Antisemiten, das sind immer die anderen

Berlin trägt Kippa Eine Kundgebung wollte Solidarität mit Jüdinnen und Juden zeigen. Warum das nötig ist, wurde bestenfalls touchiert
Antisemiten, das sind immer die anderen
So viele Kippot sind selbst in Berlin, wo jüdische Kultur so sichtbar ist wie sonst nirgendwo in Deutschland, selten zu sehen

Foto: Carsten Koall/Getty Images

Gestern trug Berlin Kippa, oder gab sich zumindest große Mühe. Diejenigen, die die jüdische Kopfbedeckung üblicherweise nicht tragen, mussten sie ob einiger kräftiger Frühlingsböen festhalten. Die Geübten wussten, wie sie die Kappen sturmsicher mit einer entsprechenden Klemme im Haupthaar befestigen konnten. Die saßen dann stabiler noch als die Barette der Polizisten.

Von einem „Rekord“ sprach Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, auf der Kundgebung „Berlin trägt Kippa“. In der Tat: So viele Kippot, wie der korrekte Plural lautet, sind selbst in Berlin, wo jüdische Kultur so sichtbar ist wie sonst nirgendwo in Deutschland, selten zu sehen.

Das hat seine Gründe, konterte zugleich Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden: Aufgrund der jüngsten Geschehnisse – brennende Israelfahnen auf Demonstrationen, Gewalt gegen Juden und preisgekrönte Rapper mit geschmacklosen Zeilen – würden jüdische Familien ihren Kindern raten, religiöse Symbole nach dem Gottesdienst abzulegen oder zu verdecken. Es freue ihn, dass sich so viele Menschen mit Kippa zeigen, aber seine Aussage nach der jüngsten Attacke auf einen Kippa-Träger in Prenzlauer Berg gelte immer noch: Einzelpersonen rät er davon ab, das religiöse Symbol zu tragen.

Festsitzende Einstellungen

Dass dieser Rat kein schlechter ist, zeigte sich noch während der laufenden Veranstaltung. Bei einer parallel stattfindenden privat organisierten Kundgebung gegen Antisemitismus auf dem Neuköllner Hermannplatz wurden die drei Teilnehmer bereits nach wenigen Minuten attackiert und mussten die Veranstaltung abbrechen. Es dauerte nicht lang, bis die Berliner Regionalmedien etwas von „arabisch aussehenden“ Männern unkten. Die Suggestion ist klar: Antisemiten, das sind die anderen.

Ganz anders natürlich in den durchsanierten Berliner West-Stadteilen, wo die gutbürgerlichen Nichtmigranten wohnen, die teure Jacken tragen und akzentfreies Deutsch sprechen – oder? Keine 15 Minuten Fußweg von der Kundgebung in der Fasanenstraße wurde im Dezember des Vorjahres erst ein jüdischer Restaurantbetreiber aufs derbste antisemitisch beschimpft. Nicht in Neukölln, nicht im Wedding – sondern zwischen Charlottenburg und Schöneberg.

Dass Szenen wie vor dem Restaurant Feinberg's oder wie kürzlich in Prenzlauer Berg große mediale Aufmerksamkeit erlangen, hat nur am Rande etwas mit „gestiegenem“ Antisemitismus zu tun. Viele dieser Taten werden nur deshalb prominent, weil ein jeder eine Kamera in der Hosentasche trägt. Dass diese festsitzenden, falschen Einstellungen meist über Jahre gewachsen und stabil sind, auch in der vermeintlich aufgeklärten Bundesrepublik, auch bei den Besserverdienern mit Fellkragenjacke, zeigen regelmäßig die Studien des Bielefelder Konfliktforschers Andreas Zick. Die entscheidende Zahl brachte Dalia Grinfeld, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, bei der Kundgebung auf den Punkt: 40 Prozent der Schüler über 14 wissen nicht, was Auschwitz ist. Dann braucht auch niemand von ihnen erwarten, dass sie sich an entsprechenden Textzeilen stören.

Das ist natürlich eine unangenehme Erzählung, denn sie taugt nicht für flammende „Wir gegen die“-Reden, herzerwärmende Aneignung religiöser Symbole oder vollmundige Bekundungen, man wolle Antisemitismus abschieben, wie sie beispielsweise von Volker Kauder vorgetragen wurde. Nach seinem Plädoyer drehte sich ein Teilnehmer der Kundgebung zu seiner Freundin um und fragte: „Wohin willst du einen Berliner abschieben? Nach Bayern?“ Nein, so funktioniert es langfristig nicht. Die einzig wirksame Waffen gegen Antisemitismus sind: Erziehung, Bildung, Aufklärung – nicht nur bei Schülern. Ihn bekämpfen bedeutet, sich an die eigene Nase zu fassen, denn er ist nicht ein Problem der Juden, sondern ein Problem für jeden Demokraten.

11:41 26.04.2018

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