Konstantin Nowotny
Ausgabe 0216 | 18.01.2016 | 06:00 6

Das neue Ein-Aus-Spiel

Idee Ein Tischler aus Brandenburg hat ein Ventil entwickelt, mit dem Verhütung endlich Männersache werden könnte

Es ist so groß wie ein Gummibärchen, wiegt zwei Gramm und könnte den Markt für männliche Verhütung revolutionieren. Clemens Bimek, 48 Jahre alt und Tischler aus Brandenburg, hat ein Ventil entwickelt, das in den Samenleiter eingesetzt werden soll. Per Knopfdruck ließe sich damit der Zufluss der Spermien regulieren. Die Idee dazu kam Bimek, als er eine Dokumentation über Sterilisationen anschaute. Sein Ventil heißt SLV, kurz für Samenleiterverhütung. Der Schalter soll von außen bedient werden können.

Bimeks Erfindung stieß zunächst auf viel Skepsis und Ablehnung. Einige Jahre hat er gebraucht, bis er einen Urologen fand, der seine Idee ernst nahm. Anfangs wollte niemand ihm das Ventil einbauen. Seit 2009 ist er selbst der erste und bislang einzige Träger seines Prototyps. Erste Tests verliefen erfolgreich – mit umgelegten Schalter befinden sich so gut wie keine Spermien im Ejakulat. Seit 2014 steht hinter dem Projekt „Bimek SLV“ auch ein kapitalstarker Investor, der die Marketingmaschine bereits kräftig angeworfen hat. Das Produkt ist hormonfrei, steril und 100 Prozent vegan – Letzteres wird mehrfach erwähnt, Bimek ist überzeugter Vegetarier. Die Homepage verzeichnet zwar nur knapp 1.000 Facebook-Fans, aber auch 700 Männer, die sich freiwillig als Probanden zu Studienzwecken zur Verfügung gestellt haben. 2018 soll das Produkt marktreif sein.

Hormonbomben

Was ein wenig skurril klingt, könnte aber eine Revolution sein. Seit Jahrhunderten ist die Empfängnisverhütung in aller Regel Frauensache. Für den Mann gibt es zwar das Kondom, allerdings wird es häufig vor allem zur Eindämmung von Geschlechtskrankheiten beworben. Und bei vielen Männern ist es auch nicht sonderlich beliebt. Ansonsten bleibt Männern meist nur die Sterilisation, die aber nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit reversibel ist. Und die viele Männer auch nicht in Einklang mit ihrem Selbstbild bekommen.

Auch deshalb dominiert in Sachen Verhütung nach wie vor die Antibabypille. Über die Hälfte aller deutschen Paare verhüten laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit der Pille, etwa 20 Prozent ausschließlich mit Kondom, bei zehn Prozent der Paare lassen sich die Frauen eine Hormonspirale setzen.

Ursprünglich als Mittel zur Geburtenkontrolle entwickelt, glorifizierten die 68er die Pille als Mittel zur sexuellen Befreiung der Frau. Aber waren die Frauen jetzt wirklich freier? Sie konnten ein Präparat mit künstlichen Hormonen schlucken, was ihnen mehr oder weniger folgenlosen Sex ermöglichte. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch für die Männer, dass sie nun die Verantwortung für die Empfängnisverhütung noch leichter auf das weibliche Geschlecht abschieben konnten. Die künstlichen Hormone belasten aber den Körper, die Folgeerscheinungen sind kaum absehbar. Schnell wandelte sich daher manche feministische Anhängerin der „Befreiungspille“ zur Gegnerin der „Hormonbomben“, die als Teil der patriarchalischen Unterdrückung gesehen wurden.

Viel geändert hat sich daran bis heute nicht. Die Pille ist eines der am häufigsten verschriebenen Medikamente weltweit. Frauenärzte verschreiben sie in der Regel ab 14 Jahren, hin und wieder auch bei Jüngeren. Ein Medikament zu verschreiben ist einfacher, als eine umfassende Aufklärung zu leisten. Viele Ärzte empfehlen die Pille außerdem für schönere Haut, weichere Haare oder bei pubertätsbedingten Gewichtsschwankungen. Es ist eine Massenhormontherapie mit nur schwer abschätzbaren Folgen. Aktuell klagt die 31-jährige Felicitas Rohrer gegen den Pharmakonzern Bayer und dessen Pille „Yasminelle“. Sie erlitt eine lebensbedrohliche Lungenembolie mit Folgeschäden, die auf eine Thrombose zurückgeführt werden konnte.

Die Kontrazeptiva der mittlerweile vierten Generation enthalten deutlich höhere Konzentrationen von Hormonen oder weitere Zusatzstoffe, die Gewichtszunahme verhindern oder eine Verbesserung der Haut herbeiführen sollen. Die Kombination dieser Wirkstoffe erzeugt ein deutlich erhöhtes Risiko für eine venöse Thrombose, die zu Hirnschlägen führen kann. Die Konzerne reden sich raus: Jede Ärztin und jeder Arzt habe die Pflicht, die Patienten vor der Verschreibung der Pille ausdrücklich aufzuklären und solle dabei die „individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung“ in Betracht ziehen. Nach pharmazeutischem Maßstab zählt der Anstieg des Thromboserisikos, das durch die Pille induziert wird, aber immer noch als „seltene Nebenwirkung“.

