So kam Bagdad nach New Orleans

USA George Bush und die "Naturkatastrophe". Bilder vom "anderen Amerika"

In den USA ist es eine fester Begriff, ein tiefer Einschnitt: "9/11" - die Welt veränderte sich auf einen Schlag. Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Bei "Katrina" war es fast ähnlich. Ob es Präsident Bush und den regierenden Republikanern aber gelingt, aus dem Hurrikan wie damals aus 9/11 politische Vorteile zu ziehen - das erscheint momentan unwahrscheinlich. Sichtbar wurden vielmehr mangelhaftes Krisenmanagement und verfehlte Umweltpolitik, sichtbar wurden sogar die wirklichen Kosten des Krieges im Irak.

Anfangs waren Besserwisser nicht sonderlich gefragt. Zu groß waren nach der "größten Naturkatastrophe in der US-Geschichte" die Not und Verzweiflung in New Orleans und den verwüsteten Küstengebieten von Louisiana und Alabama, ohnehin zwei der ärmsten Bundesstaaten. Zu dringend, fast flehend waren die Hilferufe von Hunderttausenden, die ihre Existenz in den übel riechenden Fluten verloren hatten, in denen sich salziges Wasser aus dem Golf von Mexico, Wasser vom Lake Pontchartrain und dem Mississippi, Schmutzwasser und die Giftbrühe aus den von der Chemie- und Ölindustrie verschmutzten Kanälen vermischten. Amerika packt an und hilft. Es liege in der "Natur" der Amerikaner, Schwierigkeiten zu überwinden, ermutigte CNN. Kinder brechen ihre Sparschweine auf. Tsunami-Spenden hoch zwei. Es schien pietätlos, nach "Mitschuldigen" und Verantwortlichen zu fragen, so lange nicht einmal die Toten gezählt waren.

Zunehmend aber werden nun Fragen gestellt. Musste es denn wirklich so schlimm kommen? Erste Kerben in das Idealbild von einem - wie bei 9/11 - vereinigten Amerika schlugen die am Ende ihrer Kräfte angelangten Frauen und Männer, die tagelang zu Tausenden im Konventionszentrum von New Orleans ohne Lebensmittel, mit wenig Wasser und ohne ärztliche Versorgung auf versprochene Hilfe warteten: Das Fernsehen verbreitete die Bilder zu einer Zeit, als zwar die Reporter das Zentrum erreicht hatten, das neben dem "Superdome" als offizieller Zufluchtsort benannt worden war, aber niemand vom Roten Kreuz, keine Nationalgarde und keine Hilfslieferung.

Und als Homeland-Minister Michael Chertoff im National Public Radio erklärte, er wisse nichts von Gestrandeten im "Convention Center". Als Michael Brown, Chef der zuständigen Federal Emergency Management Agency, die "Sicherheitssituation" in New Orleans als "ziemlich gut" lobte und Reporter angriff, sie würden ihre Sendezeit verschwenden mit Berichten über "Bösewichte". Als Präsident Bush meinte, Brown leiste eine "hervorragende Arbeit", niemand habe doch vorhergesehen, dass die Dämme in New Orleans brechen würden - da kommentierte selbst ein republikanischer Wahlberater gegenüber der Associated Press: Das erinnere an Saddam Husseins Informationsminister "Bagdad Bob" (Mohammed al-Sahaf), der beim Fall der irakischen Kapitale trotz widersprechender Tatsachen den US-Einmarsch bestritt.

Die Bilder in den Tagen nach dem Hurrikan führten den USA und der Welt das "andere Amerika" vor. Die Menschen im überfüllten, stinkenden "Superdome", die Zehntausende, die nicht den Evakuierungsaufruf vor dem Sturm gefolgt waren, und nun mit ihren Habseligkeiten in Plastikmüllsäcken auf Hilfe warteten, hatten mehrheitlich schwarze Hautfarbe. New Orleans war eben mehr als die "Big Easy"-Touristenstadt mir dem Trompeter auf der Bourbon Street. Fast ein Drittel der Einwohner dieser Stadt galten nach amtlichen Daten als arm, besaßen bereits vor "Katrina" nur das Nötigste - fast zwei Drittel der Bewohner waren Afro-Amerikaner. Schätzungsweise ein Fünftel - mehr als 100.000 Menschen - hatten nicht die Ressourcen, dem Evakuierungsaufruf zu folgen. So kam Bagdad nach New Orleans. Praktisch ohne Sicherheitskräfte auf der Straße, inmitten eines totalen gesellschaftlichen Zusammenbruchs, ohne Aussicht auf Besserung, plünderten viele Menschen in New Orleans genauso wie in Bagdad nach dem Sturz Saddams.

Auch wenn Homeland-Minister Chertoff und andere es bestreiten: In New Orleans standen zu wenig Sicherheitskräfte zur Verfügung, auch weil gut ein Drittel der Nationalgardisten aus Louisiana im Irak eingesetzt ist. Damit nicht genug: Wie die Tageszeitung New Orleans Times-Picayune schon lange vor "Katrina" dokumentierte, wurden unter George Bush Gelder für die Instandhaltung der Dämme und Deiche von New Orleans reduziert - Deiche, die nun gebrochen sind. Man kommt an der Einsicht nicht vorbei: Die Sintflut von New Orleans war keine "reine" Naturkatastrophe, sondern Resultat politischer Entscheidungen unter der Bush-Regierung und lange davor. Das in Millionenauflage erscheinende Magazin National Geographic warnte im Herbst 2004 prophetisch und bis ins Detail genau vor einer "Katrina"-artigen Katastrophe in New Orleans (http:// magma.nationalgeographic.com/ngm/0410/feature5/).

