Die Wainachen und die Waisen

Tschetschenische Toleranz Früher wurde keinem eine Flucht aus »wirtschaftlichen Interessen« vorgeworfen, es war auch weniger wichtig woher jemand kam. Man tat es einfach aus Menschlichkeit.
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Trotz der patrilinearen Abstammungsideologie ist die tschetschenische Stammesgesellschaft keineswegs so geschlossen, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Einerseits können auch Fremde in einen Teip adoptiert werden. Andererseits sind mehrere Teipy in der tschetschenischen Gesellschaft von EinwanderInnen gegründet worden, die in der tschetschenischen Gesellschaft aufgenommen und als Teip in diese integriert wurden. So gibt es unter den über 150 Teipy auch eine ganze Reihe von Teipy dagestanischer, georgischer, russischer und sogar einen jüdischer Herkunft. Der jüngste Teip bildete sich erst durch den Russland-Deutschen Willy Weissert, der die nach Kasachstan deportierten TschetschenInnen während seiner eigenen Deportation kennen lernte und als Mokhmad Khadzhi zum Islam konvertierte. Die Nachkommen Weisserts und seiner tschetschenischen Frau Tamara, die gemeinsam acht Kinder auf die Welt brachten, leben bis heute im Dorf MelchuKhi bei Gudermes und bilden einen neuen Teip in der tschetschenischen Gesellschaft.

Ein anderes Beispiel ist Zura Radujewa, welche 1950 im Exil in Kasachstan geboren wurde. Radujewa wurde später Schauspielerin am Theater in Grosnji. Vor dem Krieg spielte sie in der Produktion «Scheich Mansur» die russische Zarin Katherina die Große. «Es war die erste „böse“ Rolle meines Lebens« erinnert Sie sich »und die Rolle hat eine gewisse Ironie für mich. Meine Mutter war nämlich Deutsche. Als dreijährige Waise wurde sie von einer tschetschenischen Familie adoptiert und gemeinsam mit deren Kindern aufgezogen. Ich konnte die Rolle also nicht ablehnen, obwohl ich Katherina die Große dafür hasste, dass sie den gesamten Kaukasus unterworfen hat. Gleichzeitig fand ich sie als Frau und Persönlichkeit toll. Ich spielte also eine Russin mit deutschen Vorfahren, dabei fühlte ich mich ganz gegenteilig: Als Tschetschenin mit deutschen Wurzeln trat ich für die Unabhängigkeit meines Landes ein.

Auch in schweren Zeiten wurde diese «Tschetschenische Toleranz» praktiziert, wie der Schrecken des Holodomor zeigte. Zu dieser Zeit flohen viele Menschen aus der Ukraine aber auch aus der Wolga-Region, die von der Hungersnot betroffen waren, nach Tschetschenien-Inguschetien. Sie fanden hier alle Zuflucht, Nahrung, ließ sich nieder und schlugen Wurzeln. Für die Tschetschenen wurden sie im wahrsten Sinne des Wortes ihre eigenen. Keinem von ihnen wurde gesagt, dass sie «Neuankömmlinge» seien oder die «Einheimischen» um ihr Brot berauben. Keinem wurde eine Flucht aus »wirtschaftlichen Interessen« vorgeworfen, es war auch weniger wichtig woher jemand kam. Man tat es einfach aus Menschlichkeit.

In den Jahren 1932-1933 konnten Tausende von Ukrainern, der Tötung durch Hunger, dem »Holodomor« entkommen, die Millionen von Leben in der ukrainischen sozialistischen Sowjetrepublik kostete. Einige gingen ins tschetschenische Autonome Oblast, wo die einheimischen Familien sie aufnahmen. Dieser Teil der Geschichte blieb außerhalb von Tschetschenien bisher beinahe unbekannt.

Im kleinen tschetschenischen Aul Belgata erinnere man sich noch an Lyuba, ein kleines verwaistes Mädchen, das aus dem Holodomor geflohen ist. Lyuba und ihre Familie gelang es, aus der ukrainischen sozialistischen Sowjetrepublik bis zum Januar 1933 zu entkommen, als deren Grenzen im Auftrag von Joseph Stalin geschlossen wurden und die Hungersnot ihren Höhepunkt erreichte. Viele Opfer des Holodomors versuchten, in die Nachbarländer zu fliehen - Rumänien, Polen, aber die Familie von Lyuba beschloss, in den Südosten zu gehen, ins tschetschenische Autonome Oblast, wo laut Gerüchten die Anwohner den verhungernden Ukrainern Nahrung und Schutz boten. Lyubas Eltern erreichten ihr Ziel niemals – sie starben vor Hunger auf dem Weg. Die kleine Lyuba wurde in ein tschetschenisches Waisenhaus gebracht, wo sie schnell die Sprache und die örtlichen Bräuche lernte. Sie verbrachte den Rest ihres Lebens im Kreise ihrer Adoptiveltern, zusammen mit einer unbestimmten Zahl von ukrainischen Kindern, die entweder von der Hungersnot verwaist oder von ihren verhungernden Verwandten an Tschetschenen anvertraut worden waren - eine Episode des Holodomors, die praktisch undokumentiert bleibt.

