John McCain balanciert auf dem Drahtseil

US-Wahlkampf Die rechten Republikaner schmollen. Bei den Demokraten will Obama gegen Clinton nicht zu viel riskieren

Barack Obama hat Hillary Clinton empfindliche Niederlagen beigebracht, aber schon bei den Vorwahlen am 4. März in den Staaten Texas und Ohio kann sich das Blatt wenden. Die frohe Botschaft ihres Rivalen von der "großen Chance zum Wandel" wird inzwischen kritischer hinterfragt. Noch scheint bei den Demokraten weniger entschieden als bei den Republikanern.

Der republikanische Präsidentschaftskandidat steht anscheinend fest, bei den Demokraten geht´s heiß her. Erst prognostizieren die "Experten", Hillary Clinton sei kaum zu schlagen. Nun aber wittern manche "Titanic-Stimmung" bei den Clintons. Anfang März, wenn in den großen Vorwahlstaaten Texas und Ohio gewählt wird, sieht es vielleicht wieder anders aus. Demokratische Vorwähler fragen nun gezielt: Wer hätte die besseren Chancen gegen den republikanischen Anwärter John McCain - Barack Obama oder Hillary Clinton?

"Ich lasse mich eher Water-Boarden, als McCain zu wählen", steht auf den Plakaten

Interner Erdrutsch bei den Republikanern: In den vergangenen drei Jahrzehnten ist in dieser Partei niemand Präsidentschaftskandidat geworden ohne die weit mehrheitlichen Stimmen der christlichen Rechten und ohne Schulterklopfen von den so genannten "Bewegungs-Konservativen", den 150-Prozentigen vom Schlag des Vizepräsidenten Dick Cheney. Der 71-jährige John McCain, Vietnamkriegsveteran, Senator und gescheiterter Präsidentschaftsanwärter (2000 gegen George W. Bush) hat das Kunststück 2008 hingekriegt. Die Rechten sind nun entsprechend sauer.

"Ich lasse mich eher Water-Boarden, als McCain zu wählen", steht Anfang Februar auf Plakaten bei der Conservative Political Action Conference (CPAC), dem Jahrestreffen der rechten Bewegung. Er werde nie und nimmer für McCain stimmen, erklärt James Dobson, der als Chef von Focus on the Family täglich in mehr als 1.000 Rundfunksendern zu hören ist. Viele weiße Evangelikale, die 2004 zu mehr als drei Vierteln Bush gewählt haben, wollen noch ein bisschen länger unter der Decke bleiben, obwohl der Wecker geklingelt hat: Sie stimmen trotz McCains Vorsprung weiterhin für den ehemaligen Baptistenpastor Mike Huckabee, der im Unterschied zu Mitt Romney, Bürgermeister Rudy Giuliani und Fred Thompson die weiße Flagge nicht hissen will. Huckabee hat Charisma, spielt in einer Rock and Roll Band, macht auf Populismus (die Reichen verdienten zu viel, sagt er) und vertraut auf Jesus Christus. Sein Erfolg sei nur durch göttliche Intervention zu erklären, meinte Huckabee nach seinem Sieg in Iowa. Er habe nicht Mathematik studiert, erläuterte der Kandidat bei der CPAC-Konferenz mit Blick auf McCains großen Vorsprung, "sondern Wunder".

Aus demokratischer Sicht erscheint die rechte Kritik an McCain bizarr. Der ist seinem Abstimmungsverhalten nach einer der konservativsten Senatoren. Stimmt im Großen und Ganzen verlässlich gegen Sozialauslagen, gegen Gewerkschaften und für Steuergesetze, die sich günstig auswirken auf die besser Gestellten (wobei er anfangs Bushs Reformen ablehnte). Kein Republikaner verteidigte die US-Besatzung im Irak so enthusiastisch wie McCain. Der Senator, der 1982 mit dem Geld seiner Frau Cindy, der Tochter eines Bier- und Spirituosengroßhändlers, in die Politik einstieg, pflegt allerdings das Image eines "unbequemen Denkers" ("Maverick") und macht keine Kniebeugen. Das stört die ideologisch motivierten konservativen Republikaner. Bei den Vorwahlen konnte McCain bisher allerdings deren Stimmen mit denen gemäßigter Republikaner ersetzen. Die Rechten verteilten ihre Sympathien stattdessen auf Romney, Huckabee und Fred Thompson.