Begünstigt wurden die jetzigen Verheerungen durch jahrzehntelange ökologische Kurzsichtigkeit. Man hat den Mississippi "begradigt" und für die Schifffahrt ausgebaut, Sümpfe wurden trocken gelegt, und es wurde wenig getan gegen die fortschreitende Bodenerosion der Inseln im Mississippi-Delta. Das alles schien "logisch" und dem "Fortschritt" dienlich: Ist der mächtige Mississippi doch die Hauptschlagader der US-Ökonomie. Güter im Wert von rund 50 Milliarden Dollar, fast zwei Drittel der US-Getreideexporte und ein Viertel des Öls und Naturgases flossen jährlich durch den Hafen von New Orleans.

Wissenschaftler sind sich nicht ganz einig, wie viel die Klimaerwärmung mit "Katrinas" Vehemenz und mit der neuen Häufigkeit von Hurrikanen und tropischen Stürmen zu tun hat. Auf der Hand liegt aber, dass die Erwärmung der Ozeane einem Hurrikan inzwischen zusätzlich Energie und Verwüstungskraft gibt. Die Regierung Bush machte sich nie große Gedanken über den Treibhauseffekt. Es gebe nämlich gar keine Klimaerwärmung, zumindest sei sie nicht bewiesen. Bushs Energiepolitik schwimmt im Öl. Und obwohl verschiedene US-Bundesstaaten bei den Richtlinien für den Benzinverbrauch von PKW schärfere Vorschriften erlassen haben als die Regierung in Washington: Die Öffentlichkeit ließ sich weitgehend einlullen in dem Glauben, das irgendwie alles gut weiter geht. Mit Forderungen nach mehr Umweltschutz gewinnt man in den USA keine Wahlen.

Das Worldwatch Institute, ein Öko-Think Tank in Washington, veröffentlichte am 4. September einen Appell: Es sei Zeit zum gründlichen Umdenken. Bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen müsse der Erhalt "der Integrität der natürlichen Ökosysteme" im Vordergrund stehen. Intakte Wälder und Sümpfe seien wegen ihrer Schutzfunktion oft "mehr wert" als die Erträge, die durch Abholzen und Trockenlegen erzielt würden. Wetterbedingte Katastrophen hätten in den vergangenen zehn Jahren weltweit Schäden von 567 Milliarden Dollar angerichtet, mehr als im gesamten Zeitraum von 1950 bis 1989. Im Jahr 2004 habe der Schaden etwa 100 Milliarden Dollar betragen - 2005 dürfte die Summe noch höher liegen. Umweltschützer sagen Derartiges schon seit Jahren.

Die Auswirkungen von "Katrina" zeigen sich landesweit: Die Benzinpreise in den USA sind seit dem 1. September um mehr als ein Drittel gestiegen. Lebensmittelpreise werden nach oben gehen, weil die Transportkosten dazu zwingen. Engpässe bei Holz und Beton sind zu erwarten, weil die Überflutungsgebiete wieder aufgebaut werden. Auch die Tourismusindustrie dürfte einbrechen, weil man weniger reist - von den Heizkosten im kommenden Winter ganz zu schweigen. Und das Evangelium der Republikaner wird an Überzeugungskraft verlieren - fortgesetzte Steuerkürzungen für die Wohlhabenden und Kürzungen im Sozial- und Umweltbereich sind schwer vorstellbar angesichts der entstandenen Not von Millionen.

Am Tag nach "Katrina" spielte Bush Golf. Und dann habe er "eine der schlechtesten Reden" seiner Karriere gehalten, schrieb die New York Times nach einer ersten Ansprache des Präsidenten, die auflistete, wie viel Pfund Eis und wie viele Decken seine Regierung nach New Orleans geschickt habe. Selbst die konservative Washington Times vermisste "leadership" beim Krisenmanagement.

Bush und seine Minister haben mit ihrem Zweckoptimismus im Irak (der Widerstand dort liege "in den letzten Zügen" und so weiter) eine fiktive Realität geschaffen. In Louisiana und Mississippi aber kollidieren die Fernsehbilder und das von vielen Amerikanern konkret Erlebte mit der Rhetorik, wonach die Regierung dort genug getan habe. Die Bilder kratzen an der etablierten Meinung, dass "die Umwelt" kontrollierbar sei und Amerikaner ihren im Weltvergleich enorm verschwenderischen Lebensstil beibehalten könnten. Nach "Katrina" dürfte sich auch Bushs Irak-Politik nur schwer halten: Viele Amerikaner sehen nicht ein, dass der Irak mehr Geld und mehr Nationalgardisten verdient als die Überflutungsgebiete. Bereits jetzt wurde bekannt, das Pentagon werde deutlich weniger zusätzliche Streitkräfte zu den Wahlen Ende 2005 in Richtung Bagdad schicken als ursprünglich vorgesehen.


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