Die Klassenclowns kalauern wieder

Musik Das neue Album der Ärzte versucht den Klamauk in stürmischen Zeiten. Ist das noch Punk oder schon peinlich?
Die Klassenclowns kalauern wieder
Drei Mittfünfziger haben gute Laune – will man es ihnen verübeln?

Foto: Jörg Steinmetz

Fällt diesen drei gealterten Lausbuben wirklich nichts Besseres mehr ein? Der Planet brennt, die Welt wird von einem Virus überfallen, autoritärere Charaktere von rechts bis ganz rechts wollen wieder hart durchgreifen – und eine steinalte deutsche Rockband kommt mit Songs um die Ecke, die gehen so: „Siri, erzählt mir von Sex mit Alexa.“ Oder auch: „Du hörst den ganzen Tag nur Trap, du hast ein echtes Handicap.“

Da kalauert sie nun recht väterlich, diese Drei-Mann-Kapelle, die mal mit Liedern über schwule Liebe Tabus brach, mit Kampfansagen gegen Rechts ganze Generationen von Jugendlichen antifaschistisch einnordete oder wenigstens mit guten Lovesongs – hierzulande ein Verdienst an sich – brennende Herzen zu löschen suchte. Kann es sein, dass Bela B. Felsenheimer, Farin Urlaub und Rodrigo González die vergangenen acht Jahre seit der letzten Ärzte-Platte in irgendeinem Atombunker so gar nichts von der Welt mitbekommen haben und folglich keine Notwendigkeit sahen, etwas anderes als Trash zu produzieren?

Zunächst wäre das binnenlogisch für diese Band, die bald 40 Jahre alt wird, einigermaßen korrekt. Denn dank der kultisch-kopflosen Verehrung, derer sich Die Ärzte spätestens seit den 90er-Jahren sicher sein können, fressen die Fans ihren Lieblingen ohnehin jeden Dreck aus der Hand. Das Witzeln über den Selbstwiderspruch „authentischer Punk“ gehört zudem zum Gründungsmythos, und so frohlocken die Jünger selbst dann, wenn drei Mitte-50-Jährige plötzlich im Fernsehen neben Ingo Zamperoni auftauchen und maximal staatstragend die Titelmelodie der Tagesthemen spielen.

Solchen PR-„Stunts“ täuschen aber nicht darüber hinweg, dass an manchen Stellen von Hell Originalität nicht einmal vorzutäuschen versucht wurde. Die Ärzte legen ihre erfolgreichsten Songs wie Westerland oder Schrei nach Liebe auf Hell völlig ungeniert neu auf (Das letzte Lied des Sommers, Liebe gegen Rechts) und verwässern sie in ihrer Schlagkraft. Warum sollte man auch gerade jetzt, im Jahr 2020, eine neue, kämpferische Anti-Nazi-Hymne schreiben, wozu ein maßlos fröhliches Lied über die Sehnsucht nach dem Urlaub, in Zeiten zunehmender Verunmöglichung desselbigen? Nein, es braucht homöopathische Versionen dieser beiden Motive, die Hörer*innen gehen schließlich überwiegend auf die 40 zu, verdienen ganz gut (aber könnte besser sein!) und wollen es vielleicht vermeiden, im VW Touran vor den Kindern böse Wörter über schlechte Zeiten mitsingen zu müssen.

Ein zarter Hoffnungsschimmer flackert auf beim Blick auf den Songtitel Einmal, ein Bier. Aber nein, auch ein vernünftiges Sauflied scheint den Ärzten einfach nicht mehr aus der Feder quillen zu wollen. Vielmehr sinniert Bela B. wie ein bekiffter Teenager darüber, wie es wäre, leibhaftig zum Hopfensaft zu mutieren. Spätestens hier will man sie beinahe beglückwünschen, die drei Kasper von der Spree. Offenkundig wurden hier ein paar Berufsjugendliche mit einem großen Produktionsbudget und wahnsinnig viel Zeit ausgestattet, die damit nichts besseres anzufangen wussten, als Lieder über das uninspirierte Dasein als zufriedener Künstler (Clown aus dem Hospiz), das Privileg der Langeweile (Achtung: Bielefeld) oder den rasanten Bedeutungsverfall von Rockmusik (Warum spricht niemand über Gitarristen?) zu schreiben. Zwar gibt es einen Song gegen neue Rechte, aber der baut sich regelrecht libidinös auf und macht dann kurz vorm Knall den Rückzieher in die Albernheit: „Ich trete ein in die AfD und ich werde schwul.“

Für Die Ärzte scheint die Zeit um 1996 herum stehengeblieben zu sein. Ja, ein paar Nazis gibt‘s noch, die Jugendlichen mit ihren Smartphones nerven, aber grundsätzlich ist doch alles ganz witzig – hipp, hipp, hurra! Dass dem tatsächlich so sein könnte, lässt Farin Urlaub in einem der wenigen ernsthaften Songs erahnen, der, wenngleich stadionrockig, unerwartet hörbar als musikalischer Lektüreschlüssel zu all dem Schabernack und Unfug dienen kann, der hier auf einer satten Stunde Länge produziert wurde. Wer nicht verliert, hat schon verloren spült alle Erinnerungen hervor, schmerzhaft-schön, wie ein Pärchenfoto einer vergangenen Liebe, und es wird klar: So klingen und klangen die Akkorde dieser einen deutschen Rockband, die als vielleicht eine der letzten ihrer Art hier mal jeder kannte, die zwischen höchster Relevanz und tiefstem Nonsens durchgespielt hat, was durchzuspielen war, und nun guten Gewissens das musikalische Rentenalter mit allerlei Humbug einläuten möchte. Kann man es, will man es ihnen verübeln in einem scheußlichen Jahr (erneut) den Klassenclown zu spielen? Womöglich ist am Ende derjenige der Narr, der jemals etwas anderes erwartet hatte.

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Hell Die Ärzte Hot Action Records 2020

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16:22 26.10.2020

Ausgabe 48/2020

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