Konstantin Nowotny
12.02.2016 | 16:49

Das digitale Museum

Im Gespräch Mirjam Wenzel ist die neue Leiterin des Jüdischen Museums in Frankfurt. Sie erklärt, was digitaler Wandel, Migration und Religion für ein Jüdisches Museum bedeuten

der Freitag: Frau Wenzel, seit dem 1. Januar sind Sie als neue Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt tätig. Wie läuft es bislang?

Dr. Mirjam Wenzel: Die neue Aufgabe macht mir sehr viel Spaß. Ich habe ja schon vor Beginn meiner Tätigkeit am Jüdischen Museum in Frankfurt diverse Termine wahrgenommen. Seit Anfang Januar habe ich nun richtig viel zu tun. Darüber hinaus lebe ich jetzt in Frankfurt – das ist eigentlich die größte Veränderung.

Bis 2018 wollen Sie fertig sein, ab März eröffnet aber bereits der Nebenbau „Judengasse“, der dann mit dem eigentlichen Jüdischen Museum zu einem großen Komplex zusammengeschlossen wird.

Bislang wurde dieser Ort „Dependance Museum Judengasse“ genannt. Das, was wir im März eröffnen, heißt nun „Museum Judengasse“. Es wird die jüdische Geschichte Frankfurts in den archäologischen Überresten des ersten Ghettos auf deutschem Boden erzählen – mit Objekten und Medieninstallationen. Ich verstehe diesen Ort im Zusammenspiel mit dem um einen Neubau erweiterten Rothschild-Palais als einen großen Komplex. Im neuen Jüdischen Museum, das 2018 eröffnen soll, wird die jüdische Geschichte ab 1800 erzählt; im Museum Judengasse steht die Frühe Neuzeit im Zentrum. Das neue Jüdische Museum in Frankfurt hat in Zukunft also zwei Standorte. Darüberhinaus gibt es noch einen dritten Stand- beziehungsweise Spielort, den ich gerne sukzessive aufbauen möchte. Das ist die Online-Plattform.

Ich würde gern mit Ihnen über Ihr Online-Konzept reden. Wenn man Ihnen ein wenig auf Twitter folgt, bekommt man mit, dass Sie auf diesem Gebiet Pionierarbeit leisten wollen. Ein digitales Konzept scheint es für das Jüdische Museum in dieser Form also bislang nicht wirklich gegeben zu haben?

Das stimmt. Man muss dazu sagen, dass das Jüdische Museum in Frankfurt das erste eigenständige jüdische Museum in der Bundesrepublik Deutschland war und 1988 eröffnet wurde. Damals galt es vor allem, die jüdischen Kulturgüter aus der deutsch-jüdischen Geschichte vor dem Holocaust zu sammeln, zu bewahren und zu zeigen. Man arbeitete also intensiv an dem Aufbau einer entsprechenden Sammlung. Der digitale Wandel bedingt nun, dass man die Sammlung öffentlich zugänglich machen und in ein kommunikatives Verhältnis mit den Besuchern treten kann. Diese Öffnung und Hinwendung zu den Besuchern setzt sich in Museen in den letzten zehn Jahren zunehmend durch. Das Jüdische Museum in Frankfurt hat eine bedeutende Sammlung, die dafür prädestiniert ist, online gezeigt zu werden. Ich kann in diesem Feld auf die Erfahrungen aufbauen, die ich am Jüdischen Museum Berlin gemacht habe. Ich war dort acht Jahre lang als Leiterin der Medienabteilung für den digitalen Wandel zuständig.

Wie kann ich mir ein digitalisiertes Museum vorstellen? Sie haben ja nicht nur dokumentarisches Material vor Ort, sondern auch Dinge, die eher emotional oder visuell erfahrbar und nicht digitalisierbar sind.

