An die Atombombe gewöhnt

USA Die nukleare Bedrohung wird oft verdrängt. Historiker streiten über das Motiv der Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki vor 75 Jahren
Die Crew des Militärfliegers „Enola Gay“, von dem die Hiroshima-Bombe abgeworfen wurde, bei einer Parade in New York, 1946
Die Crew des Militärfliegers „Enola Gay“, von dem die Hiroshima-Bombe abgeworfen wurde, bei einer Parade in New York, 1946

Foto: Keystone/Getty Images

Der gedankliche Umgang mit der Gefahr eines Atomkrieges ist in den USA mindestens so kompliziert wie das Verständnis für eine exponentielle Vermehrung des Corona-Virus. Ein Dreivierteljahrhundert ist vergangen seit den Atomangriffen auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Inzwischen sind neun Staaten im Besitz von mehr als 14.000 Kernwaffen, vornehmlich Russland und die USA. Häufig werden die Arsenale „modernisiert“, auch deshalb hat das US-Wissenschaftsmagazin Bulletin of the Atomic Scientists die Zeiger seiner symbolischen Weltuntergangsuhr in diesem Jahr von zwei Minuten auf 100 Sekunden vor zwölf gestellt.

Die öffentliche Sorge über die Nukleardepots hält sich dennoch in Grenzen. Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, dass am 12. Juni 1982 eine Million Menschen rings um den New Yorker Central Park gegen das nukleare Wettrüsten protestierten. In den USA hat der Präsident die Macht – so sieht es die Entscheidungsstruktur vor –, den Einsatz von Atomwaffen anzuordnen. Medienkommentare ereifern sich über Donald Trumps Twitterbotschaften zu diesem und jenem wie zu seinem Versagen bei der Corona-Pandemie: dass dieser Mann auch die ganze Welt in seinen Händen hat, bleibt eher unterbelichtet.

Ein riesiger, großer Feuerball

Anfang 2020 haben die US-Streitkräfte einen neuen Waffentyp eingeführt, bei dem es sich um einen nuklearen Gefechtskopf mit relativ geringer Sprengkraft für von U-Booten getragene Langstreckenraketen handelt. Die Innovation soll mehr operative Flexibilität verleihen. Verblasst sind die Schreckensbilder vom Atompilz über Hiroshima am 6. August 1945 und über Nagasaki drei Tage später. Die meisten daran beteiligten US-Militärs sind verstorben. In der amerikanischen Öffentlichkeit hält sich die Überzeugung, die Bomben seien nötig gewesen, um den Krieg gegen Japan zu Ende zu bringen.

„Menschen unter freiem Himmel wurden verbrannt, Menschen in Gebäuden getötet durch den unbeschreiblichen Druck und die Hitze“, so hat seinerzeit Radio Tokio über das ausgelöste Inferno berichtet und wurde von der Agentur United Press zitiert. Von Hiroshima sei nichts weiter als eine „katastrophale Ruine“ geblieben, lasen die Amerikaner in ihren Zeitungen.

Sergeant Ray Gallagher war in der Crew des „The Great Artiste“, eines Begleitflugzeuges für den Bomber „Enola Gay“, von dessen Crew die Vernichtungswaffe über Hiroshima ausgeklinkt wurde. „Was wir da sahen, werden wir wohl nie wieder sehen, und ich hoffe, wir werden es nie wieder sehen“, äußerte sich Gallagher in einem Interview auf manhattanprojectvoices.org. Hiroshima sei „vollkommen bedeckt gewesen von einer riesigen schwarzen Wolke, in deren Zentrum ein riesiger, riesiger, großer Feuerball zu sehen war“. Ray Gallagher meinte noch, leider habe man als Soldat „nicht viel darüber nachgedacht, was da auf dem Boden passiert ist“. Man hatte einen Auftrag zu erfüllen.

Zehntausende waren nach dem Abwurf der Atombomben auf der Stelle tot, Zehntausende starben bald darauf an Strahlenschäden und Verbrennungen, vornehmlich Frauen, Kinder und alte Menschen. Die meisten jungen Männer waren im Krieg.

Nach dem Abwurf drohte Präsident Harry Truman, die USA besäßen eine Waffe mit „revolutionärer Vergrößerung der Zerstörungskraft“ und könnten „Japans kriegerische Kapazitäten gänzlich vernichten“. Am 15. August gab Kaiser Hirohito im Nationalen Rundfunk die Kapitulation bekannt. Manche Historiker stellen die offizielle Version von der militärischen Unausweichlichkeit des Schlages infrage. Vielmehr sollte die Bombe vor den Augen der Nachkriegswelt die Macht der USA zur Schau stellen. Führende Militärs hätten nach dem Krieg im Pazifik die Auffassung vertreten, die Bombe sei nicht nötig gewesen, schreibt der US-Historiker Gar Alperovitz in The Decision to Use the Atomic Bomb. Unter ihnen war auch General Dwight Eisenhower, der in seinen Erinnerungen vermerkte, Japan habe kurz vor der Kapitulation gestanden, auch weil dessen Führung damit rechnete, dass die Sowjetunion eingreifen würde.

Bei einem Forum zum 75. Jahrestag sprach der Historiker Kai Bird von der Frustration darüber, dass es „keine nationale Konversation“ gebe über die Beweggründe. Die Atombombe habe nach dem II. Weltkrieg eine Schlüsselrolle gespielt in der US-Militärpolitik. Daher könne man die Anfänge der Strategie nicht verschweigen. Das Zögern beim Prüfen der Geschichte habe auch mit dem Glauben an die Einzigartigkeit der USA zu tun, glaubt Peter Kuznick, Leiter des Nuclear Studies Institute in Washington. Was würde man „über die USA als Nation sagen“, sollte nicht stimmen, was als Motiv des Nuklearangriffs gilt?

Barack Obama hat 2016 als erster US-Präsident Hiroshima besucht, aber den Beschluss von 1945 nicht infrage gestellt. Hiroshima und Nagasaki seien nicht der Inbegriff der atomaren Kriegsführung, „sondern Beginn unseres eigenen moralischen Erwachens“, so der damals amtierende Präsident. Nicht alle Friedensvereine waren beeindruckt, zumal Obama die Modernisierung der US-Nuklearstreitkräfte betrieb. Im laufenden Präsidentschaftswahlkampf wird bisher wenig über Atompolitik gesprochen.

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