Magomed Daudow

Lord of the Flies Dokumentierte Verbrechen von Magomed Daudow und die Schicksale dahinter.
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Im Jahr 2009 verlor Familie Askhabov ihren behinderten Sohn Abdul-Yezit, der spurlos verschwunden war. Die Sicherheitstruppen wurden auf die Familie wegen der militanten Vergangenheit ihres anderen Sohnes Jusup aufmerksam. Jusup kämpfte in den Jahren 1999-2000 im Krieg gegen die föderalen Truppen. Nach dem Krieg unterstützte er die bewaffneten Gruppen nicht mehr und lebte auch nicht mehr mit seiner Familie zusammen. Er wurde am 28. Mai 2009 während eines Sondereinsatzes im Zentrum der tschetschenischen Stadt Schali getötet. Sein Vater fuhr damals in die Stadt, um die Leiche seines Sohnes zu identifizieren. Laut seiner Aussage wurde er neben seinem toten Sohn von maskierten Männern zusammengeschlagen. Als erster schlug der Polizeidienststellenleiter von Schali Magomed Daudow zu. Später im Sommer, am 5. August um drei Uhr nachts kamen maskierte Männer zum Haus der Familie Askhabov. Sie stellten sich als Föderaler Sicherheitsdienst vor, nahmen Abdul-Yezit einfach mit und brachten ihn an einen unbekannten Ort. Später erfuhr die Familie, dass Abdul-Yezit wahrscheinlich auf der Polizeistation in Schali festgehalten wird. Abdul-Yezit ist bis zum heutigen Tag verschollen. Die Untersuchung seines Verschwindens wurde eingestellt «weil es nicht möglich ist, Täter auszumachen.» Der ehemalige Polizeidienststellenleiter aus Schali Magomed Daudow wurde inzwischen zum Sprecher des tschetschenischen Parlaments ernannt. Die Klage der Familie Askhabov beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wartet auf eine Beurteilung.


Ende Februar 2014 kam der Menschenrechtler Ruslan Kutajew, wegen angeblichen Drogenbesitzes im hinter Gitter. Dies passierte nachdem er eine Konferenz zum siebzigsten Jahrestag der von Stalin beauftragten Deportation der kaukasischen Völkern organisierte. Ramsan Kadyrow war mit der Abhaltung dieser Konferenz nicht einverstanden. Nach Beendigung der Tagung wurden die Organisatoren von Magomed Daudow angerufen und zu einem Treffen mit Ramsan Kadyrow eingeladen. Ruslan Kutajew kam dieser Aufforderung nicht nach. Einen Tag später, am 20. Februar 2014, wurde er verhaftet. Laut offiziellen Informationen haben ihn die Sicherheitstruppen im Dorf Gechi zufällig kontrolliert. Bei der Durchsuchung wurden in der Gesäßtasche Kutajews, der keine Drogen nimmt und Nichtraucher ist, 3 Gramm Heroin gefunden. Nach seiner Festnahme wurde er unter anderem von Magomed Daudow gefoltert und zu einem Geständnis gezwungen. Es drohten ihm 12 Jahre Haft. Am 7. Juli 2014 wurde er zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. Kutajew und mit ihm viele andere Menschenrechtler aus Russland sind überzeugt, dass der Prozess mit der aktuellen Tendenz der russischen Regierung zusammenhängt, Oppositionspolitiker, Menschenrechtler oder Aktivisten zu diskreditieren.
Anfangs Januar 2017 drohte Magomed Daudow Sprecher des tschetschenischen Parlaments dem Redakteur des «kaukasischen Knotens» auf Instagram ihm »die Zähne herauszuziehen und die Zunge zu verkürzen.« Solche Drohungen sind im Zusammenhang mit den Angriffen auf die russischen Nichtregierungsorganisationen insgesamt zu sehen.

