2012: Regen in Sanford

Zeitgeschichte Der schwarze Teenager Trayvon Martin wird von „Nachbarschaftswächter“ George Zimmerman erschossen. Sein Freispruch ist Auslöser der Black-Lives-Matter-Bewegung
Sanford (Florida), 22. März 2012
Sanford (Florida), 22. März 2012

Foto: Mario Tama/Getty Images

Er wäre am 5. Februar 27 Jahre alt geworden. Wer weiß, was der junge Mann gemacht hätte aus seinem Leben. Nach Angaben der Mutter Sybrina Fulton träumte Trayvon Martin von einer Karriere als Pilot. Vor zehn Jahren, am 26. Februar 2012, wurde er drei Wochen nach seinem 17. Geburtstag in Sanford (Florida) umgebracht. Der Todesschütze war ein Nachbarschaftswächter, der angeblich in dem schwarzen Teenager mit grauem Kapuzenpulli, einem Hoodie, eine Bedrohung sah. „Ein sehr verdächtiger Typ“, warnte der freiwillige, unbezahlte „Neighborhood-Watch“-Wachdienstmann George Zimmerman, als er bei der Polizei anrief.

Zimmermans Freispruch am 13. Juli 2013 war ein Auslöser für das, was man heute Black-Lives-Matter-Bewegung nennt. Das Urteil der sechs Geschworenen hatte seinerzeit viele schockiert, war jedoch angesichts des in Florida wie in anderen Bundesstaaten geltenden Schusswaffenrechts keine riesige Überraschung. Die Gesetze begünstigen Waffenbesitzer. Todesschützen reicht häufig eine Notwehrbehauptung, um sich zu rechtfertigen. Darauf griff Zimmermans Verteidigung zurück, obwohl der angeblich um sein Leben fürchtende Angeklagte bewaffnet war und Martin nicht.

Der Verlauf des regnerischen Sonntagabends vor zehn Jahren in dem 53.000 Einwohner zählenden Sanford, 60 Kilometer von Disney World, ist oft erzählt worden. In Kurzform: Trayvon Martin wohnte zeitweilig im Reihenhaus der Freundin seines getrennt lebenden Vaters Tracy Martin. Das war nicht allzu weit weg von der Wohnung des in der Versicherungsbranche arbeitenden Teilzeitstudenten George Zimmerman. Trayvon hatte Appetit auf Süßigkeiten. Er ging kurz nach neunzehn Uhr zu Fuß in einen Laden um die Ecke, offenbar in einem Dauergespräch am Handy, kaufte eine Dose süßen Eistee und Bonbons der Marke Skittles. Es war eine geschlossene Wohnanlage mit Eisenzaun und dem Wohlstand vortäuschenden Namen „The Retreat at Twin Lakes“. Die Realität der wenige Jahre zuvor errichteten 263 Reihenhäuser mit Garagen und Rasenflächen war eine andere. Wegen der Immobilienkrise hatten manche Hausbesitzer den Traum vom Eigenheim aufgeben müssen. 40 Häuser standen leer nach Angaben der Zeitung Tampa Bay Times. Am Eingang der Anlage stand ein blau-weißes Schild: Neighborhood Watch: Wir melden alle verdächtigen Personen und Aktivitäten der Sanford-Polizei.

Geroge Zimmerman verfolgte Trayvon Martin

George Zimmerman – seine Mutter kommt aus Peru, der Vater ist Deutsch-Amerikaner – war angeblich in seinem Auto auf dem Weg zum Einkaufen. Er hat nie präzise formuliert, was ihm verdächtig vorkam an Trayvon Martin. Dass jemand in der Dunkelheit zu Fuß unterwegs war im Regen, dass dieser jemand ein schwarzer Teenager war? Ein Drittel der Bewohner von Sanford besteht aus Afroamerikanern. Beim Polizeinotruf sagte Zimmerman, es habe in der Gegend mehrere Einbrüche gegeben. Dieser Mann „hat wohl nichts Gutes vor ... er ist auf Drogen oder sonst was. Es regnet, und er geht einfach herum und sieht sich um“. Der Notrufbeamte versicherte, eine Streife sei unterwegs. Zimmerman müsse den Verdächtigen nicht verfolgen. Doch der ließ sich nicht abhalten: „Fucking punks. These assholes, they always get away“ (Verdammte Punks. Diese Arschlöcher, die kommen immer davon).

Darum ging es beim Prozess. Zimmerman stieg aus seinem Wagen und lief Martin hinterher. Was er genau vorhatte, ist nicht bekannt. Trayvons Freundin Rachel Jeantel, mit der er unterwegs telefoniert hatte, sagte aus, dass sie hören konnte, wie Trayvon gefragt habe: Warum verfolgst du mich? Dann habe sie Geräusche gehört, die auf einen Kampf hinzudeuten schienen. Zimmerman sollte beim Polizeiverhör in der Todesnacht behaupten, Trayvon habe auf ihn eingeschlagen. „Helft mir, er bringt mich um“, will Zimmerman gerufen haben. „Ich habe meine Waffe gezogen und ihn erschossen.“ Augenzeugen gab es keine, und die Polizei war zufrieden mit dem Stand der Dinge.

