Joe Biden klammert: Einmal ist keinmal

Meinung Der Amtsinhaber Joe Biden will 2024 noch einmal als Bewerber um die US-Präsidentschaft antreten. In seiner eigenen Partei schlägt das die Tür für andere Kandidaten erst einmal zu
US-Präsident Joe Biden kandidiert für eine zweite Amtszeit
US-Präsident Joe Biden kandidiert für eine zweite Amtszeit

Foto: Chip Somodevilla/Getty Images

Die Fortsetzung der Präsidentschaft könnte tatsächlich funktionieren, wenn auch mit erhöhtem Risiko. Der 80-jährige Biden jedenfalls hat bekannt gegeben, dass er weitermachen will. Das ist auch eine Sache des Ego. Präsidenten geben nicht freiwillig auf. Wer nur eine Amtsperiode erledigt, steht im Ruf des Verlierers. Biden klammert. Er will doch schon seit 1987 ins Weiße Haus. Damals kandidiere der junge Senator Biden das erste Mal für das höchste Staatsamt.

Video zum Frühstück

Joe Biden hätte bei der Wahl 2024 gern eine Wiederholung von 2020. Auch damals hatten manche US-Demokraten Zweifel am demokratischen Anwärter, zu langweilig, zu sehr Establishment, zu wenig Aufbruch, zu wenig Bernie Sanders.

Biden gewann letztlich gegen Donald Trump, als Vertreter „normaler Politik“ gegen Extremismus. Es gehe um die „Seele von Amerika, hatte er damals erklärt. Das sagte er nun wieder in dem drei Minuten langen Video zur Ankündigung seiner Bewerbung. Es hat seine Landsleuteam Dienstagmorgen beim Zähneputzen und beim Frühstück überrascht. Ganz am Anfang kamen Szenen vom rechten Ansturm auf das Kapitol Anfang Januar 2021.

Damit hat Biden die Fronten gezogen: Extremisten um Donald Trump (den Namen selber erwähnte er nicht) wollten Bürgerinnen und Bürgern Demokratie und Freiheit nehmen. Sie wollten Frauen Vorschriften machen, bestimmen, wen man lieben darf, das Wahlrecht beschneiden, Bücher verbieten, die Steuern der Reichen reduzieren. Das mit der Freiheit hat es in sich: Die Demokraten haben den Freiheitsbegriff viel zu lange der republikanischen Rhetorik überlassen, in der vor allem die „Freiheit“ von der Regierung beschworen wird.

Eine Bestandsaufnahme von Bidens Errungenschaften ist schwer zu umreißen. Da wären die umfangreichen sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen auf dem Weg heraus aus der Corona-Pandemie. Nie seit Ende der 1960er Jahre war in den USA die Arbeitslosenrate so niedrig wie heute. Zum Teil grüne Infrastrukturprojekte werden staatlich gelenkt und stark bezuschusst.

In vielen US-Haushalten stehen freilich nach wie vor, wie man so sagt, nur eine oder zwei Lohnüberweisungen zwischen einem „einigermaßen Auskommen“ und dem freien Fall in eine Notlage. Die Steuerpolitik belastet die Bestverdiener etwas mehr, aber in Grenzen. Biden ist Biden, ein Mann der politischen Mitte, der wie sein früherer Boss Barack Obama an das Gute in seinen Landsleuten glauben will. Und er bleibt stehen bei der Überzeugung, die Vereinigten Staaten garantierten dank ihrer militärischen Macht Demokratie und Freiheit weltweit, sie täten das als Gegenpol zu China und Russland und dem Chaos.

Noch kann viel passieren

Biden hat mit seiner Kandidatur Türen in seiner Partei geschlossen. Gegen den amtierenden Präsidenten will wohl niemand antreten. Wer 2020 für Biden stimmte, wusste, was er bekam. 2024 wird man das wieder wissen. Team Biden hat recht: Groß ist der Kontrast zu der zum Autoritären tendierenden Republikanischen Partei, mit oder möglicherweise ohne Trump. Das erhöhte Risiko: Mit zunehmendem Alter wird es gesundheitlich schwieriger. Die geistige Frische lässt nach. Zu hoffen ist, dass Biden das selber zugeben kann und dass ein „Plan B“ in der Schreibtischschublade liegt. Etwa eineinhalb Jahre sind es noch bis zur Wahl. Da kann sehr viel passieren.

Alles spricht gegenwärtig dafür, dass es bei der US-Präsidentenwahl im kommenden Jahr die gleiche Ansetzung wie Anfang November 2020 gibt. Joe Biden hatte seine Absicht bekannt gegeben, noch einmal anzutreten. Das könnte auch eine Art Vorentscheidung für die Republikaner sein, bei denen die Überzeugung vorherrschen dürfte, dass Donald Trump der beste Gegenspieler zu Biden ist.

Konrad Ege ist seit 1990 US-Korrespondent der Wochenzeitung "der freitag"

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