Die Ökonomie des Sex

Lust Dank Corona steigen die Nutzerzahlen, Darstellerinnen arbeiten selbstständig, die Industrie stirbt. Doch Ausbeutung gibt es im Porno-Business noch immer
Die Ökonomie des Sex

Collage: der Freitag; Material: iStock

Am 11. Juli postet Jenny Stella ein neues Video auf ihrer Seite: „Special Sonntag in der bayerischen Stube!“ Es ist kein Urlaubsfilm, sondern Arbeit. Jenny Stella, 20 Jahre alt, arbeitet auch, wenn sie sich auf Instagram freizügig am Strand zeigt. Sie schreibt dazu: „Ihr wolltet es ja nicht anders, aber demnächst gibt es mal wieder meine Vorderseite.“

Stella ist Pornodarstellerin. Und selbstständig. Sie sagt stolz: „Ich bin die Chefin.“ Pornografie ist eine uralte Branche, aber ein Geschäftsmodell wie Stellas war bis vor wenigen Jahren noch schwer vorstellbar. Pornodarstellerinnen waren an der Wertschöpfungskette von Produktionen großer Studios nur am Rande beteiligt. Produktion, Vertrieb und Marketing machten den größten Teil des Budgets aus, von den Profiten sahen die meisten Darstellerinnen wenig. Jenny Stella sagt, sie bestimme alles selbst, vom Bild auf Instagram bis zu den Szenen, die sie dreht. Stella ist eine Porno-Ich-AG. Ihre Arbeitskraft beutet nur sie selbst aus. Aber hat dadurch auch die Ausbeutung insgesamt abgenommen?

Ein Gespräch mit ihr findet per Videochat statt. Eine Kommunikationsform, die sie gewohnt ist. Jenny Stella lacht und lächelt viel. Sie wird auf einschlägigen Portalen unter der Rubrik „Amateur“ geführt. Tatsächlich arbeitet sie ziemlich professionell – „Vollprofi-Amateur“, wie sie sagt.

„Amateur“ ist mehr Genre als Geschäftsmodell. Die Darstellerinnen und Videos sollen möglichst „echt“ aussehen. Die Handkamera wackelt. In der Regel werden gestellte Szenen gedreht, in denen Stella in die Rolle eines Zimmer- oder Schulmädchens schlüpft. Ihre Clips sind meist nur wenige Minuten lang. Sie würde gern auch länger drehen, aber „die User mögen es knapp“, sagt sie. Ihr Markenkern ist „Authentizität“. Die Videos findet man auf Gratis-Portalen wie Pornhub – aber nur vereinzelt. Unter Vertrag steht sie bei MyDirtyHobby, einem Portal, das das Konzept Amateur-Porno in Deutschland zum Erfolgsmodell entwickelt hat. 2006 gegründet, gehörte es einst zu Mindgeek, einem IT-Unternehmen, das aus Pornoseiten soziale Netzwerke machte. Das war neu und entsprach der damals „Web 2.0“ genannten Netzphilosophie, nach der jeder Nutzer im Internet nicht nur Empfänger, sondern auch Sender sein kann.

Gratis-Content lockt

Der Mann, der die alte Pornobranche zerstörte und der neuen ins Leben half, ist Fabian Thylmann. Kein Filmemacher, kein Produzent, kein Pornograf: ein Programmierer aus Aachen. Ein Statistiker des Adult Entertainment. Thylmanns Revolution war keine der sexuellen Befreiung, kein Aufstand gegen die Prüderie: Er war einfach nur sehr gut darin, „Traffic“ zu monetarisieren. Sein Geschäftsmodell bestand darin, Geld damit zu verdienen, dass er Klicks überwachte, sie maß und zählte, sie endlich umleitete auf Bezahlseiten. All die Menschen vor den Bildschirmen, auf der Suche nach wenigen Minuten der Erregung, waren für ihn statistisch verwertbare User. Porno drehte sich auf einmal um Verweildauer, Suchmaschinen-Optimierung, um Onlinewerbung und Konversionsraten.