McCain distanziert sich von den rechten Parteifreunden mit seiner Einwanderungsreform, die Millionen illegal Eingeschleusten eine Chance zur Legalisierung gäbe. Er hat den vorgeschlagenen Verfassungszusatz zum Verbot homosexueller Ehen als "unnötig" und "unrepublikanisch" abgelehnt. Er ist der Ansicht, man müsse etwas tun gegen Klimawandel. Und McCain, der sagt, er sei als Kriegsgefangener in Nordvietnam jahrelang misshandelt worden, hat sich gegen das Foltern ausgesprochen - nahm aber dann hin, dass Präsident Bush ein Anti-Folter-Gesetz unterzeichnete und gleichzeitig das Verbot mit einem so genannten signing statement relativierte. (Mit derartigen, rechtlich umstrittenen Erklärungen sagt Bush häufig bei unliebsamen Gesetzen, was diese für ihn bedeuten, auch wenn das nicht dem Willen der Gesetzesautoren entspricht.)

McCain balanciert auf dem Drahtseil. Einerseits will er nun den rechten Republikanern beweisen, dass er wirklich ein Konservativer ist, andererseits muss er seine angebliche Identität als "Maverick" vorzeigen, um im Revier der politisch Unabhängigen und Demokraten zu wildern. Hauptsächlich aber empfiehlt sich der Bewerber als Garant für die Sicherheit des Heimatlandes. Da hat er Glaubwürdigkeit - der Veteran, der für die Vereinigten Staaten gelitten hat. Kommt er doch auch aus einer militärischen Familie. Der Großvater hat vor gut 100 Jahren eine Erhebung auf den Philippinen niederschlagen helfen ("ein exotisches Abenteuer", sagt McCain). McCains Vater, ein Admiral, kommandierte 1965 die Invasion in der Dominikanischen Republik.

Wird hier Wahlkampf geführt oder entsteht eine politische Bewegung?

Hillary Clinton kann bei so viel Militärpatriotismus trotz ihrer harten Linie in Sachen Irak nicht mithalten, und der um ein Vierteljahrhundert jüngere Barack Obama schon gleich gar nicht. Seinen jüngsten Reden nach zu schließen, bereitet sich Obama schon vor auf den Zusammenstoß mit McCain. Er verlagert die Debatte, indem die Kritik an Bushs Irak-Politik zurückgefahren wird. Themen sind Hoffnung, Neuanfang, Chancen für alle, Kooperation über politische und sonstige trennende Mauern hinweg. Manchmal weiß man nicht, ob hier Wahlkampf geführt oder eine politische Bewegung ins Leben gerufen wird.

Hillary Clinton, die aufgetreten ist als kompetente Politikerin, tut sich anscheinend schwer mit derartigen Höhenflügen des "Seid-Umschlungen-Millionen". Sie bemühte sich in den vergangenen Tagen, selbst von Veränderung, von der amerikanischen Verfassung und anderen blau-weiß-roten Bildern zu sprechen. Trotz ihrer jüngsten Niederlagen bleiben ihr offenbar vor allem Amerikaner der unteren Einkommensschichten und Gewerkschafter treu. Und Obama kratzt nicht am demokratischen Glaubensbekenntnis, in den acht Jahren unter dem Präsidenten Clinton sei alles besser gewesen für die Arbeiter und die Einkommensschwachen. Obwohl Bill Clinton eine aggressive Globalisierungspolitik betrieben hat mit durchaus negativen Folgen für den amerikanischen Arbeitsmarkt. Dass es damals und heute so etwas gibt wie Klassenkonflikte in den USA, kann oder will Obama nicht zur Sprache bringen, schon aus Rücksicht auf seine Wahlspender. Von Hoffnung reden ist besser.

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