Jüdische Museen haben in der Regel nur wenige Dinge, die selbsterklärend sind. Ein Großteil der Sammlungen in Frankfurt sind Familiensammlungen, also Nachlässe oder Vorlässe, meist von jüdischen Immigranten, aber auch von Personen, die nach dem Holocaust in Frankfurt gelebt haben. Die prominenteste unter diesen Sammlungen ist die der Familie Frank. Diese und andere Sammlungen werden nun aufgearbeitet und genau erschlossen. Allerdings werden wir nur einen Teil der Dokumente aus diesen Sammlungen online zugänglich machen können, weil auf ihnen in weiten Teilen noch Persönlichkeitsrechte oder Urheberrechte liegen. Uneingeschränkt online präsentieren können wir vor allem Zeremonialobjekte und Werke der Bildenden oder Angewandten Kunst bis etwa Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Für uns wird es dabei wichtig sein, die richtigen Storytelling-Formate zu finden, also die Objekte in Form von Geschichten zu präsentieren. Das können persönliche Geschichten sein oder Geschichten, die von der Form oder Nutzung eines Objektes ausgehen.

Der klassische Museumsgang wird also nicht ersetzbar?

Nein – im Museum erlebt man die Objekte als physische Inszenierung im Raum. Diese Erfahrung kann nicht durch eine Präsentation auf Bildschirmen ersetzt werden. Der digitale Raum dient dazu, die Sammlung für ein Fachpublikum zugänglich zu machen und an eine interessierte Öffentlichkeit in Form von Storytelling zu vermitteln. Letztlich geht es dabei auch darum, auf die physischen Objekte im Ausstellungsraum neugierig zu machen.

Damit stehen Sie ja gewissermaßen vor einem ähnlichen Problem wie die Medien. Sie müssen sich entscheiden, was und auf welche Art und Weise Sie etwas digital publizieren und wie Sie trotzdem dafür Sorge tragen, dass die Leute für eine Leistung später noch bezahlen wollen.

Museen haben in den letzten Jahren gänzlich andere Erfahrungen als die Printmedien gemacht. Je besser es Museen gelingt, ihre Themen online zu vermitteln, desto mehr Besucher kommen ins Haus. Die Erfahrung ist jener der Printmedien genau entgegen gesetzt. Das hat vermutlich damit zu tun, dass Printmedien ja in erster Linie auf Texten basieren. Wenn man einen Text online gelesen hat, kauft man keine Zeitung, um ihn noch einmal in gedruckter Form zu studieren.

Versuchen Sie mit Ihrer Digitalstrategie auch neue Besucherkreise zu gewinnen? Wollen Sie allgemein mehr Menschen zu einem Museumsbesuch animieren?

Museen haben seit Jahren tendenziell steigende Besucherzahlen. Sie haben es eigentlich ganz gut geschafft, sich als kulturelle Einrichtungen neben Theatern, Galerien, Literatur- und Konzerthäusern zu behaupten – nicht zuletzt auch, weil sie zwar in erster Linie Sammlungs- und Ausstellungshäuser sind, in ihnen aber auch Konzerte, Lesungen, Diskussionsveranstaltungen oder Performances stattfinden, sie also alle anderen Spielarten von Kunst und Kultur in sich vereinen. Bei der Online-Strategie eines Museums geht es darum, neue Besucher anzusprechen und jene an das Haus zu binden, die es schon einmal besucht haben. Man muss einen Museumsbesuch heute anders verstehen als bislang, nämlich von dem Moment an, an dem Besucher – etwa in Form eines Tweets – auf ein Haus aufmerksam werden, über den Museumsbesuch im eigentlichen Sinne bis hin zu dem Moment, an dem sie zu Hause auf dem Sofa sitzen, im Katalog blättern oder in der Online-Sammlung stöbern. Das alles macht heute das Erleben eines Museums aus.

Stößt ihr Konzept auf Zuspruch oder gibt es auch Menschen, die eine digitale Anpassung eines Museums nicht so gut finden?

Ich denke, die Zeiten sind vorbei, in denen die „digitale Anpassung“ überhaupt noch eine Frage ist. Es ist einfach klar: Wie Museen den digitalen Wandel gestalten, entscheidet auch darüber, welche Relevanz sie haben. Die Diskussion, ob Besucher nicht mehr ins Museum kommen, wenn sie sich die Objekte online ansehen können, ist in Deutschland zuletzt vor zehn Jahren geführt worden.

Jetzt sind alle einstimmig entschlossen?