»Als ich meinen toten Sohn sah, sagte ich auf tschetschenisch: ‚Allah, empfange ihn.‛ Als Magomed Daudow dies hörte, kam er zu mir und schlug mir ins Gesicht. Im selben Augenblick stürzten sich weitere Männer auf mich, versetzten mir Fußtritte und schlugen mich mit ihren Gewehrkolben. Sie haben mich fast zu Tode geprügelt. Ich habe sofort das Bewusstsein verloren, kann mich an nichts mehr erinnern. Vorort haben mir Unbekannte geholfen und mich ins Krankenhaus gebracht. Ich habe zwei Infarkte durchgemacht,« beschreibt Vater Askhabov die Situation.
»Noch am selben Tag sind sie mit Jusups Leiche zu uns gefahren, sie haben sie durch den Hof geschleppt und geschändet. Sie haben meine beiden Töchter Ajschat und Nurzat mit Gewehrkolben verprügelt. Ich habe versucht, das Haus zu verlassen, wurde aber immer wieder mit Gewehrkolben niedergeschlagen. Danach haben sie Jusups Leiche ins Auto geladen, sind weggefahren und haben ihn uns bis heute nicht zurückgegeben, damit wir ihn begraben können. Ich weiß nicht, was sie mit ihm gemacht haben,“ beschrieb Vater Askhabov den Menschenrechtlern das Verhalten der Polizei.
In der Nacht zum 5. August 2009 wurde Jusups Bruder Abdul-Yezit in einem Fahrzeug ohne Kennzeichen weggebracht. Die Familie meldete sofort die Entführung ihres Sohnes bei den zuständigen staatlichen Behörden. Ende September kontaktierte die Familie die Menschenrechtler der russischen Organisation Memorial. Laut Mutter Tamara hat Abdul-Yezit niemals eine Waffe in der Hand gehalten. Seit seiner Kindheit ist er sehbehindert, er ist Invalide 2. Grades.
Am 7. August 2009 begab sich Tamara mit Familienangehörigen nach Grosny in das Büro des Ombudsmannes. Sie wurden von einem Anwalt empfangen, der sofort die Polizei in Schali anrief. Sie hörten, wie er mit jemandem sprach und darauf bestand, dass der festgenommene Abdul-Yezit entlassen wird. Dann sagte er wörtlich: „Auch wenn er der Bruder des Rebellenführers wäre, haben sie kein Recht ihn länger als für die gesetzlich festgelegte Zeit festzuhalten.“ Aus diesem Gespräch verstand Tamara Askhabova, dass sich Abdul-Yezit in Schali befindet. Sie hat ihren Sohn jedoch niemals wiedergesehen.

2014 kam Ruslan Kutajew wegen angeblichen Drogenbesitzes hinter Gitter. Dies geschah, nachdem er eine Konferenz zum siebzigsten Jahrestag der von Stalin beauftragten Deportation der Nordkaukasier organisiert hatte. Ramsan Kadyrow war über die Abhaltung dieser Konferenz nicht glücklich. Nach Beendigung der Tagung wurden die Organisatoren von Magomed Daudow – der Herr genannt – angerufen und zu einem Treffen mit dem Präsidenten eingeladen. Ruslan Kutajew kam dieser Aufforderung nicht nach. Einen Tag später, am 20. Februar 2014, wurde er verhaftet. Laut offiziellen Informationen haben ihn die Sicherheitstruppen im Dorf Gechi zufällig kontrolliert. Bei der Durchsuchung wurden in der Gesäßtasche Kutajew, der keine Drogen nimmt und Nichtraucher ist, 3 Gramm Heroin gefunden. Nach seiner Festnahme wurde er gefoltert und zu einem Geständnis gezwungen. Laut Kutajew Aussage haben auch der Stellvertreter des tschetschenischen Innenministers Apti Alaudinov und der Leiter des Präsidentenbüros Magomed Daudov aktiv an der Folterung teilgenommen. Kutajew wurde nackt in einem Keller gefangen gehalten, eine Axt wurde ihm in den Nacken gehalten und gleichzeitig wurde er mit Strom gequält. Während der Folterung verlor er mehrmals das Bewusstsein, er erlitt eine Gehirnerschütterung, umfangreiche Quetschungen und Prellungen, hatte Rippen- und Kieferverletzungen. Sie zeigten in Fotos von seinem Neffen. Aus den aktuellen Fotos sollte er erkennen, dass er und seine Familie unter ständiger Beobachtung stehen. »Der physische Schmerz ist weg, meine Wunden sind verheilt, aber die Gewissheit, dass die Regierung die Sicherheitstruppen dazu benutzt, um gegen Politiker, Zivilaktivisten und Menschenrechtler zu kämpfen, erfüllt mich mit Entsetzten, weil ich weiß, dass diese Menschen ein ähnliches Schicksal erwartet.« sagte Kutajew in seiner Abschlussrede vor dem Gericht.
Es ist allgemein bekannt, dass die Vertretung des Kremls in Tschetschenien die Durchführung von Veranstaltungen zum Jahrestag der Deportation nicht begrüßen. Ruslan Kutajew bot an, die Konferenz eine Woche früher abzuhalten, um Konflikte mit den Behörden zu vermeiden. Aber er erhielt keine Reaktion auf diesen Vorschlag. Am 18. Februar 2014 organisierte Ruslan Kutajew in Grosny eine Konferenz, die dem 70. Jahrestag der Deportation der Tschetschenen und Inguschen gewidmet war. Die Konferenz wurde von Schriftstellern, Wissenschaftlern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens besucht. Nach der Konferenz, am Abend des gleichen Tages, wurden alle Teilnehmer [der Konferenz] von Ramsan Kadyrow eingeladen. Während des informellen Verhörs beharrten die Behörden darauf, dass der einzige Schuldige für die Konferenz über das von Ramsan Kadyrow verbotene Thema Ruslan Kutajew sei.

