Untergang der Titanic: Austern zum Dinner

14. April 1912 Ein Prunkdeck ist sogar dem Schloss Versailles nachempfunden, aber der Luxus spielt keine Rolle: Noch auf der Jungfernfahrt versinkt die „Titanic“ in den Fluten des Atlantiks
Am 10. April 1912 verließ die Titanic Southampton, vier Tage später sank das Schiff
Am 10. April 1912 verließ die Titanic Southampton, vier Tage später sank das Schiff

Foto: Imago Images

Es geschah sieben Jahre vor dem ersten Nonstop-Transatlantikflug und 27 Jahre vor dem ersten Flug mit zahlenden Passagieren aus den Vereinigten Staaten nach Europa. Am 10. April 1912 verließ die Titanic, das damals größte Schiff der Welt, den englischen Hafen Southampton zur Jungfernfahrt nach New York City. In der Nacht vom 14. zum 15. April sank der Luxusdampfer nach Kollision mit einem Eisberg im Atlantik südöstlich der kanadischen Provinz Neufundland. Die Nachricht, verbreitet dank drahtloser Telegrafie, schockierte alle Welt.

Zunächst hatte es einige Falschmeldungen gegeben. „Passagiere von der Titanic gerettet“, berichtete etwa der Evening Standard in Utah am 15. April 1912. Die Washington Times wusste, das beschädigte Schiff mit seinen vier Schornsteinen sei nach Halifax im kanadischen Neuschottland abgeschleppt worden. Die New York Tribune hatte einen Tag danach korrektere Fakten zu bieten und berichtete, 1.340 Menschen seien beim Untergang der Titanic umgekommen (die Zahl der Toten wird heute auf rund 1.500 geschätzt). Angehörige von Passagieren hätten das Büro der Reederei White Star Line in New York City bedrängt in der Hoffnung auf Auskunft. US-Präsident William Howard Taft habe dort anrufen und die Frage nach dem Schicksal seines Militärberaters Archibald Butt übermitteln lassen.

So manche Schilderungen der Katastrophe konzentrieren sich auf das „Who’s who“ der Superreichen, die im kalten Wasser bei Temperaturen unter null Grad ums Leben kamen. Darunter war der Multimillionär Jack Astor. Die Zeitung New York American vermeldete dessen Tod auf der Titelseite. Astor war viel in der Klatschpresse gewesen, auch wegen seiner Hochzeit mit der um 30 Jahre jüngeren Madeleine Astor. Für das Paar soll es schwierig gewesen sein, für die Trauung einen Geistlichen zu finden. Jack war geschieden – wegen Ehebruchs. Madeleine Astor überlebte in einem der zwanzig Rettungsboote. Präsidentenberater Butt ertrank. Seine Leiche wurde niemals gefunden.

Mahlzeiten auf der Titanic: Austern und Gänseleber oder Grütze und Käse

Der kanadische Autor Hugh Brewster hat in seinem Buch Vergoldete Leben, tödliche Reise den Schiffsalltag der 324 Passagiere in der Ersten Klasse beschrieben. Ein Prunkdeck habe sogar dem Schloss Versailles nacheifern wollen. Um 18 Uhr blies der Hornist das Signal, dass es Zeit sei, sich zum Abendessen fertig zu machen. Für die Herren bedeutete das weiße Krawatte und Frack oder Smoking. Bei den Damen sei der Dresscode komplizierter gewesen. Die meisten hätten jeden Abend unterschiedliche Kleider ausführen wollen. Das Fischbeinkorsett war Standard; dieses sollte erst in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg aus der Mode kommen. Bei ihrer letzten Mahlzeit speiste die Erste Klasse u. a. Austern, Lachs in Schaumsoße und Filet Mignon mit Gänseleber und Artischockenherzen. Auf der Speisekarte für die Dritte Klasse standen Grütze, Kabinenkekse und Käse. Beim Tee, der Mini-Mahlzeit am Nachmittag vor der Unglücksnacht, hatte sich die Dritte Klasse indes mit Butterbrot, Käse, Aufschnitt, Essiggurken, gedünsteten Feigen und Reis stärken können.

US-Präsident Joe Biden spricht gern über seine Vorfahren, die vor mehr als 170 Jahren in „Coffin Ships“ (Sargschiffen) aus Irland in die USA gekommen seien. Es handelte sich um Segelschiffe, auf denen Mitte des 19. Jahrhunderts während der Hungersnot in Irland geschätzt ein Fünftel der zusammengepferchten Passagiere bei der mehrwöchigen Überfahrt ums Leben kamen. Zur Zeit der Titanic hatten sich die Zustände auf den Auswandererschiffen für die Migranten der Dritten Klasse wesentlich verbessert.

