Abrechnung mit der Gesamtscheiße

Rap Zugezogen Maskulin gelingt eine bitterböse Bestandsaufnahme deutscher Zustände der vergangenen zehn Jahre

Als im Jahr 2010 ein Berliner Ex-Finanzsenator aus den Reihen der SPD seinen Abgesang auf Deutschland in Buchform auf den Bestsellerlisten platzieren konnte, gründeten zwei Rapper aus der Provinz eine Gruppe. Zugezogen Maskulin nannte sich die Combo, die im Namen den schon damals peinlichen Kult im deutschen(!) Gangster(!)-Rap um Authentizität und Straßenvergangenheit auf die Schippe nehmen wollte. Nein, „Straße“ waren die beiden Rapper Grim104 und Testo im großstädtischen Sinne nicht. Ihre Gewalterfahrung hatten sie aber dennoch gemacht, wie Hendrik Bolz aka Testo vergangenes Jahr im Freitag (41/2019) anschaulich beschrieb – nicht trotz, sondern wegen der Provinz und ihrer Nazis.

Das ist zehn Jahre her. „ZM“ waren damals ein Spaßprojekt, das als Persiflage auf die Subkultur Rap funktionierte. Was aber tun, wenn einst randständige Zustände, über die man sich lustig machte, langsam, aber sicher zur Normalität werden? 10 Jahre Abfuck heißt folgerichtig das neue Album der Rapgruppe. Der Humor von damals ist über die Jahre immer schmerzverzerrter geworden. Testo subsumiert rückblickend auf 2010 und Sarrazin: „Die Maske war gefallen, es folgten zehn Jahre Verblödung, eine endlose Spirale aus Skandalen und Empörung. Heute sitzen Fackeln und Mistgabeln schön locker und Juden wieder auf gepackten Koffern.“

Atemloser denn je säbeln die beiden Rapper in diesem Stil über das unerträgliche Alltägliche und haben hörbar immer weniger Spaß dabei, weil alles längst zu ernst ist. Kaum jemand, der hier nicht sein Fett wegkriegt. Geldgeile Rapper (Der Erfolg, Fans), scheinheilig-feministische Männer (Echte Männer) sowie Nazis und solche, die es werden wollen (Tanz auf dem Vulkan). Fast jede Zeile ist lustig, schnürt aber auch den Hals zu. Mit Sommer vorbei gelingt dem Duo in dieser Fasson sogar ein veritabler Sommerhit über die Gleichgültigkeit gegenüber dem Klimawandel. Das ist klug und witzig und braucht diese offensichtliche Einordnung, weil diese Kombination im deutschen Rap durchaus Seltenheitswert hat.

Wohltemperierter Wahnsinn

Raptechnisch klingen die beiden besser als jemals zuvor. Testo arbeitet zuweilen mit dem Takt, als sei ihm ein dritter Lungenflügel gewachsen, Grim104s wohltemperierter Wahnsinn wird durch die krachige Produktion sauber ergänzt. Nicht immer ist es leicht, bei den zahlreichen popkulturellen Referenzen mitzuhalten (bemerkenswert ist etwa das indirekte Billie-Eilish-Zitat in Echte Männer), hörbar bleibt es aber auch für alle, die keine Rap-Erklärbären lesen.

ZMs große Stärke ist, die Stilmittel des Rap zu nutzen, um viele kleine Beobachtungen, Anekdoten, Späße in atemberaubendem Tempo zu einem großen Zusammenhang zu verkleben. Auszudrücken, dass der wahnhafte Glaube an den Aufstieg für jedermann – der im zeitgenössischen Rap ebenso virulent ist wie in der Influencer- und Start-up-Kultur – und die Unterdrückung der „Anderen“ zwei Seiten derselben Medaille sein können, gelang ihnen schon auf dem Vorgänger Alle gegen Alle (2017). Sexismus, Antisemitismus, Gewaltverherrlichung, kapitalistische Ideologie – all das ist mittlerweile Teil der Mainstreamkultur Rap, die sich oft nur noch subkulturell gibt.

Wenn die Kritik an den Zuständen aber eben zu jenem Erfolg führt, der die Grundlage der Kritik war, wird es eng. In Exit lassen ZM die vergangenen Jahre vorbeirauschen und liebäugeln mit dem Abgang, bevor sie zu ihrer eigenen Karikatur werden.

Es bleibt zu wünschen, dass das bis auf Weiteres nicht passiert. Denn mit ihrem angenehm unbarmherzigen Stil bilden Zugezogen Maskulin auch 2020 ein Gegengewicht zur den egomanen Auswüchsen ihres Genres und weiten Teilen der gesamten deutschen Popkultur. Das gefiel schon immer dem Feuilleton, dem nicht ganz klar zu sein schien, dass es zwischen so mancher Zeile durchaus eine Schelle mitbekam. Es gefiel und gefällt aber auch einem Kreis von Rap-Hörern, die mit Goldketten und Uhren, Judenhass und Verschwörungsmythen, Mackertum und Partyexzessen, Hyperindividualismus und nationalen Überlegenheitskomplexen nichts anfangen können. Für diese sind und bleiben Zugezogen Maskulin eine Oase in einer immer größer werdenden Wüste.

Info

10 Jahre Abfuck Zugezogen Maskulin Four Music 2020

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06:00 07.08.2020

Ausgabe 39/2020

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