Lyuba ist seitdem verstorben. Aber 80 Jahre nach der Hungersnot lebt ihre Erinnerung in Tschetschenien weiter. Amina, eine pensionierte Schullehrerin, die sie persönlich kannte, sagt, dass Lyuba sich schließlich im Aul Belgato niederließ. Sie erzählte Azattyk, dass Lyuba ihren tschetschenischen Ehemann sehr gern hatte und sie gemeinsam zwei Kinder hatten, welche im Kindesalter starben. Die Tragödie traf Lyuba 1994 erneut, als die russische Föderation den ersten Krieg gegen tschetschenische Separatisten startete und Städte wie Dörfer wahllos bombardierte. Damals starb der Ehemann von Lyuba. Amina erzählt weiter, dass sie nach dem Tod ihres Mannes in Armut lebte, aber trotz der Überzeugungsarbeit von Amina, in die Stadt zu ziehen, beschloss Lyuba, in dem Aul zu bleiben, in dem ihr Mann und ihre Kinder begraben wurden. Die Bewohner des Auls brachten ihr Essen und halfen ihr, selbst der Imam.

Es gibt viele mündliche Zeugnisse in Tschetschenien über Ukrainer, die in Tschetschenien während des Holodomor Schutz fanden, aber es gibt keine schriftlichen Beweise, keine Archivdaten. Der Rentner Khozha Yakhyayev sagte gegenüber Azattyk, dass sein Aul mindestens hundert ukrainischen Familien während der Hungersnot aufgenommen hätte. Onkel Yakiyajew war der Kopf des Dorfes, und er erinnerte sich oft an ihre Ankunft: »Als sie ankamen, erschöpft durch Hunger, zeigten wir ihnen unsere Gastfreundschaft. In Tschetschenien, gab es damals 500 Familien, und jede fünfte Familie akzeptierte Ukrainer in ihre Häuser. Wir haben ihnen bis 1938 geholfen.« Heute gibt nur noch wenige ethnische Ukrainer in tschetschenischen Auls, einige kehrten nach dem Ende der Hungersnot in ihre Heimat zurück, andere als der Krieg in den 90er in Tschetschenien ausbrach.

Yakhyayev erzählt weiter über die Waisen und wie einige von ihnen wählten ihren Pflegefamilien ins Exil zu folgen, als Stalin 1944 die Deportation der Tschetschenen, Inguschen, Karatschaier, Balkaren und Mescheten befahl. Während einige zurückkehrten, starben viele auf der zermürbenden Reise nach Zentralasien und Sibirien oder in den folgenden Jahren. Diejenigen, die blieben, kümmerten sich um die Häuser, die von den deportierten Tschetschenen zurückgelassen wurden: »Die Ukrainer haben Freundlichkeit mit Freundlichkeit zurückgezahlt. Sie kümmerten sich um die leeren Häuser und die Habseligkeiten, die von den Tschetschenen zurückgelassen wurde, sie kümmerten sich um ihr Vieh «, sagt Yakhyajew. »Sie haben ihr Bestes getan, um diese Häuser zu bewahren und sie vor Plünderungen zu schützen.«

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben Gelehrte und Historiker Tausende von Zeugnissen von Holodomor-Überlebenden gesammelt aber bis zum heutigen Tag ist außerhalb Tschetscheniens dieser Teil der Geschichte des »Holodomor« kaum bekannt. Vasyl Marochka, einer der führenden Historiker des »Holodomor« in der Ukraine, sagt, dass es keine Quellen aus der Zeit der Hungersnot gibt, welche belegen, dass Ukrainer ins tschetschenische Autonome Oblast geflüchtet sind. Der tschetschenische Historiker Vakhit Akayev sagt, dass Familienfotos und andere potenzielle Beweise für diese Ereignisse während der Deportation der Tschetschenen und den beiden nachfolgenden Kriegen verschwunden sind. »Neue Ereignisse entfalteten sich, neue, noch schrecklichere Tragödien verfinsterten alte«, sagt er. »Deshalb wurde dieses Thema noch nie erforscht.«

Die Tschetschenen zumindest haben aber die Waisen des »Holodomor« nicht vergessen. Der tschetschenische Folklore Sänger Imam Alimsultanov widmete ihnen ein Lied mit dem Titel »Ukraine, danke« zu ihrem Andenken. »Es war in den 1930er Jahren, das Schicksal hat uns schon damals zusammengebracht«, singt er. »Hunger, Zerstörung rundum, Tschetschenien nahm die Ukrainer auf.«

15:48 12.03.2019
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