Trayvons Eltern suchten Hilfe bei dem als Bürgerrechtsanwalt bekannten Benjamin Crump. Mit diesem brachten sie den Fall vor die Medien. Am 22. März 2012 ordnete der Gouverneur von Florida eine Untersuchung an. Präsident Barack Obama sagte einen Tag später: „Wenn ich einen Sohn hätte, würde der wie Trayvon Martin aussehen.“ Überall in den USA demonstrierten Menschen und verlangten „Gerechtigkeit für Trayvon“. Am 11. April wurde Anklage erhoben gegen Zimmerman: Mord zweiten Grades.

Zimmerman sagte nicht aus vor Gericht. Es ging um Kopfverletzungen, die er davongetragen habe, und um Hilferufe, die aufgezeichnet worden waren, als eine Anwohnerin bei der Polizei anrief. Hört man da im Hintergrund Martin oder Zimmerman? Experten waren sich nicht einig. Trayvons Mutter erklärte, sie erkenne die Stimme ihres Sohnes. George Zimmermans Mutter Gladys sagte, sie höre die Stimme ihres Sohnes. Die Geschworenen, fünf weiße Frauen und eine schwarze Frau, urteilten nach 16 Stunden, Zimmerman sei nicht schuldig.

Die Schusswaffe wird versteigert

Eine der Geschworenen sagte hinterher dem Fernsehsender ABC: „George Zimmerman ist mit Mord davongekommen, doch er wird nicht vor Gott davonkommen.“ Mit dem Herzen glaube sie an Zimmermans Schuld, doch unter den Auflagen des Gesetzes habe sie diesen nicht schuldig sprechen können, so die anonym bleibende Frau. Man werde lange sprechen über die rechtlichen Details, sagte Präsident Obama nach dem Urteil. Doch man müsse den historischen Kontext sehen. „Es gibt sehr wenige afrikanisch-amerikanische Männer in diesem Land, die nicht die Erfahrung haben, dass jemand sie verfolgt hat. Das schließt mich ein.“ Zimmerman versuchte es nach seinem Freispruch vorübergehend mit Malen. Ein Gemälde von einer US-Fahne soll 2013 bei Ebay mehr als 100.000 Dollar gebracht haben. 2015 veräußerte er laut der Zeitung Miami New Times ein Gemälde der Konföderierten-Flagge. Im amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 war sie das Symbol der Forderung nach Erhalt der Sklaverei. Der Erlös der Verkaufs sollte zum Teil einem Schusswaffenladen in Inverness im Staat Florida zugute kommen, der mit der Bekanntmachung hausieren ging, er bediene keine muslimischen Kunden.

2016 versteigerte Zimmerman die Pistole, mit der er Martin erschossen hatte. Im Fernsehsender KTNV-TV (Las Vegas) erklärte er, einen Teil des Erlöses im Dienst verwundeten Polizisten oder den Angehörigen von getöteten Beamten zu spenden. Die Szene der Schusswaffenbesitzer hielt Distanz zu Zimmerman. Heute sieht es etwas anders aus. Im November 2021 wurde in Wisconsin der 18-jährige Kyle Rittenhouse freigesprochen. Er war im August 2020 mit einem Sturmgewehr nach Kenosha in Wisconsin gefahren. Angeblich wollte er in der Kleinstadt Geschäfte und Menschen schützen, die von Black-Lives-Matter-Kundgebungen bedroht seien. Kyle erschoss zwei unbewaffnete Kundgebungsteilnehmer. Sie hätten ihn bedroht. Er habe um sein Leben gefürchtet. Rittenhouse wurde freigesprochen. Donald Trump empfing den „netten jungen Mann“ auf seinem Anwesen Mar-a-Lago. Nach dem Tod von Trayvon Martin hatte Trump erklärt, die „Situation“ sei furchtbar. Bei Fox News kritisierte er, dass Zimmerman entgegen der Mahnung der Polizei Trayvon Martin hinterher gegangen sei. Zimmerman sei nicht ohne Verantwortung und „kein Engel“, das Urteil aber gerechtfertigt.

Am 12. Oktober 2020 hielt Trump in Sanford sein erstes Wahlmeeting als Covid-Genesener ab und sagte, er werde einen größeren Sieg einfahren als 2016. Trump hat Trayvon Martin nicht erwähnt. Alicia Garza, die in Kalifornien tätige Aktivistin gegen Polizeigewalt und für Wohnraum, schrieb nach Zimmermans Freispruch einen „Liebesbrief an schwarze Menschen“. Darin hieß es: „Schwarze Menschen. Ich liebe euch. Ich liebe uns. Unsere Leben zählen.“ So begann Black Lives Matter, eine der größten Bewegungen der US-Geschichte mit dem einfachen Grundsatz: Schwarze Leben zählen. Nach zehn Jahren muss das anscheinend immer wieder von Neuem gesagt werden.

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