Staat Macht Tod

USA Die Rache ist mein - spricht das Volk

Der Raubmörder Karl LaGrand ist in Arizona, »nur« vergiftet und nicht vergast worden. So unmenschlich gibt sich die Justiz im Fall der LaGrand-Brüder denn nun doch nicht. Vergasen ist ohnehin nicht gut, da kommt es leicht zu Pannen, und dem Henker und seinen Auftraggebern liegt viel am reibungslosen Verlauf der Exekutionen. LaGrand wurde hingerichtet, trotz der Interventionen von Kanzler Schröder und Botschafter Chrobog, der bei LaGrands Hearing vor dem »Gnadenausschuß« von Arizona europäisch-erleuchtete Einwände gegen die Todesstrafe vorbrachte. Das hat nicht viel Wert in den USA. Wer eine Hinrichtung stoppen will, muß mindestens Papst sein. Nicht einmal Mutter Teresas Bitten hatten jemals Wirkung, und auch Johannes Paul war erst erfolgreich, als er den Gouverneur von Missouri kürzlich persönlich bekniete.

Wenn es nach den führenden amerikanischen Politikern geht, müssen die Gesellschaft und Demokratie der Vereinigten Staaten gelegentlich mit Blut bespritzt werden. Die Rechtschaffenen grenzen sich ab von den schwarzen Schafen, rächen sich, nehmen sich das Recht, jemandem das Leben zu nehmen, verkünden gottgleich, daß Mörder keine Chance zur Rehabilitierung verdienen. Das setzt Signale: Bei den Hinrichtungen, wenn gedungene Killer in einem grauenhaften Ritual planmäßig töten, demonstriert der amerikanische Staat seine Macht. So, wie der deutsche das tut, wenn er einen dunkelhäutigen Asylsuchenden fesseln und in seine »Heimat« verschleppen läßt.

Die örtliche Presse in Arizona wundert sich über die hochrangigen deutschen Proteste und die einfliegenden Reporter aus Germany. Normalerweise vollstreckt man Todesurteile ohne viel Aufsehen. Die Arizona Republic berichtete ein paar Tage vor LaGrands Hinrichtung in der Sprache des Zweiten Weltkrieges und schrieb, daß die Deutschen einen »Blitzangriff« zur Rettung der beiden Brüder gestartet hätten. In den USA sind in den vergangenen Jahren vier Ausländer exekutiert worden, aber so öffentlichkeitswirksam wie die deutsche hat noch keine Regierung protestiert.

Menschenrechtler haben den deutschen Einsatz begrüßt. Jedes Körnchen Sand helfe, die Todesmaschine zu stoppen. Bei den Protesten haben Schröders Leute aber nicht viel politisches Kapital riskiert. Die deutsche Regierung wollte der amerikanischen allem Anschein nach nicht einmal symbolisch mit negativen Konsequenzen drohen. Vielleicht bereitet dem einen oder anderen rot-grünen Regierungsmenschen aber auch die Motivation für den Einsatz zugunsten der LaGrands Unbehagen. Über die Hinrichtung des Mörders Norman Green in Texas am selben Tag hat Schröder nichts gesagt. Protestiert wird bei den LaGrands nur, weil auch deutsches Blut in ihren Adern geflossen ist. Und das zu einer Zeit, in der die Regierung davon wegkommen will, Volksgemeinschaft als Blutsgemeinschaft zu definieren.

Im Jahr 1998 gab es in den USA 68 Hinrichtungen. Dieses Jahr wurde bereits ein dreifacher Mörder hingerichtet, der zur Tatzeit erst sechzehn war. 3.500 wegen Mordes verurteilte Straftäter sitzen derzeit in den Todeszellen. Und alle Umfragen sagen, daß die »überwältigende Mehrheit« der Amerikaner für die Todesstrafe sei. Das war nicht immer so. Die Amerikaner sind nicht so blutrünstig wie ihr Ruf. Fragen Demoskopen zum Beispiel, ob die Bürger auch dann noch für staatliche Hinrichtungen wären, wenn garantiert würde, daß lebenslänglich wirklich lebenslänglich bedeutet, schmilzt die Mehrheit für die Todesstrafe zusammen.

Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre war die Todesstrafe fast ganz zum Erliegen gekommen; 1972 wurde sie per Verfassungsgerichtsurteil abgeschafft, bis dann neue Gesetze die Todesstrafe ab 1976 in einem Bundesstaat nach dem anderen wieder ermöglichten. Hochgepeitscht wird die Law-and-order-Stimmung von den endlosen Fernsehprogrammen über Gewaltverbrechen und von skrupellosen Politikern, die mit der Todesstrafe ihr politisches Spiel betreiben. Ein Volk braucht Feinde, gerade wenn es keinen wirklichen äußeren Feind mehr gibt. In Amerika läßt man alle paar Wochen einen Todeskandidaten hinrichten. In Deutschland ist das anders. Aber jedes Volk hat halt seine Methode zu deklarieren, wer Feind sein soll.

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