Nieder mit der Mehrheit!

Wege zur Wahrheitsfindung Eine Betrachtung über Mitläufer, Trotzköpfe und Selberdenker. Und das schwierige Verhältnis der Wahrheit zur Mehrheit.
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Im Jahre 1975, so erzählt es Paul Feyerabend in „Erkenntnis für freie Menschen“ („Science in a free society“), unterschrieben 186 Wissenschaftler eine Resolution, in der sie die Astrologie für unwissenschaftlichen Unfug erklärten. Sie brachten einige Argumente vor – die Feyerabend allesamt widerlegt – , vor allem aber, so scheint es, brachten sie ihre Zahl vor. Denn wenn die Argumente überzeugend gewesen wären und die Sache abschließend geklärt hätten – dann hätte es darunter keiner einzigen Unterschrift bedurft. Anscheinend trauten die Unterzeichner der Überzeugungskraft ihrer eigenen Gründe nicht.

Aber wenn nun die große Mehrheit aller Astronomen, Astrophysiker, Philosophen und sonstigen wissenschaftlichen Sterngucker die Astrologie verdammen – ist die Sache damit gegessen?

Schauplatzwechsel. Die Freiwirtschaftstheorie ist eine sparsame, explizite und operationalisierbare Theorie, die vergangene und gegenwärtige Krisen erheblich besser vorhergesagt hat als jede andere mir bekannte volkswirtschaftliche Theorie. Trotzdem wird sie von der Mehrheit der Volkswirtschaftler und Wirtschaftsjournalisten bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls verspottet.

Das ändert aber nichts daran, dass sie richtig ist – jedenfalls richtiger als die gescheiterten Theorien der Volkswirtschaftler.

Ein weiteres Beispiel: Die überwiegende Mehrheit der deutschen Journalisten bläut uns seit zwei Jahren ein, dass in der Ukrainekrise ein teuflischer und unberechenbar aggressiver Wladimir Putin den demokratischen Willen des freiheitliebenden ukrainischen Volkes missachtet und aus alleiniger Schuld die friedliche Welt in einen neuen Kalten Krieg gestürzt habe.

Das ist nicht nur nicht richtig – es ist sogar gelogen. Und es ist – für später – interessant zu bemerken, dass diejenigen, die uns diese Propaganda einpeitschen, häufig personell oder wenigstens redaktionell identisch sind mit denjenigen, die uns die unfehlbare Wahrheit des Neoliberalismus vorbeten.

„Die Meinung der Meisten ist selten die Meinung der Besten“, sagte August Everding einmal. Damit hat er recht (und ich hoffe inständig, dass wir mit dieser Meinung in der Minderheit bleiben), aber so einfach ist die Sache auch nicht.

Manchmal hat die Mehrheit recht. Astrologie ist – zumindest aus rationalistischer Sicht – wahrscheinlich Unfug, ebenso wie Homöopathie oder Effektive Mikroorganismen. Soweit ich die Faktenlage überblicke, gibt es tatsächlich einen Klimawandel, und vermutlich ist der Mensch daran (mit-)schuldig. Dass die überwältigende Mehrheit der Klimaforscher das behauptet, macht es nicht falsch.

Manchmal aber hat die Mehrheit Unrecht. Freiwirtschaft ist die beste Wirtschaftstheorie, und der Materialismus ist falsch. Dadurch, dass die große Mehrheit der einschlägigen Wissenschaftler etwas anderes glaubt, wird das Gegenteil nicht richtig.

Denn wenn es um wahr und falsch geht, ist Mehrheit schlicht: irrelevant. Es ist unwissenschaftlich, irrational und ein geistiges Armutszeugnis, auf die Überzeugungskraft der großen Zahl und anerkannter Autoritäten zu setzen. Was zählt, sind Argumente und Fakten. Und wenn ein Schulkind einen Nobelpreisträger widerlegt, dann ist das eben so, und der Kaiser ist nackt. Auch da hat die Mehrheit ja etwas Anderes behauptet.

Mehrheiten geben uns überhaupt keine Leitlinie dazu, was wir glauben können. Wer zu irgendeiner Frage die Wahrheit wissen möchte – oder das, was ihr am nächsten kommt -, der hat keine andere Wahl, als selbst zu recherchieren und selbst zu denken. Und das: zu jeder Frage neu. Dass in einer Angelegenheit die Minderheit richtig gelegen hat, ist keine Garantie dafür, dass es sich in der nächsten Sache erneut so verhalten wird. Ja, sogar dieselben Menschen, die in einem Punkt recht haben – als Mehrheit oder als Minderheit –, können sich im nächsten Punkt irren.

Natürlich ist es nahezu nicht menschenmöglich, zu jeder Frage eine unabhängige und gut begründete Meinung zu bilden. Dann schadet es nichts, sich an die Fehlermeldung zu halten, mit welcher der Acrobat Reader bisweilen seine Kapitulation erklärt: „Zu wenig Daten für ein Bild.“

Man muss nicht zu allem eine Meinung haben.

Die Mehrheit sieht das – selbstverständlich – anders. Mehrheit bedeutet Macht, bedeutet gegenseitige Unterstützung. Also ergeben sich viele Leute gerne der Verlockung, sich in allen Dingen die Meinung der Mehrheit zu eigen zu machen und dies dann für eine eigene Meinung zu halten. Und von Gleichgesinnten getragen, werden sie leicht nach oben geschwemmt. So erklärt es sich, dass, wie oben gesagt, Politiker und Journalisten allzu oft zugleich glühende Neoliberale und geifernde Russophobe sind.

Einige Leute gehen den entgegengesetzten Weg, um die Wahrheitsfindung im Einzelfall zu vermeiden: Sie schließen sich immer der Minderheit an. Dies sind, verglichen mit der soeben beschriebenen Mehrheit, die erheblich interessanteren Menschen; sie sind oft unangepasst, kreativ und eigensinnig und bisweilen sehr charmant. Nur: Sonderlich gründlich denken tun sie halt nicht. Sie sind offen für alles, auch den größten Unfug. Sie begeistern sich für Regiogelder und ökologisches Bauen, aber auch Effektive Mikroorganismen, Rohkost, Orgon-Akkus und den Kampf gegen Chemtrails. Ein etwas anstrengender Sonderfall unter ihnen sind die großgewordenen Trotzköpfe (meistens Jungs), die konstitutionell gegen alles sind. Sie gerieren sich gerne als linke Anarchisten, solange das System rechts ist. Aber dann entwickeln sie auch wieder Sympathien für PEGIDA, denn die sind ja auch dagegen.

Kurz und gut: Mit der Suche nach der Wahrheit ist es wie mit jeder guten Queste: Man begibt sich darauf – allein.

12:59 03.12.2015
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Geschrieben von

Konrad Lehmann

Der Schwarze Kater liegt auf einem warmen Stein. Mit grünen Augen hat er die Welt betrachtet. Er hat gejagt, er ist satt. Der Schwarze Kater träumt.
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