An der Line kleben Blut und Regenwald

Drogen I Ana Lilia Pérez beschreibt mutig den Weg, den das Kokain vom Anbau bis zum Konsum nimmt
Konstantin Nowotny | Ausgabe 15/2016
An der Line kleben Blut und Regenwald
Seltener Fang der US-Küstenwache
Foto: U.S. Coast Guard/Getty Images

Ihr Beruf sei „nicht ganz risikolos“, schreibt Ana Lilia Pérez – und untertreibt damit maßlos. Schon einmal begab sich die investigative Journalistin aus Mexiko in Lebensgefahr. 2012 untersuchte sie die Strukturen des mexikanischen Drogenkartells innerhalb der Erdölindustrie, ihr Buch hieß Blaue Hemden, Schwarze Hände. Nach der Veröffentlichung floh sie aus Mexiko nach Deutschland und lebte hier mit einem Stipendium von Writers-in-Exile. Das Programm verschafft verfolgten Journalistinnen und Journalisten Wohnungen, Unterhalt und Gehör. Trotz willkürlicher Haftbefehle, Gerichtsverhandlungen und Morddrohungen kehrte die Autorin 2014 in ihre Heimat zurück – und schrieb mit Kokainmeere abermals eine Geschichte über den Drogenhandel, der von ihrer Heimat aus über den Atlantik nach Deutschland schwappt.

„70 bis 80 Prozent des weltweit konsumierten Kokains“, so Pérez, „werden auf dem Seeweg verschoben.“ Schnellboote holen die Fracht auf hoher See von sogenannten Mutterschiffen ab und bringen die Fracht über eine wegen des zehnten Breitengrades „Highway 10“ genannte Route bis nach Spanien. Von hier wird die Ware in ganz Europa bis zum Balkan verteilt. Die Weiten der Ozeane und die zahlreichen ungeschützten Küsten bieten sehr viel mehr Platz für Unentdecktes als das Festland. Was im Hamburger Hafen von einem korrupten oder erpressten Hafenarbeiter vom Schiffsdeck aufs Festland gebracht wird, wandert am Ende von der Hand des Dealers in die Nase des Konsumenten.

Parallelen zum Terror

Dabei beschreibt Pérez den gesamten Weg des Stoffs vom Anbau bis zum Kick. So erklärt sie, wie für die Kokaplantagen reihenweise Quadratkilometer AmazonasRegenwald abgeholzt und die Bauern für die Arbeit versklavt werden. Europa ist für die süd- und mittelamerikanischen Drogenkartelle besonders lukrativ – hier ist Koks eine Droge für das gut verdienende Partyvolk und die Banker. Insbesondere Deutschland widmet sie ein ganzes Kapitel. Im Gegensatz zu Marihuana oder Crystal kann Koks hier nicht ohne weiteres selbst hergestellt werden. Für ein Gramm können die Kartelle ein Vielfaches mehr verlangen als in ihrer Heimat, in Deutschland zwischen 50 und 120 Euro. Während der Berliner Konsument Fairtrade kauft, Bio isst und das Tierleiden mindern will, kleben an seiner Line Menschenblut und abgeholzter Regenwald.

Im Preis stecken weiterhin die Gehaltsliste der Mafia und die Kosten für Schiffe, Waffen und Treibstoff. Die perfekte logistische Organisation und Anbindung des Hamburger Hafens spielt den Schmugglern in die Hände. Mit ihrem globalen Netzwerk haben sie auch hier kaum Probleme. Einziger Störfaktor ist das niedrige Fahrwasser der Ostsee, das zum Umladen auf kleinere Schiffe zwingt.

Sehr nüchtern erzählt Pérez diese Geschichten, wie die Mafia von Nordamerika bis nach Eurasien ihre Kontakte hat, vom Marineschiff der kolumbianischen Armee bis hin zu professionellen Tauchern, die die Ladung unter Wasser an den Bug eines Schiffes schweißen. Ihr journalistischer Faktenstil entbehrt dabei der üblichen Dramaturgie, wie man sie aus Filmen und Serien kennt. Der Leser reibt sich daher regelmäßig die Augen und muss sich selbst daran erinnern: Das ist nicht Blow und auch nicht Narcos, das passiert hier. Ihr Buch ist eine einzige, grandios geschriebene Zeitungsgeschichte.

Wer Pérez’ Schilderungen über die organisierte Kriminalität liest, erkennt Parallelen zu den Terroranschlägen auf dem europäischen Festland. So zitiert sie ihren Freund und Kollegen, den deutschen Investigativ-Journalisten Johannes von Dohnanyi, der meint, die Deutschen wären im Hinblick auf das organisierte Verbrechen in ihrem Land „naiv“. In der Tat: Der IS bekommt seine Waffen nicht durch Zauberhand nach Europa. Genau wie das Tijuana-Kartell, die sizilianische Cosa Nostra oder die kalabrische ’Ndrangheta haben auch die Islamisten ihre Sympathisanten und Mittelsmänner bis in die belgische Gemeinde Molenbeek.

Neben all den großen Namen von Drogenbossen bis hin zu Fußballfunktionären räumt Pérez in ihrem Buch auch den kleinen Opfern der organisierten Kriminalität viel Platz ein. Renitente Kleinbauern, die von Auftragskillern ermordet werden oder Drogenkuriere, die für eine Handvoll Dollar oder Euro ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn sie für den Schmuggel Koks in Plastikbeuteln schlucken. Dabei betont sie stets, dass die „ganz unten“ selten selbst schuld sind, sondern gezwungen werden, sei es von der direkten Gewalt der Kriminellen oder der indirekten der Globalisierung und des Kapitalismus. „In unserer Konsumwelt“, schreibt sie daher, „gehen selbst Schwangere derartig hohe Risiken ein.“

Dass sie, wenn sie „mit den Haien schwimmt“, mit jeder Enthüllung, mit jedem genannten Namen, mit jeder offenbarten Handelsroute ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt, erwähnt sie so gut wie nie. Dafür ist sie viel zu sehr Journalistin.

Info

Kokainmeere. Die Wege des weltweiten Drogenhandels Ana Lilia Pérez Katrin Behringer, Birgit Weilguny (Übers.), Pantheon Verlag 2016, 320 S., 14,99 €

06:00 27.04.2016

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