Thylmann machte all das zu Geld, bis ihm das größte Unternehmen des Porno 2.0 gehörte, Mindgeek, ehemals Manwin, das zu seinen besten Zeiten 1.200 Mitarbeiter in Malta, Kanada und Deutschland beschäftigte, und „Content“ an 55 Millionen „unique visitors“ am Tag vermittelte. Die größten Seiten, Pornhub und Youporn, gibt es noch immer. Und das Porno-Business funktioniert noch immer nach dem Modell, das Thylmann in den Nuller- und Zehnerjahren einführte: Je mehr „free content“ es gibt, desto einfacher ist es, User zu Bezahlseiten zu locken. Weniger als ein Prozent der Nutzer bezahlen, manchmal nur jeder Tausendste, aber bei 50 Millionen Besuchern täglich sind das immer noch Hunderttausende User, die für zehn Euro im Monat Abos abschließen. Dazu kommt eine kleine Gruppe von zahlenden Usern für Live-Webcam-Inhalte, die zwischen einem und zehn Euro pro Minute kosten. Heute nutzen auch viele Medienseiten ein ähnliches „Freemium-Modell“.

Ein Hedgefonds aus den USA stellte Thylmann ab 2011 eine Kreditlinie über 362 Millionen Dollar bereit, mit der er rund um die Welt Pornoseiten aufkaufte. Damals wurde das Internet von Gratis-Pornografie überschwemmt, der Branche erging es ähnlich wie der Musikindustrie und dem CD-Markt nach dem Wandel des Internets zur Tauschbörse für raubkopierte Musik.

Also waren viele Pornoseiten billig zu haben, weil die Betreiber sich nicht vorstellen konnten, damit auch in Zukunft Geld zu verdienen. Thylmanns Geschäftsmodell aber lief, seine Firma machte mehrere hundert Millionen Euro Umsatz pro Jahr, etwa zur Hälfte mit werbefinanzierten Seiten, zur Hälfte mit Bezahlinhalten. Thylmann sagt bis heute, sein Unternehmen sei eine IT-Firma gewesen, keine Porno-Firma. Trotzdem wurde er 2012 wegen Steuerdelikten verhaftet und später verurteilt. Ende 2013 verkauft er Manwin an das Management und einen Investor; die Firma ist immer noch einer der größten Konzerne in der Branche.

Pornhub, Youporn und andere heute populäre Seiten gehörten zu Mindgeek, genau wie MyDirtyHobby, das Portal, auf dem Jenny Stella hauptsächlich veröffentlicht. Gratis ist hier wenig, Inhalte gibt es bei MyDirtyHobby für registrierte Benutzer überwiegend gegen Bezahlung. Dafür bekommen die Nutzer exklusiven Zugriff auf Inhalte ihrer Lieblingsdarsteller*innen, auch auf Webcam-Chats. Das Portal wirbt damit, die „weltweit größte Amateur-Community“ mit über 10.000 Mitgliedern und über 500.000 Videos zu sein. Zum wirtschaftlichen Erfolg erfährt man wenig bis nichts, weder von Seiten der Betreiber noch von den Models selbst. „Über den Vertrag möchte ich grundsätzlich nicht reden“, sagt Jenny Stella. In ihrem Vertrag mit MyDirtyHobby steht eine Verschwiegenheitsklausel in Bezug auf Details.

MyDirtyHobby zahlt nach Leistung. Wer viel Material liefert, bekommt auch mehr Geld. Jenny Stella arbeitet viel und, wie sie sagt, gern. „Ich drehe so oft, wie es nur geht. Mindestens drei- bis viermal die Woche.“ Daraus entstehen zwei bis drei Videos pro Woche. Über 200 Clips zählt ihr Kanal derzeit. Zusätzlich veranstaltet sie Gewinnspiele, Treffen, Drehs mit Fans – und steht täglich vor der Webcam. „Ich arbeite so gut wie jeden Tag, außer einmal im Jahr im Urlaub, da habe ich Cam-frei.“

Darstellerinnen wie sie brauchen keine Produktionsfirma, kein Management. Für ihre Videos hat sie ein kleines Team, das sie beim Dreh unterstützt. Sie entscheidet selbst, was, wann und mit wem gedreht wird. Üblicherweise hat sie feste Drehpartner. Wer darüber hinaus mit ihr ein Video machen will, durchläuft ein dreimonatiges Bewerbungsverfahren. „Ich möchte die Leute einschätzen können, wenn ich mit ihnen drehe. Ich kann nicht einen Dreh anleiern, und dann steht da jemand, der sagt: Oh, hier ist ja ein Kamerateam, ich möchte aber nicht, dass mein Gesicht gefilmt wird.“ Auch darüber, wie genau ihr Team bezahlt wird, möchte Jenny Stella nicht sprechen.

