Bonnie & Clyde in Anhalt-Bitterfeld - Der rechte Film zur rechten Zeit

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Kein Wunder, dass der von der Mitteldeutschen Medienförderung und dem Medienboard Berlin Brandenburg unterstützte Film "Die Kriegerin" fast einstimmig lobend besprochen und mit Auszeichnungen, Nominierungen sowie dem durch die Deutsche Film- und Medienbewertung verliehenen Prädikat "besonders wertvoll" bedacht wird. Kein Wunder, dass gerade allerorts gesammelte Schulklassen in die Kinovorstellungen getrieben werden. Den Film als pädagogisch wertvoll zu verkaufen ist nicht nur eine sehr effektive Marketingstrategie - das Regiedebüt des Konrad Wolf Absolventen David Wnendt tut Deutschland überhaupt nicht weh, ganz im Gegenteil, es kommt gerade zur richtigen Zeit – und schüttet gleich noch Wasser auf die Mühlen der rechten Szene.

Der Film beleuchtet, anders als der Jungregisseur auf der Homepage behauptet, keineswegs scharfsinnig "die für den Rechtsextremismus ursächlichen Faktoren", geschweige denn macht er offensichtlich, auf welche Art und Weise "rechte Tendenzen ein Problem sind, das weit in alle Gesellschafts- und Altersschichten vorgedrungen ist". Das Bild einer Gesellschaft nämlich, aus der heraus die brutale Ideologie entsteht, die die gezeigte Nazi-Clique vertritt, wird so gut wie gar nicht gezeichnet.

Das Geschehen spielt sich vielmehr in einer hermetisch erscheinenden und schwer zu verortenden Provinzwelt ab, die nur aus besagter Clique, einer handvoll Familienangehöriger und zwei Flüchtlingen aus Afghanistan (im vom Filmverleih bereitgestellten Lehrmaterial für den Schulunterricht "Asylanten" genannt) zu bestehen scheint. Wir lernen weder andere Ortsbewohner kennen, noch erleben wir institutionelle Umfelder der ProtagonistInnen wie Schule, Arbeitsplatz oder Sportverein. Die spärlichen Ausnahmen bilden eine unbeholfene Angestellte im Flüchtlingsheim, der stets leere Supermarkt, in dem die Hauptdarstellerin arbeitet und ein Asia-Imbiss als Treffpunkt nicht-biodeutscher Jugendlicher, die nur deshalb im Film vorkommen, damit bei diesen Jungs - wie sollte es anders sein - ein Mitglied der Nazigang Zuflucht findet, das wegen Drogenkonsums verstoßen wird. Zeigt man keine Institutionen, kommt man auch um die Beschäftigung mit institutionellem Rassismus herum. In diesem Film tut Deutschland nicht weh, was wehtut sind lediglich die küchenpsychologisch arrangierten kleinfamiliären Umstände unter denen die Jugendlichen zu leiden haben. Zum Nazi wird man, so macht "Die Kriegerin" glauben, in einem Vakuum mehr oder weniger unbequemer Familienverhältnisse.

Bemerkenswerte Einblicke oder denkwürdige Perspektiven auf sein Thema liefert "Die Kriegerin" also keine, auch wenn der Regisseur ausdrücklich den Anspruch erhebt, aufzuklären und Kritiken lobend hervorheben, der Film wisse, wovon er spreche, ihn als "erschreckend aktuell" preisen und einen spannenden Blick auf den jungen Rechtsradikalismus versprechen. Der tatsächlich stattfindende Mangel an Wirklichkeitsnähe ist aber nicht der entscheidende Vorwurf, der der "Kriegerin" gemacht werden muss - die Qualität eines Film kann schließlich nicht daran bemessen werden, ob er die Realität abbildet. Auch die Konstruiertheit der Story, die plumpe Psychologie und die Abwesenheit von Gesellschaft sind nicht das zentrale Übel. Das eigentlich Verheerende an Wnendts Werk wird deutlich, ohne dass man solche Einzelheiten überhaupt kennen muss und springt schon beim bloßen Anblick von Titel und Plakat ins Auge. Es ist strahlend und sexy. "Die Kriegerin" installiert einen Mythos samt glamouröser Heldin wie es klassischer nicht gehen kann: Wir sehen keine von Fast-Food deformierte Nazi-Bratze, sondern ein überaus appetitliches Mädchen, das auch Modell bei Victorias Secret sein könnte und dem Bomberjacke und Hakenkreuztattoos noch die letzte Würze verleihen. Im Film und in Action dann fickt die wilde Heldin ihr starkes Boyfriend-Tier nach aphrodisierendem Kanaken-Klatschen in der S-Bahn, blickt ihm tief in die Augen, während Bullen die Liebenden auseinanderreißen und leckt ihn, nachdem sie ihn im eigenen Golf aus dem Knast abholt - Bonnie und Clyde in Anhalt-Bitterfeld.

