Sie wäre der nächste Reagan

rechter Populismus Mit gesundem Menschenverstand will Sarah Palin ins Weiße Haus

Das Jahr 2008 geht in die Geschichtsbücher ein als das Jahr mit dem ersten "ernsthaften" afro-amerikanischen Präsidentschaftsbewerber. Am anderen Ende des politischen Spektrums meldet sich aber ein vielen Amerikanern attraktiv erscheinender Rechtspopulismus zu Wort. In Gestalt der Republikanerin Sarah Palin. Noch nie standen rechtschristliche Ideologen so dicht vor der Tür zum Weißen Haus.

Das konnte man sich vor ein paar Wochen schlecht vorstellen. Kandidat John McCain galt als eher moderater Republikaner, der gelegentlich sogar die rechtschristlichen Fürsten krisierte als "Agenten der Intoleranz". McCain hat die "bibelgläubig christliche" - wie sie selber sagt - aber unerfahrene Gouverneurin von Alaska zu seiner potenziellen Vizepräsidentin gemacht, weil seine dahin dümpelnde Kampagne einen Impuls brauchte. Zumindest vorübergehend hat das funktioniert. Republikaner machen nun Wahlkampf, als hätten sie einen dreifachen Espresso getrunken.

Bei dieser Wahl gehe es mehr um das "Image der Kandidaten" und "weniger um Themen", erläuterte McCains Wahlmanager Rick Davis - hoffnungsvoll, wohl. Sarah Palins Image kommt offenbar an bei vielen weißen US-Amerikanern aus der Mittelschicht und Arbeiterklasse und bei sonntäglichen Kirchgängern, auch wenn "die Liberalen" kichern über Palins Förderung der sexuellen Enthaltsamkeit und ihre außenpolitische Unwissenheit: Der von ihrer Kampagne zitierte Irlandbesuch entpuppte sich als Zwischenlandung, ihre angebliche Irak-Visite hat nie statt gefunden.

Palin tritt auf als Alltagsamerikanerin, deren Leben und Schwierigkeiten (das Baby mit Down-Syndrom) Sympathien wecken. Eine starke Frau, fünf Kinder, bald unerwartet Großmutter, ein fescher Ehemann, der richtig männlich in der Ölindustrie arbeitet und trotzdem weiß, wie man Babies zärtlich hält, dazu ein Sohn in Uniform. Und der 18-jährige Boyfriend und die 17-jährige schwangere Tochter dürfen mit aufs Familienvideo für den Wahlkampf. Und all das in Alaska, dem letzten wilden Bundesstaat, wo die Pioniere noch nicht ausgestorben sind, auch wenn sie heute in Abgas spuckenden Snowmobilen durch die Landschaft fahren.

John McCain weiß nicht, wie viele Häuser er besitzt, Cindy McCains Schmuck- und Bekleidungsausstattung beim zu 98,5 Prozent weißen Republikaner-Konvent soll 300.000 Dollar gekostet haben, und die USA stecken in einer expandierenden Wirtschaftskrise. Nach 26 Jahren in Senat und Repräsentantenhaus kann McCain kaum gegen "Washington" kandidieren. Palin kann. "Washington hat geschlafen", sagt sie am Tag nach dem Lehman-Brothers-Kollaps. Sie sei den Lobbyisten nicht hörig und werde die "Regierung wieder auf die Seite der Menschen bringen". Amerika wolle keine Politiker mit langen Karrieren. In Palins Welt qualifiziert Unerfahrenheit. Sie "versteht" Russland, weil man - Zitat - von Alaska aus Russland sehen kann.

"Sarah Palin ist der nächste Ronald Reagan", hofft der altgediente konservative Stratege Richard Viguerie. Den größten Enthusiasmus weckt Palin unter weißen Evangelikalen. (Die glauben an die Unfehlbarkeit der Bibel, missionieren Un- und Andersgläubige und haben eine "persönliche Beziehung" zu Jesus Christus.) Sie stellen rund ein Viertel der Wähler; sie haben einst zu drei Vierteln für George W. Bush gestimmt - keine Bevölkerungsgruppe hat Bush mehr unterstützt. Evangelikaler Patriotismus hat eine besonder Qualität - Amerika gilt als von Gott erwählte Nation.