Seit Thylmanns „Disruption“, wie das im Start-up-Jargon heißt, hat die Pornobranche sich für immer verändert. Pornos sind verfügbarer denn je. Während der Lockdown-Monate der Corona-Krise meldete der Streaming-Anbieter Pornhub allein für Großbritannien knapp 25 Prozent mehr Datenverkehr auf seiner Seite. Die Seite verzeichnet nach eigenen Angaben über 120 Millionen Aufrufe – pro Tag. 120 Gigabyte an pornografischem Material werden hier pro Sekunde gestreamt.

Online-Shop mit Tassen

Doch was ist mit der alten Welt, die von Porno 2.0 hinweggefegt wurde? Zwar meldete das Portal erotik.com „Hamsterkäufe“ bei Porno-DVDs zu Beginn der Corona-Krise, derartige Lebenszeichen findet man abseits der Krise jedoch nur noch selten.

Im „LSD“ („Love, Sex and Dreams“), einem Porno-Kaufhaus an der Potsdamer Straße in Berlin, gibt es jetzt neben SM-Ledermasken auch Nase-Mund-Masken und Desinfektionsmittel gegen das Virus. Die Pornokinos im „LSD“ haben geschlossen. Die Kabinen können nach wie vor genutzt werden. Der Laden ist groß, aufgeräumt und weniger schmuddelig, als er von außen aussieht, auch wenn drinnen geraucht werden darf. Ein paar Männer stöbern durch das Angebot an Sexspielzeug, Pornomagazinen und DVDs wie Billig und Willig 11 (29,90 Euro) oder Scharfe Muttis lassen’s krachen (7,95 Euro). Trotz der Gratisporno-Schwemme im Internet werden solche Filme also noch immer produziert. Werden sie auch gekauft?

Bis heute gibt es keine vertrauenswürdigen Berufsverbände für die Erotikindustrie. Marktforschungsinstitute bieten Schätzungen an, offizielle Zahlen gibt es nicht. Auf der Website des „LSD“ ist als Domain-Eigentümer eine Vize GmbH vermerkt. Die lässt auf Nachfrage wissen: „Leider muss ich Ihnen mitteilen, nach Rücksprache mit unserer Geschäftsleitung, dass wir keine Auskünfte an die Presse geben.“ Andere Händler reagieren ähnlich oder gar nicht.

Einstige Platzhirsche der Porno-Industrie siechen dahin, die „Beate Uhse AG“ ging pleite, der Playboy hat bis heute mit der Printkrise zu kämpfen. Das „LSD“ steht noch, soll aber bald weichen. Ein Investor hat das Grundstück gekauft und kündigte eine Umstrukturierung an.

Die Industrie stirbt langsam aus. „Früher wollten die Leute Pornostars werden und waren dafür auf ein starkes Label im Hintergrund angewiesen. Heute vermarkten sie sich selbst über Social Media und können so unabhängig große Erfolge erzielen“, sagt der Pressesprecher der Erotikmesse Venus, Walter Hasenclever. Die Venus gibt es seit den 90er Jahren, sie gilt als weltweit größte Fachmesse für die Erotikindustrie.

Der „Venus Award“, ein Preis der Pornobranche, ging vor knapp 20 Jahren noch an klassische Pornostars wie Kelly Trump (1997, 1999 und 2001) oder Gina Wild (2000). Nach ein paar Jahren Pause wird er seit 2010 wieder verliehen. Seitdem mehren sich die Preise für Darstellerinnen, die aus dem Amateur-Genre stammen, mit Selbstvermarktung erfolgreich geworden sind und weniger bis gar nicht in großen 90-Minuten-Produktionen zu finden sind. 2007 schrieb der Spiegel, dass in Deutschland monatlich mehr als 1.000 Porno-DVDs erscheinen. Heute sind es wohl deutlich weniger. „Der Schwerpunkt liegt derzeit im Internet und bei den Sextoys, DVDs sind nur noch eine Nische“, sagt Walter Hasenclever. „In Deutschland gibt es noch circa eine Handvoll Produzenten. Für Darstellerinnen und Darsteller reicht der deutsche Markt allein nicht mehr aus zum Überleben.“