Am 20. Februar 2017 ist es exakt drei Jahre her, dass Kutajew aufgrund einer fabrizierten Anklage verhaftet und später zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. In der Folge anerkannte die Menschenrechtsorganisation Memorial Ruslan Kutajew als politischen Gefangenen an. Radio Marsho sprach mit Ruslan Kutajew Familie und Freunden.
Im Gespräch mit dem Radio-Korrespondenten sagte Aslan Kutajew, Ruslans jüngerem Bruder, er sei stolz auf seinen Bruder. Für ihn war er immer ein Beispiel, dem er folgen musste, um seinen Vater zu ersetzen, den sie früh verloren hatten. Die Art und Weise, wie er sich während der Verhöre, während des Prozesses und in der Haft verhielt, bewiesen nur, dass Ruslan mutig die Prüfungen erduldete, die ihm aufgelegt worden waren. Zalina, die Frau von Ruslan Kutajew, sagte in einem Interview mit einem Korrespondenten von «Marsho» dass sie es selten schafft, ihn zu sehen, das letzte Treffen fand im Dezember 2016 statt. Sie erinnert sich gut an den Tag, an dem er inhaftiert wurde. Kutajew ist im Dorf Gekhi verhaftet worden, als er bei der Beerdigung eines Freundes war. Als sie ihn im Gefängnis besuchte, sah sie, dass er nicht gebrochen war und sich nicht für schuldig bekannte.
Trotz der Tatsache, dass Ruslan von den Behörden eines Verbrechens beschuldigt wurde, ist er nicht von seinen zahlreichen Freunden verlassen worden. Stattdessen kamen sie und interessierten sich für seine Sache und sprachen nicht nur durch Worte ihre Unterstützung aus, meinte Zalina. Ruslans Freunde helfen ihr mit Wort und Tat, so die Frau. «Die Zeit vergeht, und auch er selbst wird sich wahrscheinlich ändern, aber bisher habe ich solche Veränderungen nicht gesehen. Wir sprechen über alles, einschließlich des Gefängnislebens, über das, was in der Familie passiert, mit Verwandten und Freunden. Auch wenn die Kinder sich nach ihrem Vater sehnen, verstehen sie die Situation und nehmen sich an ihm ein Beispiel.»
Einer von Ruslans vielen Freunden, Abdullah Khizriev, bemerkte in einem Gespräch mit Radio Marsho, dass er von der Tatsache beeindruckt war, dass sein Freund trotz eines solchen Drucks nicht zerbrach. Khizriev sagte in einem Interview, dass Ruslan keine Feindschaft gesucht hat sondern vielmehr der Tragödie von 1944 gedenken wollte und es als seine Pflicht gegenüber den Ahnen ansah, die Stalins Tyrannei zum Opfer fielen. Laut Khizriev war er überrascht von Ruslans Verhalten am Hof, als er den Richtern erzählte, was andere nicht auf der Straße zu sagen wagten. Abdullah Khizriev ist stolz auf seinen Freund und glaubt, dass er ein Vorbild für viele ist. «Er ist ein echter Freund und ich bin froh, dass ich ihn seit 25 Jahren kenne» sagte Khizriev in einem Interview.

Am 31. Oktober 2017 verkürzte der oberste Gerichtshof der Tschetschenischen Republik die Haftstrafe von Ruslan Kutaev um zwei Monate, hob das Urteil gegen ihn aber nicht auf.
Das Gericht kürzte die Haftstrafe von Ruslan Kutajew um zwei Monate und entschied, dass die von einem niederen Gericht angeordneten zusätzlichen freiheitsbeschränkenden Maßnahmen von einem Jahr (Reise- und andere nicht-freiheitsentziehende Einschränkungen) sowie eine Geldstrafe entfallen sollen. Das Urteil hob der oberste Gerichtshof jedoch nicht auf. Darüber hinaus ordnete das Gericht eine Verwarnung der Rechtsanwaltskammer von Nischni Nowgorod an, da der Rechtsanwalt von Ruslan Kutajew, Petr Zaikin, «mehrmals gegen die Berufsethik von Rechtsanwälten» verstoßen habe. Außerdem entschied das Gericht, es werde die Ermittlungsbehörde der tschetschenischen Republik veranlassen, zu untersuchen, ob die Redebeiträge des Anwalts vor Gericht verleumderisch gegenüber zwei ranghohen Behördenvertretern gewesen seien. Bei den Beamten handelt es sich um den stellvertretenden tschetschenischen Innenminister Apti Alaudinov und Ministerpräsident Magomed Daudow.

20:27 20.01.2019
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