Wenn Hyänen Blut riechen

Kommentar US-Präsident Barack Obama hat seinen Umweltberater Van Jones verloren. Eine gezielte Hetzkampagne im Umfeld der geplanten Gesundheitsreform hat in zum Aufgeben gezwungen

Der US-Präsident hat einen progressiven Umweltberater verloren. Im Zentrum der Kontroverse steht Van Jones, bisher im Weißen Haus zuständig für „grüne Jobs“. Jones hat das Handtuch geworfen. In der rechten Ecke laufe eine „bösartige Schmutzkampagne“ gegen seine Person. Angesichts des „historischen Ringens“ um die Gesundheitsreform und „saubere Energie“ trete er zurück, anstatt Gegnern fortgesetzt Chancen zu geben, „zu lügen und zu entstellen, um abzulenken und zu spalten“.

Obama hat sich bedankt für Jones’ Dienste. Aber behalten wollte er ihn nicht. Rechte Talkshow-Moderatoren hatten Jones’ „amerikafeindliche“ Vergangenheit „entdeckt“: Der habe 2004 mit Leuten wie ­Ralph Nader und Daniel Ellsberg die Untersuchung „unbeantworteter Fragen“ verlangt, die angeblich andeuteten, Angehörige der Bush-Regierung hätten die Terroranschläge vom 11. September 2001 bewusst passieren lassen, „vielleicht als Vorwand für einen Krieg“. Und vor ein paar Monaten habe Jones Republikaner als „Arschlöcher“ bezeichnet! Dafür hat sich der Gescholtene entschuldigt, aber das nützt nichts, denn die Hyänen riechen Blut. Der gelernte Rechtsanwalt musste wählen zwischen Rücktritt und Rücktritt auf Raten. Kurz nach Obamas Wahlsieg war Van Jones gefragt worden, ob er sich um einen Posten bei Obama bemühe. Seine Antwortet: Nein, er wolle „Mitglied der gesamten Obama-Nation sein, und die Macht der Graswurzeln geltend machen“. Denn die gesellschaftlichen ­Bewegungen hätten den Weg für Obama frei gemacht, nicht umgekehrt. Und an den Graswurzeln hatte sich Van Jones schon lange vor Obama einen Namen gemacht. Ein charismatischer, intelligenter Denker, für den „Grün-Sein“ mehr bedeutet als Solardächer. Er war einer der ersten, der ökologische Anliegen mit Forderungen nach sozialer ­Gerechtigkeit verband. Eine grüne Revolution habe ihr Ziel nicht erreicht, wenn man nur die schmutzigen Energiequellen mit sauberen ersetze. Das wirtschaftliche System müsse verändert werden. Van Jones Forderungen reichen weiter als Obamas: Von außen wird er nun möglicherweise mehr ­erreichen können, war es doch immer seine Überzeugung, nach dem Wahlsieg müssten unabhängige Organisationen Druck machen. Tatsächlich hat Obama einiges an Glaubwürdigkeit verloren bei seinen Wählern. Zögern beim Ermitteln gegen CIA-Folterer, Konzessionen bei der Gesundheitsreform. Obama braucht eine loyale linke Opposition. Leute wie Jones.

Er habe die 9/11-Thesen nie geglaubt, sagt Jones heute. Aber die Inhalte der rechten Attacken auf ihn sind ohnehin nebensächlich. Dass sich Konservative über „asshole“ aufregen, ist lachhaft. Man denke an den ­Republikaner Richard Nixon, dessen unflätige White-House-Tonbänder die Zeitungen nur geschwärzt und mit zahllosen Hinweisen „expletive deleted“ (Fluchwort gestrichen) drucken konnten. Im Herbst 2000 sprach George W. Bush unwissentlich in ein offenes Mikrophon über einen kritischen New York Times-Reporter: „Dort drüben steht Adam Clymer, das hochkarätige Arschloch von der New York Times.“ Bush wurde Präsident.


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