Die verzogene Republik

Coronakrise Die Kanzlerin appelliert an Vernunft und Solidarität zum Wohle aller. Wo sollen diese Werte auf einmal herkommen?
Die verzogene Republik
Die, die jetzt schon zu Hause im Toilettenpapier ersticken, die sollen auf ihren Nachbarn Acht geben?

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Dass es wirklich ernst ist, ließ sich schon an der Methode erkennen. Überall organisieren sich Menschen nun im Home Office, konferieren im Videochat, koordinieren ihre Arbeit per Anruf, Sprachnachricht, Messenger. Und die Kanzlerin? Griff zu einem fast anachronistischen Mittel, um die Bevölkerung in ihrer unnachahmlichen Art gleichzeitig zu alarmieren und zu beruhigen: die TV-Ansprache. Residuum einer Zeit, in der sich die Menschen auch ohne Not vor dem Bildschirm versammelten, dem Lagerfeuer des 20. Jahrhunderts. Fast ein Drittel der Bevölkerung, knapp 25 Millionen Menschen, schauten die gestrige Fernsehansprache des Regierungsoberhaupts zur Corona-Krise. Ein Rekordwert. Schon zwei Tage zuvor meldete die Tagesschau weit überdurchschnittliche Einschaltquoten. In Krisenzeiten scheint der Rückgriff auf bewährte Praktiken ein Bedürfnis zu sein.

Angela Merkel wusste die Reichweite zu nutzen. Ihr Ton, ihr Ausdruck verrät viel über den Zustand eines Landes in der Krise. „Unsere Vorstellung von Normalität, von öffentlichem Leben, von sozialem Miteiander, all das wird auf die Probe gestellt wie nie zuvor.“ Von der größten gesellschaftlichen Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg sprach sie. Wie nie zuvor käme es nun auf „unser gemeinsames, solidarisches Handeln“ an.

Ermutigend, entschlossen sollte das klingen, und so erreichte es auch sicher viele Ohren. Für jene, die den moralischen Zustand der Gesellschaft jedoch schon ohne Krise schwierig fanden, tönt der Appell dramatisch. In einem gewaltigen Akt der Öffentlichkeitsarbeit meldet das Robert-Koch-Institut täglich die sich multiplizierenden Infektionszahlen, der Chef-Virologe der Berliner Charité korrigiert im ebenso täglichen Podcast die Einschätzung der Lage – selten zum Guten. Alles, bloß nicht Italien, das ist das erklärte Ziel der Experten. Im europäischen Nachbarstaat sterben mittlerweile jeden Tag über 300 Menschen, Tendenz steigend. Um das hierzulande zu verhindern, sind drastische, aber in weiten Teilen verschmerzbare Einschränkungen des öffentlichen Lebens notwendig. Sie werden nicht eingehalten. Schönes Wetter reicht in Deutschland aus, um trotz akuter Lebensgefahr für ältere und kranke Menschen die Massen auf die Straßen, in die Parks, an die Flussufer zu treiben. Und schon klingt der Aufruf zum „gemeinsamen, solidarischen Handeln“ nicht wie eine Empfehlung, sondern wie eine Drohung: Macht ihr es nicht von euch aus, müssen wir euch zur Vernunft zwingen.

Bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt

Dass die Kanzlerin nicht unschuldig an der desaströsen Lage des Gesundheitssystems ist, in dem Krisenkapazitäten längst wegrationalisiert wurden, verschweigt sie. Es ist noch nicht lange her, dass Gesundheitsminister Spahn Schließungen von Krankenhausabteilungen als notwendiges Übel erachtete. Nun sollen es die Bürger richten. Die gleichen, die nun zu Hause schon im Toilettenpapier ersticken, damit sie über Wochen ihren sauberen Hintern vor allen anderen sicherstellen können. Die, die schon vorher das Sterben an den Grenzen schulterzuckend als ökonomische Vernunft hingenommen haben, und nun auch wenig alarmiert sind, weil ja eh nur Alte sterben. Die, die auch bereit sind, lieber absurden Verschwörungstheorien glauben zu schenken, als zu tun, was Autoritäten sagen, weil sie sich selbst als einzige Autorität akzeptieren.

Die Erkenntnis, dass das soziale Zusammenleben in der Erwachsenenwelt das Stadium des Kindergartens kaum zu verlassen vermag, ist eine Tragödie des Älterwerdens. Die Form ändert sich, das Prinzip manchmal nicht. Latzhosen werden zu Anzügen, der Tadel der Erziehungsberechtigten zum Rüffel der Richter. Es wird sich zeigen, zu wie viel Solidarität eine Gesellschaft fähig ist, die zum vernünftigen Handeln erst mit Kontrollen, Verboten und Gesetzen genötigt werden muss, ehe sie auch nur eine minimale Einschränkung ihres Komforts zugunsten aller in Kauf nehmen will – eine Gesellschaft, die jahrzehntelang nichts als ökonomischen Eigennutz eingebläut bekommen hat.

14:36 19.03.2020

Ausgabe 13/2020

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