Wie eine Siegerin

Hillary Clinton 2008 Träume und Albträume

George Bushs Zustimmungsbarometer auf dem Tiefststand, im Irak ein "Albtraum ohne Ende", wie am Wochenende General Ricardo Sanchez sagte, dort Kommandierender der US-Armee von 2003 bis 2004. Eigentlich kann aus demokratischer Sicht bei den Wahlen im November 2008 nicht viel schief gehen: Aber das dachte man auch vor Al Gore 2000 und John Kerry 2004.

Folgten die demokratischen Kandidaten Barack Obama, John Edwards, Joe Biden, Dennis Kucinich, Mike Gravel und Christopher Dodd der Meinung der Experten, würden sie einpacken: Bahn frei für Hillary Clinton. Sogar Bush tut kund, Clinton werde die Vorwahlen gewinnen. Nach einem CNN-Bericht tritt der frisch gekürte Nobelpreisträger Al Gore nicht in den Ring - er sei überzeugt, Hillary sei nicht mehr zu stoppen.

Sie wolle die Nation vereinen, so wie Amerika vereint gewesen sei zur Zeit ihrer Kindheit. Damals saß der Republikaner Dwight D. Eisenhower im Weißen Haus. Und sie sei "konservativ im Denken und liberal im Herzen", sagt Clinton, die immer militant ins Zentrum steuerte, sich für "Heimatschutz" einsetzte und Soldatin im "Kampf gegen den Terrorismus" war. Mit gelegentlichen Verbeugungen zum Sozialkonservatismus, etwa als sie 2005 warnte, dass in dem Computerspiel Grand Theft Auto sekundenbruchteillange "pornografische Bildnisse" auftauchten - und dann gleich ein Gesetz gegen "unangebrachte Inhalte" bei Videospielen vorlegte.

Wenn liberale Demokraten träumen, träumen sie von Franklin D. Roosevelt (FDR), gewählt 1932, zu Zeiten einer wirtschaftlichen Depression und nach Jahren der Herrschaft einer republikanischen Oligarchie. Die Amerikaner hätten damals tiefgreifende Veränderungen verlangt, und Roosevelts New Deal habe den Grundstein der modernen sozialen Gesetzgebung gelegt. FDR lenkte die Demokratische Partei vom Abstellgleis in den Hauptbahnhof. Aber der Zug mit Hillary Clinton im Führerhaus dürfte traditionellen Demokraten - Gewerkschaftern, Afro-Amerikanern, Friedensaktivisten, den unteren Einkommensgruppen - wenig Freude machen.

Hillary, wie schon Bill, der First Gentleman in spe, ist auf der Suche nach einem "Dritten Weg", auch wenn dieser Begriff seit Tony Blairs Niedergang etwas von seiner Attraktivität verloren hat. Beim Blick auf ihr Wahlkampfteam kommt traditionellen Demokraten das Grausen. Nr. 1 der Strategen ist Mark Penn, Chef der Marketingfirma Penn, Schön and Berland und "weltweiter Präsident" (offizieller Titel) von Burson-Marsteller, der fünfgrößten PR-Agentur der Welt. Penns Strategie konzentriert sich auf das Ausfindig-Machen genau definierter Bevölkerungsgruppen, die sich noch nicht festgelegt haben und mit entsprechender Rhetorik beeinflusst werden können. Penn macht Wahlkampf, wie man Produkte verkauft. Er verkauft ohne große Skrupel. PSB und Burson-Marsteller haben für die Tabakindustrie gearbeitet, den Ölkonzern Texaco und den Chemieriesen Monsanto, um diesem zu helfen, der Welt genetisch modifiziertes Getreide schmackhaft zu machen. Laut AP hat die im Irak tätige Söldnerfirma Blackwater kürzlich Burson-Marsteller zur Image-Verbesserung angeheuert. Penn beschwichtigt, das sei nur ein "Zeitauftrag" gewesen.

Nach Ansicht der Friedensaktivistin Cindy Sheehan, der Mutter eines im Irak gefallenen Soldaten, ist Clinton "die schlechteste" der demokratischen Kandidaten. Sie hat 2002 für die Senatsresolution gestimmt, dass Saddam Hussein wegen seiner Massenvernichtungswaffen gestoppt werden müsse. Clinton verteidigt diese Stimme noch heute. Und im September 2007 votierte sie für eine Senatsresolution, um Irans Revolutionäre Garde als "terroristische Organisation" zu klassifizieren - eine Resolution, die helfen könnte, den Weg zu einem Krieg gegen Teheran zu ebnen. Und Clinton hat betont, man dürfe Atomwaffen gegen Terroristen nicht ausschließen.

Demokratische Wähler werden für sie stimmen, da sie angeblich die "größten Chancen" gegen einen republikanischen Kandidaten hat. Und man hofft: Präsidentin Clinton werde sich an die Wünsche ihrer Wähler halten. Auch Roosevelt wurde erst im Weißen Haus zu dem heute geschätzten Roosevelt. Und auf jeden Fall sei Clinton besser als Bush und Cheney. "Nicht Bush sein", das hat freilich bei Gore und Kerry nicht gereicht.

Hillary Clinton hat noch ein zusätzliches Problem, sie ist dem rechten Amerika ein rotes Tuch. Eine selbstsichere Frau im Weißen Haus, eine Frau als Oberkommandierende der Streitkräfte, das darf es nicht geben. Bushs Prognose, Hillary werde die Vorwahlen gewinnen, hört nicht bei den Vorwahlen auf: Bei den Hauptwahlen rechne er mit einem republikanischen Sieg. Zweckoptimismus, vielleicht. Vor allem der konservative Parteiflügel ist unglücklich mit dem zweimal geschiedenen Rudy Giuliani und dem Mormonen Mitt Romney. Aber vielleicht reicht es zum Sieg, dass sie nicht Hillary Clinton sind.


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