischen 1994 und 1996 und erneut nach 1999 gegen Tschetschenien führte, forderte nicht nur Zehntausende von Menschenleben und trieben Hunderttausende in die Flucht, sondern gingen in Tschetschenien auch mit der Vernichtung einer eigenständigen nationalen Identität und Kultur einher. Insbesondere im ersten Tschetschenienkrieg zerstörte die Armee gezielt Archive, Bibliotheken, Museen und Denkmäler. Besonders verheerend war die Zerstörung des tschetschenischen Nationalarchivs: 80 Prozent der darin aufbewahrten Dokumente, darunter die Aufzeichnungen der Deportierten, wurden infolge eines Angriffes der Luftwaffe Russlands Opfer der Flammen. Aus Sicht der Betroffenen war das rücksichtslose Vorgehen Russlands denn auch einzig vergleichbar mit dem Terror der Stalinzeit.

Ramsan Kadyrow, der die Republik seit 2007 mit eiserner Hand und von Russlands Gnaden regiert, hat die Tragödie der Deportation zwar nie offen abgestritten und hält am Gedenken an die Deportation zwar nominell fest, doch hat er im Frühjahr 2011 kurzerhand angeordnet, das Datum vom 23. Februar auf den 10. Mai zu verschieben. Erinnert werden soll an diesem Tag aber nicht nur das Leid der Tschetschenen, sondern vor allem Kadyrows am 9.Mai 2004 ermordeten Vater, Achmat Kadyrow. Weil dessen Todestag mit dem nationalen Feiertag vom 9. Mai, dem »Tag des Sieges über den Faschismus« kollidierte, ordnete Ramsan an, den Gedenktag auf den 10. Mai zu verlegen. Mit seinem Entscheid, das Datum des Andenkens an Aardax vom 23. Februar auf den 10. Mai zu verschieben, knüpft Ramsan Kadyrow im Grunde genommen an sowjetische Auffassungen von Völkerfreundschaft an, wie sie gegenwärtig auch vom Kreml zelebriert werden. Dies mag im Sinne eines Bestrebens nach Stabilisierung der Beziehungen zwischen Tschetschenien und Russland zu verstehen sein. Die Jüngsten geschichtlichen Entwicklungen haben aber gerade im Fall von Tschetschenien gezeigt, welch großes Konfliktpotenzial solche politisch motivierten Auslegungen der Geschichte in sich bergen. Denn Geschichte ist damit noch immer nicht aufgearbeitet. Sie ist nicht vergessen und nicht abgeschlossen.

Bereits im Jahr 2008 versuchte Ramsan Kadyrow, die Vergangenheit zu seinen Gunsten zu verändern, indem er das Denkmal von Dschochar Dudajew, das 1992 für die Opfer von Stalins Deportation im Jahre 1944 gebaut wurde, zu einer Müllhalde verlegen wollte. Shahman Akbulatow sagte gegenüber dem kaukasischen Knoten, dass die Behauptung dieses Denkmal würde nicht in einen bestimmten Masterplan für die Wiederherstellung der Stadt passen, diene nur als Begründung zu Beseitigung und sei sehr weit hergeholt, respektive entspräche nicht der Realität. Der Versuch, die Vergangenheit zu verändern scheiterte unter anderem an dem politischen Protest und der öffentlichen Empörung im Umgang mit den Ahnen und Aardax. Die Menschenrechtsaktivistin Natalja Estemirowa spielte eine bedeutende Rolle bei diesen Protesten und es war unter anderem ihrem Einsatz zu verdanken, dass es zu einer Erhaltung der Gräber kam. Ein Jahr später wurde Sie in Grosny entführt und man fand ihre Leiche wenige Tage später in der Nähe von Nasran. [Im gleichen Monat wurden auch Sarema Sadulajewa und Alik Umar Dschabrailow, welche sich für die Kinder des Krieges einsetzten wie Natalia Estemirowa entlang der R217 nach Inguschetien gebracht und getötet. Das schneiden der Spur indem man die Leiche in die benachbarte Republik bringt ist ein altes Spiel der Operative.]

