Eine Melange aus Schmalz und Schweiß

Popmusik Wanda machen Schlager mit Gitarren. Zeit, ihnen dafür zu danken
Konstantin Nowotny | Ausgabe 34/2019
Eine Melange aus Schmalz und Schweiß
Die Leder- und Jeansjacken können nicht trügen: Es muss Rock sein, oder?

Foto: Wolfgang Seehofer/Universal Music

Erst kommt das Verliebtsein, dann der Erstkontakt, dann eine ganze Weile gar nichts und schlussendlich der Abschied. Die Zyklen einer modernen Liebesbeziehung haben Wanda durchaus verstanden: Amore, Bussi, Niente und nun Ciao! heißen ihre Alben, auf denen es sich auch in der Regel um nichts anderes dreht als eben jene Stadien der partnerschaftlichen Dyade. So eindeutig, so universell artikulieren das die Poprocker aus Wien bereits seit 2012, dass auf dem letztjährigen Donauinselfest der österreichischen Hauptstadt ganze 100.000 Vertreter der begeisterten Mehrheitsgesellschaft, von jung bis erstaunlich alt, den Rettern des Rock’n’Roll huldigten. „Fast im Alleingang“, so verkündet die Promo-Agentur, hätte die Truppe deutschprachigen Rock’n’Roll „neu definiert“, und nun „lebt er wieder.“

Eine Nummer kleiner ging es wohl nicht. Nun mal halblang: Erstens, Rock’n’Roll starb entweder mit Buddy Holly oder nie. Und zweitens: Wanda machen keinen Rock’n’Roll, sondern Schlager. Das ist weder ein Geheimnis, noch schlimm.

Man darf sie nicht verspotten

Sie überschminken den Schmalz mit dem immer gleichen Surf-Beat, der tatsächlich dem Rock’n’Roll entspringt. Fehlte dieser, würden die Fans wohl erzürnt ihr Geld zurückverlangen, wie wenn Herr Marco Michael Wanda auf der Bühne nicht obszön schwitzen würde. Ein bisschen verzerrte Gitarre täuscht auch nicht darüber hinweg, dass die Wiener Melange der fünf Buben kaum herb, sondern süßlich und entkoffeiniert bleibt. Beweise für die Schunkeligkeit gibt es jenseits des Instrumentariums ebenso derartig viele, dass sich ein heiteres Ratespiel daraus bauen ließe: Wer hat’s gesungen, Wanda oder Roland Kaiser? 1. „Du warst so viel näher, als wir uns in Wahrheit stehen.“, 2. „Kalt wie Eis fühlt sich meine Seele an, die außer dir niemand berühren kann.“, 3. „Ich weiß genau, dass wir zu oft in die Ferne schaun, trotzdem bist du leider das erste, an was ich denk.“ Na?

Ganz fair ist das nicht, denn der geschriebene Text ist der Musik unwürdig. Man hört nicht Wandas kratzige Stimme. Und das schöne Wienerisch, das alles noch schmalziger wirken lässt. „Manchmal tut’s so weh, weh. Ciao, ciao, baby“ ist eigentlich eine unverzeihliche Zeile, aber wenn er sie singt, will man sich hingeben. Trägt der Mann nicht eine Jeansjacke, singt er nicht vom Rauchen, vom Saufen und vom Sex? Nein, man darf die Kapelle nicht verspotten, vielmehr muss man ihnen danken: Durch die geschickte Kitsch-Tarnung ist der Hörgenuss gerade noch erlaubt, auch für Menschen, die sich vom Schlager sonst fernhalten würden. Wanda enttarnen die Scheinheiligkeit: Am Ende ist schließlich auch kein Rocker wirklich hart, sondern braucht nur eine schwitzige Maskerade, um sein Leiden an den Liebeszyklen männlich camoufliert zelebrieren zu dürfen. Love hurts!

Kein Wunder also, dass Wanda ein Massenphänomen sind, dass sie bislang mit fast jedem Album die erste Chartplatzierung in Österreich erreicht haben und mit Ciao! sowohl hier als auch dort wieder Väter, Omas und Teenies begeistern werden. Denn streift man den ganzen Schaum von der Musik, bleibt dieselbe Erfolgsformel, mit der ein gewisser Schlagermonarch seit Jahrzehnten die Bühnen und Konzerthallen dieses Landes ausverkauft, nicht nur zur Kaisermania am Dresdner Elbufer. Möge die Wandamania auf der Donauinsel bald das Erbe antreten. Verdient wär‘s.

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Ciao! Wanda Vertigo

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