Warum gilt Verhütung immer noch vor allem als Frauensache? „Schuld“ an den Problemen der Fortpflanzung hat seit jeher das weibliche Geschlecht. Das ist eine abendländische Tradition. Die Kirche erlaubte im Mittelalter nur den Koitus als legitimen Akt der Fortpflanzung. Abweichende Sexualpraktiken, Homosexualität oder künstliche Verhütung mit Salben oder Tränken waren Sünde. Der „Samen des Lebens“ durfte auf keinen Fall verschwendet werden. Seit der jungfräulichen Empfängnis Marias hatte die katholische Kirche ein Problem: Die Fortpflanzung per Wunder wäre der Optimalfall, trat aber leider nur einmal ein. Später reifte dann das unangenehme Bewusstsein, dass auch Sex ohne Fortpflanzung ein menschliches Bedürfnis sein könnte.

Simpler Geschlechtsapparat

Papst Franziskus bemerkte Anfang des Jahres, Katholiken müssten sich nicht „wie die Karnickel“ vermehren. Die katholische Kirche empfiehlt die Methode der natürlichen Verhütung, also die Berechnung unfruchtbarer Tage über einen Zykluskalender. Diese Toleranz nennt der Vatikan „erlaubte Inanspruchnahme unfruchtbarer Perioden“. Luther hatte vor der Sünde des Sex gewissermaßen kapituliert, als er schrieb, dass „keine Ehepflicht ohne Sünden geschieht“. Auch dank ihm sind Protestantinnen und Protestanten heute aus der Angelegenheit fein raus und können verhüten, wie sie wollen.

An der Männlichkeit soll bisher aber nicht herumgedoktert werden. Zeugungsunfähige Männer gelten als „entmannt“, es wird über „Platzpatronen“ gewitzelt. Die Forschung an Verhütungsmethoden für den Mann ist bislang nur versandet. Die Entwicklung einer Testosteronpille hat der Bayer-Konzern 2007 eingestellt. Ein Verfahren auf Spritzenbasis scheiterte an einem Urteil der Weltgesundheitsorganisation. Demnach kamen bei einer zu großen Zahl der Probanden Nebenwirkungen auf, unter anderem Depressionen und Gewichtszunahme. Es drängte sich aber der Eindruck auf, dass im Hinblick auf die Geschlechter hier mit zweierlei Maß gemessen wird: Gewichtszunahme und Depressionen sind seit Jahrzehnten bekannte Nebenwirkungen der Pille, die bisher aber meist als vernachlässigbares Problem galten.

Als Alternative zur Pille steht der Frau ein Katalog an verschiedenen anderen Methoden zur Verfügung: 16 zählt die deutsche Wikipedia auf, exklusive der „Pille danach“ und der Sterilisation. Es gibt Tabletten, Spritzen, Pflaster, Spiralen, Ringe, Implantate, Zäpfchen und Ketten – alle mit verschiedener Lebensdauer, größeren oder kleineren Nebenwirkungen und unterschiedlichem Restrisiko. Methoden ohne chirurgischen Eingriff oder massiver Hormonbelastung wie die Kalender- oder Temperaturmethode sind aufwendig. Der weibliche Zyklus ist ein kompliziertes Werk der Natur, das sich nur mit viel Mühe oder reichlich hormoneller Gabe unter Kontrolle bringen lässt.

Der männliche Geschlechtsapparat ist dagegen vergleichsweise simpel. Angesichts des breiten Marktes für weibliche Verhütungsmethoden wirkt Clemens Bimeks Verhütungsventil daher überhaupt nicht mehr so skurril, sondern ziemlich pragmatisch. In Anbetracht der vielen, teils martialisch wirkenden Verhütungsmethoden für die Frau ist es pure Ironie, dass Bimeks eigene Implantation des Ventils zunächst an der Ethikkommission scheiterte. 2018 soll das Produkt dann für jedermann zur Verfügung stehen und so ziemlich jeder Urologe den etwa halbstündigen Eingriff vornehmen können. Ob es auf die entsprechende Akzeptanz treffen wird, hängt aber nicht nur vom Funktionieren des Ein-Aus-Schalters ab, sondern auch vom geschlechtlichen Rollenverständnis.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 02/16.

Kommentare (6)

na64 18.01.2016 | 10:07

Da kommt zur Zeit ein Hammer nach dem anderen und zerschlägt alte Weltbilder. Gender und Sprachneuschöpfungen und nun ein Weg zu einer Gesellschaft in der Sex steuerbar wird. Also ohne Sex kein Sexismus. Für Geburtenkontolle!?. Ich habe aus diesen Sci Fi mir meinen persönlichen Spass daraus gemacht und wie es aussieht, wird daraus ernst. Was an dieser Entwicklung interessant erscheint, ist: Welche Gewaltform wird daraus neu geboren?

schna´sel 18.01.2016 | 12:46

"Seit 2014 steht hinter dem Projekt „Bimek SLV“ auch ein kapitalstarker Investor, der die Marketingmaschine bereits kräftig angeworfen hat."

