Online-Bezahlsystem für Zeitungsartikel

Paywall Jeder ehrliche Mensch würde gerne für gute Artikel zahlen. Nur wieviel und wie? Die bisherigen Lösungen der großen Verlage sind zum Scheitern verurteilt.
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Der Artikel "Paywall - Schluss mit kostenlos" gehört derzeit zu den meistkommentierten auf Freitag.de. Darin wünscht Spiegel-Erbe Augstein dem Springer-Verlag viel Glück für sein neues Bezahlmodell.

Auf sein Glück will sich der Springer-Konzern offenbar nicht verlassen. Die BILD will Abonnenten zukünftig mit teuer erworbenen Bundesliga-Zusammenfassungsrechten ködern. Was für die BILD funktionieren könnte, klingt nicht nach einem nachhaltigen Konzept für die Vermarktung von Online-Journalismus, obwohl hier immerhin erkannt wurde, dass lohnende und exklusive Inhalte ein Schlüssel zum Erfolg sein könnten. Die Frage des Inhalts ist dabei aber nicht das einzige Problem, das die Verlagshäuser beschäftigen sollte. Vielmehr ist ein völlig fehlendes Verständnis für das Nutzungsverhalten der potenziellen Kunden alarmierend. Jeder Online-Ableger der klassischen Zeitungen denkt dabei in veralteten Mustern. War es früher üblich, eine einzige Tageszeitung zu abonnieren, die dem persönlichen Geschmack und den inhaltlichen Bedürfnissen möglichst weitgehend entsprach, geht der heutige Zeitungsleser keine Kompromisse mehr ein. Er sucht sich die gewünschten journalistischen Inhalte im Netz selbst zusammen und schaut dabei auch im Rahmen einer kritischen Nachrichtenanalyse weit über den Tellerrand seiner Stammzeitung hinaus. Dieses Verhalten entspricht im Grunde dem modus operandi, den Journalisten bei ihrer Recherche an den Tag legen, umso erstaunlicher ist es, dass dieses Prinzip immernoch nicht verstanden wurde.

Sämtliche Online-Angebote beziehen sich auf Monatsabos einer einzigen Zeitung. Der Springerkonzern schafft es nicht einmal, sein relativ breites Spektrum an Zeitungen online sinnvoll zu vermarkten. Der Konservative greift zur "Welt", der ungezwungene Unterhaltungsleser abonniert die "Bild", der Berliner nimmt die "BZ" oder "Berliner Morgenpost". Dieses Zielgruppendenken hat sich mit dem Internet völlig überholt. Der Konservative hat nebenbei vielleicht auch mal Lust, sich über einen lockeren BILD-Artikel lustig zu machen. Der Berliner würde die Darstellung zur Schließung seines Heimatflughafens vielleicht auch gerne nochmal aus der Perspektive der gesamtdeutschen Sicht betrachten. Dafür müsste er aber mindestens 2 Abos gleichzeitig bei ein und demselben Verlag buchen, jeweils 4,99€ im Monat zahlen. Ein System, das zum Scheitern verurteilt ist.

Aber nicht nur Springer-Kunden sind von dem Problem erfasst. Wenn ich mich für ein Online-Abo beim Spiegel entschließe, mir dann aber ein unheimlich interessanter Artikel aus der ZEIT empfohlen wird und ich zusätzlich noch schauen möchte, was die Süddeutsche dazu schreibt, stehe ich vor der Wahl am Ende des Monats für 3 Abos zahlen zu müssen oder meinen Wissensdurst nicht befriedigen zu können. Das ist ein unerträglicher Zustand.

Kein moderner Zeitungsnutzer möchte sich bei mehreren Zeitungen ein Konto anlegen und Monatspreise bezahlen müssen. Weshalb schließen sich die großen Verlage, die alle vor denselben Problemen mit der Vermarktung im Internet stehen, eigentlich nicht zu einer zentralen Rechtverwertungsgesellschaft zusammen, ähnlich der GEMA? Online-User richten sich dann ein einziges Konto bei dieser Verwertungsgenossenschaft ein, hinterlegen dort Geld oder autorisieren einen Lastschrifteinzug und dann kann der Konsument für das jeweilige Entgelt die Leistungen der einzelnen Mitglieder schnell und bequem abrufen und bezahlen. Das würde dem Nutzungsverhalten der Leser entgegen kommen, von der Flexibilität würden auch alle Verlage gleichermaßen profitieren. Denkbar wären unter diesen Voraussetzungen auch Monats- oder Jahresabos, sowie Volumentarife oder Schüler/Studentenrabatte.

Als Bezahlmodell für die einzelnen Artikel würde sich somit zwangsläufig das in der modernen Zeit dominierende Micro-Payment anbieten. Der Kunde zahlt schon seit Ewigkeiten keine hohen Preise für Komplettpakete mehr, er selektiert viel lieber seinen Bedürfnissen entsprechend. Das verspätete Einsehen dieses Umstandes hätte die Musikindustrie fast zerstört und es hat auch das Potenzial, die Medienwelt auf den Abgrund zusteuern zu lassen. 10-20Cent pro Artikel, inklusive aller im Artikel vorhandenen Verlinkungen auf ältere Artikel, wären ein angemessener Preis, den Kunden auch bei nur mäßigem Interesse mit Sicherheit viel lieber zahlen würden, als 4,99€ im Monat.

12:47 30.05.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Konni

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