Ja. Es besteht ein breiter Konsens darüber, dass Museen innovative Orte sein und sich dem digitalen Wandel anpassen sollten, indem sie die eigene Organisationsstruktur verändern und die bisherigen Aufgaben erweitern. Viele Museen haben allerdings nicht die Ressourcen, um dies in angemessener Form zu tun.

Sie wollen sich nicht nur in Richtung online öffnen, sondern auch das eigentliche, physische Museum lebhafter gestalten. Wie macht man Dinge in einem Museum „lebhaft“?

Kurz gesagt: mit ästhetischen Inszenierungen, partizipativen Angeboten und sozialer Interaktion. Für Jüdische Museen in Deutschland ist es allerdings nicht ganz so einfach, sich in „lebhafte“ Orte zu verwandeln, weil sie aus einem Erinnerungsimpuls heraus gegründet wurden, also eher Gedenkstätten glichen. Ihre Aufgabe bestand zunächst darin, eine Kultur wieder sichtbar machen, die ausgehend von Deutschland systematisch zerstört wurde. Dieses mindset haben viele Besucher im Kopf, wenn sie zu uns kommen.

was ja auch durch so symbolträchtige Standorte wie in Frankfurt bestärkt oder bewusst genutzt wird, wo das Jüdische Museum auf dem ehemaligen Ghetto steht?

Das sehe ich anders. Ich würde sagen, dass dieses mindset eher durch die symbolträchtige Architektur von Daniel Liebeskind in Berlin bestärkt wird. In Frankfurt befinden sich das Jüdische Museum und das Museum Judengasse hingegen an Orten, die genuin mit dem jüdischen Leben der Stadt zu tun haben. Sie dürfen sich die Judengasse nicht als ein Ghetto wie zu Zeiten des Nationalsozialismus vorstellen. Sie galt als eines der bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens in der Frühen Neuzeit. Die hier lebenden Juden standen unter dem besonderen Schutz des Kaisers und pflegten einen regen Austausch mit den christlichen Einwohnern der Stadt. Die Stadt Frankfurt hat Ende letzten Jahres die „Erinnerungsstätte Großmarkthalle“ unter der Europäischen Zentralbank eröffnet. Das ist der Ort, von dem die Frankfurter Juden deportiert wurden. Das Jüdische Museum bietet hier Führungen an. Es widmet sich in seiner Arbeit also auch dem Gedenken an die Ermordeten und deren Schicksal. Dabei spielt die Frage, wie man diese Themen an Personen vermitteln kann, deren Eltern und Großeltern nicht in Deutschland aufgewachsen sind, eine zentrale Rolle. Wir leben heute – zumal in Frankfurt – in einer Einwanderungsgesellschaft mit einem großen Bevölkerungsanteil, der sich verständlicherweise nicht als „Teil dieser deutschen Erinnerungsgemeinschaft“ empfindet. Dies stellt uns in pädagogischer Hinsicht vor ganz neue Aufgaben – insbesondere bei Einwanderern aus muslimischen Ländern und deren Nachkommen.

Über Zuwanderung möchte ich mit Ihnen auch sprechen. In letzter Zeit liest man häufiger, dass mit einem wachsenden Anteil muslimischer Migration auch Befürchtungen vorhanden sind, einen wachsenden Anteil Antisemitismus zu importieren – zusätzlich zu den Tendenzen, die ohnehin in der deutschen Bevölkerung bestehen, in der Antisemitismus zunimmt oder zumindest offener gezeigt wird. Bemerken Sie das und beziehen Sie das in Ihr Museumskonzept mit ein?

Ich denke, dass sich Jüdische Museen in Deutschland und Europa heute zwangsläufig mit der Frage beschäftigen müssen, ob es einen neuen Judenhass gibt und wie sich das auf die eigene Arbeit auswirkt. Neben judenfeindlichen Ressentiments in der deutschen Gesellschaft haben wir zunehmend damit zu tun, dass der Nahost-Konflikt nicht mehr nur im Nahen Osten stattfindet. Jüdische Museen werden auch adressiert als Orte, die etwas mit der Situation im Nahen Osten zu tun haben.

Inwiefern hat sich das in Frankfurt schon geäußert?