Supi, Zentralverriegelung! Und klar, die Luxusmodelle lassen sich dann als Implantat auch über die mitgelieferte App steuern. Peinlich nur, wenn das Ding in das Internet der Dinge eingeloggt war und von irgendeinem bösartigen Russen gehackt wird...

Irgendwie schön, dass man für mache Innovationen vielleicht ab einem gewissen Punkt der persönlichen Entwicklung nicht mehr die vollkompatible Hardware besitzt. Das schont das eh schon belastete, schlechte Gewissen und man spart sich die Diskussion mit der Gleichberechtigten...

maxundmoritz 18.01.2016 | 20:43

Mal gespannt, wie das hier jetzt weiter geht, welche Scherze geäußert werden - m.E. eigentlich nichts anderes als Nebelvorhänge um die Angst des Mannes um sein wichtigstes Dingelingeling zu kaschieren. Man weiß ja nie, es könnte ja wirklich sein, dass mit einem falsch gepolten Schaltelement alles in sich zusammen fällt.

Aber nun mal ernst: Zunächst ist das eine gute Erfindung, da die Frage der Verhütung nicht mehr alleine bei der Frau liegt. Vorausgesetzt diese Implantate erreichen gute Verhütungsquoten, was spricht dann noch dagegen, dass mann sich sowas einsetzen lässt. Zumindestens in unseren sogenannten aufgeklärten Zonen sollte das, solange keine besseren Lösungen gefunden sind, eine nicht ganz von der Hand zu weisende Option sein.

Woran es allerdings auch weiterhin mangeln wird, so befürchte ich, ist, dass an Verhütungsmethoden für den Mann mit dem gleichen Eifer und Aufwand - auch finanziellem - gearbeitet wird wie bisher an der Erfindung von Hormonen und Verhütungsgerätschaften für Frauen.

Es bleibt dabei: das Patriarchat wird euch nix schenken, Mädels. Studiert Biologie, Chemie, Medizin und geht in die Forschung, übernehmt die Labore und Forschungsabteilungen. Ach was, am Besten gleich den ganzen Laden; ich würde ganz gerne erleben, ob ihr das alles wirklich anders und besser machen würdet. Also Fragen über Fragen - und keine Antworten.

Alleine um vielleicht doch irgendwann noch Antworten zu bekommen hoffe ich sehr, dass das mit der Reinkarnation funktionieren möge (wenn ja, dann kommt der Typ beim dafür notwendigen Zeugungsakt hoffentlich nicht auf die Idee, im entscheidenden Moment die Leitung still zu legen).

Lethe 19.01.2016 | 14:16

Eigentlich nur eine technische Frage. Aber ein Glück, dass man auch technische Fragen in einen global-historischen Gesamtzusammenhang stellen kann, in dem die nötige Moral gleich mitvermittelt wird.

Die Idee ist gut. Ich hoffe nur, die weitere Entwicklung führt auch zu nichtveganen Varianten und auch zu solchen, für die man nicht erst feministische Ideologie in hohen Dosen schlucken muss.

senjoralena 27.02.2016 | 21:34

Ich bin durch die Kommentare immernoch überrascht bis ein wenig angeekelt, wie reaktionär von beiden Geschlechtern oftmals auf das Geschlechterthema reagiert wird, wo man sich in anderen Lebensbereichen oftmals so progressiv und gutmenschlich gibt.

Aber naja, ich besänftige mich mit dem Gedanken, dass jede neue Technik wohl gesellschaftliche Diskussionen erzeugt und das auch gut so ist, weil der Mensch ja keine Maschine ist und offensichtlich Hilfe bei der Interpretation und Bewertung von Fortschritt braucht.

Das heißt aber nicht, dass alte Methoden schlecht sind, wie z.B. die natürliche Verhütung.

Der Autor schreibt, Kalender- oder Temperaturmethode seien zu aufwendig.

An Trägheit geht wohl die Welt zu Grunde.

Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass mich diese Methode 4 Minuten des Tages kostet. Und das auch nur ca. 15 Tage im Monat.

Klar brauchte es Vorrecherche zum Thema und Einarbeitung in den eigenen Körper. Das war aber nicht besonders aufwendig und zudem ziemlich spannend.

Neben der Weiterentwicklung von alternativen Methoden, ist es demnach ratsam, immer auch mal wieder die Methoden zu überprüfen, die es bereits gibt. Durch zunehmende Aufklärung und den gesellschaftlichen Abbau der Scheu vor dem Griff in die eigene Scheide, könnte die natürliche Verhütung eine ernst zu nehmende, kosten- und nebenwirkungsfreie Alternative zur Pille sein. Denn was viele nicht wissen: sie hat denselben Pearl-Index.

Währenddessen warten wir doch einfach entspannt den Pearl-Index und die Studien zum Implantat ab und hoffen wir, dass auch die männlichen Träger dann weiterhin verantwortungsvoll mit ihrer Sexualität umgehen, was ja beiden Geschlechtern nicht immer ganz gelingt.