Der Kaukasuskorrespondent Manfred Quiring beschrieb die Beerdigung von Natalja Estemirowa an der er persönlich teilnahm: Grosny – Es ist die absolute Endgültigkeit, dieses »Nie wieder« das Lana immer noch nicht so recht begreifen kann. Die 15-jährige Tschetschenin ahnt es mehr, als dass sie es weiß: »Von jetzt an wird in meinem Leben immer etwas fehlen, nie mehr wird es so sein, wie es einmal war.« Lana, den Kopf mit einem schwarzen Tuch verhüllt, trauert um ihre ermordete Mutter, die tschetschenische Bürgerrechtlerin Natascha Estemirowa. (…) Tränen hat Lana kaum noch in ihrer Trauer über den unersetzlichen Verlust, den sie erlitten hat. Es ist Donnerstag, der Tag, an dem die Tschetschenen traditionell ihre Totenfeier, den Sach, begehen. »Natürlich wusste ich, dass meine Mutter irgendwann sterben würde« sagt Lana, ein kluges, schmales Mädchen, dem die durchlittenen Leiden der vergangenen Tage ins Gesicht geschrieben stehen. »Aber doch nicht schon jetzt!« Ein leiser Satz, der klingt wie ein Schrei. »Ich hatte mir immer vorgestellt, dass meine Mutter ein langes, gutes Leben im Kreise ihrer Enkel führen wird« sagt die 15-Jährige. (…) Natascha, die eigentlich Lehrerin war, hatte sich immer als Anwältin der Verfolgten verstanden, ihnen geholfen, sich für sie eingesetzt. Dabei war sie regelmäßig mit den Leuten von Präsident Ramsan Kadyrow zusammengestoßen. Kadyrow hasste sie dafür, ihre Landsleute liebten sie. »Sie war das Herz, das Hirn der Organisation« erinnert sich eine Freundin. »Der Flur bei ihr war immer voller Hilfsbedürftiger, aber alle wollten nur mit ihr sprechen, ihr haben sie vertraut.«

Der Kriegsfotograf Dmitry Belyakov sagt über Natalja Estemirowa, dass sie eine unschätzbare Informationsquelle war. »Sie log nie, suchte unermüdlich nach der Wahrheit Außerdem war sie sehr menschlich. ... Ihr Tod ist eine Tragödie für uns alle. Es ist schwer damit zu leben, dass die Person, die für ihren Tod verantwortlich ist, noch nicht bestraft wurde.«

Während Kadyrow seine Macht nach der Eliminierung von Natalja Estemirowa, Sarema Sadulajewa, Alik Umar Dschabrailow und Stanislaw Markelow unter der Schirmherrschaft seines Patrons Putin ausbaute, zerlegte er ebenfalls Schritt für Schritt das Denkmal zum Andenken an Aardakh. Im Jahr 2010 wurde es gänzlich umzäunt und war dadurch nicht nur unzugänglich, sondern auch unsichtbar von außen. Im Frühjahr 2011 befahl Kadyrow, das Datum des Gedenktags vom 23. Februar auf den 10. Mai zu verschieben und begann, den Fokus von der Deportation auf das »Unsterbliche Regiment« und die »unzerstörbare Völkerfreundschaft« zu verlagern, wie sie während des Stalinismus propagiert wurde und den Krieg als »gemeinsame Angelegenheit aller Arbeiter ohne Unterschiede in der Nationalität oder religiösen Zugehörigkeit« stilisierte.

Im Februar 2014 wurde das Denkmal, das 1992 für die Opfer von Stalins Deportation im Jahre 1944 gebaut wurde, auf Anliegen von Kadyrow »renoviert und restauriert«. Verschiedene Churty (Grabsteine) wurden dabei beschädigt oder zerstört, um Platz für das Denkmal für Kadyrows Vater zu schaffen, der am 9. Mai 2004 ermordet wurde. Die Grabsteine aus den Friedhöfen, die nach der Deportation entweiht wurden, welche die Tschetschenen in den 90er Jahren aus der ganzen Republik in die Gedenkstätte gebracht hatten, wurden in einen Komplex mit ganz anderer Bedeutung verlegt. Letzterer ist den russischen Polizisten gewidmet, die im Nordkaukasus getötet wurden und befindet sich an der Stelle, an der die «Akhmad Kadyrov Avenue» zur «Putin Avenue» führt.

Aslambek: Die Verlegung der Grabsteine ​​zum Denkmal der ermordeten prorussischen Polizeibeamten ist ein Versuch, ihre Handlungen zu rechtfertigen. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Deportation [der unsrigen] und ihren getöteten Streitkräften. In der Tat wird alles mögliche getan, um das Denkmal zu entfernen. Dies ist das »Geschenk« zum 70. Jahrestag der Deportation der pro-russischen Regierung an die Bevölkerung.

