Und wie lange bist du schon in Deutschland?

Migrationshintergrund Warum die Frage nach der Herkunft wenig mit dem Aussehen der befragten Person und mehr mit Sensibilität zu tun hat.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Szene 1.1:

"Und woher kommen Sie?", wurde sie von der alten Dame gefragt, die mit ihr gemeinsam an der Bushaltestelle wartete und sie neugierig von der Seite beäugte. Da war sie wieder diese Frage, die ihr seit ein paar Jahren vermehrt im Alltag begegnete. "Ich bin von hier, ich bin hier geboren" antwortete sie auf die Frage. "Aha, hier geboren. Aber ihre Eltern? Woher kommen die?". Sie antwortet: "Mein Vater ist auch hier geboren, meine Mutter ist Japanerin." "Japan...so so."

Szene 1.2:

"Und woher kommen Sie?", wurde sie von der alten Dame gefragt, die mit ihr gemeinsam an der Bushaltestelle wartete und sie neugierig von der Seite beäugte. "Ich komm gerade von Zuhause. Bin soeben erst aus meinem Bett gefallen. Bisschen verkatert, zu viel getrunken gestern. Zu lange gefeiert."

Szene 2.1:

"Du bist aber auch nicht von hier, oder?", wurde sie schnaubend und prustend von einem Herrn mittleren Alters im Schwimmbecken gefragt, als sie sich eben vom Beckenrand stoßen wollte und er gerade seine Bahn beendet hatte. Sie lachte freundlich, erwiderte "Nee nee, bin ich nicht" und fragte sich im Stillen, ob er wohl ihren süddeutschen Akzent herausgehört hatte. "Nicht, ne? Schon eher so aus dem arabischen Raum. Orient, Persien oder so. Ich mein so vom Aussehen her."

Szene 2.2:

"Du bist aber auch nicht von hier, oder?", wurde sie schnaubend und prustend von einem Herrn mittleren Alters im Schwimmbecken gefragt, als sie sich eben vom Beckenrand stoßen wollte und er gerade seine Bahn beendet hatte. Sie lachte freundlich und antwortete: "Nee, da hasch du Recht. I bin it von hier. Weisch, i komm ausm Schwobeländle, des isch scho a bissl weider weg. Des isch ja nett, dass du des rausg'hört hasch".

Szene 3.1:

"In dir fließt aber auch irgendein ausländisches Blut, oder? So von den dunklen Augen und den dunklen Haaren", fragte er sie. "Ja stimmt, ich lass dich jetzt raten."

  • "Bist du vielleicht Iranerin oder Irakerin?
    • "Nein, weiter östlich."
  • "Weiter östlich? Türkin?"
    • "Weiter östlich hab ich gesagt."
  • "Was kommt denn da noch? Etwa aus China?"
    • "Ok, ich löse es auf. Japan."
  • "Ja sag ich doch."

Szene 3.2:

"In dir fließt aber auch irgendein ausländisches Blut, oder? So von den dunklen Augen und den dunklen Haaren", fragte er sie.

"Richtig, mein Vater ist Schwede, meine Mutter Finnin."

Szenen, die zum Teil tatsächlich, wenn auch in leicht abgeänderter Form, stattgefunden haben. Die Frage hierbei ist: Wie reagiert man auf "Woher kommst du?" und "Seit wann bist du in Deutschland?". Eine mögliche Antwort darauf: Irritation. Vielleicht ist es möglich, durch verwirrende Antworten der fragenden Person einen Spiegel vorzuhalten, so dass diese darin ihre eigene Ignoranz erkennt. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer stellt die blödesten Fragen im ganzen Land?

In Deutschland scheint die Frage nach der Herkunft von großer Bedeutung zu sein. Sie wird gestellt, sobald das Gegenüber visuell nicht mehr in das Bild "deutsch" zu passen scheint (auch wenn man sich dann fragen muss, was der Phänotyp "deutsch" überhaupt ist). Mit der Fragestellung muss nicht notwendigerweise eine böse Absicht einhergehen, sondern oft eine rein naive Neugier. Der simpelste Smalltalk kann auf dieser Ebene stattfinden. Die Frage ist nur: Muss er das? Gibt es nicht 1000 andere Themen, die man bei einem ersten Gespräch oder bei einem kurzen Schnack an der Bushaltestelle anreißen kann? Alter. Einkommen. Körpergewicht.

Das wäre doch mal etwas Neues. Man setzt sich an der Bushaltestelle neben eine ältere Dame und fragt sie geradeheraus nach ihrem Alter. Bestimmt erfährt man dadurch in zehnminütiger Wartezeit sehr viel aus einem neunzigjährigen Leben. Es kann aber auch passieren, dass diese Frage als unhöflich aufgefasst wird und man gar nichts erfährt.

Oder wie wäre es, wenn man den walrössigen Herrn im Schwimmbecken fragt: "Und wie viel verdienen Sie so im Jahr?" Mit Sicherheit erfährt man dann erstmal keine genauen Zahlen, sondern wird womöglich empört nass gespritzt oder mit dem Kopf unter Wasser getaucht, weil man in Deutschland so eine Frage einfach nicht stellt. Das Einkommen geht niemanden außer einem selbst etwas an. Wenn man sich dann nochmal im Luft anhalten üben möchte, kann man mutig fragen "Ok, andere Frage: Sie sind offensichtlich wohl auch nicht der Sportlichste. Wie sieht es denn mit Ihrem Körpergewicht aus? Ist das eine Zahl, die Sie mir lieber verraten möchten?" ...und Luft holen!

