Sprint nach Pjöngjang

USA/NORDKOREA Clinton braucht Trost für Nahost und Vorsprung vor Europa

Der mit Wahlkampf und den Endspielen der Baseballmeisterschaft beschäftigte amerikanische Fernsehzuschauer bekommt vielleicht gar nicht so richtig mit, dass am anderen Ende der Welt Undenkbares in den Bereich des Möglichen rückt. Nach 47 Jahren eiskaltem Kalten und immer wieder drohendem heißen Krieg hat die Frau mit dem dunklen Hut in Pjöngjang den großen Führer mit dem schwarzen Wellenhaar besucht. US-Außenministerin Albright beim nordkoreanischen Staatschef Kim Jong Il: Das ist fast so gut wie Nixon bei Mao, 1972.

Vielleicht kann der nahostgeschädigte Clinton die mögliche Annäherung zwischen den USA und Nordkorea als seinen großen außenpolitischen Erfolg verbuchen. In dem 1953 nach zwei Millionen Kriegstoten zweigeteilten Land könnte plötzlich der Frieden ausbrechen. Mit Betonung liegt auf plötzlich. Noch im September hatte das US-Verteidigungsministerium gewarnt, dass »Nordkorea das wahrscheinlichste Land der Welt ist, das in einen groß angelegten Krieg gegen die Vereinigten Staaten geraten könnte«.

Wie viel Kredit Clinton verdient, ist allerdings fraglich. Der US-Sicherheitsapparat ist gespalten. Da ist einerseits die eher im Außenministerium angesiedelte Entspannungspolitik, und andererseits das Misstrauen der Militärs, die genauso wie viele Republikaner den Kollaps Nordkoreas riskieren würden und bis dahin gar nicht unzufrieden wären, weil doch das Feindbild stimmt. Normalisierung auf der koreanischen Halbinsel würde die Daseinsberechtigung von etwa 37.000 GIs in Südkorea in Frage stellen, die gesamte US-Militärstrategie in Asien durcheinander bringen, und den Herren der Rüstungsindustrie den Schlaf rauben: Galt doch das nordkoreanische Raketenprogramm als Hauptgrund zur Entwicklung des eigenen Raketenabwehrsystems (NMD).

Clintons Koreapolitik ist kein Muster ausgeklügelter Diplomatie. Vor nur sechs Jahren wurde es fast ernst auf der Halbinsel, als die nordkoreanische Regierung keine Inspektionen ihrer Nuklearanlagen zulassen wollte. Man habe »kurz vor einem Krieg gestanden«, schrieb der damalige Verteidigungsminister William Perry, einem Krieg möglicherweise mit nuklearen und chemischen Waffen. Danach kamen amerikanische Lebensmittelhilfe und Bemühungen, den Konflikt über Nordkoreas Raketen per Rüstungskontrolle in geordnete Bahnen zu lenken. Doch Clinton hat die 1998 verkündete Sunshine Policy des südkoreanischen Staatschefs Kim Dae Jung zum Dialog mit dem Norden aber nur halbherzig unterstützt. Das Treffen der beiden koreanischen Präsidenten im Juni, die Nord-Süd-Kabinettsgespräche in Seoul vom Juli, die wenn auch noch so begrenzte Familienzusammenführung im August, und das Treffen der koreanischen Verteidigungsminister im September wurden in den USA noch mit Skepsis kommentiert. Die raschen Fortschritte zur amerikanisch-nordkoreanischen Entspannung sind aber wohl vor allem auf Grund dieser Bemühungen zustande gekommen. Die US-Regierung wollte nicht länger Zuschauer sein. Das gilt auch mit Blick auf Europa. Deutschland, Großbritannien und die Niederlande wollen diplomatische Beziehungen mit Pjöngjang aufnehmen, wohl nicht nur als friedenspolitischen Motiven: Die EU will mitmischen, wenn die Karten neu verteilt werden. Und Nordkorea hat einen enormen Nachholbedarf an Verbrauchsgütern und Technologie.

Entschieden ist freilich noch lange nichts. Albright hat den Nordkoreanern klargemacht, dass Normalisierung vom Stopp ihres Raketenprogramms und einer Verpflichtung zur Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen abhängt. Konservativen Kritikern in den USA geht trotzdem alles viel zu schnell: Die Außenministerin habe ein »Terrorregime« legitimiert, ist die konservative Heritage Foundation in Washington erbost. Es gehöre sich nicht, dass ein Präsident ganz am Schluss eine so folgenschwere Initiative vom Stapel lasse. Es ist zu spät für den Friedensnobelpreis, aber Clinton dürfte es genießen, könnte er zumindest der Korea-Schiene über seine Amtszeit hinaus Profil verpassen.

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