Aslan: Das Denkmal war ein Mahnmal für Hunderttausende Tschetschenen, die während der Deportation starben. Der Abriss ist ein Stoss in der Seele unseres Volkes. Ich glaube nicht, dass die Behörden wissen, was sie tun. Zuerst wurden die Begräbnisvereinbarungen, die wir jedes Jahr am 23. Februar abhielten, abgeschafft, und anschließend wurde auch das Denkmal zerstört. Die einzige Erklärung, die ich dafür sehe, ist, dass das Denkmal unter Dschochar Dudajew geschaffen wurde und die Behörden versuchen, alles zu zerstören, was mit dieser Zeit verbunden ist.

Gaitukayev: Ich erarchte die Entfernung dieses Mahnmals als Missbrauch. Ich wurde in der Zeit der Vertreibungen geboren, viele meiner Landsleute starben und ich bin ernsthaft betroffen von dem, was in dieser schrecklichen Zeit in der Geschichte meines Volkes geschah.

Movsar: Das feige Schweigen öffentlicher Organisationen, von denen wir Hunderte haben, spricht vom völligen Mangel an Mut und Verantwortung. Heute haben wir keine Menschen wie Natalja Estemirowa, die es 2008 geschafft hat, dieses Denkmal zu verteidigen. Es ist klar, dass die Gesellschaft eingeschüchtert ist, dass die Menschen Angst vor Repressalien durch die Behörden haben, aber dies ist kein Grund, sich zurückzulehnen und darauf zu warten, dass jemand das Problem irgendwo anspricht. (…) Die ganze Diskussion findet nur noch im Internet statt und selbst dann sind dies meiste Tschetschenen der Diaspora die im Ausland leben.

Während viele Menschen über die Entscheidung, das Denkmal zu verschieben, empört sind, wagen die meisten aus Angst vor Repressalien nicht öffentlich zu protestieren. »Das Deportationsdenkmal sollte an seinem Platz bleiben. Dies ist ein Spott über das historische Gedächtnis der Menschen und den Wunsch, die Ereignisse der letzten drei Jahrzehnte aus den Erinnerungen der Menschen zu löschen «, sagte ein anderer Anwohner, der anonym bleiben wollte.

Nicht nur wurde dieses Denkmal beseitigt - ein Viehwagen, als Symbol der Deportation, welcher nur wenige Monate vorher aufgestellt wurde, war ebenfalls über Nacht auf einmal verschwunden. Im selben Monat kam Ruslan Kutajew wegen angeblichen Drogenbesitzes hinter Gitter. Dies geschah, nachdem er eine Konferenz zum siebzigsten Jahrestag der von Stalin beauftragten Deportation der Nordkaukasier organisiert hatte. Ramsan Kadyrow war über die Abhaltung dieser Konferenz nicht glücklich. Nach Beendigung der Tagung wurden die Organisatoren von Magomed Daudov – der Herr genannt – angerufen und zu einem Treffen mit dem Präsidenten eingeladen. Ruslan Kutajew kam dieser Aufforderung nicht nach. Einen Tag später, am 20. Februar 2014, wurde er verhaftet. Laut offiziellen Informationen haben ihn die Sicherheitstruppen im Dorf Gechi zufällig kontrolliert. Bei der Durchsuchung wurden in der Gesäßtasche Kutayevs, der keine Drogen nimmt und Nichtraucher ist, 3 Gramm Heroin gefunden. Nach seiner Festnahme wurde er gefoltert und zu einem Geständnis gezwungen. Laut Kutajews Aussage haben auch der Stellvertreter des tschetschenischen Innenministers Apti Alaudinov und der Leiter des Präsidentenbüros Magomed Daudow aktiv an der Folterung teilgenommen. Kutajews wurde nackt in einem Keller gefangen gehalten, eine Axt wurde ihm in den Nacken gehalten und gleichzeitig wurde er mit Strom gequält. Während der Folterung verlor er mehrmals das Bewusstsein, er erlitt eine Gehirnerschütterung, umfangreiche Quetschungen und Prellungen, hatte Rippen- und Kieferverletzungen. Sie zeigten in Fotos von seinem Neffen. Aus den aktuellen Fotos sollte er erkennen, dass er und seine Familie unter ständiger Beobachtung stehen. »Der physische Schmerz ist weg, meine Wunden sind verheilt, aber die Gewissheit, dass die Regierung die Sicherheitstruppen dazu benutzt, um gegen Politiker, Zivilaktivisten und Menschenrechtler zu kämpfen, erfüllt mich mit Entsetzten, weil ich weiß, dass diese Menschen ein ähnliches Schicksal erwartet.« sagte Kutayev in seiner Abschlussrede vor dem Gericht.