Fragen nach dem Alter, dem Einkommen oder dem Körpergewicht können genauso unangenehm sein, wie die Frage nach der Herkunft. Es geht hier nicht darum, sein Gegenüber mit dem Spiegel wedelnd zu schikanieren und bloßstellen zu wollen, sondern darum, zu sensibilisieren. Was frage ich und wenn ja, wie frage ich? Auch wenn keine Böswilligkeit sondern reine Neugier hinter der Frage "In dir fließt doch auch irgendein ausländisches Blut?" stecken mag, sollte man sich im Voraus überlegen, ob man auf diese Weise fragen kann oder ob das zu suggestiv ist, da man seinem Gegenüber damit unterstellt, nicht ganz "von hier" zu sein. Selbiges gilt doch für Körpergewicht auch? Wenn Herr Walross schwer schnaubend seine neunte Bahn gezogen hat und seine Erscheinung ganz offensichtlich nicht an einen olympischen Schwimmer erinnert, dann hütet man sich doch davor, nach seinem Körpergewicht zu fragen?

Es geht darum, abschätzen zu können, welche Fragen man stellen kann und ob sie wirklich für einen selbst von Interesse sind. Was interessiert mich das Körpergewicht von Herrn Walross? Genauso: interessiert es mich wirklich, ob mein Gegenüber einen Migrationshintergrund hat? Gibt es nicht womöglich andere Themen, die sich eher als Gesprächseinstieg eignen? Sicherlich gibt es Menschen, die die Frage nach der Herkunft nicht stört, sondern gerne darüber erzählen. Andere hingegen sind von ihr schon genervt, weil für sie jedes erste Gespräch mit dieser Frage beginnt. Beides lässt sich nicht im Voraus erkennen, weshalb man überlegen sollte, wie man was fragen möchte.

Die Frage nach der Herkunft hat hierzulande (und womöglich anderorts auch) einen hohen Stellenwert. Herkunft ist mit Aussehen verbunden. Ius sanguinis, - das Abstammungsprinzip. Deutsch ist, wer deutsches Blut in sich fließen hat. Als Kind von Gastarbeitern der Sechziger beispielsweise, kommt ius loci, - das Geburtsortenprinzip nicht zum Tragen, da unter anderem das Aussehen von großer Bedeutung zu sein scheint. Wenn man hier geboren wurde aber dunkle Augen, Haare und Teint hat, wird man oft nach seiner "tatsächlichen Herkunft" gefragt. Wer hier zwar geboren wurde, aber nicht "so aussieht", der "kann ja nicht von hier sein". Es gilt die Kombination Abstammung & Aussehen. Und wenn man dann auch noch gar keinen Migrationshintergrund vorweisen kann, wird man zum Paradebeispiel des Denkprinzips Abstammung & Aussehen. Ius loci kommt dann erst recht nicht zum Tragen.

Szene 4:

  • "Sag mal, hast du eigentlich einen Migrationshintergrund?"
    • "Nein, wie kommst du darauf?"
  • "Ich mein ja nur. Du hast so dunkle Haare und dunkle Augen."
    • "Nee, meine Eltern sind beide aus Süddeutschland, meine Großeltern und Ur-großeltern auch."
  • Aber da muss doch noch irgendwas anderes mit drin sein."
    • a) "Nein, da kann ich dir leider keine befriedigende Antwort geben."
    • b) "Liegt wahrscheinlich daran, dass meine Familie aus dem Schwarzwald kommt.

Selbst wenn man keinen Migrationshintergrund hat, so wird dennoch auf dem anderen Aussehen und somit auf eine andere Herkunft bestanden. "So wie du aussiehst, MUSS doch noch irgendwas anderes mit drin sein", - will heißen: "Du kannst einfach nicht von hier sein". Und wenn man tatsächlich einen Migrationshintergrund hat und obendrein auch noch nicht in Deutschland geboren wurde, dann verkörpert man quasi den worst case: "Die Person sieht nicht nur nicht-deutsch aus, sie IST es auch nicht!" Da kann es dann egal sein, wie lange man schon in Deutschland leben mag, es gilt ius sanguinis. Wer nicht deutsch ist, nicht deutsch aussieht, aber seit vielen Jahren in Deutschland lebt, gilt als...Trommelwirbel... - wer hätte das gedacht -, als nicht-deutsch.

Interessant ist, dass immer eine Negation mitschwingt. "Du siehst nicht deutsch aus". Was man unter "deutschem Aussehen" verstehen soll, wird nicht deutlich. "Nicht-deutsch" bedeutet "dunkle Haare, dunkle Augen, dunkle Haut". Womöglich hütet man sich auch vor dem Vergleich "deutsch = blond und blauäugig", da das zu sehr der Denkweise der NS-Vergangenheit ähnelt. "Deutsches Aussehen" bleibt dadurch verzerrt und beliebig anwendbar und trotzdem scheint "blond und blauäugig" als unausgesprochene Vorstellung mit zu existieren.

Irritieren durch irritierende Antworten. Vielleicht eine hilfreiche Art, den Spiegel zu verwenden. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sollte man bei solchen Fragen lieber wie ein Walross prustend und schnaubend untertauchen und sich im Luft anhalten üben.

13:14 17.05.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar