Der Retter

Leipzig Sören Pellmanns Direktmandat sichert der Linken den Fraktionsstatus. Wie hat er das geschafft?

Dafür, dass es so schlecht um die Linkspartei steht, ist Sören Pellmann überraschend gut gelaunt. Zweite Woche nach der Wahl, Liebknecht-Haus im Zentrums Leipzigs. Wo der gleichnamige Kommunist geboren wurde und auch Karl Marx schon vorbeigekommen ist, stapeln sich jetzt im Hinterhof Hunderte abgehängte Plakate mit Sören Pellmanns Namen darauf. Es sind die Überbleibsel eines Lokalwahlkampfs, in den die Linkspartei viele Mittel gesteckt hat. Mit Erfolg. Er gewann das Direktmandat und rettete der Linken damit den Fraktionsstatus.

Wie gelang ihm, was nicht mehr vielen in der Linkspartei gelingt – schon gar nicht im Osten, wo sie große Teile ihrer Wählerschaft an den Friedhof, das Lager der Nichtwähler oder auch an die AfD verliert?

Um das Prinzip Pellmann zu verstehen, muss man ins Jahr 2017 zurückspulen. Es war damals das erste Mal seit 1990, dass ein Linker das Direktmandat in Leipzig holte. Der Partei ging es besser: Sie erreichte bundesweit 9,2 Prozent der Zweitstimmen, errang fünf Direktmandate. 2021 waren es nur noch 4,9 Prozent und drei Mandate, neben Pellmanns die von Gregor Gysi in Berlin-Köpenick und von Gesine Lötzsch in Berlin-Lichtenberg. Drei Direktmandate reichen, um die Fraktionsstärke zu sichern, dank der so genannten Grundmandatsklausel. In Leipzig konnte Pellmann bei zwei Bundestagswahlen in Folge knapp ein Viertel der Erststimmen auf sich vereinen.

Das mag damit zu tun haben, dass sich der studierte Förderschulpädagoge und frühere Grundschullehrer 2017 gegen den dauerhaften Aufenthalt in Berlin entschieden hat. Lieber wollte er pendeln, um hauptsächlich im Wahlkreis tätig zu sein. „Das hat mir auch Kritik in der Bundestagsfraktion eingebracht“, sagt Pellmann, 44. Trotzdem habe er bundesweit knapp 400 Termine in vier Jahren wahrgenommen. „Wer es ähnlich macht, ist Gesine Lötzsch. Die kann zu Terminen in Berlin aber auch mit der U- oder S-Bahn fahren.“

Auch der Vater war angesehen

Seinen trockenen Humor hat er nach vier Jahren Parlament ebenso wenig verloren wie seinen leichten sächsischen Einschlag beim Sprechen. Besonders kämpferisch klang Pellmann immer dann, wenn es um seine Kernthemen ging, die keine Großthemen sind: 2018 etwa monierte der Sprecher der Linksfraktion für Inklusion und Teilhabe, die Umbenennung des „Schwerbehindertenausweises“ zu „Teilhabeausweis“ sei wenig zielführend. In derselben Rede warf er der AfD „eugenische Denkmuster“ vor. Die Rechten hatten in einer Kleinen Anfrage nach der Entwicklung der Zahl der Behinderten in Deutschland gefragt, „insbesondere die durch Heirat innerhalb der Familie entstandenen“.

Im Parlamentsbetrieb verschwunden ist Sören Pellmann allerdings nicht, und vielleicht ist es das, was sich einige Fraktionskollegen von ihm abschauen können. Wahlkampf scheint für ihn keine Episode von einigen Monaten zu sein. Er und sein Team befanden sich seit 2017 in einer Art Dauerwahlkampf im Osten, schlugen Stände und Hüpfburgen auf, wann immer es ging: „Anfangs wurde man von den vor Ort Wohnenden belächelt, irgendwann kamen sie dann aber auch und wussten: Okay, es ist der erste Donnerstag oder der dritte Mittwoch im Monat – die Linke ist wieder da“, sagt Pellmann. „Die anderen kommen in den Wochen vor der Wahl mal vorbei, aber der ist die ganze Zeit schon da. Das ist glaubwürdig.“ Gelernt habe er das auch von seinem Vater. Dietmar Pellmann, langjähriger und angesehener Linke-Politiker in Sachsen, starb 2017, wenige Monate bevor sein Sohn das Direktmandat gewann.