Im Jahr 2015 beginnt Apti Alaudinov, der stellvertretende Innenminister von Tschetschenien in Kooperation mit Kadyrows digitalem Skiddie Kommando gezielt alle Internetseiten anzugreifen, die Abreken ehren, welche sich der Deportation widersetzt haben. Insbesondere weibliche Kämpfer wie Laisat Baisarova, welche in Inguschetien gegen die NKVD-Truppen auch Jahre nach der Deportation kämpfte, scheinen dem Machthaber durch Moskaus Gnaden nicht zu gefallen. Laisat Baisarova war einer von vielen Frauen, die sich dem Wald angeschlossen haben (Widerstand leisten) und deren Schicksal im heutigen Tschetschenien zum Schweigen gebracht wird, weil Sie nicht dem weiblichen Bild von Ramsan Kadyrow entspricht. In Tschetschenien ist die massive Ungleichbehandlung, ja Unterdrückung der Frauen Teil der russischen Regierungspolitik. Auch wenn Ramsan Kadyrow behauptet, eine muslimisch geprägte Republik zu führen, die sich nach den Regeln des traditionellen tschetschenischen Adat richte und an der russischen Verfassung orientiere, ist es doch seine eigene zutiefst chauvinistische und frauenfeindliche Politik, die den Alltag der Frauen in Tschetschenien bestimmt. Diese massive Einmischung Kadyrows in Familienangelegenheiten der Zivilbevölkerung widerspricht auch den Traditionen in Tschetschenien selbst. Diese Eheschließung ist ein weiterer Schritt - nach der Einführung einer Kleiderordnung für Frauen 2010/2011 (Kopftuch, lange Röcke), dem Verbot, Bärte, bzw. lange Bärte zu tragen für Männer etc. - hin zu einer massiven Kontrolle auch des Privatbereichs. Kadyrow ist davon überzeugt, Tschetschenien und auch seine Bürgerinnen und Bürger seien sein Besitz, das hat er in mehreren Fernsehinterviews gesagt.

Im Februar 2016 begann der Bau der »Grosny Mall«, welche Teil von Ramsan Kadyrow neustem Projekt ist - der »Achmat-Turm« ein 435 Meter hohes Gebäude mit einem Museum, dass seinem Vater gewidmet ist. Die Begeisterung der Bewohner von Grosny dagegen hält sich in Grenzen. Viele schätzen nicht sonderlich, dass Dank des riesigen Turms auf der gegenüberliegende Straßenseite der zentralen Moschee, diese buchstäblich im Schatten des Geschäftszentrums stehen wird. Ein Zaun, der das Gebiet der zukünftigen »Grosny Mall« umgibt, schließt sich eng an die Gedenkstätte für die Opfer der Deportation an. Die Bewohner befürchten, dass wegen der zuvor beschriebenen Ereignissen in der Vergangenheit das Denkmal völlig zerstört wird, obwohl die Behörden das Gegenteil versichern. Weil das Gebäude in der Russischen Föderation am höchsten ist - 59 Meter höher als der »Vostok« Turm des Moskauers »Verband«Komplex – wurde es bereits als Turm von Babel bezeichnet. Obwohl Variationen ähnlich der biblischen Erzählung vom Turmbau zu Babel in der islamischen Tradition existieren, ist das zentrale Thema vom Gott der die Menschheit auf der Grundlage Sprache trennt dem Islam fremd, nach Ansicht des Autors Yahiya Emerick. Im islamischen Glauben, so argumentiert er, schuf Gott die Nationen, um sich zu kennen und nicht zu trennen – doch Kadyrow kümmert sich wenig darum, der selbsternannte Beschützer der Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem feierte noch 2011 feucht fröhliche Heiligabend als Weihnachtsmann verkleidet. Dasselbe Jahr als Ramsan Kadyrow für sich beschloss, dass es ehrwürdiger wäre am 10.Mai mit den Föderalen seinen Vater zu feiern, als am 23. Februar ein anständiges Andenken an Aardax zu erlauben. Was sind schon die Gräber der Großeltern im Vergleich zu einem Geschäftszentrum?

Dank an Jeronim Perović dessen Buch »Der Nordkaukasus unter russischer Herrschaft. Geschichte einer Vielvölkerregion zwischen Rebellion und Anpassung« eines der wenigen wissenschaftliche Werke zu diesem Thema ist und als Grundlage für diesen Text diente, sowie Daria Kulesh für ihre zwei wunderbaren Lieder, damit das Andenken an Aardax nicht gänzlich vergessen geht. In Gedenken an Sarema Sadulajewa von Spassjom pokolenije die den Kindern des Krieges ein Herz gab und natürlich Natalja Estemirowa die für die Gräber der Großeltern gekämpft hat.

22:32 20.01.2019
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