Ob sich das konkret in Frankfurt äußert, kann ich noch nicht sagen. Aus der Erfahrung am Jüdischen Museum Berlin kann ich aber sagen, dass man den Besuchern erst einmal verdeutlichen muss: Wir sind ein öffentliches Museum, dass deutsch-jüdische Geschichte vermittelt und diese hat mit dem Staat Israel und der Situation dort unmittelbar erst einmal nichts zu tun. Zu gleicher Zeit ist es natürlich schon so, dass der Staat Israel eine große Rolle für Juden in Deutschland und Europa spielt, weil er die Idee einer sicheren Zufluchtsstätte verkörpert.

Kann Aufklärung über jüdisches Leben in Deutschland einen Beitrag dazu leisten, die Bereiche Nahost-Konflikt und jüdische Kultur im Allgemeinen voneinander abzugrenzen? Kann ein Museumsbesuch dazu beitragen?

Ja. Ich finde es sehr wichtig unseren Besuchern zu vermitteln, dass jüdische Geschichte maßgeblich eine Geschichte der Diaspora, des Exils und der Migration ist. Im Verhältnis zu der langen diasporischen Geschichte ist die israelische Geschichte ja noch relativ jung. Der Staat existiert seit 1948 und die zionistische Bewegung, die seiner Gründung vorausging, entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert – nicht zuletzt auch in Reaktion auf die so genannte „Judenfrage“. Wenn man sich hingegen die immerhin knapp zwei Jahrtausende währende jüdische Geschichte auf dem Territorium des heutigen Deutschland ansieht, stellen sich doch ganz andere Fragen, wie etwa: Wie konnte es Juden eigentlich über Jahrhunderte hinweg gelingen, in einer nichtjüdischen Umgebung die eigene Kultur zu bewahren? Welche Traditionen wurden vom Christentum übernommen und welche nicht? Vor dem Hintergrund der jüngsten Einwanderung aus mehrheitlich muslimischen Ländern halte ich ferner Fragen für entscheidend wie etwa: was sind kulturgeschichtlich gemeinsame und verbindende Elemente zwischen Judentum und Islam?

Also geht es darum, Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, und nicht, jüdische Kultur von etwas abzugrenzen?

Ja, das hat natürlich auch etwas mit der Bedeutung von Besucherorientierung für ein Museum im Allgemeinen und für Jüdische Museen im Besonderen zu tun. Ein Großteil der Besucher von jüdischen Museen sind keine Juden. Lange Zeit wurde jüdische Geschichte von Jüdischen Museen – auch und vor allem in Frankfurt – als partikular vermittelt; dies lässt sich, auch angesichts neuester Forschungen über jüdisches Leben in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit, so nicht mehr aufrecht erhalten. Von daher muss es heute auch darum gehen, in Ausstellungen die wechselseitigen Einflüsse von Judentum und Christentum zu thematisieren.

Machen Sie damit also Aufklärungsarbeit für den Religionsdiskurs im Allgemeinen?

Meiner Ansicht nach leben wir in Europa in einer zunehmend postsäkularen Gesellschaft. Religion spielt heute eine bedeutend größere Rolle als etwa noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Und zwar weniger, weil mehr Menschen Samstagmorgens in die Synagoge oder Sonntagmorgens in die Kirche gehen, sondern vor allem, weil im Zuge von Migration und Grenzziehungen zunehmend die Frage im Raum steht, was eigentlich die Fundamente des ethischen Wertesystems Europa sind. Es gibt eine Art Bewusstwerdungsprozess darüber, dass diese Fundamente religiöse Prägungen haben. Aus jüdischer Perspektive kann man sehr viel zu diesem Prozess sagen, weil es im Judentum die Idee des Glaubens nicht gibt. Das ist ja ein christliches Konzept. Im Judentum geht es hingegen vielmehr darum, ob ich meinen Alltag nach dem Religionsgesetz gestalte und was das heißt. Darüber hinaus gibt es im Judentum eine jahrhundertealte Tradition der Interpretation und Debatte über das Religionsgesetz, oder säkular gesprochen, der Gesetzesauslegung, die immer auch Gesetzgebung ist. Von daher hat ein Jüdisches Museum zu der Frage, was die Fundamente eines Rechtssystems sind, mit Blick auf die jüdische Tradition so einiges zu sagen und zu erzählen.