Das Prinzip Klassenunterschiede blieb davon unberührt, was sich auch bei dem Opferzahlen des Titanic-Untergangs zeigte. Laut titanicfacts.net, eine der vielen Dokumentationen zum Untergang, haben 61 Prozent der Passagiere der Ersten Klasse überlebt und 42 Prozent von den 284 Passagieren der Zweiten. In der Dritten Klasse waren es 172 Menschen von den 709, die diese Kategorie gebucht hatten. Sie waren auf tiefer gelegenen Decks untergebracht, weiter entfernt von den Rettungsbooten. Von 908 Besatzungsmitgliedern konnten nur 212 gerettet werden. Die meisten Ertrunkenen der Crew kamen aus Southampton. Auch Kapitän Edward Smith lebte dort. Ein paar Jahre vor der Katastrophe hatte er in einem Zeitungsinterview gesagt, der Schiffsbau sei eine derart „perfekte Kunst“, dass ein „absolutes Desaster“, dem Passagiere zum Opfer fallen würden, „nicht vorstellbar“ sei. Man werde bei allen infrage kommenden Umständen stets genügend Zeit haben, um jeden an Bord zu retten.

Titanic kollidiert um 23.40 Uhr mit einem Eisberg

Was passiert ist in jener Nacht vom 14. zum 15. April 1912, wurde schon oft erzählt. Bis in die Details, mit viel Diskurs über die Schuldfrage. Die Rede ist von zu wenig beachteten Warnungen vor Treibeis und einem zeitweilig abgeschalteten Funkgerät. Kapitän Smith hätte wegen der Eisfelder die Geschwindigkeit drosseln müssen. Beim Bau des Schiffes habe die Herstellerwerft Harland & Wolff in Irland minderwertige Nieten verwendet, die dem Aufprall nicht standgehalten hätten. Die Rettungsboote wurden zu spät eingesetzt, und manche waren nicht voll besetzt.

Die Titanic kollidierte um 23.40 Uhr Schiffszeit mit einem Eisberg, der mehrere Löcher in den Rumpf riss. Der Ausguck im Krähennest und die Offiziere auf der Brücke hatten den Eisberg nicht rechtzeitig gesehen. Wenige Minuten nach Mitternacht befahl der Kapitän die Evakuierung. Im Spielfilm Titanic des Regisseurs James Cameron (elf Oscars), mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio in den Hauptrollen, soll dargestellt werden, wie die letzten Stunden im Leben der Passagiere und Crewmitglieder ausgesehen haben könnten: totales Chaos, menschliches Versagen, menschliche Größe und Opferbereitschaft, eisiges Wasser, ein schreckliches Ende. Die kanadische Sängerin Céline Dion vermittelt so etwas wie Trost mit ihrem Liebeslied My Heart Will Go On. Ein gutes Dutzend Filme über die Titanic wurden gedreht, Schiffsmodelle sind gebastelt worden. Mitglieder von Titanic-Vereinen sind auch mehr als ein Jahrhundert danach noch ergriffen von der Tragödie, die nun so weit zurückliegt, dass der Schmerz verblasst, aber das Drama die Gemüter noch immer packt. 1994 versank die Ostseefähre Estonia auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm. 852 Menschen kamen um. Dieser Tod im eiskalten Wasser erreichte nie Spielfilmreife.

Die Titanic-Katastrophewird häufig als Folge eines unheilvollen Technikglaubens und menschlicher Überheblichkeit gedeutet. Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat 1978 Der Untergang der Titanic vorgelegt, ein „episches Gedicht“, wie der Suhrkamp Verlag mitteilte, in dem die Katastrophe „dokumentiert und bezweifelt, halluziniert und untersucht“ werde, auch dann noch, „wenn sich Hoffnung und Geld verbraucht haben, während die einen ertrinken und die anderen weiterleben“. Enzensberger schrieb im ersten Gesang: „Das war es. War es das? Ja, das muss es gewesen sein. Das war der Anfang. Der Anfang vom Ende ist immer diskret.“

Die Zeit der Hochseedampfer sollte nach dem Ersten Weltkrieg bald enden. Fliegen versprach mehr Geschwindigkeit und Mobilität. Beim ersten Nonstop-Transatlantikflug schafften es Pilot John Alcock und Navigator Arthur Whitten Brown im Juni 1919 in einem umgebauten Weltkriegsbomber von Neufundland nach Irland. Die beiden waren Veteranen des britischen Royal Naval Air Service. Die Reise dauerte etwas mehr als 16 Stunden. Alcock und Brown erhielten 10.000 Pfund Preisgeld vom Verleger der britischen Tageszeitung Daily Mail. Am 28. Juni 1939 flog eine Boeing B-314 des Unternehmens Pan Am von New York mit Stopp auf den Azoren nach Lissabon. 22 Passagiere seien an Bord gewesen, heißt es auf der Website der Stiftung Pan Am Historical Foundation. Das Wettrennen um das große Geld beim Flugverkehr hatte begonnen. Die Gesellschaft ging Anfang der 1990er pleite. Der letzte Flug der einst mächtigen Pan Am führte am 4. Dezember 1991 von Bridgetown in Barbados nach Miami in Florida.

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