Bei den Vorwahlen war McCain keineswegs der rechtschristliche Wunschkandidat. Seine anfänglichen Anbiederungsversuche an die rechten Christen schlugen fehl. Er erhielt Hilfe von den Fernsehpredigern John Hagee und Rod Parsley, ließ beide aber fallen, als Hagee, der gern vom drohenden Weltende spricht, wegen seiner These kritisiert wurde, Gott habe den Holocaust in die Wege geleitet, um europäische Juden nach Israel zurück zu treiben, und als Parsley wegen anti-islamischer Tiraden ins Kreuzfeuer geriet.

Sarah Palin besucht Kirchengemeinden, in denen auch viel von der Endzeit gepredigt wird. Der in vielerlei Versionen verkündete Endzeitglaube ist weit verbreitet in Teilen des US-Protestantismus. Kerngedanken sind: In der Endzeit kehrt Jesus wieder, es gibt die entscheidende Schlacht zwischen Gut und Böse, möglicherweise als Krieg in Nahost. Die Ungläubigen werden verdammt, und die Juden bekehren sich.

Von Kindesalter an bis 2002 war Palin Mitglied der Assembly-of-God-Kirche in ihrem Heimatort Wasilla (Alaska). Pastor dort ist Ed Kalnins, der über "spirituelle Kriegführung" predigt und die Ansicht vertritt, Palin sei dank eines "prophetischen Rufs" Gouverneurin von Alaska geworden. 2005 wurde Palin zusätzlich von einem kenianischen Bischof gesegnet, der in pfingstkirchlichen Kreisen bekannt ist für seine Dämonenaustreibungen. In einer Predigt im Juni 2008 erklärte Kalnins - und Palin stand neben ihm - Alaska sei ein ganz besonderer Staat. Er werde in der Endzeit nämlich Zufluchtsort sein für "Hunderttausende" Gläubige aus den USA.

Palin sprach bei ihrem Besuch im Juni zu den Missionarsschülern der Kirche und meinte bei dieser Gelegenheit, der Irakkrieg geschehe im "Auftrag" Gottes. Derzeit geht Palins hauptsächlich in die Wasilla-Bibelkirche, wo der Pastor warnt, Gott werde die USA schon bald strafen wegen der Sünden ihrer Bewohner. Gott könne zum Beispiel "das mächtige kommunistische Russland" nutzen, um in den USA eine Wirtschaftskatastrophe herbeizuführen. Als Barack Obamas afro-amerikanischer Pastor Jeremiah Wright "prophetisch" über Gottes Strafe für das rassistische Amerika predigte, liefen Fernsehkameras und Laptops heiß.

Bei vielen TV-Kanälen und Zeitungen bekam Palin nach dem Republikaner-Konvent Anfang September zunächst einen Freibrief. Zu schön war das Image von der Elchburger verspeisenden Sarah. Allmählich kommen Stimmen, die Bedenken anmelden, ob die 44-Jährige wirklich geeignet sei als Vize des 72-Jährigen. Es gab Enthüllungen über Palins autokratischen Regierungsstil in Alaska, über die Beförderung nicht sonderlich qualifizierter Freunde und ihre angeblich paranoiden Maßnahmen gegen unliebsame Beamte. Die New York Times schrieb am Wochenende, dass McCains Entscheidung für Palin Fragen aufwerfe über dessen Urteilsvermögen "zu einer gefährlichen Zeit". Palins selbstsicher zur Schau getragene Verachtung für Erfahrung und Wissen zeuge von Geringschätzung der US-Wähler, meinte die Zeitung im Editorial. Viele Anhänger der Republikaner fühlen sich bestärkt von solcher Kritik: Die Eliten könnten es nicht ausstehen, dass jemand vom Dorf mit gesundem Menschenverstand und ohne guten Universitätsabschluss nach vorn kommt. Momentan erleben die USA, dass die Elite mit Universitätsabschluss die Wirtschaft ruiniert. Der Boden ist fruchtbar für Palins Reden.

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