Aber warum gelingt in Leipzig, was 150 Kilometer weiter nicht funktioniert? In Dresden kann man Katja Kipping ebenfalls das ganze Jahr über auf Demos oder bei Streiks treffen, zudem ist die ehemalige Parteivorsitzende ein bekanntes Gesicht. Die großen Hoffnungen auf das Direktmandat im Wahlkreis Dresden I aber erfüllten sich nicht – Kipping landete zwar 0,1 Prozent vor dem AfD-Kandidaten, aber mehr als zwei Prozent hinter dem Vertreter der CDU. „Dresden tickt anders“, sagt Sören Pellmann. „Wir haben in Leipzig eine rot-rot-grüne Zweidrittelmehrheit im Stadtrat. Das gibt es in keinem anderen Kreistag mehr.“ Pellmann selbst ist Vorsitzender der Stadtratsfraktion. Es stimmt: Bis auf den Wahlkreis Leipzig II sind Rot und Grün weithin ungekannte politische Farben in Sachsen. 2017 wählte fast der gesamte Freistaat mehrheitlich CDU. 2021 haben sich zehn von 16 Wahlkreisen AfD-blau gefärbt. Leipzig ist eine ostdeutsche Ausnahme, wird inmitten sächsischer Verhältnisse zunehmend exotischer.

„Man spürte, dass die Stimmung da eine ganz andere ist“, sagt Pellmann über seinen Wahlkampf in den Landkreisen außerhalb Leipzigs. Verbale Attacken habe es gegeben, vor allem in weniger urbanen Regionen. Aber auch die Messestadt ist keine heile linke Welt: 2018 brannte Pellmanns Wahlkreisauto ab. Das doppelt verglaste Büro im Stadtteil Grünau wird öfter mit Steinen beworfen oder mit Nazisymbolen besprüht. In den vier Jahren seit 2017 verzeichnete der Abgeordnete 32 Angriffe.

Die starke AfD im Osten treibt Pellmann um. Das alte Bild der Abgehängten, die mit ihrem Kreuz rechts außen primär gehört werden wollen, übernimmt er nur teilweise. Die Linke als Protestpartei habe im Osten eingebüßt, ja. Aber: „Ich will auch nicht verhehlen, dass vor allem im ostsächsischen Raum gut jeder zweite AfD-Wähler das aus zutiefst rassistischen Überzeugungen tut. Wir hatten in diesen Wahlkreisen auch viele Jahre NPD-Wahlergebnisse im zweistelligen Bereich. Das ist dort richtig drin.“ Pellmann gibt zu, dass ihn der große Zuspruch für die Rechten manchmal ratlos macht, zumal viele ihrer Wähler*innen vor allem sozialpolitisch gegen ihre eigenen Interessen votieren würden.

Mehr Wagenknecht, mehr Gysi

Sein Rezept: sich endlich wieder mehr kümmern, um alles. Draußen, am Klingelschild des Liebknecht-Hauses, hängt ein Plakat mit seiner „Kümmerer-Nummer“, die er als Kontaktmöglichkeit während des Lockdowns entwarf. Per SMS oder Messenger erreicht man ihn damit sogar direkt.

Einem Flügel, wie sie bei der Linken so süchtig im Streit miteinander liegen, ist der ostdeutsche Erfolgslinke Pellmann nicht so leicht zuzuordnen. Er lud Sahra Wagenknecht zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion nach Leipzig ein, hat aber auch Kritik an ihr. Er findet das Unteilbar-Bündnis gut, hält „Limits“ und Integrationsbereitschaft bei der Migration aber für unabdingbar. Es hilft ihm wohl auch, dass er lieber „das Große und Ganze“ im Auge behalten will, als sich zu Reizthemen wie dem Gendern zu äußern.

In Leipzig ist es ihm gelungen, alle Flügel der Partei „auch einzusetzen“, wie er sagt. Mutlos ist er nicht. Hoffnung mache ihm die junge Generation. Gespräche mit Klima-Aktivist*innen wie etwa denen von Fridays for Future seien „nicht immer einfach“, gesteht er, aber möglich.

Jetzt gönne er sich aber erst einmal eine kurze Auszeit. Fünf Tage Urlaub. Dann stünden viele parteiinterne Gespräche an, auch über den Fraktionsvorsitz. Er könne sich den Job „vorstellen“, sagte er jüngst der Zeit, strebe aber keine Kampfkandidatur gegen die aktuellen Vorsitzenden Dietmar Bartsch und Amira Mohamed Ali an. Würden Gysi und Wagenknecht wieder eine größere Rolle spielen, fände er das gut. So oder so, sagt er: „Das ist gegebenenfalls die letzte Chance, die wir haben.“

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06:00 18.10.2021

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