Der Film, dessen Stärke ja gerade nicht die treffende Zeichnung von Gesellschaftsbildern ist, setzt umso mehr auf die Inszenierung von Emotionen. Das hat Wnendt tatsächlich drauf: er weiß hochprofessionell auf der dramaturgischen Klaviatur der Gefühle zu spielen – und auch die DarstellerInnen machen ihre Sache ausgezeichnet. So gut gecastet zu großem Kino zu werden und auf der Leinwand richtig einnehmend zu wirken, hätten die echten Nazis selbst nicht besser hinbekommen können. Sauber inszeniert und massentauglich schüttet "Die Kriegerin" Wasser auf genau die Mühlen, die auch die rechte Szene seit einiger Zeit betreibt: Sie präsentiert sich in neuem Design. Schluss mit der angestaubten Wehrsportästhetik - Nazis wollen jetzt sexy werden, chic, hochglanz, mainstreamfähig.

Mit ihrer rasant in Szene gesetzten Sex and Crime Ästhetik könnte "Die Kriegerin" einen ähnlichen Effekt erzielen wie in den 80er Jahren "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Unter dem Label der Drogenpräventionspädagogik vermarktet schlug die Wirkung der Geschichte von der puppenhaften 15jährigen Heroinabhängigen ins Gegenteil um und hat sich bis heute als DER Pop-Mythos des romantischen Klischees vom Junkie-Dasein gehalten. Wer war nicht beim Lesen des Buches oder beim Sehen des Films angefixt von der Aura der durch das geheimnisvolle Band der Droge verknüpften Schar ätherischer Kindergesichter mit tiefen Augenringen und ihrer von David Bowie Musik bedüdelten Oase abseits der bestenfalls langweiligen schlimmstenfalls tristen und gewalttätigen bundesdeutschen Familienmiseren?

Auch die durchaus packende Emotionsdramaturgie in Wnendts Film ist unglücklicherweise oft derart gestrickt, dass Szenen, in denen wir Aktivitäten der Nazi-Clique erleben, regelrecht aufatmen lassen, sind sie doch meist als Erleicherungsmomente nach bedrückendem Familienkrampf inszeniert. Und das unbarmherzige Milieu, vor dem angeblich gewarnt werden soll, erscheint dann als ausgelassene Exit-Option aus der elterlichen Bedrängnis. So ertappt man sich während des Films bei Gefühlen wie: "endlich haben wir die fiese traumatisierte Mutter hinter uns gelassen und die geile Naziparty geht los", oder "recht so, dass die kleine Svenja ihrem perfiden Stiefvater mit roter Farbe 'nationaler Widerstand' auf die spießige Tapete schmiert!".

Der Auslöser, der später den Umschwung der Hauptfigur und ihren Ausstieg aus der Szene herbeiführt, ist auch wieder über eine vordergründige in der Familienparzelle verankerte Kausalität gebaut: Nachdem Marisa, die im anfänglichen Kindheitsrückblick von ihrem geliebten Opa "meine Kriegerin" genannt wurde, vom Gewissen geplagt ist, weil sie die beiden Flüchtlinge mit ihrem Kleinwagen in den Strassengraben gefahren hat, verkündet eben jener im Sterben liegende Großvater, dass man für alles bezahlen muss, was man "ausgefressen" hat. Diese großväterlichen Worte wiederum pflanzen den inszenatorischen Samen für die Verwandlung der bestialischen Schlägerin in eine mitfühlende junge Frau, die sich an Ende heldenmutig ihrer hochgefährlichen Nazi-Meute entgegenstellt, um dem Jungen aus Afghanistan den Weg zu seiner Familie in Schweden zu bahnen. Die Hauptfigur wird somit der Verleihung des vom antisemitischen Opa verliehenen Prädikats "Kriegerin" aufs Löblichste gerecht und wir können mit dem Bild der edlen den Heldinnentod sterbenden Blondine nach Hause gehen, deren Blut im Schlussbild ästhetisch ansprechend in den Boden des heimischen Ostseestrandes sickert.

Wie im Film Deutschland den Protagonisten nicht wehtut, tut auch der Film Deutschland nicht weh. Ganz im Gegenteil. Er kommt gerade recht im Zuge des Dilemmas, dass durch den NSU-Skandal enormer öffentlicher Handlungsdruck entstanden ist, während doch seit Jahren stetig die staatlichen Mittel für antirassistische Projekte gekürzt werden. "Die Kriegerin" ist ein idealer Platzhalter, um pädagogische Aufträge scheinbar zu erfüllen, ohne dass eine echte Auseinandersetzung stattfinden muss. Der Regisseur, der ja nach eigenen Angaben aufklären will, glaubt, über sein Thema Bescheid zu wissen, und fügt am Ende alles sauber zusammen. Alles erklärt sich, nichts, was schwer begreifbar ist muss ausgehalten werden, es bleiben keine Fragen offen. Das lukrative Thema ist medienwirksam abgehandelt.

15:25 09.04.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Katharina Kummer

Schreiber 0 Leser 0
Katharina Kummer

Kommentare