Auch Lucy Cat, die eigentlich Lucia Katharina Berger heißt, hat als Pornodarstellerin Erfolg, ohne dass sie dafür in einer großen Porno-Produktion mitspielen musste. Die 26-jährige Rostockerin mit Marilyn-Monroe-Tattoo war in den vergangenen Jahren mehrfach die meistgesuchte Pornodarstellerin auf Pornhub in Deutschland und produziert, ähnlich wie Jenny Stella, kurze Clips. In einem Interview mit dem Medienmagazin Meedia sagte sie 2014, sie drehe die Filme, um sich ihr Studium zu finanzieren. Vier Semester später brach sie das Studium ab, heute tritt sie auf YouTube-Kanälen auf und zählt über eine Million Follower auf Instagram. In einem eigenen Online-Shop verkauft sie Tassen, Handtücher, T-Shirts und Kugelschreiber mit ihrem Gesicht oder ihrem Logo.

Lucy Cat und Jenny Stella präsentieren sich als erfolgreiche und selbstbestimmte Ich-AGs. Anders schildert die Aussteigerin Lou Nesbit das Geschäftsmodell des Porno 2.0. In einer Reportage der öffentlich-rechtlichen Seite Funk erzählte Nesbit, wie sie mit 18 in die Branche einstieg und von einem Produzenten überzeugt wurde, schon bald extreme Fetische zu bedienen. Damit ist am meisten Geld zu verdienen: Auf die Wünsche der Zahlenden zugeschnittene Filme, die deren Fantasien exklusiv darstellen. Die Methoden, mit denen sie zu immer härteren Szenen angereizt wurde, bezeichnet Nesbit heute als manipulativ. Im Nachhinein bereut sie den Einstieg in die Branche, auch wenn sie manchmal bis zu 1.000 Euro pro Drehtag verdiente. Wie viel verdienen andere Darstellerinnen? Das lässt sich schwer sagen. „Über die aktuellen Einkommensverhältnisse und Verdienstmöglichkeiten in der Sexarbeit in Deutschland gibt es keine belastbaren Studien, die allgemeine Aussagen zulassen würden. Das liegt unter anderem daran, dass die Datenlage zu Sexarbeit grundsätzlich viele Lücken aufweist, was insbesondere quantitative Analysen derartiger Fragen erschwert“, lässt die jüngst gegründete Gesellschaft für Sexarbeits- und Prostitutionsforschung wissen.

Die Einkommen anderer Darstellerinnen lassen sich nur anekdotisch ermitteln, offizielle Zahlen gibt es nicht. Einen Einblick gewährt Corona: Die Sexarbeiterin Fabienne Freymadl alias „Lady Velvet Steel“ stellte Ende März ihr Geschäftsmodell notgedrungen auf Webcam-Shows um, bespielte mehrere Portale gleichzeitig und kam auf etwa 800 Euro für eine 35-Stunden-Woche – abzüglich Inkassogebühren, die manche Portale bei nicht gedeckten Kreditkartenzahlungen teilweise auf die Models umlegen. Dass sie überhaupt so offen über das Einkommen spricht, ist auch eine Folge von Prekarisierung. Die US-amerikanische Sozialwissenschaftlerin Heather Berg – eine der wenigen, die sich mit den Arbeitsbedingungen und Einkommensverhältnissen in der Pornobranche beschäftigt haben – hielt Ähnliches schon 2014 in einer Studie fest: Die Tatsache, dass Darstellerinnen selbstständig und nicht mehr einem einzelnen Arbeitgeber gegenüber verpflichtet seien, ermögliche es, dass sie offener über ihre Geschäftsmodelle sprächen. Wie in anderen prekarisierten Branchen trage das dazu bei, dass die Macht der Arbeiter*innen „gleichzeitig stabilisiert und unterhöhlt“ werde.

Von Ausbeutung oder Selbstausbeutung spricht Jenny Stella nicht. Sie sagt, ihr Job mache ihr Spaß. Sie möchte in Italien Mediendesign studieren, belegt dafür gerade einen Sprachkurs. Wäre dann Schluss mit Porno-Drehs? Nein. Stella will das Studium nutzen, um professioneller zu werden, „um zum Beispiel die Website besser zu designen“. Außerdem ist sie gerade dabei, eine eigene Model-Agentur zu gründen, um andere in das Geschäft einzuführen.

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06:00 19.08.2020

Ausgabe 39/2020

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